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#1

Zwar nicht richtig, aber wichtig?

in Gesellschaft 09.09.2005 09:53
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Zwar nicht richtig, aber wichtig?

Klagen kommen, Klagen gehen,
wissen sich nicht zu benehmen,
drehen lauter laute Runden,
legen Zeige-, Mittelfinger
in die unverbund'nen Wunden
der Gemeinde und bekunden
weder Unschuld noch Verständnis,
doch ein loses Mundbekenntnis
zum Verstand, der ihnen impft,
wen man wie jetzt wo beschimpft.

Schön ist sowas sicher nicht,
wirft zudem ein schlechtes Licht
auf den Kritiker, der lauthals
pöbelnd und verbal vermöbelnd
ansagt, was er Schlechtes denkt,
ohne sich dann ebenfalls
auf die eig'ne Nas' zu hauen
fragend, ob den ersten Stein
er werfen dürfte, ohne sein
eig'nes Hünengrab zu bauen.

Mag man seitenweise streiten,
ob nicht Stille hier bei weitem
besser wäre, als das viele,
arg debile Stammtischmaulen
in den Medien anzuhören,
die mir's Reden so vergraulen.

Folgt man aber dem Prinzip,
üben darf nur der Kritik,
der erhaben über jeden
Zweifel, dass er jeglichweden
Fehltritt niemals selbst beschreitet,
wär' nur Schweigen ausgebreitet.

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#2

Zwar nicht richtig, aber wichtig?

in Gesellschaft 09.09.2005 10:43
von muh-q wahn | 834 Beiträge | 834 Punkte
Alter Verwalter, da hast du aber so richtig schön abgeledert. Da sind wunderbare Formulierungen dabei, glänzende Enjambements, Assonanzen, Binnenreime, Mittelreime usw. usf. Dafür erst einmal großes Lob.

Ohne ein kleines aber komme ich jedoch nicht aus: In solcherlei Texten, die ja, gemessen an der Botschaft, recht lang sind, kommt es nach meinem Empfinden verstärkt darauf an, dass aber auch wirklich alles ganz rund ist. Auch wenn es angesichts der Aussage geradezu widersinnig erscheint, so muss dieser Text metrisch makellos sein, um seine ganze Wucht zu entfalten. Daher ein wenig Erbsenzählerei:

Strophe1:
Z1+2: Mit den Endreimen gehst du im ganzen Gedicht großzügig um, mal paaren sie sich, mal kreuzen sie sich, mal gehen sie achtlos aneinander vorüber. Das finde ich unproblematisch, weil du so viel Schwung hast, dass es a) Laune ohne Ende macht und b) die Reime sich finden, wo immer sie stehen mögen. Hier aber stört mich die Ähnlichkeit und gleichzeitige Grundverschiedenheit, da ich beim Lesen unwillkürlich "Paarreim" denke und mich leicht verhake. Diese Stelle ist zwar ganz schnell vergessen, stört mich aber ein wenig. Strophe 1 ansonsten hin-reis-send!

Strophe2:
Z5: "durchsagt" gefällt mir verbalisiert nicht, ob es das nun geben mag oder nicht. "aufsagt" würde mir hier besser schmecken.
Z9: Metriksalat oder ich kann es einfach nicht. Einfach das "so" weglassen, erleichterte mir diese Durchsage erheblich.
Z10: Nur nebenbei, da ich einen Tippfehler vermute: Hünengrab ohne mittiges H oder gibt es einen versteckten Kniff? Strophe 2 ansonsten: ent-zük-kend!

Strophe3:
Z2: Syntax sehr gewöhnungsbedürftig, geht vielleicht immer noch nicht korrekt aber besser so: üben darf nur der Kritik, der erhaben ...?
Strophe 3 ansonsten fa-bel-haft!

Strophe 4:
Da passt formal alles, aber wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe. Hier steckt für mich der einzig wahre und tiefgreifende Mangel: Das Gedicht hängt total in der Luft. Nach dem wunderbaren Strophenabschluss in 3, bleibst du nach der Konditionseröffnung in Strophe 4 völlig ohne Finale. Man mag darüber streiten, ob oder ob nicht und Punkt? Keine conclusio? Und das, wo du vier Strophen und viele Zeilen lang nur um die eine Frage kreist, ob Kritik erlaubt ist, wenn man es selbst nicht beherrscht? Nein, das gefällt mir nicht. Da möchte ich glatt vorschlagen, Strophe 3 und 4 einfach auszutauschen. Die gewissen, inhaltlichen Schwierigkeiten würde ich dabei zugunsten der wesentlich besseren conclusio in S3 in Kauf nehmen.

Fazit: Prima Spielerei und was so locker-flockig und witzig herüberkommt, muss man erst einmal zusammenbasteln. Meinen Nerv trifft es bis auf die Strophenvertauschung genau, ich finde es sprachlich und melodisch großartig und hatte sehr viel Spaß. Ein Gedicht, dass sich zum Vortrag noch besser eignet, als zum stillen Lesen.

