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#1

Endstation

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 10.10.2010 11:26
von Pedro (gelöscht)
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Endstation

I

Nach mehreren Wochen besuchte ihn sein Sohn Ralf eines Abends.
„Hallo, Papa, wie geht’s?"
„Ich habe immer gewartet, dass du mich endlich hier herausholst.“
„Ich konnte nicht eher kommen, zur Zeit haben wir wahnsinnig viel Arbeit in der Firma. Wie gefällt es dir denn hier, hast du dich eingewöhnt?“

Sein Vater antwortete nicht gleich, dann keuchte er:
„Wann holst du mich endlich hier raus?"
"Ich will etwaswa Wichtiges mit dir besprechen, habe gedacht...."
"Seit zwei Monaten bin ich hier. Lange halte ich das nicht mehr aus!"
"Warum das denn?"
"Alles ist hier geregelt, alles festgelegt, die Zeit zum Aufstehen, die Zeit zum Waschen, die Zeit, um aufs Klo zu gehen, die Zeit zum Essen und zum Schlafen, wenn man denn schlafen kann. Ab 21:00 Uhr wird das Licht ausgemacht. Du weißt doch
vielleicht noch, dass ich abends immer noch sehr lange gelesen habe.“
Er sah seinen Sohn nicht an. Immer wieder nahm er seine Brille ab und setzte sie dann gleich wieder auf.
„Aber hier bist du doch gut aufgehoben, hast ein schönes Zimmer, kannst dich unterhalten und musst nicht kochen.“
„Ja, ich bin sehr gut hier aufgehoben, du hast ja keine Ahnung! Unterhalten kann ich mich mit niemandem.“
Er strich sich sein weißes Haar aus der Stirn.
„Beim Mittagessen sitze ich mit anderen zusammen am Tisch. Mir gegenüber die Frau Wotleb, sie kann alleine essen. Ihre Gesichtszüge sind verzerrt, sie schreit manchmal."
"Das sind halt alte Leute, mit der Zeit..."
"Neben mir Frau Stubinski, sie muss meistens gefüttert werden. Ab und zu spuckt sie das Essen wieder aus. Auf der anderen Seite Herr Gutmann, er murmelt ununterbrochen vor sich hin, man versteht aber kein Wort.
Etwas abseits vom Tisch sitzt Frau Koch in einem Rollstuhl, sie isst nicht, lässt sich auch oft nicht füttern, spricht kein Wort. Sie schaut aus dem Fenster und schüttelt öfter den Kopf. Ihr Mann besucht sie fast täglich, sie kennt ihn nicht mehr.

„Das verstehe ich nicht ganz, du wohnst doch hier wie in einem Hotel. Du bist nicht alleine und wirst gut betreut. So schön hättest du es bei uns nicht. Ich arbeite den ganzen Tag, komme spät heim, bin auch oft tagelang unterwegs, Geschäftsreisen. Ute muss die Kinder versorgen, hat noch ihren Fitness-Kurs, hat also auch wenig Zeit, sich um dich zu kümmern.“

„Sag mal, hörst du mir eigentlich zu? Willst du nicht verstehen, was hier passiert? Hier hat keiner Zeit. Einmal hat mir eine Pflegerin einen Rollstuhl gebracht, ich könnte mich dann schneller bewegen, meinte sie. Warum schneller, fragte ich sie, ich habe doch Zeit. Sie aber nicht, hat sie gesagt.“
„Na ja, die Leute stehen bei euch wie überall unter Zeitdruck.“
„Ich habe Patienten gesehen, die Windeln tragen, sie brauchen nicht mehr zur Toilette gebracht werden. Menschen, die noch alleine laufen können, sind später nicht mehr dazu in der Lage, man hat sie im Bett gelassen. Es ist zu wenig Personal da, um sie anzuziehen."
"Siehst du das richtig? Ich glaube..."
"Aggressive Heimbewohner werden mit Medikamenten „ruhig gestellt“. Auf den Gängen sitzen alte Menschen im Rollstuhl, werden morgens dahin geschoben und starren die Wand an.
Irgendwann habe ich einen Mann im Rollstuhl gesehen, seine Hose war herunter gelassen, durchnässt, sein Gebiss lag auf der Armlehne. Eines Tages werde ich auch da so sitzen!“
„Aber du weißt doch, dass du allein nicht mehr in deinem Haus leben kannst. Wie willst du die Treppe aus dem zweiten Stock runterkommen?“
„Ab und zu kommt eine Beschäftigungstherapeutin. Da ziehen wir Perlen auf eine Schnur, schneiden irgendwelchen Unsinn aus Papier aus, malen irgendwelche Figuren an.
Viele jammern laut, schimpfen oder schreien, beschmieren Wände mit ihren Exkrementen. Den Gestank kannst du dir kaum vorstellen, fast musste ich brechen, als ich das zum ersten Mal sah.
Nicht selten rufen sie: „Schwester, helfen Sie mir, ich kann nicht mehr, ich möchte sterben.“
Immer lauter hatte er geredet, zuletzt fast geschrieen. Seine Hände zitterten. Er schluckte und blickte seinen Sohn lange an, so als hätte er ihn vorher nie gesehen.

