Hallo Aichi,
na, diesem Text hier kann ich wesentlich mehr abgewinnen als dem ersten, auch wenn wir es auch hier mit einem gerade mal noch klinisch und geistig lebendigen, aber ansonsten wohl verstorbenen lyrischen Ich zu tun. Die Existenz ist unterbrochen, die Seele schon tot. Wäre da nicht die Bitterkeit des Lebens, die zwar nur gründlich die Fasern des Körpers des Ichs durchtrennt, aber immerhin ein Lebenszeichen darstellt, wäre in dem Ich wohl nichts mehr los. Das Ich hält inne, unterbricht seine Existenz mit rot glänzenden Augen. Na, wenn da mal nicht einer Drogen genommen hat. Das scheint ja nach dem, wie das Ich es hier betrachtet nicht sehr genussvoll zu sein.
Der letzte Vers ist mehrdeutig, da er auf ein Prädikat verzichtet. Im einfachsten Fall sagt er einfach: Der Schatten ist des Tages Gegenstück.
Komplizierter wäre es, wenn es bedeutete "Im Schatten der Nacht (da Nacht des Tages Gegenstück)". Das klingt so nach dem Titel einer Vampirgeschichte, aber das würde ja zu der Untotenselbstbeschreibung des lyrischen Ichs passen. Vielleicht fühlt es sich durch die Drogen wie ein lebender Toter. Wer selbst in der dunklen Nacht noch im Schatten weilt, um den ist es wahrlich finster. Die Verwendung der Bezeichnung "des Tages Gegenstück" für Nacht könnte implizieren, dass es dem Ich schwer fällt, die Nacht beim Namen zu nennen. Oder es will noch mal darauf hinweisen, dass es sich nicht nur in einer Unterbrechung des Tages, sondern auch in einer Unterbrechung seiner Existenz befindet.
Wie auch immer. Das ganze ist ganz schön desolat. Die Schilderung des Leidens und der Bitterkeit schwelgt sehr in sich selbst und seinen Bildern, was zwangsläufig dazu führt, dass ein Mitfühlen durch den Leser ausgeschlossen ist. Das ganze wirkt übertrieben, weil das lyrische Ich zum einen, wie schon bei dem Anderen Gedicht zwischen der Schilderung todesählicher Zustände und dem Verschwinden aller Emotionen schwankt und der Erwähnung größter Schmerzen und Bitterkeit, was aus meiner Sicht absolut nicht zusammenpasst. Entweder ich bin fast tot und abgestumpft oder ich leide Schmerzen. Und ich glaube, das durchtrennen jeder Faser des Körpers verursacht Schmerzen, insbesondere, wenn es die Bitterkeit tut.
Ein Kommentar von jemandem der die Sicht des Ichs hier nciht nachempfinden kann, aber das Bild der unterbrochenen Existens und den letzten Vers gelungen findet. Lyrische Qualitäten hat das gewiss. Aber inhaltlich lässt es mich unberührt zurück.
Grüße,
GerateWohl