Respekt und Neid!

muh

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#3

Zwar nicht richtig, aber wichtig?

in Gesellschaft 09.09.2005 10:55
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Muh,

ich werde ganz rot, ob so viel Lob.
Hab gleich vor Begeisterung mir Deine Anregungen für die ersten Strophen zu Herzen ge- und übernommen.

Bzgl. der Vertauschung der letzten beiden Strophen muss ich nochmal nachdenken, da sie für misch inhaltlich schon aufeinander aufbauen.

Dank Dir vielmals.

Grüße
GerateWohl

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#4

Zwar nicht richtig, aber wichtig?

in Gesellschaft 09.09.2005 11:16
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Muh,

hab nochmal überlegt und befunden, dass Du rein, was die Spannung in dem Gedicht betrifft recht hast. Auf einmal erschien mir der Schluss ziemlich lasch.
Hab die beiden letzten Strophen jetzt glatt vertauscht, musste allerdings an den Anfang der letzten Strophe jetzt so ein fieses "Doch" setzen. Um die Verbindung zu kriegen. Das liegt mir etwas quer im Magen.

Dank Dir nochmal.
GerateWohl

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#5

Zwar nicht richtig, aber wichtig?

in Gesellschaft 09.09.2005 12:53
von Roderich (gelöscht)
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Hallo,

ein sehr gelungenes Gedicht, wie ich finde. Kann mich den Lobpreisungen von Muh nur anschließen.

Ich hätte noch einen Vorschlag bezüglich Strophe 4, Zeile 1:

Folgte man doch dem Prinzip ...

Ein Prinzip besagt ja schon, dass es etwas stetes ist, oder? Nur so eine Anregung.

Grüße

Thomas

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#6

Zwar nicht richtig, aber wichtig?

in Gesellschaft 09.09.2005 13:10
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Roderich,

danke für das Lob.
Zum einen hast Du recht, dass das "stets" durchaus entbehrlich wäre, nur bekommt das "doch" durch Deine Umstellung eine andere Bedeutung, die hier nicht gewünscht ist. Das "doch" zu beginn bedeutet soviel wie "jedoch" oder "stattdessen allerdings". Das "doch" in der Mitte gibt dem Ganzen hingegen so einen Sehnenden Ausdruck wie "Ach, wäre es doch nur so oder so". Das wäre genau das Gegenteil von dem was ich sagen will.

Nachtrag: Aber die Anregung war sehr gut. Hat mich drauf gebracht, wie ich's jetzt geändert habe, mit "jedoch" halt. Dank Dir nochmal.

Schöne Grüße
GerateWohl

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#7

Zwar nicht richtig, aber wichtig?

in Gesellschaft 09.09.2005 15:12
von Roderich (gelöscht)
avatar
Hallo GerateWohl,

freut mich, dass ich mit meiner Anregung helfen habe können. Klingt ganz ausgezeichnet, deine Änderung. Nur würde ich das ' nach folgt weglassen, das braucht es hier nicht.

Grüße

Thomas

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#8

Zwar nicht richtig, aber wichtig?

in Gesellschaft 11.09.2005 09:54
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hallo Geratewohl,

Dein Gedicht hat rein formal betrachtet eine Menge Ecken und Kanten, die jedoch nur wenig stören, es im Gegenteil noch ein Stück sympathischer machen. Aber der Klang eines Textes lässt sich ja nun auch nicht nur durch Reimschema und Versfüße definieren... Deine Zeilen klingen und haben Schwung.

Die Strophenvertauschung gefällt mir. Ich weiß zwar nicht, ob mich die andere Reihenfolge so gestört hätte wie muh, nun aber, wo ich mit der Nase darau gestoßen wurde, finde ich es auch stimmiger.

Zwei Kommafehler sind mir noch aufgefallen:
zum Verstand, der ihnen impft, in Str. 1
und ansagt, was er Schlechtes denkt, in Str. 2.

Bei der letzten Änderung der Str.4/ Z.1 stört mich nun ein wenig, dass jedoch endbetont wird und dies den Rhythmus dieser Zeile stört. Denn Du bist zwar zeitweise formal freizügig, Hebungen und Senkungen wechseln sich zugunsten des Sprachklanges ansonsten angenehm ab. Hier aber scheitert man oder muss jedoch lesen... och nö. Ersetze es doch einfach durch ein auf der ersten Silbe betontes "aber".

Gefällt mir dennoch,


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#9

Zwar nicht richtig, aber wichtig?

in Gesellschaft 11.09.2005 11:01
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Ja Don, das "aber" isses!
Danke auch für die Komma-Korrekturen.
Hab bei der Gelegenheit gleich noch die "Stille" und das "Schweigen" der letzten beiden Strophen vertauscht, weil ich es so besser finde, da "Stille" im Zusammenhang mit Hören mehr Sinn macht als "Schweigen" und im Bezug auf's Sprechen umgekehrt.
Fertig!
Würde ja jetzt gerne sowas sagen wie: "Sollte ich von nun an noch einmal Hand an diese Zeilen legen, möge mich auf der Stelle der Blitz treffen!" Aber man soll ja nie nie sagen.

@Muh: Danke für die Nominierung.

Schöne Grüße,
GerateWohl

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