„Ich will schauen, was ich da machen kann“, sagte Ralf, „vielleicht könntest du in ein paar Wochen bei uns wohnen.“
Georg machte seine Aktentasche auf.
„Hier habe ich einige Papiere dabei, die müsstest du unterschreiben.“
„Um was handelt es sich?“
„Wir haben gedacht, dass du zunächst in diesem Heim bleiben wirst. Das Haus könnten wir dann verkaufen, das steht nur rum. Es müsste auch renoviert werden. Ich könnte einen guten Preis dafür erzielen, die Gelegenheit ist gerade günstig. Da sollte man auch nicht zu lange warten, die Preise für Immobilien könnten wieder sinken.“
Ralf hatte immer schneller gesprochen, seine Hände geknetet, war aufgestanden und hatte sich wieder hingesetzt. Fast sah es so aus, als ob er sich selber mit seinen Argumenten überzeugen wollte. Nicht ein einziges Mal hatte er seinen Vater angeschaut.

Das Haus verkaufen, dachte Paul Höfer, das Haus in dem er und seine Frau so viele Jahre gewohnt hatten, das sie beide geplant und eingerichtet hatten, wo seine Kinder aufgewachsen waren.
Er hatte immer gehofft, eines Tages wieder zurückkehren zu können. Plötzlich wurde ihm klar, dass sein Sohn ihn niemals hier rausholen würde.
„Ja, du hast schon Recht“, sagte er leise.
Er nahm den Kugelschreiber und unterschrieb den Verkauf.
„Ich bin heute ziemlich müde, werde mich gleich hinlegen.“
Er starrte auf den Tisch und klammerte sich daran fest.

„Ja, ich muss auch gleich wieder los, muss noch einmal ins Geschäft.“
Sein Sohn konnte wohl nicht schnell genug wegkommen, dachte er. Er schaute ihm hinterher, als er hinausging. Ralf drehte sich nicht noch ein Mal um.


II

Es war soweit, er würde gehen. Sein Zimmernachbar schlief und schnarchte. Er schlief jetzt fast immer, auch am Tag, belästigte das Personal nicht. Die Klingel hatten sie ihm abgebaut.
Der Mond schien ins Zimmer.
Er richtete sich im Bett auf und rutschte hinaus. Nun stand er neben dem Bett, hielt sich am Nachttisch fest.
Kleine Schritte zum Schrank. Er holte Unterhose, ein Hemd und eine Hose raus. Socken brauchte er nicht. Er konnte sie sich nicht alleine anziehen.
Er bewegte sich mühsam zum Bett zurück, stützte sich ab und zog sich an. Alles ging sehr langsam, immer wieder musste er sich ausruhen.
Die Schuhe standen neben dem Bett, er schlüpfte hinein, sie zuzubinden versuchte er erst gar nicht.
Es regnete leicht, nieselte, die Tropfen rannen an der Fensterscheibe herunter wie Tränen.
Der Vogel, der oft vor dem Fenster gesessen hatte, war nicht da, schaute ihn nicht an, niemand schaute ihn an. Er war allein.
Auf den Stuhl vor dem Fenster stieg er mühsam und hielt sich an der Lehne fest.
Es gelang ihm, ein Knie auf den Stuhl zu bringen. Er musste erst eine Pause machen, brachte dann auch das zweite Knie hoch.
Er schwitzte, etwas schwindlig war ihm. Alle restlichen Kräfte nahm er zusammen und zog sich an der Lehne hoch. Dann stand er schwankend auf dem Stuhl und öffnete das Fenster, Regen lief über sein Gesicht.

