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#1

Winterbild (Dezember)

in Ausgezeichnete Lyrik 15.12.2008 22:59
von Gast 1 (gelöscht)
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.





Winterbild





Verfestigt blickt der Frost aus Fensterritzen

und setzt sich kantig an die Gläserwände

des Wintergartens, den Orangenbäume

von Stroh gewärmt in Stille tauchen.

Verwelkte Lilien schauen aus Amphoren

unendlich traurig auf des Baches Stelle,

an der vor Tagen noch der Klang des Wassers

den Tanz der Sonnenstrahlen fing und milde

dem Bauch des Steges Lichter malte.

Ein Blick noch auf den roten Schnee - die Federn,

die nah beim Futterhaus davon erzählen,

warum der harte Winter mutig macht,

dann geh ich weiter meiner Wege.











.

zuletzt bearbeitet 02.09.2009 18:55 | nach oben

#2

Winterbild

in Ausgezeichnete Lyrik 21.12.2008 00:27
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte
Hi Katerchen

warum müssen die Lilien traurig schauen, und auch noch unendlich? die sind verwelkt und schauen auf den Bach, das reicht mir, um mir ein Bild zu machen, da muss mir das der Text nicht so explizit vorgeben.
"auf des Baches Stelle" finde ich ein bisschen unglücklich formuliert. die Schauen auf eine bestimmte Stelle im oder am Bach, das könnte man auch anders schreiben, so gefällts mir einfach nicht und es klingt als ob dem Bach eine bestimmte Stelle gehört.

das gefällt mir alles soweit ganz gut, aber haut mich nicht vom Hocker. die letzten 4 Zeilen reißen es aber dann raus. die sind wirklich klasse, die geben was her und gefallen mir echt gut.

Gruß
Simone


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#3

Winterbild

in Ausgezeichnete Lyrik 21.12.2008 11:18
von Habibi (gelöscht)
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Hallo Kater, ja, das Gedicht hat was, nur würde ich wegen des Rhythmusses statt "die" "welche" nehmen, weil ich finde, da gehört ein zweisilbiges Wort hin. Außerdem frage ich mich, ob wirklich Orangenbäume einen Wintergarten in Stille tauchen können?

Ansonsten gefällts mir aber gut.

Gruß von Habibi
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#4

Winterbild

in Ausgezeichnete Lyrik 21.12.2008 11:57
von Alcedo • Mitglied | 2.443 Beiträge | 2351 Punkte

Zitat:

Katerchen schrieb am 15.12.2008 22:59 Uhr:
.


Winterbild


Verfestigt blickt der Frost aus Fensterritzen
und setzt sich kantig an die Gläserwände
vom Wintergarten, den Orangenbäume
von Stroh gewärmt in Stille tauchen.
Verwelkte Lilien schauen aus Amphoren
unendlich traurig auf des Baches Stelle,
an der vor Tagen noch der Klang des Wassers
den Tanz der Sonnenstrahlen fing und milde
dem Bauch des Steges Lichter malte.
Ein Blick noch auf den roten Schnee - die Federn,
die nah beim Futterhaus davon erzählen,
warum der harte Winter mutig macht,
dann geh ich weiter meiner Wege.



12.12.2oo8


.


hallo K.

Winterbilder sind was schönes. und hier spielst du wieder gekonnt mit der Erwartungshaltung des Lesers. es handelt sich nicht um das übliche Panorama. du schaffst es Orangenbäume und Lilien einzubauen, als Geschenk, als Bereicherung, ohne dass der Winter flöten ginge. jedenfalls ging es mir so. weißt du, ich schätze mittlerweile deine Lyrik so sehr, da sie immer Überraschungsmomente bereithält. ein neues Gedicht von dir unter Natur will wie ein Ritual gefeiert werden: ich zögere den Text nach der Überschrift ein wenig hinaus um alles auszublenden was mich umgibt, um nur noch zu lesen. ich möchte anmerken, dass es mir in diesem Zustand schwer fällt kritisch zu bleiben. ich möchte es gar nicht. dafür habe ich nachher noch Zeit. zuerst möchte ich konsumieren: Buchstaben, Stimmungen, Text. wie meistens bei deiner Lyrik, präsentiert sich mir der Textkörper in einem Block, als untrennbares Gefüge, aber nicht sehr lang. das steigert die Vorfreude. v-f. kann man es Staben nennen? Staben aus dem eff, eff?

