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Frohe Weihnachten, Geilspecht!

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 27.12.2008 13:30
von Pseudonym • Ghostwriter | 41 Beiträge | 41 Punkte
Frohe Weihnachten, Geilspecht!
 
Einen Tag vor dem sogenannnten Heiligen Abend hatte es schon begonnen, genauer erwähnt, es hatte schon vor Monaten eingesetzt. Wie aus einem leichten Nieseln kaum merkbar Regen wird. Erst dann, wenn es schon ungemütlich niederprasselt, dringt es auch ins Bewusstsein und stellt fest, es regnet. So ähnlich war es auch in diesem Fall. Aber eine der Aussagen, die von nicht zu unterschätzender Bedeutung war, die fiel am Tag vor dem Abend, der alles andere als heilig verlaufen sollte.
 
Immer bemüht, sparsam zu sein, meine ich auch, ich bin es; anders käme ich gar nicht über die Runden. Gezwungenermaßen wurde es zur Gewohnheit. So auch beim Kauf von Leinen, aufgezogen auf einem Holzrahmen. Die Preise sind Sehr unterschiedlich, wie es bei vielen Waren festzustellen ist. Meist verwende ich die Größe von 50 x 40 Zentimeter, sehe mich vorher in den Geschäften um, wo ich nicht nur qualitative, sondern auch preislich Unterschiede feststellen muss.
 
Dann steht weiße, unbemalte, mich faszinierende Leinen auf der Staffelei. Ein blendendes Weiß, unverdorben und noch von keinem  Pinselstrich verunstaltet. Dieser Anblick gefällt mir, besser als das schönste Bild, das ich je zustande brachte.  Mit ausgestreckter Hand, den Pinsel locker zwischen den Fingern, trage ich den ersten Farbpunkt auf. Immer wieder ein erhabenes Gefühl für mich. Noch sind alle Möglichkeiten offen, jetzt noch könnte ich meinen Vorstellungen  freien Lauf lassen, wenn ich es nur  könnte. Kein Strich ist getan, mit dem ich unzufrieden sein müsste. Aus den Tuben drücke ich vorsichtig dosierend etwas Farbe auf die Palette. Wenn es nicht genau gelingt, sehe ich mich dem Dilemma gegenüber, die blaue Farbe, mit der ich begann, nicht aufgebraucht zu haben. Wohin damit? Den Pinsel auswaschen und zur anderen Farbe zu greifen, das wäre pure Verschwendung. Genau für diesen Fall sähe ich es angebracht, zu einem anderen Bild zu wechseln, dort weiterarbeiten zu können, ohne dass die Farbe sinnlos vertrocknet. Deshalb trachte ich danach, in Ermangelung von Platz und einer zweiten Staffelei, das in Arbeit befindliche Bild gegen ein anderes, begonnenes auszutauschen, an dem ich mit meiner klecksenden Tätigkeit fortsetzen kann. So ideal und einfach ist es nicht, wie soeben beschrieben, aber immerhin ein Weg, um wirtschaftlicher zu arbeiten.
 
Irgendwann kam doch diese Aussage "Du wirfst zu viel Geld für Leinen hinaus. Mach doch lieber ein Bild fertig!"
Genau diese Aussage, die war es, dieser Vorwurf, der mir zusetzte. Er traf mich hart und hat sich in mir eingegraben. Keine leicht lösbare Aufgabe, zu widersprechen und die Umstände zu erklären. Bestimmt dann nicht, wenn es keine Möglichkeit gibt, zu widersprechen, da jeder dafür bestimmte Satz mit einer Fortsetzung des Palavers abgeschnitten würde und keine Chance hätte, ausgesprochen zu werden.
 
Vergrämt und unverstanden ziehe ich mich in meine Kemenate, das neun Quadratmeter kleine Kabinett zurück. Das ist kein Schmollen, es ist Zuflucht. Wobei ich genau weiß, jetzt sollte ich nicht den Computer einschalten, denn nur allzu folgte der Vorwurf: "Du sitzt den ganzen Tag vor dem Computer. Am besten, ich würde das Zimmer anzünden."
Zu argumentieren "Ich spiele ja nicht, ich schreibe.", das wäre sinnlos, es käme sofort die gestellte Frage: "Und wer ist sie, der du Liebesbriefe schreibst?" Ich weiß doch stets, von wo und wie die Angriffe kommen.
 
Unlängst, als ich wieder einmal für ein Programm einen Treiber suchte, was nicht immer auf Anhieb gelingt, wo doch unzählige Werbung aufblitzt und weggeklickt werden soll, nervte mich auch so eine immer wiederkehrende aufdringliche Werbung einer Partner-Vermittlung. Mit grüner und roter blinkender Schrift stach es alle paar Sekunden in meine Augen:
"Erfülle Deine Erotischen Wünsche, Nadja wartet auf Dich!" - Und weg war sie wieder, die Einschaltung. Als ob ich nichts Besseres zu tun hätte; ich, bis oben hinauf zugekleistert mit Arbeit und Sorgen, gerade ich, habe nichts Besseres zu tun als mich mit einer vollbusigen Nadja zu unterhalten, hinter der womöglich irgendein kahlköpfiger geschäftstüchtiger Typ steckt, der sich krumm verdient. Nein, nicht mit mir, sicher nicht! Nicht dass ich etwas gegen Kahlköpfige hätte – auch mir kann diese kleine Nebensächlichkeit bevorstehen, die ich dann entweder als Mangel oder als Zeichen von Würde hinzunehmen habe; nur habe ich im Laufe der Zeit eine sich verstärkende Allergie gegen unverschämte Methoden des Absahnens, gegen Werbung insgesamt, entwickelt.
 
