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#1

zwei tadellose Fremde

in Liebe und Leidenschaft 05.08.2008 00:43
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte

    zwei tadellose Fremde


    Wir trugen Wünsche durch die Birkenhaine,
    in stummer, körperhafter Achtsamkeit.
    Und zerrten an der selbst gemachten Leine,
    als wär sie bloss ein übler Streich der Zeit.

    Zwei Handbreit trennten uns von einem Fallen,
    das unterhäutig ruht seit jenem Blick,
    doch wer versucht, sich Obhut umzuschnallen,
    weicht schon zu Anfang einen Schritt zurück.

    Es ist kein Leiden, ist kein trübes Sinnen,
    selbst die Kaskaden fliessen unentwegt,
    nur irgendwo, im schwelgerischsten Innen,
    sprang etwas auf, was sich nie mehr gelegt.




    © Margot S. Baumann

Die Frau in Rot

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#2

zwei tadellose Fremde

in Liebe und Leidenschaft 05.08.2008 15:57
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte

Hi Marge,

ein neues Gedicht von Dir.
Nach der ersten Strophe muss ich gestehen, dass ich an dieses aneinandergebundene und umher trottende Paar aus dem Kitano-Film "Dolls" denken musste. Als ich mich von dem Bild löste, konnte ich aber endlich dahinter kommen, was hier passiert - zumindest für mich. Ich bin ja nicht so der talentierte um-fünf-Ecken-Interpretierer bei fremden Texten.
Da sind zwei, die anscheinend öfters im selben Park spazieren gehen, sich einmal einen vielsagenden Blick zugeworfen haben. Normalerweise wirken sie sehr beherrscht und versuchen die natürliche und überschaubare Ordnung der Einsamkeit zu bewahren. So konnten sie stets friedlich und gefahrlos aneinander vorbeispazieren, sich ungezwungen nahe fühlen, den Moment genießen. Doch diese ungezwungenheit ist nun vorüber. Sie haben sich angesehen und das hat etwas ausgelöst, eine Verbindung hergestellt, die sie vielleicht noch äußerlich, aber nicht mehr innerlich leugnen können. Sie stehen kurz vor dem Fall, hoffentlich in die Arme des anderen.
Aber was auch immer sie tun, sie sind bereits schutzlos, die Ruhe ist gestört. Als nächstes heißt es dann wohl: Ran an die Buletten!

Es gibt eine Stelle in diesen schönen Versen, die mir von der Formulierung nicht so zusagt, undzwar ausgerechnet der letzte Vers. Warum ausgerechnet eine Inversion am Schluss?

Wahrscheinlich, weil die inhaltlich genau das fasst, was Du zum Ausdruck bringen willst. Ich mache dennoch mal einen Vorschlag, wie ich den letzten Vers besser fände:

sprang etwas auf und hat sich nie gelegt.

Ist natürlich interpretationssache.
Wo ich gerade so im Schwung bin, fiel mir noch diese Variante ein:

Es ist kein Leiden, ist kein trübes Sinnen,
selbst die Kaskaden fliessen immerzu,
nur irgendwo, im schwelgerischsten Innen,
sprang etwas auf, das findet keine Ruh.

Beides hat den einzigen Vorteil, dass der letzte Satz vollständig ist und sich für mein Gefühl besser liest, zwei tadellose Verse sozusagen.

Ich finde, das Gedicht überträgt ganz gut dieses typische Motiv der gesellschaftlichen Konventionen als Verhinderer der Liebe, das ich vor allem aus diversen Jane Austen- und E.M. Forster-Verfilmungen kenne, in die heutige Zeit. Das Gefühl kennt wahrscheinlich jeder, doch ist es heutzutage die Konvention i.d.R. nicht das, was einen abhält, sondern das, was man selber als Schutzsuchender vorschiebt. Denn eigentlich gibt es, zumindest in Mitteleuropa, keine mir bekannte Konvention, die die beiden davon abhält, sich in die Arme zu fallen, es sei denn mindestens einer von dene beiden ist anderweitig liiert. Aber darum geht es hier, glaube ich, nicht.

Jedenfalls ist das Bild schön gefasst.

Grüße,
GW

P.S.: Weiterhin gute Besserung.


_____________________________________
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#3

zwei tadellose Fremde

in Liebe und Leidenschaft 05.08.2008 22:20
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi GW

Ja, welch Wunder, gell ... es dichtet wieder!

Danke für die Interpretation, der ich eigentlich nichts hinzu fügen muss. Ausser vielleicht, dass es natürlich doch um anderweitige Verpflichtungen geht ... vergleiche die 'selbst gemachten Leinen'.

Jane Austen? Ja, gut möglich. Ich bin ja ein grosser Fan von ihr. Hach, alles so romantisch! Und vermutlich könnte man den Inhalt Lizzy und Mr. Darcy zuorden, aber das war nicht beabsichtigt. Ich find's aber eine schöne Idee.
Doch ich denke nicht, dass solche Gegebenheiten bloss fürs 18. Jahrhundert gelten. Selbst in unserer (modernen) Welt gibt es Grenzen und Verpflichtungen, die nicht einfach so schnell gebrochen oder überschritten werden. Kommt natürlich auf die (moralische) Einstellung der jeweiligen Protagonisten an. Aber davon versteht so ein Jungspunt eben nichts! Wart noch ein paar Jahre, evtl. kriegt der Inhalt dann ein eindeutigeres Nicken. *g

Im Grunde ist die letzte Zeile aber keine Inversion. Ich habe lediglich das 'hat' weggelassen. Ist das wirklich so störend? Hm ... So auf die Schnelle kann ich mich aber mit Deinen Vorschlägen nicht recht anfreunden. Ich werde sie sich erst mal setzen lassen ... oder evtl. fällt mir selbst noch was besseres ein.

