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#1

Dezember Nacht (November)

in Ausgezeichnete Lyrik 30.11.2008 17:05
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte



Dezember Nacht




Und wenn das Jahr vorüber geht,
in hohen, schwarzen Schuhen,
teilt es die Luft. Dann weht
ein Duft von Ungefähr zu mir
herüber, um mich auszubuhen.



Es riecht nach Äpfeln, rotem Wein;
ein Hauch von Kindheit: schal und matt.
Ein letzter Vogel singt allein
und mogelt sich ins falsche Nest,
weil er kein eignes Lager hat.


Ich decke mich mit Wehmut zu
und trinke heißes Wollen,
find in Gedankenländern Ruh
und schollengleich treibt mich der Geist
in eisgekühlten Schlaf.

zuletzt bearbeitet 02.09.2009 18:56 | nach oben

#2

Dezember Nacht

in Ausgezeichnete Lyrik 30.11.2008 17:20
von Habibi (gelöscht)
avatar
Hallo Simone, dein Gedicht gefällt mir, allerdings finde ich es schade, dass du dein Reimschema nicht durchgehalten hast. Insbesondere fällt das gerade bei der letzten - und so wichtigen - Zeile ins Auge. Auch, weil sie kürzer ist als die letzten Zeilen der Vorstrophen. Mir würde als Vorschlag einfallen:

...und schollengleich treibts mir den Geist
in eisgekühltem Schlaf zu rollen.

Dann hättest du zumindest das Reimschema der 1. Strophe wiederholt.

Aber man könnte das sicher auch noch anders formulieren.

Gruß Habibi
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#3

Dezember Nacht

in Ausgezeichnete Lyrik 30.11.2008 21:22
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte
Hi Habibi

eigentlich wollte ich den Text binnenreimen, aber die doofen Dinger schleichen sich immer ans Zeilenende. Ich hab die Reime jetzt doch noch etwas angepaßt. Allerdings speziell in der letzten Zeile möchte ich keinen Endreim haben. Die Zeile ist verkürzt und das ganze Geschehen bricht ab, mit dem Schlaf. Und das Wollen wird in schollengleich schon wieder aufgegriffen.

Danke und Gruß
Simone


alt

Und wenn das Jahr vorüber geht,
in hohen, schwarzen Schuhen,
teilt es die Luft. Dann weht
ein Duft von Ungefähr zu mir
herüber, um mich auszubuhen.

Es riecht nach gestern: schal und fad
und auch nach Räucherstäbchen.
Ein kleiner Vogel zwitschert matt
und mogelt sich ins falsche Nest,
weil er kein eignes Lager hat.

Ich decke mich mit Wehmut zu
und trinke heißes Wollen.
Find in Gedankenländern ruh
und schollengleich treibt mir der Geist
in eisgekühlten Schlaf.


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#4

Dezember Nacht

in Ausgezeichnete Lyrik 30.11.2008 21:36
von riemsche | 74 Beiträge | 74 Punkte
servus simone,
wie handhabt ihr das hier mit variationen? ich frage, weil ich meine grübler verständlicher in eigeninterpretationen verpacken kann, sonst zerpflücke ich mehr, wie ich beabsichtige. und das wäre mir speziell für die erste strophe ein greuel.
in der zweiten strophe ist mir nicht klar, warum sich ein vogel, wo doch alle anderen eh schon richtung süden unterwegs sind, in falsche nester mogeln muß. wenn die untermieter auf urlaub sind, gibts genug an nestern zu besetzen. letzte zeile /eisgekühlteM/? sonst wär in der vorletzten ein /mich/ statt dem /mir/ schlüssiger.

liebe grüsse
vom riemsche

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#5

Dezember Nacht

in Ausgezeichnete Lyrik 30.11.2008 21:55
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte
Hi riemsche

du darfst variieren, kritisieren, bombardieren, ganz wie du magst. allerdings wäre eine kurze Begründung dazu ganz schön.

einheimische Vögel fliegen ja nicht gen Süden und sind auch tagaktiv, deshalb allein.
ne, eisgekühlten ist schon richtig. mit dem mich/mir hab ich lang rumüberlegt, weil mir das mich auch besser gefällt und besser passt. allerdings kommt dann eine Doppeldeutigkeit von Geist auf, die ich da nicht haben wollte. aber ich denk noch mal drüber nach.

Danke und Gruß
Simone


edit

ich hab das jetzt doch ins mich geändert. beim nochmaligen nachdenken, gefällt mir die Doppeldeutigkeit doch irgendwie ganz gut.

