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#1

Federlesen

in Diverse 02.08.2008 16:09
von Feo | 134 Beiträge | 134 Punkte
Federlesen



Der Blick nach oben scheint allmählich leichter,
die Wirrnis in den Wipfeln wird sich legen;
jetzt sieht man, wie die Himmel sich bewegen.
Von unten wirkt das Blau noch unerreichter.

Die Tage fallen taumelnd, kurz vor Nacht,
der Herbst setzt ihnen eine letzte Frist,
färbt Blätterwerk, das längst beschrieben ist
und feiert, was der Lauf der Zeit draus macht.

Doch manchmal, wenn ich in mir stille werde,
dann höre ich das federleichte Krachen,
das Fastgeräusch, das Engelsflügel machen,
den Schwingenbruch, beim Aufprall auf die Erde.

Der Mond lacht heute wie ein Pizzarand.
Ich warte drauf, dass Fett und Käse tropfen.
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#2

Federlesen

in Diverse 06.08.2008 10:01
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hallo Sabine

Bei dem Gedicht erschliesst sich mir kein durchgängiges Bild.


Zitat:

Der Blick nach oben scheint allmählich leichter,
die Wirrnis in den Wipfeln wird sich legen;
jetzt sieht man, wie die Himmel sich bewegen.
Von unten wirkt das Blau noch unerreichter.

Die Tage fallen taumelnd, kurz vor Nacht,
der Herbst setzt ihnen eine letzte Frist,
färbt Blätterwerk, das längst beschrieben ist
und feiert, was der Lauf der Zeit draus macht.



Bei diesen beiden Strophen hatte ich noch einen Menschen im Kopf, der im Herbst seines Lebens angekommen ist und sich evtl. mit Gott (Blick nach oben) versöhnt, oder allgemeiner formuliert, sich mit seinem Schicksal (Wirrnis in den Wipfeln) abgefunden hat.
Klasse übrigens der Satz: färbt Blätterwerk, das längst beschrieben ist


Zitat:

Nur manchmal, wenn ich in mir stille werde,
dann höre ich das federleichte Krachen,
das Fastgeräusch, das Engelsflügel machen,
den Schwingenbruch, beim Aufprall auf die Erde.



Jetzt kommen jedoch die Engel dazu. Und hier stocke ich dann auch mit meiner begonnen Assoziation. Vor allem das ‚nur’ zu Beginn wirft mich aus der Bahn, weil es quasi die vorhergehende Situation relativiert. Meines Erachtens - sollte der Absturz eingeflochten werden - müsstest Du eher mit einem ‚und’ beginnen, damit sich dieser neue Aspekt nahtlos einfügt. Wenn das nicht beabsichtigt ist, dann stehe ich hier auf dem Schlauch.


Zitat:

Der Mond lacht heute wie ein Pizzarand.
Ich warte drauf, dass Fett und Käse tropfen.



Und mit diesen beiden Schlusssätzen kann ich nicht wirklich etwas anfangen bzw. muss ich da an das Lied: When the moon hits your eye like a big pizza pie that's amore ... denken.
Sollte der Abschluss gewollt – gewollt sowieso, weil ja nicht gereimt – als Auflockerung respektive Bruch intoniert sein, wäre mir ein lockerer Paarreim auf alle Fälle lieber. In dieser Fassung verpufft aber die aufgebaute Stimmung eher mit einem Misston. Kann gewollt sein, mir sagt das aber weniger zu.

Gruss
Margot

P.S. Übrigens ein extra Lob für den Titel. Der ist so schön mehrdeutig.

Die Frau in Rot

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#3

Federlesen

in Diverse 06.08.2008 14:06
von Feo | 134 Beiträge | 134 Punkte
Oh, endlich hat sich jemand getraut, das freut mich sehr!

Deiner Interpretation der ersten beiden stimme ich zu, liebe Margot.
Die dritte Strophe hingegen widerspricht (auch durch das "nur") der in S1 und 2 angedeuteten Abgeklärtheit, dem Annehmen der eigenen Vergänglichkeit, der eigenen unbedeutenden Rolle (das Blätterwerk, das längst beschrieben ist )und der Option, das Leben auch im Herbst so bunt, so intensiv wie möglich zu leben (das Feiern).

