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#1

fingerhut

in Liebe und Leidenschaft 06.09.2008 16:50
von Pog Mo Thon | 569 Beiträge | 569 Punkte
fingerhut


zaum
hafen
schlafen
traum

flaum
strafen
paragrafen
kaum

sexualis
digitalis
glut

irrealis
potentialis
mut
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#2

fingerhut

in Liebe und Leidenschaft 06.09.2008 19:08
von Feo | 134 Beiträge | 134 Punkte
Ich hab da mal ein bisschen in meinem Speicher gekramt.:

Es ist spannend, deinen Text zu enträtseln.
Da ist zunächst der Titel, der zum einen diesen kleinen, nützlichen Haushaltsgegenstand bezeichnet, der verhindern soll, dass man einen Nadelstich abbekommt, zum anderen jene prachtvolle Pflanze mit den großen, samtenen, purpurfarbigen Blütenkelchen, die man spielerisch ebenso gut über einen Finger streifen könnte, im Bewusstsein, dass sie ebenso sehr Gift, wie auch Herzmedikament enthalten - je nach Dosis und Anwendung.

Betrachten wir die Form:

zaum
hafen
schlafen
traum

flaum
strafen
paragrafen
kaum

sexualis
digitalis
glut

irrealis
potentialis
mut

Außen- und Binnenreime - es ist eines der komprimiertesten Klanggedichte, die ich je las, glaube ich, aber es ist eins. Man kann es überraschend gut laut lesen, murmeln, flüstern, hauchen, brüllen - es klingt wie ein Zauberspruch, vielleicht wie ein Bannspruch - im umschlingenden Reim.

Interessant auch, dass der Text ausschließlich aus Reimworten konstruiert wurde, es gibt nichts Ungereimtes in diesem Gedicht. Es hat genau 14 Worte, die den 14 Sonettversen entsprechen, Reimfolge abba - abba - ccd - ccd:

Zaum, Traum, Flaum, kaum = a
Hafen, Strafen, schlafen, Paragrafen = b
sexualis, irrealis, digitalis, potentialis = c
Glut, Mut = d

Das nenne ich Konzentration!


Zur Textinterpretation:

S1: zaum hafen schlafen traum

Meine Assoziationen dazu:

Zaum = Zaumzeug, Zügel, zügeln, gezügelt, zurückhalten

Hafen= ankommen, heimkehren, Heimat, Sicherheit, fester Boden unter den Füßen, Ende der Reise (seltsam, dass man bei Hafen so selten an Aufbruch denkt.)

schlafen= ruhen, Ruhezeit, Erholung, Nacht, Geborgenheit, wehrlos/hilflos bei Angriff, Winterschlaf, Nest, verpasste Aktivzeit, passiver Zustand, ein Schläfer ist jemand, der auf das Erwachen wartet, Augen zu, Dornröschen

Traum = Wünschen, Hoffen, Ziel, Unreales, Fantasie, nächtliches Kopfkino, Verarbeiten des Erlebten, feuchte Träume, die Freiheit, alles zu tun, was im täglichen Leben nicht möglich ist - fliegen

Daraus kann man sich wirklich gut eine eigene Auslegung deines ersten Verses zusammensetzen. Meine persönliche wäre:

Im Heimathafen angebunden bleiben nur Schlaf und Traum, beziehungsweise die Freiheit zu träumen.

Dazu würde dann auch sehr gut der zweite Vers/S2 passen:
flaum strafen paragrafen kaum

Flaum = winzige Federn, warm, samtig, niedlich, Küken, Flausen, kaum zu sehen, eher fühlbar, feine, weiche, spärliche Babyhärchen

Strafen/Paragrafen = Verurteilungen, Bestrafung einer Tat, Gesetz, angedrohte disziplinarische Maßnahmen zur Abschreckung/Verhinderung einer Straftat, Preis den der Täter für seine Tat zu zahlen hat/hätte

"kaum" ist hier wohl nur in Bezug auf die vorgenannten Zügel zu sehen, also auf den Erfolg der "zügelnden" gesetzlichen Maßnahmen zu beziehen - oder auf den Mut, beziehungsweise darauf, dass LIs Ansinnen von diesen Strafen/Paragrafen nur unzureichend gemindert wird - je nach Auslegung.

