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#1

Kreatur

in Düsteres und Trübsinniges 27.04.2009 16:40
von oliver64 • Mitglied | 352 Beiträge

Ich möchte dich verletzen,
dir Gründe für ein ganzes Leben geben,
mich zu hassen.
Ich möchte dir den Boden
unter deinen Füßen rauben,
deinen Glauben
so sehr erschüttern,
dass dir jeder Mut abhanden kommt,
mir wieder zu vertrauen.

Ich will dein nacktes Elend sehen,
in Tränen aufgelöste Unschuld,
Kindesleid, Verzweiflung,
Einsamkeit, Verlassenheit.
So schutzlos ausgeliefert
wie ein nacktes Lamm
im Rudel dunkelgrauer Wölfe
sollst du sein.

Dann können wir vielleicht gemeinsam
meine Traurigkeit ertragen.





Gedichte und Kommentare in allerbester Absicht

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#2

RE: Kreatur

in Düsteres und Trübsinniges 30.04.2009 18:19
von perry • Mitglied | 907 Beiträge

Hallo Oliver,
also nach Traurigkeit hört sich dieses egoistische Lamento nicht an, da schwingt auch eine gehörige Portion Hass auf sich und die Umwelt mit.
Formal finde ich es gut gemacht, nur ein wenig mehr Verdichtung (weniger Aufzählungen, Adjektive etc.) hätte dem Text sicher nicht geschadet.
LG
Perry

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#3

RE: Kreatur

in Düsteres und Trübsinniges 05.05.2009 07:16
von oliver64 • Mitglied | 352 Beiträge

Hallo Perry,
ich fürchte du hast recht. Das Ding ist vermutlich zu aufgebläht, auch wenn die enthaltene Larmoyanz durchaus beabsichtigt ist. Was den "Hass auf sich und die Umwelt" angeht, fühle ich mich prima verstanden.
Gruß
Oliver





Gedichte und Kommentare in allerbester Absicht

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#4

RE: Kreatur

in Düsteres und Trübsinniges 06.05.2009 10:35
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge

Hallo Oli.
Wer spricht? Der Titel lautet Kreatur. Was ist eine Kreatur? Ein erschaffenes Wesen. Typen wie Prometheus oder Gott basteln sich Geschöpfe und schimpfen sie dann Kreaturen. Aber auch – wenn es böswillig zu geht – werden manche Eltern oder Fritzlmonster in ihren Kindern nur willenlose, formbare Kreaturen erblicken. Wer spricht? Ein liebender Gott? Ein Gott der Barmherzigkeit? Nein, wohl eher nicht.

In der Strophe eins ist es ein Sadist, Misanthrop mit Allmachtsphantasien. Er möchte grausame Dinge tun: verletzen und hassenswert sein. Aber es heißt nicht ich werde oder ich habe., sondern ich möchte. Es ist sein Wunsch. Ob der in Erfüllung geht ist fraglich. Aber das Thema Gott-Kreatur kommt wieder durch:

In Antwort auf:
deinen Glauben / so sehr erschüttern / […] / mir wieder zu vertrauen.


Der Wunschcharakter, der in diesen Zeilen steckt, betont für mich, dass hier ein ohnmächtiger wie zorniger Erschaffer in der Wüste ruft, so als hätte er schon längst die Macht über seine Kreatur(en) verloren. Interessant ist vor allem, dass sein Zorn sich paradoxerweise aus dem Gottvertrauen seiner Kreatur(en) speist. Die vertrauen ihm anscheinend blind und verlieren nicht den Mut, an ihren Schöpfer zu glauben – obwohl der das gar nicht will. Einem Zauberlehrling gleich, will er sich von diesen treuen Geistern lösen? Aber warum?

Strophe Zwei gibt mir darauf die Antwort. Sie kulminiert darin, dass sich die Kreatur wie ein Lamm im Wolfsrudel fühlen solle. Das ist der Wunsch des Schöpfers. Das klingt zwar nicht sehr freundlich und immer noch sadistisch, aber der Sadismus dient hier als Weg zur Erkenntnis der Welt und als Weg den blinden Gehorsam, das Gottvertrauen des dummen Schafs, aufzubrechen: Sei nicht blöd und blöke, sondern heule lieber mit den Wölfen, bevor sie dich als Schaf erkennen. Oder anders gesagt: Die Kreatur erkennt nicht den wahren Charakter der Schöpfung. Der Sadist wird plötzlich Wohltäter.