Ich hatte mir Kaffee zubereitet. Diesen jonglierte ich gerade herein, und für einen kurzen Moment blieb die Tür offen, ehe ich sie schließen konnte, da ich nur zwei Hände habe. Der kleine Spalt hatte genügt, sie hatte es erblickt, dieses Bild von dieser Nadja: oben ohne, mit einer Schnur im Schritt, sonst weiter nichts an Bekleidung; wobei diesen dreckigen Spagat als Bekleidung zu bezeichnen, eine Beleidigung für jede anständige Bekleidung sein muss.
 
„Wieso hast du das Bild weggeschaltet? Ich habe es noch gesehen!“ „Ich habe gar nichts weggeschaltet, das war irgend so eine Werbung, die kommen doch ununterbrochen.“ „Mich kannst du doch nicht für blöd verkaufen, ich habe es gesehen. Jetzt siehst du dir schon die nackten Weiber im Internet an, du geiler Specht!“ - Verdutztes sprachloses Schweigen – „Pass nur auf, dass sie dich nicht erwischen. Du schaust dir sicher auch Bilder von kleinen Mädchen an. Ich brauche mitten in der Nacht keine Hausdurchsuchung. Die sind nicht zimperlich, sie treten einfach die Türe ein, dann durchwühlen sie die ganze Wohnung. Deine PCs werden mitgenommen und alles was dazu gehört. - Was meinst du, was das für Aufsehen gibt, welche Schande das wäre.  Ich könnte nicht mehr unter die Leute gehen und müsste mich schämen. Gerade du in deinem Alter. Wie ein Mensch nur so dreckige Gedanken haben kann!“
 
Mit dem Blick suchte ich das Zimmer ab und wusste nicht, was ich suchte; ich war irritiert. Es rauschte in meinen Ohren. Die Kaffeetasse hatte ich niedergestellt.
 
Mehr als eine Stunde hat es gedauert, bis die Wut mich nicht mehr zu fressen schien. Inzwischen hatte ich mir Kaffe nachgeschenkt. Auch ein Kochtopf verliert nicht schlagartig seine Hitze. So ähnlich lange hatte es bei mir gedauert, bis die ärgste Wut, die förmlich in meinen Eingeweiden zu rumoren schien und mir Luft nahm, sich gemäßigt hatte und ich mich in einem für mich einigermaßen erträglichen Zustand befand.
 
Nicht vorzustellen – und doch musste ich es: man stelle sich vor, es ist 3:45 am Morgen und mit Gepolter stürmt die Spezialeinheit Kommando Kobra meine Wohnung. Derbe Tritte lassen die Türe zersplittern, ob versperrt ist oder nicht. Mit Maschinenpistolen im Anschlag und dröhnenden Schritten donnern sie bis zum Bett. Ich fahre erschrocken hoch, werde hochgezerrt und ehe ich mich versehe ist mir das Schultergelenk ausgekugelt und die Hände mit Handschellen auf den Rücken fixiert. Ich stolpere, liege auf dem Boden, schon knien zwei der maskierten Staatsbeschützer auf mir, denen egal ist, ob meine Wirbelsäule knackst oder nicht. Von einem Ohr zum anderen, über den Mund hinweg zurrt man einen breiten Klebestreifen über mein Gesicht, auch die Nase wird flach niedergeklebt. Atmen ist fast unmöglich. Meine gedämpften Schmerzenslaute veranlassen zu grimmigem Gelächter. Aus mir unbekananten Sicherheitsgründen wird mit der Dame, die bis dahin neben mir friedlich im Bett schlummerte, ebenso verfahren. Dann geht es mit Gepolter hinaus in die grimmige Kälte. Neiiin! Fürchterliiich!
 
Einige Zeit brauchte ich, bis ich wusste, dass ich eingeschlafen war. Mit einem Blick auf meine Uhr stellte ich fest, es war 15:20, Heiliger Abend. Üblicherweise der Tag und ungefähr die Zeit, wo sich viele wenigstens für einige Minuten des Familienlebens bewusst werden. Die Lichter am Baum werden eingeschaltet und Kinder singen erwartungsvoll, je nach Talent falsch oder richtig. Manche brüllen ungezogen weiter oder erheben sich erst gar nicht von ihren Ballerspielen, die für sie der Höhepunkt des Lebens und der Erziehung sind. Der Tag und die Zeit für Harmonie und Rührseligkeit pur.
Aber das Poltern war noch da. Zwar nicht so heftig wie ich es im Schlaf vernommen hatte. Es war ein Klopfen an der Wohnungstür, ein ’normales’ Klopfen, soferne man in dieser Stunde der Einkehr das Klopfen an die Türen anderer als normal bezeichnen kann.
 
