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Das Bild

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 04.08.2008 19:34
von Habibi (gelöscht)
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Das Klingeln des Telefons machte meine Hoffnung auf ein paar Stunden Schlaf zunichte. Ich kannte die Straße, die die Anruferin schluchzend durchgab. Sie befand sich in dem Ort, in dem auch ich seit vier Jahren lebte. Weit genug entfernt von der Stadt und der Klinik und nah genug am Wald.

Ein Dorf mit zwei Neubaugebieten und einem deutlich zur Schau getragenen Abgrenzungsbedürfnis der Ureinwohner gegenüber den „Neigschmeckten“. Das wurde am augenfälligsten bei den zahlreichen von der Kirche oder den Vereinen organisierten Festen im Dorf sowie beim alljährlich wieder mit unverminderter Wucht über alle hereinbrechenden Fasnetstrubel. Die Alteingesessenen hockten in einer, die Zugezogenen in einer anderen Ecke. Vermischung erfolgte nicht einmal beim Schunkeln oder in der Bar. Nun gut, damit konnte ich leben. Nach Verbrüderung war mir ohnehin selten.

Das Haus befand sich im alten Ortskern. Die Frau mit dem verkniffenen Gesicht, die uns in einem rosenübersäten Dederon-Morgenmantel entgegen trat, war mir als eifrige Kirchgängerin bekannt. Sie führte uns ins Untergeschoss, wo sich eine Einliegerwohnung befand. Den Geruch, der uns beim Öffnen der Tür entgegen schlug, kannte ich: Terpentin und Ölfarben. Es war derselbe Geruch, der mich empfing, wenn ich mein zum Atelier umfunktioniertes Schlafzimmer betrat.

Bevor ich meinen Augen gestattete sich umzusehen, beugte ich mich über den am Boden liegenden Körper. Nur zur Sicherheit überprüfte ich den Puls und horchte auf Herzgeräusche. Fehlanzeige, wie vermutet. An den Fingern seiner rechten Hand war die Ölfarbe noch feucht. Auf der Staffelei stand ein Bild, auf dem gerade eine Explosion aus Rot und Blau, Gelb und Schwarz stattfand. Der Pinsel lag unweit der Leiche.

Mein Kollege Steffen befragte inzwischen die Mutter des Toten nach den Umständen seines Ablebens. Jetzt kam der unangenehme Teil. Wie bei ungeklärter Todesursache üblich, musste die Kripo hinzugezogen werden. Während wir warteten, fragte ich danach, ob ihr Sohn irgend welche Medikamente eingenommen habe, was sie durch Kopfschütteln verneinte.

Der Tote war mir schon oft bei meinen einsamen Spaziergängen begegnet. Er war das, was man in dem Ort, in dem ich aufgewachsen war, als „Dorftrottel“ bezeichnet hätte. Noch gut erinnerte ich mich an das wohlige Erschrecken, das uns durchrieselte, wenn wir in dem Wäldchen zwischen unserem und dem Nachbardorf spielten und einer rief: „Dort kommt Fettbrots Karl!“ Ob dieser tatsächlich so hieß wie die häufig auf unserem Abendbrotstisch anzutreffende Arme-Leute-Speise, war für uns unwichtig. Er war der Trottel vom Nachbarort und um ihn rankten sich schaurige Legenden. Vor unserem eigenen, dem harmlosen Resultat seit Generationen praktizierten inzüchtigen Verhaltens fürchteten wir uns nicht.

Der hier vor mir liegende Mensch hatte nichts mit jenen Gestalten meiner Kindheit gemeinsam. Er war so klein wie ein achtjähriger Junge, hatte aber den gedrungenen Körperbau und das Gesicht eines Mannes. Man sah ihn nie, ohne dass er unverständliches Zeug vor sich hinbrabbelte, mit schlenkernden Gliedmaßen und kaum je ohne eine Blume oder einen Zweig in der Hand. Er war eindeutig nicht nur minderwüchsig, sondern auch geistig behindert. Was zu seinem Tod geführt hatte, eine Krankheit oder sein eigener Wille, würde die Gerichtsmedizin klären müssen. Schonend bereitete ich die Mutter auf die Wahrscheinlichkeit einer Obduktion vor.

Während sie sich entschuldigte, um sich etwas Anderes überzuziehen, hatte ich Muße, mich im Atelier umzusehen. Überall an den Wänden, auf Staffeleien und kleinen Tischen standen Bilder unterschiedlichster Größe. Bespannte Keilrahmen, wie auch ich sie benutzte. Doch das Faszinierende an den Bildern, die ich halb oder ganz sah, waren die Farben. So hatte ich schon immer malen wollen! Keineswegs dunkel und schwermütig, wie ich es vermutet hätte, sondern klare leuchtende Farben nebeneinander gestellt, so kraftvoll und lebensbejahend, dass es eine Lust war sie anzuschauen. In manchen Bildern waren Landschaften zu erahnen, andere zogen den Blick magisch in die Tiefe wie in einen Tunnel.

