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Sprunghaft

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 05.11.2010 18:24
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte

Sprunghaft

Auf dem Dach lag schon der Abend. Es war, als wären wir hinaufgestiegen, um etwas früher in ihm herum laufen zu können. Die Aussicht über den Rand war riesig, wenn auch nicht gerade weit. Das flache Gebäude unter unseren Füßen steckte wie in den Boden gerammt zwischen Baustellen, Wohnhäusern, Kränen und Türmen, die es allesamt überragten. Wie hoch mochte es sein? Acht Meter? Fünfzehn Meter? Egal. Genau richtig. Ein graues müdes Betonkind an der Hand zwischen Erwachsenen, und wir auf seinem Kopf.
Nadja balancierte auf der niedrigen den Rand des Daches umgebenden Mauer wie eine Seiltänzerin, tat permanent ein bisschen so als würde sie taumeln, schaukelte mit ihren ausgestreckten Armen auf und ab, machte Faxen. Super sah sie aus, dachte ich und ignorierte sie dabei so gut es ging. Anders konnte ich ihr nicht nahe sein.
„Könnte ein bisschen wärmer sein, findest du nicht?“, piepste mir Felicitas von der Seite her zu. Sie hatte sich in meinen linken Arm eingehakt, weswegen ich die Hand aus der Tasche hatte ziehen müssen und jetzt ein bisschen verkrampft dastand, ständig darauf Acht gebend, mich mit meiner Armbanduhr nicht in den weiten Maschen dieses verknoteten Haufens rosa Fusseln zu verfangen, den sie als Pullover trug.
„Nein, könnte es nicht. Es ist perfekt“, sagte ich und befreite mich dabei aus ihrem Griff. „Komm, beweg dich ein bisschen. Dann wird dir warm.“
Ich ging in Nadjas Richtung, zumindest ungefähr in ihre Richtung. Genau so sehr nicht in ihre Richtung, dass sie, sobald ich den Dachrand erreichen würde, auf mich zu kommen musste und nicht ich auf sie. Doch als ich dort ankam und möglichst sinnverloren über den erhöhten Rand auf die Fassade des gegenüberliegenden Hauses starrte, wechselte Nadja in meinem Augenwinkel den Kurs um 180 Grad und balancierte wieder zurück. So eine coole Sau, dachte ich. Und das, obwohl sie irgendetwas Schlager-artiges vor sich hin lala-te. Unglaublich.
Dazu lief Felicitas extrem uncooles Kontrastprogramm. „Pass auf, dass du nicht runter fällst.“
Nadja lachte amüsiert auf.
Weiter mich bemühend, sie zu ignorieren, stieg ich auch auf die Mauer und rief Felicitas zu: „Krieg dich mal wieder ein. Ich falle schon nicht.“
Scheiße, war das tief! Ein Blick bis hinunter zur untersten Fensterreihe der Fassade vor mir, reichte aus, zu ermessen, dass ich einen weiteren winzigen Schritt vorwärts mit einem Totschlag des Bürgersteigs in meine Fresse bezahlen müsste oder zumindest mit einem Tritt in den Unterleib, der mir alle Knochen südlich des obersten Lendenwirbels brechen würde. Da war auch kein Dachsims oder so. Einfach nur der Scheißabgrund. Aber nun stand ich schon mal hier oben. Mit jedem Schritt zurück würde ich mich lächerlich machen.
Dann schrie Felicitas auch noch: „Pass auf, du Idiot! Komm da runter! Ich kann das nicht mit ansehen.“
Blöde Kuh. Nach dieser Bemerkung gab es endgültig kein Zurück mehr. Ich heftete meinen Blick auf die mittlerweile wieder auf mich zu balancierende Nadja, in der Hoffnung, dass ihr großartiger Anblick und ihre Gelassenheit mich vor der aufsteigenden Panik bewahren würden, der Panik vor nichts anderem als der Panik selbst, der Angst vor der Angst, dem einzigen, was mich tatsächlich bedrohte, wenn ich es mir nüchtern überlegte, nicht mehr und nicht weniger. Dennoch fühlte es sich an, wie die Mündung einer gespannten Knarre in meinem Nacken. Ich versuchte, die Problematik im stummen Dialog mit mir wegzudiskutieren. Was könnte mich denn wirklich in den Abgrund werfen? Ein Luftstoß? Es war Flaute. Ein Fehltritt? Ich stehe doch. Ein Einstürzen des Daches? Unwahrscheinlich. Der Boden unter mir war fest, rauh und zuverlässig, nur eben zehn Zentimeter vor mir zu ende. Eine Ohnmacht? Noch verlor ich kein Blut. Ein sich plötzlich in mir Bahn brechender Todeswunsch, lange, vielleicht Zeitlebens in meinem Innersten verborgen, oft erahnt aber nie gefasst und zur Rede gestellt, nie bewältigt oder gelöscht, dafür geduldig wie eine Venusfliegenfalle aber schwach, nur auf diesen Moment lauernd, bei dem es lediglich eines kleinen Winks bedarf, mich zur Strecke zu bringen, den Moment, in dem alle meine Sinne gestrafft, gespannt und abgelenkt sind und das einkippen eine kleinen Lüge, einer Intrige, eines Gerüchts in die Befehlskette meiner Bewegungsabläufe ausreicht, um mich über die Klippe stürzen zu lassen? Vielleicht.
