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#1

Oskar Loerke (1884-1941)

in Rumpelkammer 10.04.2016 07:57
von Alcedo • Mitglied | 2.548 Beiträge | 2394 Punkte

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Jedwedes blutgefügte Reich

Sinkt ein, dem Maulwurfshügel gleich.

Jedwedes lichtgeborene Wort

Wirkt durch das Dunkel fort und fort.


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e-Gut
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#2

RE: Oskar Loerke (1884-1941)

in Rumpelkammer 10.04.2016 08:04
von Alcedo • Mitglied | 2.548 Beiträge | 2394 Punkte

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Die Vogelstraßen


Vor vielen tausend Jahren auferbaut,

Ziehn hoch durch Luft die großen Vogelstraßen.
Den Erdball, wie ihn Ferndampf drunten blaut,
Ermaßen Flügel nur mit Himmelmaßen.

Sie sind verboten aller Menschenlast,
Verwehrt dem zwiegespaltnen Huf, der Klaue.
Kein Stäubchen lagert dort, kein Blatt vom Ast
Und, gibt es Gott, kein Haar von seiner Braue.

Von einer solchen Straße überbrückt,

Sahst du ums Haupt dir ihren Schatten stürzen.
Das Licht, das jemals unter ihr gerückt,

Sahst du erscheinen und zum Blitz sich kürzen.

Du hast die magische Figur befragt:

Als Donner schlug sie sich in träge Stücke!
Dein Magisches, dein Vogel-Leichtes jagt
Entlang die unsichtbare lange Brücke.

Des einen Endes Pfeiler steht in Frost,

Wo Moorpech quillt und Sumpfohreulen kreisen
Und Federschwänze klatschen, rot von Rost,
Entrafft der Flut voll aufgelöstem Eisen.

Des andern Endes Pfeiler hüllt Geschmeiß,
Zum Fraß gesellt, im Neide sich Gehilfe -
Doch dort ertönt ein Strom in seinem Fleiß,
Dort senkt die Vogelstraße sich zum Schilfe.

Nicht fern besteigt den klaren Bergvulkan
Ein Elefant, schaut einsam in den Krater.
Darüber sinnt der Himmel, aufgetan,

Sein Alter aus, und er weiß keinen Vater.

Und Bild um Bild erbangt nach einem Sinn

Ob Worten, die wir sonst im Sinne hatten.
Auch dies scheint Donnerrufen her und hin,
Dem Blitz vorweggenommen als sein Schatten.

Zu reisen, ist der Vögel Winterschlaf,

Der schwere Frösche, Schlangen oder Bären
Im Schwebetraume nur mitschwebend traf.
O daß wir alle Vogelseelen wären!

aus Der längste Tag (1926)

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e-Gut
zuletzt bearbeitet 13.04.2016 19:28 | nach oben

#3

RE: Oskar Loerke (1884-1941)

in Rumpelkammer 14.04.2017 15:28
von Alcedo • Mitglied | 2.548 Beiträge | 2394 Punkte

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Die Laubwolke


Beständig ist das leicht Verletzliche.

Lange hing die grüne Wolke über der Erde,
Wohin ging sie?

Im neuen Frühling schwebt sie wieder an
Und erfüllt ihren Ort
Zwischen Grund und Höhe.
Vom Winde gesteuert,
Vom Regen gedrängt,
Vom Licht gehoben,
Kehrt sie immer zurück
Und bleibt so viele Jahre.

Jedesmal in den herbstlichen Lichtern
Klagts aus ihr: ich sinke, warum ich?
Und lauter mit dem Sinn von Dichtern:
Es stürzt mich, ja, warum nicht mich?

Wird es dann Winter -
Im Himmel kriecht gekrümmtes Gestäbe,
Den einmal gewachsenen Abstand nicht ändernd,
Eins des andern vielleicht nicht gewahr,
Doch beisammen in gleicher Spreizung.

Zwischen Grund und Höhe,
Von der Säge des Gärtners unzerrissen,
Von der Axt des Fällers nicht getroffen,
Bleibt das Gesetz:
Beständig ist das leicht Verletzliche.



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e-Gut
zuletzt bearbeitet 14.04.2017 15:29 | nach oben

#4

RE: Oskar Loerke (1884-1941)

in Rumpelkammer 27.09.2018 11:21
von Alcedo • Mitglied | 2.548 Beiträge | 2394 Punkte

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Blauer Abend in Berlin



Der Himmel fließt in steinernen Kanälen;
denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen
sind alle Straßen, voll vom Himmelblauen
und Kuppeln gleichen Bojen, Schlote Pfählen

im Wasser. Schwarze Essendämpfe schwelen
und sind wie Wasserpflanzen anzuschauen.
Die Leben, die sich ganz im Grunde stauen,
beginnen sacht vom Himmel zu erzählen,

gemengt, entwirrt nach blauen Melodien.
Wie eines Wassers Bodensatz und Tand
regt sie des Wassers Wille und Verstand

im Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.
Die Menschen sind wie grober bunter Sand
im linden Spiel der großen Wellenhand.

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e-Gut
zuletzt bearbeitet 27.09.2018 11:21 | nach oben

#5

RE: Oskar Loerke (1884-1941)

in Rumpelkammer 27.09.2018 14:55
von Prolet | 71 Beiträge | 10 Punkte

Tiefer gedacht als es für flüchtige Passagiere üblich ist. Ja wir sind bunter Sand, so kann es auch gesagt werden.
Dem Autor danke ich für seine vielen Gedanken.
Prolet


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