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#1

Volkswagen

in Gesellschaft 21.09.2005 23:53
von Loki (gelöscht)
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Volkswagen

Ich bin nicht im Bilde von unserem Lenker,
der steuern nicht kann, der ins Unglück uns fährt.
Was führt er im Schilde, der richtende Henker,
der rot sich mal kleidet, mal schwarz sich gebärt.

In welche Gefilde fährt er diese Wagen,
in deren Getriebe der Sand schon zerfällt,
Mir dreht sich der Magen bei diesem Gebilde,
dass rumpelt und lärmt, verbeult und verdellt.

© A. Funk 20.09.2005

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#2

Volkswagen

in Gesellschaft 23.09.2005 23:38
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.955 Beiträge | 1940 Punkte
Etwas positives kann man diesem durch und durch deutsch-pessimistischen Gedicht abgewinnen - zumindest die Richtung des Wagens bleibt unbenannt, er fährt weder gegen eine Mauer noch die Böschung runter, könnte also auch in die Werktstatt fahren

Zum Gedicht:

Ich bin nicht im Bilde von unserem Lenker,
der steuern nicht kann, der ins Unglück uns fährt.
Was führt er im Schilde, der richtende Henker,
der rot sich mal kleidet, mal schwarz sich gebärt.


Die Überschrift lautet zwar Volkswagen, doch der Sprung geht sofort zum Lenker. Das lyrIch vermag es nicht diesen zu durchschauen, aber die Konstruktion "nicht im Bilde von unserem Lenker" kann genauso gut bedeuten das lyrIch sei dem Lenker egal, stünde nicht in seiner Bildfläche. Obwohl das lyrIch möglicherweise sagt es verstünde den Lenker nicht, verurteilt es diesen doch eindeutig in Vers 2. Der Mangel an Subtilität in dieser Aussage lässt auf das Phänomen der zunehmenden Verherrlichung/Verdammung in der Öffentlichkeit (durch die Medien!!!) anstatt einer tiefergehenden Kontemplation der Beweggründe/Handlungen bestimmter Personen schliessen. In V3 plötzlich schwenkt das offensichtlich unentschlossene lyrIch wieder zur Ahnungslosigkeit mit einer sofort folgenden Verdammung des Lenkers. Dies lässt auf den unmündigen, manipulierten Durchschnitts-Bildleser schliessen, der wählen darf......doch zumindest erkennt er in V4 die eigentliche Färbung der Politik des Lenkers und weiss zumindest was schwarze/rote Politik bedeutet. Das erhebt ihn über die vollkommen Ahnungslosen und Uninteressierten. Gerade dass er dies zu erkennen vermag muss den Leser deines Gedichtes bedenklich stimmen, sind wir Deutschen wirklich so verdummt/manipuliert worden dass wir über unsere Meinung nicht nachdenken?

In Str. 2 schwenkt das Bild und fängt den Wagen ein. Es wird gefragt wohin er fährt. Die Metapher vom Sand im Getriebe wird für die Situation passend dramatisiert, und der deutsche Pessimismus der dieses Gedicht durchzieht wird durch die Aussage "Mir dreht sich der Magen bei diesem Gebilde" äusserst deutlich einbezogen und unterstrichen. In V4 geht Deutschland als alte rumpelnde Karre in das Gedächtnis des Lesers ein und vielleicht traut sich sogar ein bestätigendes Schmunzeln auf sein Gesicht.

Die Bilder die du verwendest sind natürlich perfekt. Die Engländer sehen Deutschland als "old man of Europe", aber Deutschland als Autoland wird durch eine Schrottkarre viel besser vertreten, am besten von einem Rentner gefahren (einem staatsmännischen Rentner ohne graue Haare ) Obwohl die Gedanken gut sind, sehe ich Mängel in der Umsetzung.
Es fehlt mir z.B. ein bisschen der aktuelle Bezug, kürzliche Ereignisse hätten sich sicher wunderbar eingefügt. Andererseits wird das Wissen eines Lesers in 20 Jahren wahrscheinlich gerade ausreichen, es so wie es ist zu verstehen, ohne das Wahlgeplänkel etc. Auch ist mir das Gedicht zu kurz, zu provisorisch. Es fehlt mir ein Einschlag in Richtung subtile Kritik oder noch besser einer in Richtrung Humor, was sich so herrlich anbietet bei all dem Pessimismus

Sprachlich interessant finde ich "Mir dreht sich der Magen bei diesem Gebilde". Dem Versmaß und Reim geschuldet wird das "um" weggelassen und nicht vermisst. Der Sinn wird verstanden und vielleicht fällt die überflüssige Silbe "um" eines Tages weg. Ein Tropfen auf den heissen Stein wenn man bedenkt dass deutsche Texte durchschnittlich 10% länger sind als Englische


Warum habe ich eigentlich den Eindruck wir Deutschen sind das einzige Volk auf Erden mit einer Mentalität des Schmachtens? Achja und mit einer "Mitnahmementalität", wie der Lenker einst anprangerte...
Andererseits finde ich diesen Satz beeindruckend:
Mörder und Skrupellose sind die größten Optimisten.

Grüße vom Wiederkehrer Willi

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#3

Volkswagen

in Gesellschaft 24.09.2005 11:27
von Hojaro (gelöscht)
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Hallo

Noch mal kurz zu dem "um". Ich hatte ja schon woanders geschrieben, dass es mir nicht gefällt. Es mag sein, dass der Sinn verstanden wird (wenn man das Originalsprichwort im Ohr hat), aber ist es nicht etwas verwirrend? Ich für meinen Teil hab an dieser Stelle mehr über die Konstruktion als über den Inhalt nachgedacht. Ich weiß ja Loki, dass du es nicht ändern wirst, vielleicht bin ich auch nur ein ekliger Pedant, aber durch dieses fehlende "um" wird für mich auch der Sinn etwas verdreht, wenn man es genau betrachtet. Das Sprichwort des "Magen Umdrehens" soll ja ein Vergleich dafür sein, dass einem der Magen Schwierigkeiten bereitet und die Kotze kommt. Wenn sich aber nun der Magen einfach nur dreht, passiert ja kaum etwas und das Bild wird damit auch verharmlost (als wenn sich der umdrehte). Man mag es nicht mehr glauben, aber sonst gefällt mir das Werk ja eigentlich, trotz aller Kritik drüben und hier. Das Bild mit dem Volkswagen passt ja und ist ein tolles Symbol.

Beckmesserische Grüße,

Hojaro

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#4

Volkswagen

in Gesellschaft 24.09.2005 18:30
von Loki (gelöscht)
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danke Willi und nochmals Hojaro!

ich habe im moment leider nicht viel zeit um viel zu schreiben, aber ich freu mich sehr über deine, Willi, bearbeitung. viele stellen hast du natürlich durchdrungen. was man noch beachten könnte, ist, dass es dem lyrIch egal ist, welche von diesen zwei parteien nun wirklich am ruder sind. das, denke ich, ich schon auf die jetzige situation beziehbar.

was das um angeht, so teilen sich hier einfach die meinungen, Hojaro. mir erscheint es nicht allzuschlimm. ich werde es einfach lassen. wenn es jemanden stört, dann habe ich pech gehabt.

liebe Grüße, Loki

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