Hier fallen Träume, Pläne, Ideale, alles, was gut und richtig und wichtig war - die Engelsflügel fallen. Die Geräusche der brechenden Schwingen(so zumindest meine Absicht) - also der Möglichkeiten, der Fähigkeiten, der Kraft, vielleicht auch der Schönheit - treten leise auf, sind nur manchmal wahrnehmbar, und nur, wenn man intensiv in sich hineinlauscht, machen Angst, wispern und raunen, wie die unheimlichen Stellen in einem Thriller, wenn die Musik schleichend ankündigt, dass gleich was Gruseliges passiert. Kaum wahrnehmbar, oft unterdrückt, ignoriert und dennoch immer wieder mal aufflackernd Angst. Angst vor der eigenen Unbedeutsamkeit, mangelnder Einzigartigkeit, vor dem Altern, vor dem Sterben, dem Vergehen. Insofern verbindet die 3. Strophe die ersten beiden miteinander, rundet die Betrachtungen ab.

Wenn man allein zu Haus ist, wenn man einen unheimlichen Filmgesehen oder ein bedrückendes Buch gelesen hat, wenn alles still ist und man sich in der Stille so graust, dass man fröstelt, dann macht man Lärm, singt, klappert beschäftigt mit Töpfen, saugt Staub oder macht das Radio an, sucht sich etwas, wo man schuften, wüten oder lachen kann oder kneift sich selbst, damit man das Leben wieder spürt.

Man erdet sich, bringt sich auf die Erde, den Boden der Realität zurück, back to the roots. Die letzten beiden Verse erden das Gedicht. Reißen los, aus dem Blick in den Himmel, aus dem Gedankentreiben, aus dem, was da einerseits so schön und spannend, andererseits auch beängstigend ist, kehrt zu dem zurück, was sicher ist: Leiblichkeit. Pizzaduft, Essen, profane (und metaphorische) Tischreste, tropfendes, Flecken hinterlassendes Fett und Käse - was könnte bei einem Blick in den Himmel menschlicher, irdischer, erdender sein?

Das Leben reimt sich nicht. Das hat es mit den letzten beiden Versen gemein. Es musste ein deutlicher, dicker, fetter Bruch her. Ein Paarreim würde aus dem Gedicht ein ungezwungen gereimtes Shakespeare - Sonett machen - und ich will es nicht um des Gleichmaßes und des Wohlklangs willen zu einem Bühnenstück machen.

Hab herzlichen Dank für deine Auseinandersetzung mit meinem Text, die hinterfragende Rückmeldung und deine Interpretation.

Liebe Grüße,
Feo
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#4

Federlesen

in Diverse 06.08.2008 20:10
von Habibi (gelöscht)
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Hallo Feo, ich fände das Gedicht ohne die 2 letzten Zeilen perfekt.

Gruß von Habibi
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#5

Federlesen

in Diverse 06.08.2008 20:42
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte
Hi Feo

die ersten drei Strophen gefallen mir wirklich gut, obwohl ich auch ein Problem mit dem 'nur' in S3V1 habe. ein 'doch' wäre für mich an der Stelle wesentlich stimmiger und nachvollziehbarer.

deine Erklärungen zu dem Käse-Pizza-Teil sind ja wirklich einleuchtend und machen was her, allerdings kann ich das aus dem Text so nicht rauslesen. also ich kann damit nichts anfangen und fragte mich nur, ob die Engel zuviel Pizza gegessen hatten und dann wegen Übergewicht runtergeknallt sind... aber es ist ja deine Pizza

Gruß
Simone

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#6

Federlesen

in Diverse 06.08.2008 23:17
von Feo | 134 Beiträge | 134 Punkte
Besten Dank für das "doch", ich hab es gleich eingebaut, Simone. :-)

@ Habibi:
Zu perfekt, Habibi. Und nicht mehr das, was ich bebildern wollte.

Vielen Dank für die Auseinandersetzung mit meinem Text, die Rückmeldungen und die konstruktiven Anregungen, ihr beiden.

LG, Feo
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