Steffen musste mich am Arm fassen, um meinen Betrachtungen ein Ende zu machen. Draußen hielt soeben der Wagen der Kripo. Die Kollegen stellten die üblichen Fragen und machten einige Fotos. Dann trugen sie die Leiche zusammen mit Steffen auf einer Trage in den Leichenwagen, der soeben eingetroffen war.

Bevor wir fuhren, fragte ich die Frau, ob ich in ein paar Tagen noch einmal kommen und mir die Bilder anschauen könne. Sie sah mich an, als hätte ich ihr ein unsittliches Angebot gemacht. Ihre kaum verständliche Antwort nahm ich als Zustimmung.

Die Bilder ließen mich nicht los. Zwei Tage später klingelte ich wieder an der Tür. Die Frau schien mich nicht zu erkennen, was wohl am fehlenden weißen Kittel lag. Nachdem ich endlos lange erklärt hatte, wer ich bin und was ich will, ließ sie mich misstrauisch eintreten. Im Atelier war alles unverändert. Wachsam beobachtete die Mutter, in der Tür stehend, meine Bewegungen. Ich sah mir jedes Bild an, aus der Nähe und von fern. Auf meine Frage, was sie mit den Bildern vorhabe, schaute sie mich verständnislos an. „Was soll i mit dem G`schmier ofanga? Dr Bua hot hald ebbes do miassa, s´ war hald sei ei ond ells.“ Ich dachte an meinen Galeristen, der für mich schon ein paar meiner „Werke“ verkauft hatte, dem meine Akte ebenso wie meine Landschaften jedoch zu gegenständlich waren. Doch wann immer ich wild entschlossen, endlich etwas „Abstraktes“ großzügig auf die Leinwand zu bringen, loslegte, endete dies mit einer grauenvollen Schmiererei.

Hier war mit einer solchen Unbekümmertheit und gleichzeitig traumwandlerischer Sicherheit zu Werke gegangen, wie es nur Kinder oder Genies können. War dies das Geheimnis des Kleinwüchsigen? Ganz hinten in einer Ecke stand ein Bild, das sich von allen anderen unterschied. Zwischen den beidseitig hochsteigenden bewaldeten Hängen ging eine Gestalt. Besser gesagt: sie stemmte sich gegen einen scharfen Wind, der durch die drohend über allem hängenden dunkelgrauen Wolken für den Betrachter fühlbar wurde.

In dieser Gestalt erkannte ich mich. Der Weg, das Tal, der Mantel. Der Kleppermantel, mein Hort, meine Zuflucht. Als er noch bei meinen Großeltern am Gardarobenhaken hing, wickelte ich mich oft hinein, wenn ich von den anderen nicht gesehen werden wollte. Er war so lang, dass er fast bis auf den Boden reichte, und deshalb, wenn ich mich ganz an die Wand presste, nicht einmal meine Fußspitzen hervorlugten. Dieser Mantel hatte einen ganz besonderen Duft. Ein wenig hing immer von den Zigarren darin, die mein Großvater nur im Freien schmauchen durfte, damit die Gardinen der gestrengen Großmutter nicht darunter litten. Und der derbe Geruch männlichen Schweißes nistete ebenfalls in den Falten des Futterstoffes. Hier fühlte ich mich sicher.

Wie oft hatte ich den Mantel probiert, um die Zeit nicht zu verpassen, wenn seine Ärmel nicht mehr hoffnungslos zu lang sein würden. Diesen Mantel musste ich um jeden Preis haben. Meinen Schutz vor der Welt.

Und nun sah ich auf dieses Bild, bei dessen Anblick mir nur Worte wie „Verlorenheit“ und „Einsamkeit“ einfielen und konnte nicht anders als mich abzuwenden. Bevor etwas zerbrach, tief in mir drin. Die immer noch im Türrahmen ausharrende Frau zuckte erschrocken zusammen und ich verließ mit einem gemurmelten Gruß den Keller.

Meine Wohnung empfing mich still wie immer. Doch zum ersten Mal empfand ich dabei keine Befriedigung. Ich ging durch die Räume wie eine Fremde und betrachtete mit der Distanz einer Fremden die geschmackvolle Einrichtung. Hier hatte ich nichts dem Zufall überlassen: jede Lampe, jedes Bild hatte seine Funktion, nahm einen Farbton oder das matte Glänzen eines Metalls auf; alles war geschmackvoll und schön, funktionell und edel. Wieso nur war dann in mir so eine Leere, so ein Gefühl, als fehle etwas?