Vielen Dank für den Kommentar und liebe Grüsse.
Margot

P.S. Danke, es geht mir schon viel besser.
P.P.S. Und so nebenbei: Herzlichen Glückwunsch!


Die Frau in Rot

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#4

zwei tadellose Fremde

in Liebe und Leidenschaft 06.08.2008 14:33
von Feo | 134 Beiträge | 134 Punkte

Ich schreibe meine Anmerkungen mal der lieben Zeit wegen in Klammern gleich zwischen deine Verse.

zwei tadellose Fremde


Wir trugen Wünsche durch die Birkenhaine,
(Birken, Symbol für Fruchtbarkeit und Neubeginn)
in stummer, körperhafter Achtsamkeit.
(körperliche Anziehungskraft, unausgesprochene Zuneigung, ungeklärte Beziehung)
Und zerrten an der selbst gemachten Leine,
als wär sie bloss ein übler Streich der Zeit.
(Gefühle kann man nicht lenken, sie entwickeln ein immer wieder überraschendes Eigenleben.)

Zwei Handbreit trennten uns vor einem Fallen,
(Aufgeben/Bruch des alten Lebens, Abstürzen, Ertappt werden?)
das unterhäutig ruht seit jenem Blick,
(Komma nach "ruht"? Diese Ruhe scheint sowas wie ein beziehungsbezogener "Waffenstillstand", eine Auszeit im Wünschen, Wollen und Planen zu sein, eine Atempause. Zur Entscheidungsfindung?)
doch wer versucht, sich Obhut umzuschnallen,
(wenn Sicherheit Priorität hat, wird jeder Schritt als Risiko betrachtet -)
weicht schon zu Anfang einen Schritt zurück.
(und so legt man nie vollkommen die Rüstung ab.)

Es ist kein Leiden, ist kein trübes Sinnen,
selbst die Kaskaden fliessen unentwegt,
nur irgendwo, im schwelgerischsten Innen,
sprang etwas auf, was sich nie mehr gelegt.
(Kein Leiden, kein Grübeln, Weiterleben und ab und zu dem Waswärewenn lauschen und dem Gefühl nachspüren, das nie ganz ausgesprochen oder ausgelebt wurde - ein fernes Sehnen, eine verpasste Gelegenheit, ein wehmütiger, leichter, gleichbleibender Schmerz, an den man hofft, sich irgendwie gewöhnen zu können oder gewöhnt hat.)

Ein sehr berührendes, wehmütig-zärtliches Gedicht über Optionen, Begehren, Gefühle, Sicherheitsbedürfnis und Grenzen, die nicht überschritten werden sollen/wollen/können.

Liebe Grüße,
Feo


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#5

zwei tadellose Fremde

in Liebe und Leidenschaft 06.08.2008 21:40
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Sabine

Herzlichen Dank fürs Nacherzählen. So in etwa habe ich mir das (auch) gedacht. Freut mich, wenn's gefällt und sich dabei ein paar Emotionen einstellen. Was will man mehr ...

Beste Grüsse
Margot

Die Frau in Rot

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#6

zwei tadellose Fremde

in Liebe und Leidenschaft 06.08.2008 23:10
von Feo | 134 Beiträge | 134 Punkte
Wie wäre es beim letzten Vers mit

"sprang etwas auf, das sich nicht (oder nie) wieder legt." ?
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#7

zwei tadellose Fremde

in Liebe und Leidenschaft 07.08.2008 16:38
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte

Zitat:

"sprang etwas auf, das sich nicht (oder nie) wieder legt."

würde auf die Zukunft vorgreifen. woher will man wissen, ob es sich nie wieder legt?

Zitat:

"sprang etwas auf, was sich nie mehr gelegt."

heißt, dass es sich bis zum derzeitigen Augenblick nicht mehr gelegt hat und ist für mein Sprachempfinden somit inhaltlich stimmiger.

Gruß
Simone


PS
Zwei Handbreit trennten uns von einem Fallen
wäre doch eigentlich richtiger, oder?

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#8

zwei tadellose Fremde

in Liebe und Leidenschaft 07.08.2008 18:53
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Sabine, hi Sim

Danke für den Vorschlag, Sabine, aber ich stimme da Simone zu. Das würde nicht ausdrücken, was ich sagen wollte.

Und Sim ... ich habe mir das auch überlegt *g ... vor/von (?) ... ehrlich gesagt, weiss ich nicht, was richtig ist. Bei google gibt's mir 'vor' 2 Treffer, bei 'von' 10.

Man müsste die Regel wissen. Bei mir ist das schon zu lange her, als dass ich die noch wüsste ... bzw. wurde die sicher seit meiner Schulzeit 3x geändert.

Her mit den Studierten!

Grüsse
Margot

Die Frau in Rot

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#9

zwei tadellose Fremde

in Liebe und Leidenschaft 07.08.2008 21:03
von Habibi (gelöscht)
avatar
Hallo Margot, m.M. nach eindeutig "Von einem Fallen", anders wäre es, wenn es hieße "schützten uns vor einem Fallen". von etwas trennen, vor etwas schützen

Gruß Habibi
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#10

zwei tadellose Fremde

in Liebe und Leidenschaft 07.08.2008 22:58
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Oh, ah ... okay. Leuchtet mir ein. Danke, werd's gleich ändern.

Die Frau in Rot

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