Bis ich mich ächzend, von meinen Schlafereignissen noch benommen, hochwälzte, war meine Frau schon zur Tür geeilt. Meine häufigen Ermahnungen hatten offensichtlich nicht gefruchtet. Dabei hatte ich genau darauf hingewiesen, besonders zu Weihnacht und Silvester, vorsichtig mit leichtfertigem Öffnen der Türe zu sein.
 
Unter verschiedenen Vorwänden versuchen Kriminelle Einlass zu erlangen. Die Palette der Tricks ist schier unendlich. Somit erklärte sich auch meine aufsteigendes ungutes Gefühl bei diesem akustischen Ansuchen um Einlass.  Als ich das verhaltene Krächzen vernahm, traute ich meinen Ohren nicht. Die Stimme kam mir bekannt vor. Es war genau diese Nachbarin aus unserem Wohnblock, der ich einmal klarmachen wollte, warum ihre Sprechanlage und der Türöffner nicht funktionierten.  Ich erklärte ihr, der Fehler an ihrer Sprechanlage sei ein Kontaktfehler, entstanden vermutlich durch Küchendunst-Ablagerungen am Schalter ihres Haustelefones. Ihre mangelnde Einsicht hatte zur Folge, dass im gesamten Gebäude die Leitungen aus den Rohren herausgezogen wurden. Meine Proteste verhallten erfolglos, das alles nur wegen Gekeifes.
 
Man stelle sich das vor – in einem fünfstöckigen Gebäude.  Wie ich damals beobachten konnte, sparte die Elektrofirma sehr, denn genau die gleichen Drähte wurden wieder in tagelanger Arbeit eingezogen. Dementsprechend fiel die Rechnung aus, etwa zehntausend Mark, die auf die fünfzehn Bewohner aufgeteilt wurden. Zwei Wochen später waren wieder Funktionsausfälle festzustellen. Außerdem hatte die Elektrofirma den wirklich unschuldigen Verstärkerteil der Gegensprechanlage mitgenommen und gegen einen anderen ausgetauscht, der leiser war und jede Stimme unkenntlich verstümmelte und ein vibrierendes Krächzen verlieh.
 
Diese Nachbarin mochte mich einfach nicht! Noch heute höre ich ihre Antwort auf meine Argumente, als ich erklärte, wie unnütz und verschwenderisch diese Installationsarbeit sei. Sie sagte damals wortwörtlich „Seien sie still, sie verstehen davon nichts. Sie sind ja beschränkt!“ Genau das waren ihre Worte am 16. Juni 1996. So etwas kann man einfach nicht vergessen, sogar der Tonfall, mit dem sie es sagte, hatte sich in mir eingeprägt, so auch das Datum. Nur bei der Uhrzeit bin ich mir etwas unsicher.
 
Und jetzt schrillte meine Alarmglocke als ich nach dem Öffnen der Tür den süßlichen Tonfall und die Stimme vernahm, die unverkennbar waren.  Ich konnte auch verstehen, um was für eine wichtige Angelegenheit es zu dieser familiären und zutiefst intimen Stunde am Heiligen Abend ging.
 
Mit einer brennenden Kerze kam die Hexe (ein anderer Ausdruck fällt mir momentan nicht ein) herein und faselte etwas von ’Licht des Friedens’, das nicht erlöschen dürfe und das Frieden bringt. Ich bin der Typ, der auf Löwengebrüll aus nächster Nähe reagiert, dem es komisch wird, wenn er am Rande einer Brücke steht und einige hundert Meter hinunterblickt. Dann spüre ich das Adrenalin in mir. Aber auch als ich das frömmelnde Gefasel vernahm, soeben aus dem Schlaf geschreckt, wo noch alles in mir gewaltig pulsierte, auch da spürte ich einen Adrenalinschub, der sich verstärkte, je mehr ich mir ins Bewusstsein rief: das ist mein Schlaf, meine Wohnung, mein heiliger Abend, mein Nachmittag und meine Einstellung, ob für mich Frieden an Pyromanie gekoppelt ist.
Höchstgradig verärgert und in kaum zu überbietender Erregung und ungestümer Aufwallung eines euflischen Verlangens schrie ich: “ Sie soll sich ihre Friedenskerze in den Arsch stecken!“ Ob sie es gehört hat oder nicht, weiß ich bis heute nicht. Meine Frau hatte es gehört.
 
Wir haben jetzt den 26. Dezember, Weihnachten; ich bin unrasiert und ich sitze mit einer leeren Flasche Mineralwasser und Papier mit Krümelresten noch immer in meinem Auto. Längst wäre ich schon irgendwohin gefahren, hätte es mir ein wenig erträglicher gemacht, aber die Lichtmaschine ist kaputt und meine Batterie total leer – total leer.
 
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