Alles ging plötzlich so leicht.

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#2

RE: Endstation

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 11.10.2010 23:30
von Kjub • 497 Beiträge | 496 Punkte

Hi Pedro,

dass Paul sich anzieht, bevor er aus dem Fenster springt, finde ich ein gutes, weil zugleich verständliches und irrationales Detail, das gab der Geschichte auf den letzten Metern noch den Tick Echtheit, den ich vorher etwas vermisst habe.
Im Einzelnen kommt bspw der Dialog ziemlich hölzern rüber. Nimm die ersten vier Dialogzeilen, da steckt alles drin, was ich meine.

Zitat
„Hallo, Papa, wie geht’s?"
„Ich habe immer gewartet, dass du mich endlich hier herausholst.“
„Ich konnte nicht eher kommen, zur Zeit haben wir wahnsinnig viel Arbeit in der Firma. Wie gefällt es dir denn hier, hast du dich eingewöhnt?“


Das ist so schriftdeutsch, so redet keiner, zumindest niemand, den ich kenne. Das kann verknappt werden, außerdem darf es ruhig etwas 'unrunder' sein. Also bspw dass eine Frage mal nicht brav und erschöpfend beantwortet wird, sondern der Alte mit der Faust auf den Tisch haut oder grummelt ... "wie solls mir schon gehen" - etwas in der Richtung. Dann ist das auch gleich so ein ellenlanger Dialog. Das ist auch schwer, dynamische, glaubwürdige Dialoge zu schreiben. Etwas Auflockerung könntest du durch eingeschobene Beschreibungen äußerer Handlungen erreichen. Was weiß ich, der Sohn geht zur Blumenvase und wechselt das Wasser ... zb. Indirekte Rede wäre auch eine Möglichkeit zur Abwechslung.

Zitat
„Sag mal, hörst du mir eigentlich zu?



Da hab ich gelacht! Ich hab auch überlegt, was der Sohn da labert. Der Satz sitzt.

Danach klingts für mich sehr nach Autorenstimme, was Paul sagt. Also jetzt nicht schlecht, da sind paar starke Sachen aufgezählt, aber da fehlt der Gegenpart oder so. Ich mein, natürlich spricht der Autor durch seine Figuren, aber wenn ein Prot nur Stichwortgeber ist und die andere monologisiert, geht mir so bisschen die Atmosphäre flöten. Das klingt immer als wollte der Autor das mal unbedingt gesagt haben und jubelt das seinen Figuren unter.

Das sind halt so paar Ideen zu deinem Text. Ich hoffe du kannst was damit anfangen.

Grüße!
Kjub

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#3

RE: Endstation

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 12.10.2010 06:42
von Pedro (gelöscht)
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Morgen Kjub,

über deine Anmerkungen werde ich nachdenken. Manches sehe ich jetzt auch so wie du.
Ich bedanke mich, dass du dich mit meinem Schreibversuch abgegeben hast.

Gruß

Pedro

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#4

RE: Endstation

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 12.10.2010 13:32
von Kjub • 497 Beiträge | 496 Punkte

Moin

gern geschehen, ich schreibe Kommentare wenn ich Lust darauf habe, also es macht mir Spaß, rauszufinden, was für mich in einem Text funktioniert oder nicht. Dabei habe ich nie das Gefühl, mich mit einem Text "abgeben" zu müssen. Tendenziell fände ich es übrigens gut, wenn du auf das Verhältnis von eingestellten Texten und Kommentaren etwas achten würdest. Is ja'n Geben und Nehmen, ne!

Grüße!

