Hallo Oli.
Wer spricht? Der Titel lautet Kreatur. Was ist eine Kreatur? Ein erschaffenes Wesen. Typen wie Prometheus oder Gott basteln sich Geschöpfe und schimpfen sie dann Kreaturen. Aber auch – wenn es böswillig zu geht – werden manche Eltern oder Fritzlmonster in ihren Kindern nur willenlose, formbare Kreaturen erblicken. Wer spricht? Ein liebender Gott? Ein Gott der Barmherzigkeit? Nein, wohl eher nicht.
In der Strophe eins ist es ein Sadist, Misanthrop mit Allmachtsphantasien. Er möchte grausame Dinge tun: verletzen und hassenswert sein. Aber es heißt nicht ich werde oder ich habe., sondern ich möchte. Es ist sein Wunsch. Ob der in Erfüllung geht ist fraglich. Aber das Thema Gott-Kreatur kommt wieder durch:
In Antwort auf:
deinen Glauben / so sehr erschüttern / […] / mir wieder zu vertrauen.
Der Wunschcharakter, der in diesen Zeilen steckt, betont für mich, dass hier ein ohnmächtiger wie zorniger Erschaffer in der Wüste ruft, so als hätte er schon längst die Macht über seine Kreatur(en) verloren. Interessant ist vor allem, dass sein Zorn sich paradoxerweise aus dem Gottvertrauen seiner Kreatur(en) speist. Die vertrauen ihm anscheinend blind und verlieren nicht den Mut, an ihren Schöpfer zu glauben – obwohl der das gar nicht will. Einem Zauberlehrling gleich, will er sich von diesen treuen Geistern lösen? Aber warum?
Strophe Zwei gibt mir darauf die Antwort. Sie kulminiert darin, dass sich die Kreatur wie ein Lamm im Wolfsrudel fühlen solle. Das ist der Wunsch des Schöpfers. Das klingt zwar nicht sehr freundlich und immer noch sadistisch, aber der Sadismus dient hier als Weg zur Erkenntnis der Welt und als Weg den blinden Gehorsam, das Gottvertrauen des dummen Schafs, aufzubrechen: Sei nicht blöd und blöke, sondern heule lieber mit den Wölfen, bevor sie dich als Schaf erkennen. Oder anders gesagt: Die Kreatur erkennt nicht den wahren Charakter der Schöpfung. Der Sadist wird plötzlich Wohltäter.
Wenn ich jetzt wieder an eine Eltern-Kind Beziehung denke, dann erscheint mir das LI als Vater oder Mutter, dass in der Zwickmühle steckt, seinem Kind den Kinderglauben, die Naivität und vielleicht sogar die Liebe (zum Menschen) austreiben zu müssen, damit es unter Wölfen überleben kann. Liebesentzug, als notwendige Erziehungsmaßnahme.
Konsequenz? Wenn alle wie die Wölfe heulen oder so tun, als seien sie welche, dann ist es verdammt einsam auf der Welt und auch kein Wunder, dass sich die Wölfe untereinander z. B. auch kein Geld mehr leihen. Das
vielleicht in der vorletzten Zeile drückt sowohl die Hybris des LIs, als auch seine Unfähigkeit aus, Nähe zuzulassen. Der sadistische Schöpfer hat konsequenterweise autistische Züge.
Also lieber doch mit Gottvertrauen und Liebe voran in die Zukunft? Oder wie erklärt man, vermittelt man – als Gott - einem Kind, einer Kreatur den Mittelweg zwischen schwarz und weiß? Oder welche Mittel zur Erreichung eines Zieles adäquat und welche inadäquat sind?
Es quellen bei mir gleich noch mehr – mephistophelische - Fragen auf, wie die Frage ob Böses Gutes gebären kann oder ob für Christen ohne den Verrat des Judas eine Heilsgeschichte möglich wäre, ob LI und LD vielleicht eins sind und hier ein Selbsthass zelebriert wird, weil Selbst- und Fremdwahrnehmung absolut konträr sind, bis hin zur abgehobenen Ebene des Künstlers und eines ihn verehrenden Publikums, dass nicht mehr in der Lage ist, die Spreu vom Weizen oder Kunst von Mist, zu trennen.
Das Weltbild des LIs ist zwar misanthropisch und pessimistisch, aber es ist wiederum so negativ, dass ich positive Gedanken habe ;)
Zur Form kann ich leider nichts sagen, außer, dass diese
Kreatur recht unförmig auf mich wirkt.
Gruß
Brot