Ver-, fest, Frost, Fenster. festgefroren blickt mir die Alliteration der ersten Zeile entgegen und bildet kristalline Kanten an der Verglasung eines Wintergartens. ein überaus gelungener Einstieg will ich meinen, wird doch das altbekannte romantische Fenstermotiv, auf die moderne Rundumsicht eines heutigen Wintergartens übertragen. und blickt einem von draussen der personifizierte Frost entgegen, so schauen von drinnen verwelkte Lilien zurück. Lilien? Lilien im Winter? ich hatte sie sofort vor Augen: weiße und blaue und weiße. Hochzeiten, Iris und Tod. und mir wird augenblicklich klar, es sind nicht Blumen, schon gar nicht künstliche, will heißen Kunststoff. sie sind ja verwelkt. nein, hier blickt mir ein metaphorisches Augenpaar von drinnen nach draussen in den Frost. verwelkt und traurig lassen aufs Alter schliessen. für mich sitzt nun eine alte Frau im Wintergarten mit traurigem Ausblick auf einen eingefrorenen Bachlauf.

die Mitte des Textblockes stellt über vier Zeilen eine Retrospektive dar: das Laute, Lebendige noch vor Tagen, bis hin zum vielleicht weiter zurück liegenden Sonnenlenz, der sich in Brückenbäuchen spiegelte. an Stelle solcher Reminiszenzen befindet sich aber für mich nur die schockgefrostete Bachoberfläche des Winters.

doch was nun folgt ist ein äußerst gelungener Schwenk der Perspektive. mit beginn der letzten vier Zeilen ("Ein Blick noch") wird subtil ein lyrisches Ich eingewoben, welches eindeutig erst in der letzten Zeile erkennbar wird. aber es erscheint nicht hinter Glas und eingeschlossen, sondern als Wanderermotiv, um bei der Romantik zu bleiben, als jener Teil der Landschaft, der die Statik aufhebt, durch ein vitales Weitergehen, über den eigenen Weg. wichtig hier auch die Spuren der Katze, der Wildheit, die sich am Futterhaus bediente. und ein vielleicht gemeinsamer Blick, von drinnen wie von draussen auf den blutigen Schnee. und befand ich mich also, als Leser, fast bis zur letzten Zeile innerhalb des Wintergartens, zusammen mit den metaphorischen Lilien, befinde ich mich zuletzt nun doch draussen, optimistisch unterwegs.

die Assoziationen die sich mir ergeben sind vielfältig. Mutter und Tochter, Mutter und Sohn wären die am naheliegendsten. Jugend versus Alter, unabhängig familiärer Banden, wäre gleichfalls ein schönes Winterbild. aber auch festgefahrene Lebenssituationen lassen sich unterbringen. Starre versus Bewegung. stagnierende Depression versus raumgreifendem Optimismus. und nicht zuletzt alles innerhalb offen sichtlichen Jahreszeit, im schlichten weit auslegbaren Bild.
selber habe ich nun ja keinen Wintergarten. unsere Oleander, Geranien und Artischocken überwintern in der Garage, die nur vom täglich abkühlenden Motor meines Fahrzeugs gewärmt wird. dem Zitronenbaum ist es da zu kalt. er sticht mich jedes Jahr wenn ich ihn in den Keller schleppe. ich möchte nicht, dass es ihm wie dem Ficus ergeht, der vor vier Jahren bei einem Kälteeinbruch seine Blätter abwarf und verstarb. ich habe aber eine sehr altmodische Garage, mit zwei relativ großen Fenstern und mit teilweise verglasten Flügeltüren. so war dann meine Garage, mein Wintergarten beim Lesen. und da kein Bach daneben langläuft, schaute ich aus meinen Fenstern auf die frostigen Himbeeren, deren abgefallenen Blätter, die eingeschlagenen Reben und auf die Schneereste auf den umgegrabenen Schollen. sind das nicht auch gefrorene Wellen? wird mir auch ein Enkel von draußen zuschauen, wenn ich seine alte Karre repariere? Teufel - nein!, der soll gefälligst selbst Hand anlegen... . was ich sagen möchte: er funktioniert, dein Text. ich vergass es kurz, dass ich mich in einem Onlineforum befinde, ich vergass den Sonntag, den Advent, mich, so wie ich gestern Abend die Heckklappe vergessen hatte zu schließen, sodass der Nachbar kurz vor Mitternacht ans Fenster klopfte, ob ich denn noch was zum ausladen hätte. der Weihnachtsbaum stand doch längst in der Garage! ich hatte die Klappe nach dem Ausladen sperrangelweit offen gelassen. und das Auto in der Einfahrt. das ist mir noch nie passiert. werde ich alt? meine Frau schüttelt den Kopf. und ich denke mir, das kann Lyrik - wenn sie gut ist.

weniger gut fand ich den Beginn der sechsten Zeile (ich gebs aber zu, es beim ersten lesen ausgeblendet zu haben). "unendlich traurig" ist trivial verbraucht genug um unschön aus dem Textkörper zu klaffen. darf ich einen Vorschlag machen?:
Verwelkte Lilien schauen aus Amphoren,
in Runzeln traurig auf des Baches Stelle,


auch "vom Wintergarten", in der dritten Zeile, hätte ich lieber als "des Wintergartens" gelesen.

ansonsten störte mir nichts die Rezeption.
achso, doch: das Datum unter dem Text. dies braucht es nicht. bei der Zeitlosigkeit stört es nur.

Gruß
Alcedo


e-Gut
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#5

Winterbild

in Ausgezeichnete Lyrik 23.12.2008 14:26
von Gast 1 (gelöscht)
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.

Hallo!

Ich bedanke mich für die hilfreichen Rückmeldungen!

Was soll ich mit den Satzkonstruktionen machen?