Wenn ich jetzt wieder an eine Eltern-Kind Beziehung denke, dann erscheint mir das LI als Vater oder Mutter, dass in der Zwickmühle steckt, seinem Kind den Kinderglauben, die Naivität und vielleicht sogar die Liebe (zum Menschen) austreiben zu müssen, damit es unter Wölfen überleben kann. Liebesentzug, als notwendige Erziehungsmaßnahme.

Konsequenz? Wenn alle wie die Wölfe heulen oder so tun, als seien sie welche, dann ist es verdammt einsam auf der Welt und auch kein Wunder, dass sich die Wölfe untereinander z. B. auch kein Geld mehr leihen. Das vielleicht in der vorletzten Zeile drückt sowohl die Hybris des LIs, als auch seine Unfähigkeit aus, Nähe zuzulassen. Der sadistische Schöpfer hat konsequenterweise autistische Züge.

Also lieber doch mit Gottvertrauen und Liebe voran in die Zukunft? Oder wie erklärt man, vermittelt man – als Gott - einem Kind, einer Kreatur den Mittelweg zwischen schwarz und weiß? Oder welche Mittel zur Erreichung eines Zieles adäquat und welche inadäquat sind?

Es quellen bei mir gleich noch mehr – mephistophelische - Fragen auf, wie die Frage ob Böses Gutes gebären kann oder ob für Christen ohne den Verrat des Judas eine Heilsgeschichte möglich wäre, ob LI und LD vielleicht eins sind und hier ein Selbsthass zelebriert wird, weil Selbst- und Fremdwahrnehmung absolut konträr sind, bis hin zur abgehobenen Ebene des Künstlers und eines ihn verehrenden Publikums, dass nicht mehr in der Lage ist, die Spreu vom Weizen oder Kunst von Mist, zu trennen.

Das Weltbild des LIs ist zwar misanthropisch und pessimistisch, aber es ist wiederum so negativ, dass ich positive Gedanken habe ;)
Zur Form kann ich leider nichts sagen, außer, dass diese Kreatur recht unförmig auf mich wirkt.

Gruß

Brot

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#5

RE: Kreatur

in Düsteres und Trübsinniges 08.05.2009 08:10
von oliver64 • Mitglied | 352 Beiträge

Hallo Brot!

Meine Fresse, was für ein Kommentar und was für eine tiefgründige Interpretation! Vielen Dank, ich fühle mich sehr verstanden, wenn ich auch das Eltern-Kind-Thema nicht vor meinem geistigen Auge hatte. Großartig finde ich, dass du dich ganz offensichtlich nicht von dem Vordergründigen hast abschrecken lassen,sondern in die Tiefe gegangen bist. Ich weiß, wie arrogant das klingt, das nehme ich in Kauf. Jedenfalls gewinnst du diesem Text alles ab, was darin ist, schöpfst sogar mehr als die Neige aus. Dafür noch einmal vielen Dank, besser kann es einem nicht ergehen.

Blabla, ich schwafele, weil ich eben so geplättet bin. Schön, dass jemand deine Kritik nominierte, sonst hätte ich das getan.

Beste Grüße
Oliver





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#6

RE: Kreatur

in Düsteres und Trübsinniges 06.10.2009 09:23
von hans beislschmidt | 104 Beiträge

Hey,

Ein lyrischer Rebirthing-Akt. Das LyIch braucht den Neuanfang um sich zu definieren, kann aber das Unmenschliche in sich nicht verdrängen. Die Auflistung zerfleischender Mechanismen ist Anklage und Hilferuf zugleich. Eine gelungene Seins-Kompensation, der eine Reduktion der Verzweiflungssynonymen sicher gut getan hätte.

Gruß Hans

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#7

RE: Kreatur

in Düsteres und Trübsinniges 16.11.2009 14:06
von Gemini • Long Dong Silver | 2.654 Beiträge

Eine ausgezeichnete Darstellung des Selbst. Die Gier nach Wärme ist hier das das tragende Element. Der Zwang, die Liebe zu erkennen. Ich würde es gerne gelesen hören.
Hat mir gefallen.

Gem


That until there are no longer first class
And second class citizens of any nation
Until the colour of a man´s skin
Is of no more significance than the colour of his eyes
Me say war


Bob Marley

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