Nadja legte plötzlich neben ihren Blick in meinem Gesicht ihre Hand auf meine Schulter, und ich entspannte mich ein wenig, fühlte mich sicherer. Dabei war sie auch so ein Gerücht, eine schummelnde Fantasie in meinem Unland der begrenzten Möglichkeiten. Aber eine, die sich nicht in meine Bewegungen, sondern in meine Gedanken, meine Wünsche, meine Erwartungen einschlich. Ich musste das wollen, von dem ich glaubte, dass sie es wollte. Ich musste das tun, von dem ich annahm, dass sie es nicht von mir erwartete, weil sie genau das von mir erwartete. Sie lenkte mich mit ihren Gesten, ihren Blicken, ihren Worten, und je weniger diese mir galten, desto mehr beherrschten sie mich.
„Ich hasse dich“, sagte ich und meinte es so wie ich sie liebte. Das ist der große Vorteil an coolen Frauen. Man kann ihnen diese Worte sagen und entweder sie wissen wie man es meint oder es ist ihnen egal, aber man wird jede Silbe los mit all ihrer Schwere, ihren Scherben und Kanten.
Von hinten spürte ich Felicitas Körper sich nähern. „Was sagst du?“
„Ich spreche nicht mit dir“, schrie ich, überrascht von mir selbst, während ich weiter Nadja ansah.
Felicitas blieb stehen und wurde zu einem entsetzten Wehklagen: „.Hast du etwa wieder deine Medikamente abgesetzt?“
Nadja sagte ganz ruhig, „Spring doch. Dann bist du frei“, und ich wusste dass sie es so meinte, und dass sie es gut meinte. So funktionierte sie. Keine Kompromisse, kein Rückwärtsgang, keine Chance zu klein, keine Bedrohung zu groß. Ursachen schaffen, Wirkung zeigen, egal welche. Unglücklichsein war verboten, auch Gleichgültigkeit, manchmal das Denken an morgen. Sonst nichts. Ein Sprung wäre nicht gleichgültig. Und unglücklich wäre ich währenddessen auch nicht. Höchstens danach. Doch das wäre morgen.
„Frei von dir?“ fragte ich.
„Wovon sonst.“
Aber das war wieder eine Lüge, wenn auch eine wahre. Natürlich wäre ich frei von allem, auch von dem was mich bedroht, wenn nichts mehr da wäre, was mich bedrohte. Aber es wäre keine Freiheit zu entscheiden, Freiheit, Dinge zu tun die ich wollte. Es wäre eine Befreiung vom Willen selbst, von den Dingen und ihrem Tun. Eine Befreiung von der Freiheit so zu sagen.
Felicitas saß mittlerweile auf dem Boden und weinte Worte wie "Mit wem sprichst du" und "das ist ein Alptraum". In diesem Moment wollte ich in ihre Augen voller Trauer gesehen, aber Nadjas Blick war in dem Moment mein mich auf dem Ende der Welt haltender Anker, auch wenn sie diejenige war, die mir empfahl zu springen und nicht die, die mich bat zurück zu kommen. Denn ihr Vorschlag implizierte auch das Gegenteil, die nicht-Befolgung, die Option das Gegenteil zu tun, die Möglichkeit einer eigenen Entscheidung. Ich konnte mich entscheiden, hier stehen zu bleiben und nicht zu fallen oder zu stolpern. Felicitas Verletztheit und ihre Angst um mich gäben mir keinen Halt, sie brächten mich wahrscheinlich aus dem Gleichgewicht. Und es gibt nichts Wichtigeres, wenn man am Abgrund steht, als Gleichgewicht. Dabei wollte ich Felicitas Leid, das ich wieder einmal verursacht hatte, teilen. Das halbe Leid. Meinetwegen auch das ganze. Aber in diesem Moment hätte wahrscheinlich ein Viertel gereicht, um mich vom Dach zu werfen.
„Ich kann nicht frei sein, wenn ich tue was du sagst“, sprach ich in den Raum in dem Nadja vorgab zu existieren.
"woher willst du das wissen? Das hast du doch noch nie getan. Du bist nicht frei, weil du es nicht tust.“ antwortete sie. Wieder meinte sie es. Das wusste ich und das erste Mal seit ich sie kannte, glibberten Tränen in ihren Augen, „Du hast keine Wahl.“ Sie schwappten über und rannen über ihre perfekten Wangen.
„Warum weinst du?“ fragte ich.
„Weil du weinst“, antwortete Nadja und meinte die Zukunft. Dann blickte sie hinab in den Abgrund, nahm meine Hand und sagte: „Komm, wir springen gemeinsam.“
„Du zuerst“, erwiderte ich und sie tat es. Das Fallen begann in ihrem Körper. Ihre Hand sank von meiner Schulter, ihr Blick fiel über meine Füße auf den Boden. „In Ordnung. Aber du weißt, was passiert, wenn du es nicht tust?“
Ich nickte: „Ich verspreche es dir.“
Noch einmal erklommen mich ihre Augen und sprachen einen stummen Abschied. Als sie fiel, rang ich kurz um Balance, fing mich wieder, wandte zu Felicitas zu, die immer noch am Boden des Daches kauerte und hüpfte mit einem Satz vor ihre Füße. Sie sah zu mir auf und sagte, „Du Scheißkerl. Ich dachte, du springst.“
„Bin ich doch“ erwiderte ich mit einem bescheuerten Grinsen. Felicitas erwiderte es auf unergründliche Weise, während ich wachsenden Straßenlärm und Geschrei wahrnahm. Denn ihr Mund grinste zurück, ihre Augen taten es nicht. Das machte mir Angst. Was sollte ich jetzt tun? Stolz darauf sein, dass ich mir anscheinend nahtlos nach Nadjas Entschwinden nicht mehr nur einen einzelnen Menschen, sondern ganze Straßentummulte inklusive Sirenengeheul einbliden konnte? Oder entsetzt darüber sein, dass ich es musste? Erst mal sehen, was die Medikamente sagen, welche auch immer.