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#6

Dezember Nacht

in Ausgezeichnete Lyrik 30.11.2008 23:16
von Leviathan | 44 Beiträge | 44 Punkte
Hi Simone
Dein Gedicht gefällt mir sehr.
Ich las es mir laut vor. Dann sah ich dich in einer Silvesternacht am Türrahmen stehen alleine. Ein Glas eisgekühlter Champagner in der Hand. Du hast über das vergangene Jahr nachgedacht, du warst nicht damit zufrieden. Deine Träume sind stehengeblieben aber du willst es ändern oder doch wieder auf Eis legen?
Meine Interpretation ist natürlich nicht von belang, wenn
aber bei mir Bilder bei einem Gedicht entstehen find ich´s gut.

Viele liebe Grüße Levi
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#7

Dezember Nacht

in Ausgezeichnete Lyrik 01.12.2008 14:44
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte
Hi Levi

freut mich, wenn der Text bei dir diese Bilder entstehen läßt, und gefällt, was will man mehr


Zitat:

Meine Interpretation ist natürlich nicht von belang

das sehe ich anders. meine Intention ist im Prinzip nicht von Belang, wichtig ist doch eigentlich nur, was beim Leser ankommt. oder das überhaupt was ankommt

Danke und Gruß
Simone

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#8

Dezember Nacht

in Ausgezeichnete Lyrik 03.12.2008 17:04
von Alcedo • Mitglied | 2.408 Beiträge | 2351 Punkte

Zitat:

Simone schrieb am 30.11.2008 17:05 Uhr:

Dezember Nacht


Und wenn das Jahr vorüber geht,
in hohen, schwarzen Schuhen,
teilt es die Luft. Dann weht
ein Duft von Ungefähr zu mir
herüber, um mich auszubuhen.

Es riecht nach Äpfeln, rotem Wein;
ein Hauch von Kindheit: schal und matt.
Ein letzter Vogel singt allein
und mogelt sich ins falsche Nest,
weil er kein eignes Lager hat.

Ich decke mich mit Wehmut zu
und trinke heißes Wollen.
Find in Gedankenländern ruh
und schollengleich treibt mich der Geist
in eisgekühlten Schlaf.


hallo Simone

das gefällt mir. fast alles. nur beim Einstieg fragte ich mich ob du wirklich alle Alternativen durchgespielt hast:
Sobald das Jahr vorüber geht,
oder
Wenn dieses Jahr vorüber geht,
oder
Wenn geil das Jahr vorüber geht,
oder
Wenn Jahr und Tag vorüber geht,
oder
was weiß ich. das "Und" gleich zu Beginn, erscheint mir nicht die beste Wahl.

hinter "Wollen" in S3 würde ich ein Komma setzen und mit einem Kleinen "find" weiter schreiben, wegen der Aufzählung und damit das "Find" wegen der Großschreibung nicht irrtümlich aus dem Jambus gelesen wird.
Ruhe ist ein Substantiv und müsste Groß geschrieben werden (S3Z3).

schön erscheint mir die Personifikation des Jahres. gefällt mir gut, zusammen mit der nostalgischen Duftnote und der wohldosierten Prise Melancholey, die sogar disharmonisch aus dem Reimgefüge fallen darf und sauber in der Kadenz nachwirkt: starkes Finale!

schön auch wie durch die klangliche Zuspitzung an den Strophenenden darauf hingearbeitet wurde:
auszubuhen =>XxXx weibliche Kadenz mit dunklem Vokal in der letzten Hebung
Lager hat => XxX Wechsel von einem langen auf einen kurzen a-Vokal in die männliche Kadenz
Schlaf => der langgezogene a-Vokal wird in Gänze dem finalen Nachklang überlassen

ich habs genossen.

Gruß
Alcedo

e-Gut
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#9

Dezember Nacht

in Ausgezeichnete Lyrik 03.12.2008 20:22
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte
Hi Alcedo

Deine Verbesserungen hab ich übernommen. thx

Was das "und" am Anfang betrifft. Ich hab da eigentlich nicht viele Alternativen durchgespielt, weil mir der Beginn mit "und" eigentlich gut gefällt und ich auch zur Zeit keine bessere Alternative sehe. Aber ich denk noch mal drüber nach.

Freut mich, dass es inhaltlich und sprachlich so gut bei dir ankommt und besonders der Schluß, da mir der persönlich am Herzen liegt und ich ihn selbst für ganz passend halte.

