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#1

Das Kunstwerk

in Märchen, Fabeln, Sci-Fi und Fantastisches 02.04.2005 10:15
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte

Das Kunstwerk




Es war wieder da. Filigran hing es in der Ecke und bewegte sich sachte im lauen Frühlingswind. Es war perfekt gearbeitet und kein falscher Faden störte die Symmetrie. Die Frau lag im Bett und beobachtete das Kunstwerk. Sie überlegte, ob sie es gestern wirklich entfernt hatte, oder ob sie sich nur an den Gedanken erinnerte, es hatte tun wollen. Und doch war sie sich sicher, es beseitigt zu haben. Sie hatte ihren blauen Besen aus dem Schrank genommen, war auf den Stuhl gestiegen und hatte es - mit kurzem Bedauern - weggewischt. Bedauern deshalb, weil es ein kleines Kunstwerk war, das sie mutwillig zerstörte.
Jetzt war es wieder da, und, wie ihr schien, grösser als gestern. Vielleicht täuschte sie sich aber auch, doch ein Faden reichte bis zur Gardine und ein anderer bis zum Kunstdruck an der Wand. Vermutlich hatte die Spinne das Netz in der vergangenen Nacht erstellt, als sie - tief schlummernd - in den Federn lag. Es war ein unangenehmer Gedanke, dass ein Insekt über ihr gearbeitet hatte, während sie träumte. Wirklich unangenehm und auch ein bisschen eklig.

Sie stand auf. Der Fussboden war kalt unter ihren blossen Füssen und sie beeilte sich, den Besen aus dem Putzschrank zu holen. Sie rückte den Stuhl zurecht und näherte sich vorsichtig dem Netz. Es war keine Spinne zu sehen. Womöglich lauerte sie in einer Ritze. Noch klebte keine Mücke oder Ähnliches an den Fäden. Umso besser, sie konnte sich wirklich Erfreulicheres vorstellen, als mit leerem Magen Insektenleichen zu entsorgen.
Als sie den Besen zur Ecke hob, hörte sie einen Schrei. Erschrocken zuckte sie zusammen und sah sich um. Sie war ganz alleine. Ungewöhnlich, dachte sie. Ob eventuell ihr Nachbar bereits seinen Fernseher eingeschaltet hatte? Aber um diese Zeit? Mit einer schnellen Bewegung wischte sie das Spinnennetz weg.

In dieser Nacht schlief sie schlecht. Sie träume merkwürdige Dinge. Riesige Spinnen bevölkerten die Erde. Schreiende Menschen liefen durch spinnwebenverhüllte Strassen, um irgendwann, hilflos zappelnd, in den riesigen Netzen kleben zu bleiben.
Schweissnass erwachte sie und knipste die Nachttischlampe an. Benommen blieb sie einen Moment liegen, stand dann auf und holte sich in der Küche ein Glas Wasser. Als sie wieder ins Bett steigen wollte, warf sie einen Blick zur Zimmerdecke. Ihr wurde eiskalt. Es war wieder da! Jetzt war es eindeutig grösser. Sie fühlte ein Kribbeln im Nacken und schlug reflexartig zu. Nichts!
Ich bin dumm, dachte sie, es war ja nur ein Traum. Abermals holte sie den Besen aus dem Schrank. Ob sie nicht besser den Staubsauger nehmen sollte? Nein, es war mitten in der Nacht. Der Stuhl stand immer noch in der Ecke. Na dann.....

Ein markerschütternder Schrei liess ihr das Blut in den Adern gefrieren. Vor Schreck fiel ihr der Besen aus der Hand und sie hatte Mühe das Gleichgewicht zu halten. Ihr Hals war mit einem Male staubtrocken und das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Sie sprang vom Stuhl und wäre dabei fast gestürzt. Wieder bewegte sich das Netz sachte im Wind. Wind? Was für ein Wind? Alle Fenster waren geschlossen. Was zum Henker ging hier vor!?
Sie setzte sich ängstlich aufs Bett und liess das Netz nicht aus den Augen. Was sollte sie tun? Jemanden anrufen? Aber was wollte sie sagen? Dass sich ein schreiendes Spinnennetz in ihrem Schlafzimmer befand? Man würde denken, sie spinne! Sie kicherte hysterisch. Nein, das war dumm, sie würde es jetzt ein für alle Mal entfernen und dann war Ruhe! Sie hob den Besen vom Boden auf, stellte sich auf den Stuhl und mit einer hastigen Bewegung wischte sie das Netz weg. Stille! Na also, wer sagt’s denn!
Sie hatte unbewusst die Luft angehalten und atmete jetzt befreit durch. Aber an Schlaf war im Moment nicht zu denken, daher setzte sie sich aufs Sofa und schaltete den Fernseher ein. Irgendwann erwachte sie, weil ihr kalt war. Das Gerät flimmerte nur noch. Sie stellte es ab und wandte sich zum Bett. Dann begann sie zu schreien!