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zuletzt bearbeitet 06.11.2010 15:33 | nach oben

#2

RE: Sprunghaft

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 05.11.2010 18:38
von Landloper | 333 Beiträge | 333 Punkte

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zuletzt bearbeitet 09.12.2010 07:37 | nach oben

#3

RE: Sprunghaft

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 06.11.2010 15:18
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte

Hallo Landloper,

guter Hinweis. Während ich so schrieb, dachte ich an dieser Stelle, spätestens jetzt müsste es ja jeder kapiert haben. Daher entsprang dieser Satz wohl meiner Angst, mir vom Leser ein "Öh, ich weiß ja jetzt schon wie es ausgeht" abzuholen. Aber selbst wenn, hast Du recht.

Habe jetzt den Absatz geändert. Zur Nachvollziehbarkeit hier noch mal die alte Fassung:

Zitat
ch musste das tun, von dem ich annahm, dass sie es nicht von mir erwartete, weil sie genau das von mir erwartete. Sie lenkte mich mit ihren Gesten, ihren Blicken, ihren Worten, und je weniger diese mir galten, desto mehr beherrschten sie mich. Dabei war Nadja gar nicht real. Ein spukendes Gespenst in meinem Kopf, ein lebende Schaufensterpuppe, die in den Auslagen meiner Schaufensteraugen lebte und sich in meinen Blick nach draußen einfügte wie ein Teil der Außenwelt.



Danke und Grüße,
GW


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zuletzt bearbeitet 06.11.2010 15:18 | nach oben


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