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Die Wahrheit über Bernd Taubel und

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 18.12.2008 12:11
von Epiklord | 70 Beiträge | 70 Punkte
Auf mich wirkt die damalige Angelegenheit noch heute wie ein ewig offenes Bein, dass zwar von einer äußerst empfindlichen Haut geschlossen scheint, die aber jederzeit einreißen kann. Vor dreiundvierzig Jahren bildeten wir sieben Jungen von der „Papenschule“ Hameln für ein paar verhängnisvolle Minuten eine verschworene Gemeinschaft.

Bernd Taubel war immer Drahtzieher gewesen. Später übernahm er in Hameln ein bescheidenes Baugeschäft von seinem Vater. Es vergrößerte sich zu einem riesigen Baufachmarkt mit einer Filiale in Hildesheim und Göttingen, deren Qualitätswaren begehrt sind. Den an sich lächerlichen, aber schicksalhaften Draht besorgte damals allerdings ein anderer, Udo Langner, der heute Bernd Taubels Hildesheimer Filiale leitet. Bernd richtete den arbeitslosen Udo vor fünfzehn Jahren, als er in den Alkohol abzustürzen drohte, mit unnachgiebigem Einsatz wieder auf, weil er fürchtete, der Alkohol würde Udo irgendwann gleichgültig machen und er könnte das Geheimnis aus jener Papenschüler-Verschwörung preisgeben.

Bernd Taubels Identität, sein Bewusstsein von Stärke und Macht sind an seinen Betrieb gebunden. Täglich wird dies Ego durch seine Belegschaft und die steigenden Umsatzzahlen bestätigt und noch verstärkt. Seine Loyalität ist den Geschäftsvorteilen untergeordnet; sie ist dehnbar wie Gummi. Er ist ein leicht jähzornig werdender, doch unermüdlich diszipliniert arbeitender Chef mit pedantischer Akribie, aber in der Freizeit ein hoffnungsloser Hedonist. Mit Menschen geringerer sozialer Stellung gibt er sich ungern ab. Auf den zahlreichen Veranstaltungen der gehobenen Gesellschaft ist er der unumstrittene Partylöwe und hat eine gefährlich unkontrollierbare Neigung zu den Frauen. Seine Frau bewahrt dabei eine scheinbar devote Gelassenheit. Von seinem schrecklichen Geheimnis aus der Papenschulära weiß sie noch nichts.

In der Öffentlichkeit trägt Bernd Taubel ausschließlich Business-Kleidung aus Kaschmir der Firma Windsor, zuhause aber schlichte Trainingsanzüge. Er hat schütteres, kurzgeschorenes blondes Haar und seine blaugrauen Augen sind versunken in reichlich Wangenspeck. Sein Hals quillt wie eine zu Fleisch gewordene medizinische Halsmanschette über den weißen Stehkragen. Schon immer hatte Bernd einen schwerfälligen Pinguingang. In letzter Zeit jedoch verspürte er erstmals Gelenkschmerzen, meist abwechselnd vor allem in den Hüft- und Kniegelenken, vielleicht Anzeichen von Rheuma oder Arthrose, die er aber bislang noch zu ignorieren versucht. Die großen, weichen Hände haben eine gewisse Eleganz. An seinen kleinen Fingern befinden sich stets schwere, diamantbesetzte Goldringe, die mit seinen Manschettenknöpfen harmonieren.

Wir übrigen der Clique aus der „Papenschule“ brachten es finanziell nicht so weit, haben aber unser Auskommen. Den profanen, aber teuflischen Plan mit dem Draht brüteten wir Sieben gemeinsam aus. Wir trafen uns nach dem Schulunterricht an einem Spätnachmittag im Klütwald. Damals leitete Bernd die Gruppe natürlich auch an, obwohl für die Tat wenig Organisationstalent gehörte. Wir hatten Respekt vor dem schon früher stämmigen, massigen Bernd Taubel, der energisch seine Anweisungen gab. Johann und mich teilte er ein, Tarnungsmaterial zu besorgen. Der Rest der Clique wurde ebenfalls mit kleinen Aufgaben betraut.

Das eine Ende des dünnen, äußerst reißfesten Drahtes befestigten wir in Kniehöhe an einem Baum vor dem von spärlichem Gestrüpp gesäumten Trampelpfad. Dann sahen wir auch schon den Kahlschädel mit der dicken Brille von unserem Klassenlehrer hinter der Anhöhe auftauchen. Dieser hatte uns vor der ganzen Klasse geschlagen und gedemütigt, weil wir auf einer Leiter stehend, abwechselnd durch ein Fenster in die Mädchentoiletten gegafft hatten.

Der Lehrer machte nachmittags immer seinen Waldspaziergang. Bernd gab sofort an Kurt den Befehl, das andere Drahtende über den Pfad an den vorgesehenen Baum zu spannen. Zu spät erkannte er, dass der Lehrer diesmal mit einem Fahrrad angehechelt kam. In der Eile war der Draht nicht mehr rechtzeitig zu entfernen. Der Lehrer stürzte mit voller Wucht über den Lenker, prallte mit dem Schädel auf den Fels und blieb reglos liegen.

Wir anderen gerieten in Panik und wollten davonlaufen. Bernd hielt uns zurück. Wir untersuchten den Lehrer, hielten ihm einen Spiegel vor Mund und Nase, horchten das Herz ab, tasteten vergeblich nach dem Puls. Mit jener Umsicht, zu der uns Bernd in dem Augenblick beschwor, beruhige ich noch heute wenigstens teilweise mein Gewissen. Doch unser Lehrer war tot. Bernd Taubel sorgte dafür, dass alle Spuren beseitigt wurden. Seine Kaltblütigkeit bewahrte uns vor der Aufdeckung des Falles und man glaubte an einen Unfall. Aber ohnehin wären wir nicht strafmündig gewesen.

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