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#1

Perspektivisch

in Liebe und Leidenschaft 06.08.2008 17:42
von Feo | 134 Beiträge | 134 Punkte
Perspektivisch




Im Juni, im Garten,
auf saftgrüner Wiese
gleich neben den Rosen
und Meerschweinchengräbern,

als unsere Lippen
einander begruben
und alles so still war
und wir unersättlich

vom Leben betrunken,
da waren mir unter
geschlossenen Lidern
Himmel und Erde
zum Anfassen nah.
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#2

Perspektivisch

in Liebe und Leidenschaft 13.08.2008 22:24
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte
Hi Sabine

ich bin irgendwie hin und her gerissen. einerseits gefällts mir gut, andererseits gar nicht.
rein gefühlsmäßig kommt der Moment gut rüber, aber näher betrachtet enthält es doch vieles, das man schon zu oft gehört hat und es gibt nichts neues her. dann finde ich die lange Satzkonstruktion nicht wirklich gelungen, da hätte mir der ein oder andere Bruch gefallen, um das ganze nicht so runter zu leiern.
klasse finde ich die Meersaugräber.

Gruß
Simone
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#3

Perspektivisch

in Liebe und Leidenschaft 13.08.2008 23:14
von Feo | 134 Beiträge | 134 Punkte
Hi Simone,

du hast also die Betrachtung der Perspektiven in dieser Zusammenstellung schon einmal gelesen oder gehört?

Natürlich habe ich mir etwas dabei gedacht, als ich den gesamten Text in einen einzigen Satz fasste, genau wie die Merschweinchengräber nicht einfach nur ein Gag sind. Schade, dass die angewendeten Stilmittel ebensowenig rüber zu kommen scheinen, wie der Bilderblick auf diverse Ebenen. Ich werde noch einmal drüber nachdenken.

Hab vielen Dank für deine Rückmeldung.

LG, Feo
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#4

Perspektivisch

in Liebe und Leidenschaft 25.08.2008 08:49
von Richard III | 865 Beiträge | 865 Punkte
Da ich mit Stilmitteln nicht allzu vertraut bin, kann ich dazu jetzt nichts sagen, aber es klingt für mich sehrrr gut! Wie aus einem Guss entsteht bei mir ein Gefühl des Eingesaugt werdens, dass sowohl an den einander begrabenden Lippen, als auch an der Stille und den geschlossenen Lidern liegt. Die Meerschweinchengräber haben für mich einerseits etwas mit dem "begraben" zu tun, dass auch wieder bei den Lippen anklingt, also etwas endgültig "zudecken" oder auch töten. Kindheit, Unschuld, so etwas in der Art. Wenn man dem Tod ins Auge blickt, wird man unersättlich, der Mensch möchte doch manchmal so gerne festhalten, was er im Begriff zu verlieren ist und wer spürt nicht diese "bittersüße" Wehmut, wenn man etwas begräbt.
Das Leben in "saftgrün" im Sommer (Juni) und im Unersättlichen ist hier der "Stille" und dem "Begraben werden" bzw. "Begraben sein" gegenübergestellt. Vor beidem werden "die Augen verschlossen". Himmel und Erde, Leben und Tod, je nach dem von wo aus betrachtet, beides ist so unhaltbar und ungreifbar, dass man sie nur blind empfinden kann und dann sind sie einem vielleicht auch "nah".
In der Liebe sowieso, denn nur dort ist "Leben" und "Tod" so eng mitaeinander verkettet, dass man den anderen in einem Moment zugleich begraben und zum Leben erwecken kann und nichts erwacht so schnell zum Leben und stirbt so schnell wie die Liebe und im Angesicht von Leben und Tod, von Himmel und Erde ist es gerade die Liebe von der wir glauben, wir müssten uns daran festkrallen, um Beidem zu entkommen.

Also, ein grandioses Gedicht!
R.

And therefore, since I cannot prove a lover,
To entertain these fair well-spoken days,
I am determined to prove a villain
And hate the idle pleasures of these days.
(William Shakespeare, King Richard III)


Kings Heritage

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#5

Perspektivisch

in Liebe und Leidenschaft 28.08.2008 22:34
von Feo | 134 Beiträge | 134 Punkte
Vielen Dank, Richard, was für eine schöne Interpretation!
Ich hatte schon arg daran gezweifelt, ob meine Bilder so gar nicht transportieren, was ich ausdrücken wollte und es fühlt sich gut an, wenn man feststellt, dass man doch nicht gar so weit daneben lag.


Zitat:

Wie aus einem Guss entsteht bei mir ein Gefühl des Eingesaugt werdens, dass sowohl an den einander begrabenden Lippen, als auch an der Stille und den geschlossenen Lidern liegt.


Eingesaugt vom Leben, vom Mittendrin, zwischen Himmel und Erde, ja.


Zitat:

Die Meerschweinchengräber haben für mich einerseits etwas mit dem "begraben" zu tun, dass auch wieder bei den Lippen anklingt, also etwas endgültig "zudecken" oder auch töten. Kindheit, Unschuld, so etwas in der Art. Wenn man dem Tod ins Auge blickt, wird man unersättlich, der Mensch möchte doch manchmal so gerne festhalten, was er im Begriff zu verlieren ist und wer spürt nicht diese "bittersüße" Wehmut, wenn man etwas begräbt.


Ja. Nie spürt man das Leben intensiver, als in dem Moment, in dem einem Sterblichkeit bewusst wird. Mit einem Blick das ganze Leben vorbeiziehen sehen, Vergangenheit, eigene Kindheit, Meerschweinchenbeerdigungen - Gegenwart, der frühe Sommer, Körperlichkeit, Fruchtbarkeit, Liebe, Leidenschaft - Zukunft, wechsel der Jahreszeiten, Kinder, die hier irgendwann ihre Meerschweinchen bestatten, eigenes Altern, Welken, das Bewusstsein, dass man selbst irgendwann unter der Erde landet.


Zitat:

Das Leben in "saftgrün" im Sommer (Juni) und im Unersättlichen ist hier der "Stille" und dem "Begraben werden" bzw. "Begraben sein" gegenübergestellt. Vor beidem werden "die Augen verschlossen". Himmel und Erde, Leben und Tod, je nach dem von wo aus betrachtet, beides ist so unhaltbar und ungreifbar, dass man sie nur blind empfinden kann und dann sind sie einem vielleicht auch "nah".
In der Liebe sowieso, denn nur dort ist "Leben" und "Tod" so eng mitaeinander verkettet, dass man den anderen in einem Moment zugleich begraben und zum Leben erwecken kann und nichts erwacht so schnell zum Leben und stirbt so schnell wie die Liebe und im Angesicht von Leben und Tod, von Himmel und Erde ist es gerade die Liebe von der wir glauben, wir müssten uns daran festkrallen, um Beidem zu entkommen.


Genau so.

Noch einmal vielen herzlichen Dank für deine Rückmeldung hier.
Sie war mir eine besondere Freude.

LG, Feo
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