Hallo Jule,
ja, das ist wahr. Und es stützt die These, dass Lyrik etwas für Loser ist. Wer täglich vielleicht sogar mehrfach zu Leibesertüchtigungen dieser Art Gelegenheit hat, was soll der noch groß singen? Wem wegen anderer Qualitäten die Groupies scharenweise nachlaufen, warum sollte der oder die noch lange flöten, wo längst geblasen wird?
Dichtung oder Wahrheit, ist das die Frage? Wer’s kann, der macht’s? Ja, ich denke, da ist Vieles dran, weshalb ich früher auch in meiner Signatur Peter Graedel zitierte, der von Dichtern als den „ewig zu kurz Gekommenen“ sprach, die dieses Manko nun anderweitig auszugleichen suchten. Ich habe keine Ahnung, ob das so ist. Man hörte ja auch schon von genügend Saubeuteln unter den Poeten, die keine Mahlzeit ausließen und dennoch oder sogar deswegen (?) hochtrabende Verse schrieben. Ganz grundsätzlich ist es so neu nicht, dass Literaten ihre Geschichten dem Leben abzapfen.
Von Dichtung und Wahrheit betitelte ein forensischer Blutsauger einmal ein Gedicht, welches ich damals geradezu hymnisch lobte und auch heute noch achte (Hoffentlich verbirgt es sich noch hinter diesem Link, ich bin in diesem Schrebergärtnerforum gesperrt). Wenn Dichtung, so schrieb ich damals sinngemäß, mir solche Höhenflüge ermögliche, dann wählte ich Dichtung statt verschwitzter Bettlaken und Turnübungen, die sich ohnehin in der Phantasie besser anfühlten, als in realiter durchkeucht.
Bei aller berechtigten und auch fein formulierten Ironie in deinen Zeilen gestatte bitte mir, diese eben dennoch als mit Witz und Esprit formuliert zu empfinden und zu genießen, selbst wenn mir die Conclusio eben auch gefällt, vor allem in ihrer kurzen und klaren Bestimmtheit. Also schließen wir auch mit Goethe: Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und
grün des Lebens
gold’ner Baum…

tja, der hatte auch lichtere Momente.
Beste Grüße
Mattes