~

„So, mein Schatz“, sagte der Mann. „Alle Schachteln sind leer und die Schränke praktisch eingeräumt.“
„Toll, Liebling, danke! Schau, ich habe bereits das Bett bezogen und Blumen auf den Tisch gestellt. So sieht’s doch schon recht gemütlich aus, nicht?“
Der Mann lächelte. „Ja, perfekt!“ Er umarmte sie.
„Oh, sieh nur, ein Spinnennetz! Und wie schön es gearbeitet ist…“, rief sie und wies mit dem Kopf zur Zimmerdecke.
„Ja, in der Tat. Es ist fast schade, wenn man es zerstört, nicht?“ sagte er und holte den Besen aus dem Putzschrank.



(c) Margot S. Baumann

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#2

Das Kunstwerk

in Märchen, Fabeln, Sci-Fi und Fantastisches 02.04.2005 10:16
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Nach der Überarbeitung hatte es in einem Posting Platz. Toll, nicht?

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#3

Das Kunstwerk

in Märchen, Fabeln, Sci-Fi und Fantastisches 02.04.2005 11:08
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.955 Beiträge | 1940 Punkte

Noch klebte keine Mücke oder Ähnliches in ihrer Falle. Umso besser. Mit leerem Magen Fliegenleichen zu entsorgen machte auch keinen grossen Spass. Tolle Überleitung

Und wer hatte da so fürchterlich geschrieen? und Ein markerschütternder Schrei liess mich vor Schreck den Besen aus der Hand fallen lassen und mit einem lauten Poldern fiel er zu Boden. und Irgendwann hatte ich kalt unbedingt ausbessern

Die Geschichte ist spannend Margot, wird es schon mit dem ersten Absatz. Und die Pointe ist gut, wobei doch genau das was man wissen wollte rätselhaft bleibt Aber eigentlich will man es gar nicht wissen, denn Geschichten, die so enden, dass man sich fragen muss was geschah, sind immer gute Geschichten und erinnern an die Kinderzeit.

So, mein Schatz“, sagte ihr Mann. „Alle Kartons sind leer und die Schränke praktisch eingeräumt.“
„Toll, Liebling. Danke. Schau, ich habe das Bett bereits bezogen und Blumen hingestellt.“


Die Fröhlichkeit und Harmonie im Epilog lässt einen fast schadenfroh werden

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#4

Das Kunstwerk

in Märchen, Fabeln, Sci-Fi und Fantastisches 02.04.2005 12:54
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Willi

Ups ja, danke für den Hinweis. Freut mich, wenn die kleine Geschichte etwas unterhält. Besten Dank fürs Kommentieren.

Grüsse
Margot

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#5

Das Kunstwerk

in Märchen, Fabeln, Sci-Fi und Fantastisches 20.04.2005 21:39
von kein Name angegeben • ( Gast )
Hallo Margot,

huch, war das gruselig! Ich liebe solche Geschichten, und Du hast es geschafft, die Spannung bis zum Schluss aufrechtzuerhalten. Und obendrein kann sich jeder die Geschichte weiter ausspinnen, wie er will!
Ich bin nur über das "Irgendwann hatte ich kalt" gestolpert

Liebe Grüße
Xenia

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#6

Das Kunstwerk

in Märchen, Fabeln, Sci-Fi und Fantastisches 21.04.2005 08:58
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Xenia

Huch ja, es dialektet sehr... *g Freut mich, wenn es dir gefällt. Ich mag so Texte auch, die nicht alles verraten und man sich den Schluss quasi selber denken muss. Danke fürs Lesen und kommentieren.

Gruss
Margot

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#7

Das Kunstwerk

in Märchen, Fabeln, Sci-Fi und Fantastisches 22.04.2005 08:50
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Demon_Wolf, hi veny

Vielen Dank fürs feedback, freut mich, wenn es euch ein wenig gruselte. Stimmt Demon, am Anfang wiederhole ich mich - Mist - ich bin leider keine sehr gute Prosaschreiberin, aber ich arbeite daran. Zum Glück gibt's ja Lektoren, die mir meine Mankos aufzeigen. Habt Dank fürs Lesen.

Grüsse
Margot

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#8

Das Kunstwerk

in Märchen, Fabeln, Sci-Fi und Fantastisches 02.06.2005 21:55
von kein Name angegeben • ( Gast )
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#9

Das Kunstwerk

in Märchen, Fabeln, Sci-Fi und Fantastisches 03.06.2005 08:27
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Kalonike

Gut, erinnerst du mich daran. Ich wollte den Text ja noch überarbeiten. Danke fürs Lesen.

Gruss
Margot

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#10

Das Kunstwerk

in Märchen, Fabeln, Sci-Fi und Fantastisches 12.09.2005 11:50
von Nonverbal • Mitglied | 407 Beiträge | 407 Punkte
Hallo Margot,

neulich habe ich einen Bericht über Spinnen gesehen. Sind wirklich sehr intelligente Tiere, obwohl sie so hässlich aussehen mit ihren 8 Beinen und 8 Augen ... Und es ist wirklich eine Kunst ein solches Netz zu spinnen...

Sehr gespannt habe ich deine Worte verfolgt.... und war am Ende etwas endtäuscht da nicht klar ersichtlich ist, woher der Schrei kam und wer ihn verursacht hatte. Aber du hast die Situation sehr schön beschrieben... jeder kann sich darin hineinversetzen.... trotz allem aber habe ich noch nie ein Spinnennetz zerstört... habe vielleicht auch welche bei mir in der Wohnung, aber habe ihnen noch nicht viel beachtung geschenkt.


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