Z 2 - an
Z 3 - am

des - des

- auf die Stelle am Bach

- unendlich traurig möchte ich gerne behalten.
Die Steigerung ist bewußt simpel.

Warum ich die durch welche ersetzen soll, kann ich
im Moment nicht nachvollziehen. Was übersehe ich, Habibi?


(Alcedo!)

Ich wünschte, ich könnte einen solchen Kommentar schreiben. DANKE!
Angesichts Deiner Rückmeldung, bekomme ich immer noch rote Wangen.


Liebe Grüße
und eine schöne Zeit!


Katerchen

.










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#6

Winterbild

in Ausgezeichnete Lyrik 23.12.2008 15:56
von Habibi (gelöscht)
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...die Federn, welche nah beim Futterhaus"

lies mal die Stelle mit "die" und "welche", da merkst du vielleicht, was dem Lesefluss/Rhythmus besser bekommt.

Gruß Habibi
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#7

Winterbild

in Ausgezeichnete Lyrik 23.12.2008 16:14
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte

wenn das ein Prosa Text wäre, würde ich Habibi recht geben. aber hier würde die Änderung in welche den Lesefluß - der übrigens für mich insgesamt und auch an der Stelle sehr gut funktioniert - kaputt machen.

Durch die Zeilenschaltung entseht nach "die Federn" eine Pause und in der nächsten Zeile ist man wieder im Rhythmus. also ich würde es auf jeden Fall so lassen wie es ist.


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#8

Winterbild

in Ausgezeichnete Lyrik 23.12.2008 17:12
von Alcedo • Mitglied | 2.443 Beiträge | 2351 Punkte
@Katerchen:
gern geschehen.

"welche" würde ich nicht an den Zeilenbeginn setzen. es würde die Senkung zum Auftakt killen und die Zeile trochäisch fallen lassen.

wenn dich die "die"-Repetition stört, dann würde ich sie eher in der Federnzeile tilgen. also so:

Ein Blick noch auf den roten Schnee - Federn,
die nah beim Futterhaus davon erzählen,


ich glaube die Pause, das Stocken durch den Gedankenstrich wird damit sogar noch verstärkt. fände ich gut.

Gruß
Alcedo

e-Gut
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#9

Winterbild

in Ausgezeichnete Lyrik 23.12.2008 23:05
von Gast 1 (gelöscht)
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.

Hallo Simone!

Ich bedanke mich nochmals für die gute Zusammenarbeit.

"vom" ist hier umgangssprachlich und selbstverständlich
nicht korrekt.

"welche", Habibi, ist ganz klar wg. des Rhythmus
nicht machbar. Gerade deshalb irritierte mich Dein Einwand.


Alcedo!

Die Hebungen an dieser Stelle gefallen mir nicht so gut.
Folgende Änderungen könnte ich mir noch vorstellen:

Ein Blick noch auf die Federn - den roten Schnee,
der nah beim Futterhaus davon erzählt,


Ich bedanke mich für die Bemühungen
und wünsche allseits einen angenehmen Abend.


Liebe Grüße
Katerchen


(immer noch mit roten Wangen ;))
.



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#10

Winterbild

in Ausgezeichnete Lyrik 24.12.2008 01:13
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte
zu der Bach-Stelle hätte ich den Vorschlag:

Verwelkte Lilien schauen aus Amphoren
unendlich traurig auf das Bett des Baches,
in dem vor Tagen noch der Klang des Wassers

und an der Schnee – Federn Stelle würde ich nichts ändern. die Dopplung von "die" stört mich überhaupt nicht. ich finde das gut so wie es ist.
die Reihenfolge ist so auch meiner Meinung nach, besser. erst das Blick auf das Rot, das ins Auge sticht, dann die Einzelheiten, die Federn und dann die Erkenntnis was passiert ist.
mich würde auch, im Falle einer Umstellung, die harte männliche Endung von erzählt klanglich stören. die einzige männliche Endung die jetzt drin ist, ist bei "macht" und die passt da super hin, weil das die Stelle ist, in der die Erkenntnis da ist, bevor man dann im vorigen Rhythmus weiter geht.

Gruß
Sim

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#11

Winterbild

in Ausgezeichnete Lyrik 24.12.2008 21:39
von Gast 1 (gelöscht)
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.

Hallo Simone,

evtl. kommt es darauf an, ob die beiden v.g. Zeilen Spannung aufbauen sollen. In diesem Fall, der von mir nicht beabsichtigt war und ist, müßten, um die Spannung zu halten, zunächst die Federn, weil üblich für die
Umgebung eines Futterhauses, und erst danach der rote Schnee
in Erscheinung treten?

Ich möchte also an dieser Stelle Deine Überlegungen nicht in den Text umsetzen, Alcedo! Trotzdem: Herzlichen Dank!

Die Bach Stelle (sie mag starr erscheinen) möchte ich vorerst beibehalten. Die Genitivfülle ließe sich durch ein ortsbezogenes am Wintergarten reduzieren, was wiederum klanglich an Z1/ am Z2 störte.

Ich überlege noch!


Mit Dank und
lieben Grüßen

Katerchen

.









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