Danke für deinen Kommentar und die Nominierung
Gruß
Simone


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#10

Dezember Nacht

in Ausgezeichnete Lyrik 11.12.2008 20:59
von Gedichtbandage • Mitglied | 525 Beiträge | 525 Punkte
Hallo Simone,

ich möchte mich den Vorrednern anschließen, allerdings ein bisschen eingeschränkt.

Nach meinem persönlichen Geschmack(!) hapert es ein wenig an der Umsetzung, das beginnt mit den "Schuhen", die stören irgendwie ganz massiv, wieso können das nicht gleich Stiefel sein? - oder sind Stöckelschuhe gemeint, das wiederum passt nicht zu dem beschriebenen Bild, dann kommt der "Duft von "Ungefähr" (Klischee, vage), und das "auszubuhlen" - dann folgen Äpfel, roter Wein, ...weiter Kindheitserinnerungen, welche schal und matt sind, das ist nach meinem Empfinden kaum noch zu toppen...
...glücklicherweise kommt jetzt der Vogel im fremden Nest und poliert das Ganze neu, auch wenn der kein eignes Lager hat, muss man erst mal darüber nachdenken, auch warum das so wichtig ist!

Die (angenommene) Intention der letzten Strophe ist ein bisschen selbstzerfließendes Mitleid des lyr. Ichs, mit Fluchtzielortung, jedoch der eigenen hervorgekramten Härte, Resignation.
Na denn, Jute Nacht!

Trotz Alledem, ein melancholischer, nostalgischer Hauch ist da und dieser ist auch der Grund, sich damit zu beschäftigen und zu versuchen hinter Offensichtliches zu blicken.
Bunt gemischt sind alte Bilder, vertraute Gedanken, fremde Ichs…

...woanders und zu wem anders hätte ich jetzt gesagt „da musste nochmal ran, das kannste besser!“ allerdings hier bin ich nicht sicher, ob zwischen den hier stattfindenden Kleinlichkeiten soetwas nicht gleich als Kampfansage gewertet wird, was das Hiersein nicht unbedingt
erwünscht...

Beste Grüße,
Gedichtbandage
(Hobby-Ornithologie verpeilt, mit Meise auf dem Balkon und Hühnersch... unter dem Stiefel)

_________________________________________________________
>> Du verdammter Sadist:
Du versuchst deine Leser zum Denken zu zwingen.<< - E. E. Cummings zu Ezra Pound
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#11

Dezember Nacht

in Ausgezeichnete Lyrik 11.12.2008 22:07
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte
Hallo Gedichtbandage

ich geh erstmal auf die speziell benannten Kritikpunkte ein:

es sind hohe schwarze Schuhe. schwarz->Beerdigung, hoch weils kalt ist aber keine Stiefel weil man zu ner Beerdigung keine Stiefel trägt. (Stöckelschuhe hatte ich nicht im Sinn) … das ist für mich passend und da möchte ich auch nix ändern.

Ungefähr ist sicher vage und mag auch Klischee sein, aber Erinnerungen schleichen sich doch meist erstmal ganz vage heran, bevor sie sich konkretisieren, Form annehmen, die Gegenwart in der Vergangenheit spiegeln und eben auch manchmal mit dem Finger auf einen zeigen und laut buh rufen.

Äpfel und roter Wein sind Gerüche die das Ich an die Kindheit erinnern - sollte eigentlich Glühwein sein, passend zum Winter oder Weihnachtsmarkt/Weihnachten, aber Glühwein hat nicht ins Metrum gepasst … schal und matt ist Mist, ja, da fällt mir aber im Moment auch nichts besseres zu ein. muß ich noch mal drüber nachdenken.

dass dir der Vogel gefällt, freut mich, denn da hatte ich bedenken, dass ich den um die Ohren gehauen bekomme… der bezieht sich wieder auf die Vergangenheit oder möglicherweise auch auf die verlorene Kindheit. er ist heimatlos und versucht sich irgendwo ein Stück Heimat zu finden auch wenn es nicht seine eigene ist.

die letzte Strophe ist ziemlich weinerlich, jo. aber wann, wenn nicht am Jahresende, in einer kalten Dezember Nacht, darf man denn weinerlich sein. und wenn man den weinerlichen Dezember hinter sich gebracht hat folgt ein neues Jahr und weiter geht’s …

ich kann deine Kritikpunkte schon nachvollziehen und werd mir das noch mal durch den Kopf gehen lassen… was mich aber ziemlich stört, ist dieses "woanders und zu wem anders blabla" was soll das denn heißen? … Kind, du kannst alles zu mir sagen. Lass dich an meinen Busen drücken und sprich dich aus …

Besten Dank und Gruß
Simone

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