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#1

Eine Starre

in Düsteres und Trübsinniges 29.09.2008 15:26
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Eine Starre

Ein verwundertes Tier, diese Zeit.
Ein verfallender Tropfen gerinnt.
Ein verhaltenes Grau macht sich breit,
und die Dunkelheit opfert uns blind.

Ich erkenne nur dich noch und mich
und erkannte den Rand dieser Nacht.
Wir erschlafen erschlafft diesen Strich
und ermachten uns wieder die Wacht.

Jeder Tag ist ein Bild ohne Laut,
ohne Wind, doch mit Sonne und Grün.
Du bist nah, ohne Atem gebaut,
doch versuchst neue Linien zu ziehn.

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#2

Eine Starre

in Düsteres und Trübsinniges 29.09.2008 20:26
von Pog Mo Thon | 569 Beiträge | 569 Punkte
Hallo Gunter,

dein Gedicht klingt sehr schön, handwerklich sauber ist es ohnehin. Es klingt nach einer angenehm unweinerlichen Klage gegen die Starre einer Beziehung, die starre Monotonie des Alltags, das Kreisen eines Pärchens umeinander und ohne Frischluftzufuhr. Genauer kann ich es allerdings nicht erkennen und das liegt an eigentümlichen Formulierungen, die ich aufgrund ihrer Eigentümlichkeit lobe, die mir aber weitgehend verschlossen blieben.

Das fängt schon mit der personifizierten Zeit an. Auch wenn das verwundete Tier 1 Million Mal abgeschmackter gewesen wäre, so wäre es mir doch plausibler vorgekommen. Das "verwunderte" Tier ist mir persönlich zu stark vermenschlicht und dann auch noch doppelt (Tier und Zeit), da komme ich nicht mehr mit. Der verfallende Tropfen scheint aus ähnlicher Kategorie zu kommen. Wieder ist es nur ein Buchstabe, der für die Wunderlichkeit sorgt, hier wird zudem aus dem Adjektiv ein Verbaladjektiv und macht die Sache sprachlich im Grundsatz unmöglich. Die Gerinnung spricht für Blut, was hat man sich unter einem verfallenden Tropfen vorzustellen? Goethe wusste bereits, dass Blut ein ganz besonderer Saft ist, ob er auch solche Eigentümlichkeiten im Sinn hatte. Dann macht sich ein verhaltenes Grau breit. Verhalten im Sinne von zurückhaltend, zurückgenommen, oder etwa nicht? Wenn das sich breit macht, dann ist es grau, nicht schwarz und dann empfinde ich die blind machende Dunkelheit nicht unterstützt.

In Strophe 2 springst du zwischen den Zeiten und mich verwirrt das mehr, als es mir gefällt. Das Grau ist dunkel genug - und das kann man natürlich auch im übertragenen Sinne verstehen - so dass nur noch die beiden Prots zu sehen sind. Das geschieht im Präsens, ah, sorry, jetzt verstehe ich. Es ist Dämmerung und das lyrische Ich kommt aus dem Schlaf zurück an die Oberfläche des Daseins. Okay, aber die Formulierungen in V3 und besonders 4 sind mir too much, wie der Franzose sagt.

Sprachlich ist Strophe 3 dann wieder auf der Höhe und assoziativ bin ich hier am weitesten weg von irgendwelchen Pärchen. Hier könnte es für mich der Schlaf, die Nacht oder auch eine Depression sein, die das lyrische Ich verfolgt. Ich weiß es nicht. Insgesamt bleibt es mir zu vage (ich bin zu blind) und metaphorisch in den ersten Strophen grenzwertig.

Von der Stimmung her, der Melodie usw. kann ich es genießen. Insofern mein typisches Urteil: Kling-Klang-Klong. Wobei Klong immer böser klingt, als ich es meine bzw. als es ist.

Beste Grüße
Mattes
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#3

Eine Starre

in Düsteres und Trübsinniges 01.10.2008 16:07
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Mattes,

danke für die wertvolle Rückmeldung.
Ja, die Interpretation mit dem Pärchen und der Depression passt für mich.
Das "zu viel" an der einen oder anderen Stelle muss ich wohl hinnehmen. Irgendwann funktioniert das wohl nicht mehr. Die vermenschlichung mit der Verwunderung in Vers 1 ist natürlich beabsichtigt und die Kombination mit der "verwundet"-Assoziation auch. Es soll halt einen Schmerz beschreiben, der zwar wahrgenommen, aber nicht gespürt wird, was für eine Depression typisch ist. Diese Personifizierung wollte ich durch die Zeit wieder herausnehmen, um eine gewisse Entkörperung noch mit hineinzubringen, um auch die wahrgenommene Abstumpfung zu verdeutlichen. Der Geist funktioniert zudem noch. Die Zeit wird wahrgenommen, eines der wenigen funktionierenden Referenzgrößen, auf die durch Tag und Nacht im Folgenden zugegriffen wird. Andere Referenzgröße ist das Gegenüber, dem es aber ganz genauso ergeht.
Der Tag wird dann wie ein lebloses Gemälde wahrgenommen. In dem Bild steht ja sogar die Zeit still, denn ein Bild ist eine Momentaufnahme. Sogar diese ist am Ende also eingefrohren. Nun ist der Verstand das letzte was noch bleibt.

So war es gedacht. Ist vielleicht etwas sehr düster und unglücklich unzugänglich aufgefrast. Naja, war ein Versuch.

Danke nochmal für den Kommentar. Ach ja, und natürlich fürs Kling-Klang-Klong

Grüße,
Gunter

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