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#5

RE: Endstation

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 12.10.2010 17:53
von perry • Mitglied | 1.417 Beiträge | 1417 Punkte

Hallo Pedro,
du hast mit deiner Geschichte ein sehr heikles Thema unserer Gesellschaft aufgegriffen und zu einem erschütternden Schluss gebracht. Was mir aufgefallen ist, ist die überwiegende "Schwarzweißmalerei" deiner Protagonisten, da gibt es nur die selbstsüchtig gestressten Kinder und den hilflosen Vater, sowie das überforderte Personal. Klar braucht es diese Gegensätze für die Aussage, aber sie könnten etwas mehr menschliche Färbung haben, denn zum Glück ist die Welt nicht immer so extrem.
LG
Perry


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#6

RE: Endstation

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 12.10.2010 18:25
von Pedro (gelöscht)
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Hallo Perry,

freut mich, dass der Schreibversuch bei dir angekommen ist.
Ein bisschen (zu) viel Schwarzweißmalerei ist schon drin, ich wollte auf das Ende hin arbeiten.

Gruß

Pedro

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#7

RE: Endstation

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 13.10.2010 23:57
von Ralfchen (gelöscht)
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nun ich hab - wie ich es selten tue, weils kaum eine nenneswerte prosa in einem forum gibt - diesen text gelesen, weil ein ralf mitspielt. meine mum und mein stiefpaps wohnen seit etwa 9 monaten in einem wunderbaren seniorenheim 5 minuten von meinem industrieloft. mum iss 90 und top-fit (ihr fehlen nur zwei zähne) stiefpaps 10 jahre jünger und wäre vor einigen monaten fast gestorben. er war davor noch nie krank. die beiden haben sich in ihr feines apartement im 9ten stock (fast ein penthouse) zurückgezogen und essen nicht mehr mit den anderen menschen im speisesaal. aus gründen, die pedro hier angerissen hat. meine beioden haben ausserdem noch ein wunderschönes haus im grünbereich (prater) 10 minten vom senioren-heim entfernt, wo sie fast jeden tag verbringen. ich denke der prot hatte aufgegeben, weil er in einem umfeld lebte, dass eher mehr einem katastrophalen pflegeheim als einer seniorenresidenz ähnelt. ralf ist ein arschloch. nicht mehr und nicht weniger. der text ist nicht nach meinem geschmack und könnte sich dramatischer lesen. der fenstersprung war für mich nach der unterschrift des hausvertrages . oder was immer es war - leicht vorhersehbar. schade, dass pedro das thema nicht ein wenig mehr schwarz-humorig verbrämen konnte.

Zitat
Es waren genau 12 Wochen vergangen und Johann Nekrophil hatte es aufgegeben auf seinen Sohn Falr zu warten. Er hatte es bewusst vermieden Falr anzurufen. Und mit jedem Tag der verstrich, hatte seine Hoffnung der Gleichgültigkeit ein wenig mehr vom Stoppelfeld der Aufgabe überlassen.

„Hallo, Paps, wie läüfts hier so für dich?"

Johann erschrak als er aus seinen verschwundenen Gedanken gezerrt wurde.

„Falr du? Mensch warum hast du mich hier vergessen? Ich dachte, du holst mich hier raus, wenn ich wieder auf den Beinen bin - hm?“

„Paps was soll ich dir sagen? Ich komm um in der Firma, man hat vier Jungs gekündigt und muss die Scheiße abbaggern. Ich hab bisher null Zeit gehabt. Und? wie läufts hier? Gefällt es dir?

"Eingewöhnt? Sag spinnst du Falr? Ich will hier raus. Hab doch hier nix mehr zu suchen unter den alten Irren."




zuletzt bearbeitet 14.10.2010 00:14 | nach oben

#8

RE: Endstation

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 14.10.2010 02:47
von Pedro (gelöscht)
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Morgen Ralf,

zunächst einmal Glückwunsch, dass deine lieben Eltern so untergebracht sind, wie du es beschreibst.

"schade, dass pedro das thema nicht ein wenig mehr schwarz-humorig verbrämen konnte."

Ja, dein Zitat liest sich wesentlich besser als mein Textchen. Aber der alte Mann aus meiner Geschichte würde wohl nicht so sprechen, wie du ihn reden lässt.
Exs wäre eine ganz andere Geschichte, vielleicht besser.
Ich bedanke mich für deinen Kommentar.

Gruß

Pedro

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