Meine harmloseste wäre:

Träume sind ok, ungefährlich wie Flaum, nicht strafbar, nicht verwerflich, werden von den Paragrafen und eventuellen Strafen nicht tangiert

Mit Vers 4 und 5 kommt dann definitiv die erotische Komponente ins Spiel, die vielleicht sogar im angewendeten Stilmittel des umarmten Paarreimes schon angedeutet wurde.

sexualis digitalis glut

Fingerhut zum Schutz gegen die Glut der Sexualität/Leidenschaft oder aber in "digitalistischer" Doppeldeutung :
Präventionsmaßnahme zur Verhütung von Herzinsuffizienz (Herzschmerz) durch Überhitzung - insgesamt also so etwas, wie ein Warnschild - entweder für LIs Herz - oder für seine Umwelt, denn die Benutzung des Begriffs "sexualis" assoziiert gleichzeitig eines der bekanntesten Lehrwerke der Psychologie, Psychopathia sexualis (Richard v. Krafft-Ebing, 1886), in dem ausführlich und psychologisch begründet auf alle möglichen, zum Teil eben auch recht außergewöhnliche sexuellen Spielarten eingegangen wird, wie unter anderem Pädophilie, Sodomie, Nekrophilie, Sadismus, Masochismus u.s.w., was für die Interpretation von S2 auch diese Variante zuließe:

Finger weg vom Babyflaum, Paragrafen drohen mit Strafe, kaum dass man triebhaft danach langt.


irrealis potentialis mut

irrealis = unrealistisch, unwirklich, unmäßig/übertrieben, irreal
potentialis = Steigerung, Verstärkung, Maximierung, Potenz, erfolgreiches Ausleben der Sexualität – oder ganz schlicht: die Möglichkeit / die Fähigkeit betreffend, Modus des unerfüllbaren Wunsches

Mut erklärt sich von allein. Hier fehlt er - oder wird gesammelt

Potenz - ein doppeldeutiges Wortspiel in diesem Kontext.

Ein Wort- und Gedankentresor mit verschlüsseltem Inhalt, der von einem Tabu, von einem riesengroßen Geheimnis erzählt, einem Geheimnis, das so grauenhaft ist, dass nicht mal hier im Gedicht Klartext gesprochen werden kann, ein LI, das von seinen Zweifeln bezüglich ... seines Mutes - erzählt – oder von seinen verbotenen Kinder-Träumen, die es sich wegen der Paragrafen nicht auszuleben traut, beziehungsweise nicht auslebt, weil noch der Mut fehlt - ein Text, sich selber vorsichtshalber unglaublich strenge Regeln und Maßnahmen auferlegt, beschneidet und zügelt, ein Text, der alles dran setzt, nicht entschlüsselt zu werden, weil das Tabu, das verborgen in ihm schlummert einfach zu monströs ist.


LG, Feo
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#3

fingerhut

in Liebe und Leidenschaft 06.09.2008 19:33
von Pog Mo Thon | 569 Beiträge | 569 Punkte
Hallo Feo,

ah, ja, das ist natürlich schön, dass das noch im Speicher war, denn das ist eine der für mich erstaunlichsten Ausklamüserarbeiten, die ich je in den Foren gesehen habe und wenn ich das jetzt wieder lese, ist kaum zu glauben, was mit Interesse, Mühe und gutem Willen aus Texten herauszuholen ist, wenn man das hier überhaupt noch einen Text nennen kann.

Bei allen Vorbehalten und meiner mittlerweile absoluten Ablehnung deines Heimatforums stelle ich mit diebischem Vergnügen fest, dass diese Textkritik - nota bene: nicht der Text! - ein Aushängeschild des Hühnerhofes war, welches von dem dämlichen Malik aber mit dem Werk ausgelöscht wurde. Was für ein Zwerg!

Vielen Dank noch einmal im Nachhinein. Ich freue mich, dass der Kommentar nicht verschwunden ist, auch wenn ich es etwas bedauere, da ich doch neugierig auf andere Reaktionen war.

Beste Grüße
Mattes
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#4

fingerhut

in Liebe und Leidenschaft 06.09.2008 19:40
von Alcedo • Mitglied | 2.405 Beiträge | 2351 Punkte
die anderen Reaktionen kannst du ruhig den Hasen geben, zumindest meine.

ich habs zwar fasziniert ein paar mal durchgelesen. dann kurz überlegt ob ich mich nicht ganz enrnsthaft darüber beschweren sollte, dass die Versfüsse in S2Z3 aus der Reihe tanzen. ich wollte dir auch vorschlagen anstatt die drei ara-Lettern des einen Wortes einen kleinen blauen Ara zu malen, und das wars dann.