Wenn in den letzten Jahren einer meiner Lover bei mir übernachtet oder ein Wochenende mit mir zusammen verbracht hatte, litt ich unter den überflüssigen Spritzern auf den empfindlichen Feinsteinzeugfliesen im Bad. Und die Glasfront meiner Duschkabine vermochte trotz gründlicher Einweisung niemand so streifenfrei abzuziehen wie ich. Von all den anderen unangenehmen Dingen, wie herum liegenden Kleidungsstücken, verkrümelten Couchpolstern und beklecksten Designerstühlen ganz zu schweigen. Wenn einer der Männer im Überschwang seiner Gefühle angedroht hatte, für uns zu kochen, setzte ich all meine Überzeugungskunst daran, um ihn zu einem teuren Italiener zu bugsieren. Auf meine Kosten selbstverständlich. Das war es mir die Sache wert. In meiner Zwanzigtausend-Euro-Küche sollten nur meine Fingerabdrücke an den Edelstahlflächen und den hochglanzlackierten weißen Fronten zu sehen sein. Die Summe all dieser Mann-im-Haus-Erfahrungen ließ es gar nicht zu, dass sich mir ernsthaft die Frage stellte, ob es wünschenswert sei, mit einem Partner zusammen zu leben. Und Kinder? Diese Frage beantwortete sich ebenfalls von selbst. Lieber jettete ich drei Mal jährlich zu den schönsten Plätzen der Welt, als dass ich Windeln wechselte und mir vorlaute Sprüche anhörte.

So jedenfalls waren meine Gedanken gewesen, bevor ich dieses Bild gesehen hatte. Zwei Tage später fand ich mich wieder vor jenem Haus, um zu fragen, was die Mutter denn nun mit den Bildern zu tun gedenke. „Was moine se denn, wo ma die no due ko?“ Ich schlug vor, einem Altersheim oder einer anderen sozialen Einrichtung einige zu schenken, erklärte mich auch bereit, meinen Galeristen zu fragen, ob er Interessenten kenne. Auch im Krankenhaus wollte ich mich erkundigen, ob in einem der vielen Flure noch Platz für moderne Kunst sei. Dann hörte ich mich ganz erstaunt um jenes Bild bitten, das mir nicht mehr aus dem Kopf ging. Sie lief in die Ecke, zog das Bild heraus und drückte es mir in die Hand. „Do, nehms, Freullein, i frei mi, dass ebber sei Sach mag.“ Als ich wegen der Bezahlung fragte, war sie fast beleidigt.

Zu Hause angekommen, überlegte ich, wo das Bild einen Platz finden könnte. Meine Wände waren mit eigenen Bildern dekoriert, das Treppenhaus ebenso; in meinem Atelier stapelten sich die großformatigen Leinwände, die ich nirgends mehr hatte unterbringen können.

Doch viel entscheidender schien die Frage zu sein, ob ich diese Manifestierung meiner Niederlage, die Infragestellung meines Lebensentwurfes, überhaupt würde um mich ertragen können. Jeden Tag den Zweifel an mir nagen fühlen, ob der eingeschlagene und mit Vehemenz vor mir und allen anderen verteidigte Weg, der richtige war? Ob eine durchgestylte Wohnung, berufliche Karriere und finanzielle Sorglosigkeit die Leerräume auszufüllen vermochten, die sich vielleicht mit zunehmenden Alter noch in mir auftun würden?

Was wäre, fragte ich mich, wenn an der linken Seite der Frau, da, wo der Weg noch genug Platz ließ, eine kleine, ebenfalls vermummte Gestalt, sich anschmiegen würde an den großen kräftigen, den Wetterunbilden trotzenden Körper? Oder ein noch größerer Umriss, einen Arm schützend um die verloren wirkende Einsame gelegt? Oder aber ein Paar, zwischen sich an den Händen haltend den kleinen Knirps?

Bevor es mir richtig bewusst wurde, hatte ich schon den Pinsel in der Hand und brachte mit kräftigen Strichen die dunklen Umrisse des Waldes, den drohenden Himmel und das nach hinten immer schmaler werdende Band des Weges auf eine neue Leinwand. Erstaunt betrachtete ich das Bild und wunderte mich über die mutigen Spuren, die mein Pinsel hinterlassen hatte. So losgelöst von meinem Verstand hatte ich noch nie gemalt. Jetzt mussten die Farben noch trocknen. Bis dahin hatte ich Zeit, mir zu überlegen, wie viele Personen ich auf den Weg gegen den Sturm schicken wollte.

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