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#1

Kritik der Monate Mai bis September 2009

in Ausgezeichnete Kritiken 11.10.2009 23:03
von Maya (gelöscht)
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Die Kritik der Monate Mai bis September 2009 schrieb Schnurzelpurzel in folgendem Faden:

http://www.e-literatum.de/t79573308f16-irgendein-Titel.html

Herzlichen Glückwunsch.

Zitat von Schnurzelpurzel
Hallo Simone,
wundert mich doch, dass sich hier keiner meldet, was ist los mit den e-Literaten? (Kein Wunder, dass Joame ein Unterganslied anstimmt...) So überwinde ich denn meine Scheu, mich zu Wort zu melden, in der Hoffnung, mich nicht gleich der Lobhudelei schuldig zu machen, wenn ich sage, dass ich Dein Gedicht sehr mag.

Auf den ersten Blick scheint es sich um die Beschreibung einer recht alltäglichen Situation zu handeln: Da liegt ein LI wach, offensichtlich nicht zum ersten Mal, während der Wecker unerbittlich tickt und Stunde für Stunde schlaflos verstreicht.

In Antwort auf:
Und wenn mein Herzschlag sich am Abend legt,
sich bettet, umdreht und sich nicht mehr regt,
weiß ich, dass gleich die Stille klopft,
an meine Tür.
Doch noch ist es nicht still in mir.


Für meinen Geschmack ganz stark V1, d.h. eigentlich die komplette erste Strophe. Einzig das „nicht mehr regt“ würde ich in ein „kaum mehr regt“ ändern, weil es in einem LI, dessen Herzschlag sich nicht mehr regt, vollkommen still ist. (Stelle ich mir zumindest so vor... ) Das Komma hinter „klopft“ erscheint mir überflüssig.

In Antwort auf:
Im Garten balgen Katzen.
Ein anorganischer Radau
vorm Fenster
und ein Rumpeln.
Mein Nachbar glotzt TV,
wie jede Nacht.
Es ist gleich vier.
Die Wünsche gehen baden.
- Ich bin hier.



Auch die Mittelstrophe gefällt mir gut. Etwas länger blieb ich am „anorganischen Radau“ hängen, zum einen, weil Anorganisches für mich bisher zwingend der Chemie zuzuordnen war. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, ein solches Attribut mit Radau in Verbindung zu bringen. Ja länger ich darüber nachdenke, desto besser gefällt es mir aber. Zum anderen kommt hier natürlich die Frage nach der Quelle des Radaus auf. Dies könnte das TV des Nachbarn sein – dann wäre ein Doppelpunkt nach dem „Rumpeln“ sinnvoll. (Das Komma nach TV müsste übrigens nicht sein, es sei denn, es geht Dir hier ausdrücklich um die Redepause.) Es könnten auch die Katzen damit in Verbindung gebracht werden, die so außerirdisch jaulen können, dass es „anorganisch“ klingt. Dann empfähle sich ein Doppelpunkt nach den „Katzen“. Natürlich kann der Radau auch zum Katzenkampf und Nachbars-TV hinzukommen und unerklärt bleiben, womit sich ein zum Aufstehen zu bequemes LI sicher gut zufrieden geben kann.

Da, am Ende dieser Strophe blitzt plötzlich eine Ahnung von Gründen für die Schlaflosigkeit auf: Sehnsucht, zunehmend von Hoffnungslosigkeit (Wünsche gehen Baden) durchsetzt. Toll das „ich bin hier“, das der vorausgegangenen Redewendung einen bitteren Zug verleiht: Die Wünsche gehen (und vergnügen sich beim Planschen, waschen sich aber auch rein, vom Dreck falscher Hoffnung?) und ich bleib trotzdem hier (und die alte). Mein Gefühl würde den Gedankenstrich in die Vorzeile vorziehen.

In Antwort auf:
Mein Wecker zeigt mir jede Stunde an
und was sie schlägt.
Was ist so falsch daran zu hoffen.
Ich schließ das Buch und öffne meine Tür.
Und dann wird es auch still in mir.


Die sprachlichen Parallelen zur ersten Strophe passen sehr schön zu dem beständigen Teil des LI, der bleibt: der Reim auf –egt, die „Tür“ und die „Stille in mir“, die nun endlich einkehrt, vielleicht weil das LI mit sich in’s Reine gekommen ist, nachdem die Wünsche baden gingen? Hoffnung scheint ihm geblieben zu sein, und es fasst offensichtlich den Entschluss, nicht mehr mit ihr zu hadern. Es öffnet die Tür (um für Neues empfänglich zu sein?) und findet endlich Ruhe.

Spätestens hier – frühestens jedoch am Ende der Mittelsstrophe – eröffnet sich dem Leser eine zweite Ebene des Textes. Nicht nur eine akut schlaflos verbrachte Nacht lässt sich hier herauslesen, sondern auch das persönliche Drama eines in die Depression abrutschenden, dessen Lebenswille noch nicht ganz erloschen ist (S1). Die Welt um ihn herum kriegt davon nichts mit, sie geht weiter ihren Trott. Das LI lässt seine letzten Hoffnungen ziehen. (S2) Doch genau darin liegt seine Rettung. Indem es aufhört sich an unrealistische Wünsche und/oder Erwartungen zu klammern, erkennt es, dass es sich etwas vorgemacht hat und ihm die Zeit davonrennt („was die Stunde schlägt“), lässt neue Wünsche zu findet so den Frieden mit sich (S3).
Wenn dies nun überhaupt von Dir so gedacht war, so hast Du ein dramatisches Geschehen in nett harmlose Verse verpackt, in dem es sich gerade so gut versteckt, wie es im realen Leben verborgen bleibt. Aber egal, was Du Dir gedacht hast, mir ist dieses Bild wertvoll und wird es auch bleiben, wenn ich völlig neben Deiner Intention liegen sollte.

Als adäquat zum gegen den Anschein wenig friedlichen Inhalt empfinde ich die Form, die Du gewählt hast, mit den unterschiedlichen Verslängen, den eingestreuten Waisenzeilen und solchen Harmoniebrechern wie „anorganisch“ oder „glotzt“. Das recht gleichmäßige Metrum und der einheitliche Reim der jeweils letzten beiden Verse jeder Strophe scheinen mir so etwas wie die „Ordnung hinter dem Chaos“ andeuten zu wollen, ein Schicksal vielleicht (an das ich persönlich nicht glauben kann... ), das die Dinge – gleich wie sie en detail laufen mögen – auf ein immer gleiches Ende zulaufen lässt. Naja, hier interpretiere ich wohl zu viel... Bevor das schlimmer wird, höre ich denn auch schnell auf.

Einen herzlichen Gruß

Purzel




http://www.e-literatum.de/t79573308f16-irgendein-Titel.html

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#2

RE: Kritik der Monate Mai bis September 2009

in Ausgezeichnete Kritiken 11.10.2009 23:44
von Joame Plebis | 3.580 Beiträge | 3569 Punkte

Wahrlich eine gut gehaltene und ausführliche Kritik, die mit Recht ausgezeichnet wird. Dazu gratuliere ich gerne.

Gruß
Joame

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