Grüße
Alcedo

e-Gut
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#5

fingerhut

in Liebe und Leidenschaft 06.09.2008 19:46
von Pog Mo Thon | 569 Beiträge | 569 Punkte
Danke Alcedo, das bekommen nicht die Hasen. Ich muss mir doch überlegen, ob ich darauf setzen soll, einen einzigen Leser zu haben, der bereit ist, das Gedicht selbst zu schreiben, welches ich eigentlich liefern sollte, oder ob ich nicht doch selber Dichter sein möchte.

Ich habe vor 9 Monaten anlässlich meiner Minimalphase und der Lehren daraus tatsächlich überlegt, das Dichten ganz bleiben zu lassen und seitdem eigentlich auch kein vernünftiges Werk mehr zustandegebracht. Ich unternehme nun aber doch noch einen Anlauf. Ob es was wird und ob es was bringt, wird sich zeigen.

Das mit dem Ara gefällt mir.
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#6

fingerhut

in Liebe und Leidenschaft 07.09.2008 10:26
von Erebus | 748 Beiträge | 748 Punkte
Gute PR für einen schmalen Text.
Den Hut welchen Fingers stellt das Schriftbild dar?
Das ist die vorrangige Frage, die der Text aufwirft.

Der Text besitzt die Lyrizität eines Miserior-Plakates. Und siehe da, der Spendenaufruf ist von Erfolg gekrönt, eine ganze Kleidersammlung geht ein, ein äußerst engagierter Kommentar.
Was liegt denn da umgebrochen vor? Tatsächlich nicht mehr als vierzehn Stichworte für das Brainstorming des Lesers, aber keine minimalistische Auflösung.
Das ist immer noch ein Potpourrie aus Bekanntem, 14 verschiedene Puppen aus Themenbaukästen von Playmobil, keine Handvoll Duplobausteine in den Farben ABCD.
Um wenig zu sein, ist es mir tatsächlich zu wenig. Dann sähe es doch wohl eher so aus.

Sonett d'amour

agen
ich
ich
agen

agen
ich
ich
agen

ogen
unt
int

ogen
und
ind

Ein Gedicht, das um Klassen besser ist als der Fingerhut, dichter und dennoch weiter, der austauschbare Titel gibt alleine den Inhalt.

Atlantisch

agen
ich
ich
agen

agen
ich
ich
agen

ogen
unt
int

ogen
und
ind


Zudem ist mir durch das Schriftbild des Fingerhutes die Endständigkeit zu sehr verdeutlicht, eindeutig stehen hier Reimwörter, deren Verse kassiert wurden. Die Marschrichtung ist zu sehr vorgegeben, es sind Rudimete, kein Ausgangsmaterial.

Aber wir sehen, das poetische Biafra funktioniert, und genau wie es mit den Spenden an Bedürftige passiert, so geschieht es auch hier: das Material wird nicht hergenommen um den schmalbrüstig hungernden Versen etwas anzuziehen -Ich sehe wohl, wenn ein Kaiser nackt ist- sondern es wird weiter gedealt, um im Fegefeuer der Eitelkeiten zu punkten. Nur der soziologische Aspekt erregt eine gewisse Aufmerksamkeit. Ja, es funktioniert, der Leser schreibt das Gedicht. Was uns nicht überrascht, das macht er immer.
Unterm Strich ein Lob für die Experimentierfreudigkeit und den Mut das einzustellen. Negativ finde ich, dass die Möglichkeiten des Minimalismus nicht einmal angeschnitten werden, hier wird nicht weiter voran geschritten, um die Grenzen auszuloten, sondern alles durch eine umfangreiche Interpretation in Bekanntes zurückgeworfen. Und es ist lehrreich, dass ein einziger wohlwollender Kommentar einen Bunker um den Text zementiert.
Interessant war für mich übrigens die Suche nach den angegebenen Binnenreimen. Tatsächlich suchte ich nach dem Rest der Verse, bis mir bewußt wurde, da ist nix.

LG
Uli
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#7

fingerhut

in Liebe und Leidenschaft 07.09.2008 12:22
von Pog Mo Thon | 569 Beiträge | 569 Punkte
Du bist so schön, wenn du zürnst.
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#8

fingerhut

in Liebe und Leidenschaft 07.09.2008 12:59
von Erebus | 748 Beiträge | 748 Punkte
du kommst zu spät
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