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#1

Suchtprävention

in Kommentare, Essays, Glossen und Anekdoten 06.09.2008 13:47
von Pog Mo Thon | 569 Beiträge | 569 Punkte
Suchtprävention

Anekdote zum Thema Sucht


Einmal brachte unser Lehrer eine Frau mit in den Unterricht, die uns von Ihrer Rauschgiftabhängigkeit berichten sollte. Wie schlimm das alles war.

Ich habe ihr zugehört, wie sie davon erzählte, wie mies ihr Leben war, dass sie keinen Bock auf ihre Eltern und ihre Geschwister hatte und auf Schule schon gar nicht. Das habe ich gut verstanden. Irgendwann ist sie eben auf Droge gekommen und das muss erst voll schön gewesen sein. Sie hat den ganzen Scheiß um sich herum vergessen können und sich unbesiegbar gefühlt. Das muss irgendwie kosmisch sein, als wenn du schwerelos bist. Natürlich war ihr Leben immer noch beschissen, aber ab und zu ist sie eben zu den Sternen geflogen. Wer hat das schon?

Na ja, dann muss alles ziemlich mies geworden sein und sie ist sogar auf den Strich gegangen, nur um an Stoff zu kommen. Das war sicher wirklich fies, aber ich habe da nicht mehr so genau zugehört, weil ich noch darüber nachdachte, was das für ein Gefühl gewesen sein muss. Und irgendwie war ihr Leben eigentlich auch nicht schlimmer, nur anders schlimm halt.

Als ich wieder zuhörte, berichtete sie gerade, was für wundervolle Menschen ihr dann schließlich aus dem Sumpf herausgeholfen hätten, was für intensive und menschlich anrührende Begegnungen sie hatte. Sie erzählte, wie sie erst lernen musste, auch ihre negativen Gefühle zuzulassen und Frust auch ohne Betäubung auszuhalten. Ohne diese wunderbaren Menschen hätte sie das sicher nicht geschafft, davon war sie überzeugt, obwohl sie auch meinte, dass man selber wollen müsste, sonst hätte das keinen Zweck. Da hätte sie dann erst festgestellt, wie stark sie eigentlich sein kann und ohne den ganzen Mist wäre ihr das wohl nie bewusst geworden.

Heute würde sie nun selber in dem Sozialprogramm arbeiten und könnte mit dazu beitragen, vor den Gefahren zu warnen und auch bei der Betreuung von Aussteigern zu helfen, was einfach eine unglaublich befriedigende Arbeit wäre, auch wenn natürlich nicht alle es schafften, sondern nur die mit ausreichend Willen und Kraft. Das hat sie irgendwie ein paar Mal wiederholt und dabei hat sie einen unheimlich zufriedenen
Eindruck auf mich gemacht und ich habe mich für sie gefreut. An dem Tag beschloss ich, das auch einmal auszuprobieren.
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#2

Suchtprävention

in Kommentare, Essays, Glossen und Anekdoten 14.09.2008 23:22
von Joame Plebis | 3.368 Beiträge | 3363 Punkte
Guten Tag, Nizza!

Das Thema scheint viele nicht zu interessieren. Obwohl ich davon auch genug habe, so will ich doch mein Interesse an Deiner Anekdote beweisen.
Die Sicht des Schülers finde ich passend dargestellt. Es wurde auf das Wesentlichste beschränkt und die Pointe kommt im letzten Satz ist gelungen. Gut geschrieben über diesen Bilderbuch-Ausstieg, an den samt mir keiner wohl glaubt, Dein Protagonist aber schon. Schön so, dann bleibt die Hoffnung, er läßt demnächst auch Taten folgen.

Gruß
Joame
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#3

RE: Suchtprävention

in Kommentare, Essays, Glossen und Anekdoten 08.04.2009 11:18
von Krabü2 | 797 Beiträge | 797 Punkte
Also ... das find' ich richtig gut, eine feine Anekdote. Sie kommt leise daher, völlig unprätentiös, und hat durch den letzten Satz gewonnen bei mir.
Die Naivität, mit der der Schüler reagiert auf diese irgendwie auch 0-8-15-(gutgemeinte)'Suchtprävention', indem den Jugendlichen eine bitterböse Eigenerfahrung erst gar nicht zuteil werden soll, indem jemand, der 'sich damit auskennt', präsentiert wird, jemand, der auch den Status eines Gleichgesinnten oder Verständigen und keiner 'Respektperson' wie warnende Elternschaftler oder Pädagogen es sind, innehaben soll, ist herrlich.
Eine Art Verklärtheit (gute Erfahrungen, Hilfe, tolle Menschen usw.), die für die Zuhörerschaft durchklingt, tut genau das, was gänzlich unbeabsichtigt war: Sie macht heiß auf Eigenerfahrung.
Sehr schön, diese Geschichte.
Und was lehrt uns das?
Gibt's wirklich funktionierende Suchtprävention? Durch schockierende Bilder oder Geschichten? Oder durch Totschweigen überhaupt solch eines Themas?
Was frau/man tut, ist eh falsch? Wer trägt Verantwortung? Ist Sucht genetisch bedingt, muss nur getriggert, 'wachgeküsst' werden? Inwiefern spielt die sozial(psychologisch)e Anamnese eine Rolle?

Schade, dass so wenig Resonanz auf diesen Text erfolgt ist. Eigentlich ist das ein 'reiches' Thema, zur Diskussion bzw. zum Nachdenken mehr als einladend.
Aber so ist's wohl mit den leisen Texten ...: sie versiegen oftmals hinter 'Marktschreiertexten'. Schade :(

zuletzt bearbeitet 08.04.2009 11:20 | nach oben

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