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Globale Orgasmen

in Kommentare, Essays, Glossen und Anekdoten 01.08.2008 17:19
von Karl Feldkamp • Mitglied | 194 Beiträge | 194 Punkte
Wahrscheinlich treibt mich mein männlicher Größenwahn, Zusammenhänge zwischen Globalisierung und Orgasmen herzustellen. Doch zunächst bitte ich die werten Leser um Geduld. Verzögerte Orgasmen sind bekanntlich explosiver. Und um Missverständnissen vorzubeugen, weise ich hin, dass ich vom Orgasmus nur als Metapher Gebrauch mache.

Bekanntlich trägt das menschliche Auge entscheidend zum sinnlichen Genuss bei. Ist von Globalisierung die Rede, wendet sich daher der verschämt eingeschränkte Blick des Möchte-gern-Weltgewandten automatisch von Einzelmenschen ab und wird übergangslos zum ehrenwerten und zugleich gierig grenzenlosen Weitblick, der unbedingt über den bescheidenen eigenen Horizont hinausreichen will. Das umgehend gering geschätzte Individuum nehmen derartige „global players“ allenfalls noch im Bezug zum Wesentlichen, zum großen Ganzen wahr.
Unter globalem Weitblick wandeln sich staatenübergreifend Kinder zu Konsumenten und zukünftigen möglichst qualifizierten Fachkräften sowie zu kommenden Einzahlern in Sozial-systeme. Auszubildende mutieren zu Investitionen in die Zukunft und arbeitende Menschen zu Humankapital. Oberprimaten werden zur Bedrohung vorhandener Rohstoffe und Ernährungsquellen. Und angeblich überflüssige Seniorinnen und Senioren entwickeln sich zu pflegeintensiven demografischen Problemen. Funktionen, nichts als Funktionen …
Je näher der Orgasmus rückt, desto mehr treiben jene, die ihn anstreben, dem Zustand reiner Lustobjekten entgegen und sind bis zum Absturz aus lüsternen Höhen vor lauter Verschmelzung keine individuellen Persönlichkeiten mehr.
Führungspersönlichkeiten funktionieren macht- und karrierehöhepunktslüstern sowie global orgasmisch in einem Jahr als Leiter deutscher Großbanken und im Jahr darauf als leitende Manager weltweiter Konzerne, in denen Autos, Handys, Haushaltsgeräte, Psychopharmaka oder Waschmittel hergestellt werden.

Das Individuum mit seiner schwer zu beherrschenden Individualität öffnet am besten alle seine Grenzen und stellt – wie ein bereites Weibchen – sich und seine sinnlosen persönlichen Geheimnisse globaler Nutzbarkeit zur Verfügung. Weltenlenker müssen promiskuitiv ins Individuum eindringen, seine Taktiken durchschauen, in die Freiheit seiner Gedanken- und Gefühlswelt vordringen, sie anzapfen und in ihr manupulativ mitdenken und mitfühlen. Nur durchschau- und leicht zu verführbare Konsumenten sind gute Konsumenten. Von wirtschaftlicher Vernunft geleitete und deswegen Einsicht und Einlass gewährende Weltmitbürgerinnen und –mitbürger hingegen stellen sich der selbstlos globalwirtschafts-gesellschaftlichen Nutzung und Benutzung.
Der gemeine Mensch an sich hat von Natur aus Mühe loszulassen und sich dem Tempo notwendiger Entwicklungen anzupassen. Daher sollte der kluge „global player“ Grenzen zwar offiziell respektieren, aber heimlich ignorieren, egal, ob Ländergrenzen, persönliche oder anders geartete Sperren den Weg verstellen. Gäbe es einen Manager-Katechismus, wäre seine erste Glaubensfrage: Wie reagiert der Manager, wenn er an Grenzen der Machbarkeit stößt? Die richtige Antwort: Der Managersprachschatz kennt das Wort Grenzen nicht. Er kennt nur Herausforderungen.
Grenzen sind das Nein einer Frau, das Männer unbeeindruckt als Ja interpretieren. Der stets berechtigte männliche Orgasmus hat unwiderstehlich Vorrang. Alles, was sich Machtlust-interessen in den Weg stellt, wird übersehen, überwunden, überlistet.
Doch der Mensch kann offensichtlich weder Grenzen ertragen noch ohne sie leben. Sie bedeuten Gefangenschaft und Geborgenheit, bedrohen Freiheit und gewähren Schutz. Die letzte Grenze ist der Tod. Religiöser Glaube verspricht ewiges Leben. Und während der Orgasmen kommen Wünsche auf, das Lusthöhepunktsgefühl möge nie enden, während unmittelbar danach nicht selten Todeswünsche folgen.
Das Wort global, mit weltweit übersetzt, bezieht sich zunächst nur auf unsere Erde. Die hat relativ eindeutige Grenzen, die nur unter hohem technischen Aufwand per Raumfahrt zu überwinden sind. Beide Begriffe – Erde und Welt – werden allzu gern verwechselt. Menschen reden von Welt und meinen ihre Erde, mögen sie doch ihren orgasmischen Traum vom unbegrenzten und gar ewigen Fliegen nicht der irdischen Schwerkraft opfern.

Anderseits ging jeder Oberprimat aus jener schwangerschaftlichen Symbiose zwischen Mutter und Kind hervor. Diese in der Regel neunmonatige unzertrennliche Gemeinschaft erinnern menschliche Körper als paradiesisches Wohlgefühl, das selbst noch Greise instinktiv lustbetont zu Vereinigung und körperlicher Nähe anstachelt. So lebt der Mensch ununterbrochen mitten im gefühlten Spannungsfeld aus globalen, sozialen und individuellen Sehnsüchten irgendwo zwischen absoluter Freiheit und totaler Geborgenheit.
Gegenläufige Sehnsüchte können zu Süchten werden. Und Sucht gedeiht bestens von der trotzig angestrebten Unerreichbarkeit des Allmachts- und Wohlfühlorgasmus’ außerhalb menschlicher Reichweiten.
Es hat also mit meinem männlichen Größenwahn zu tun, wenn ich Zusammenhänge zwischen Globalisierung und Orgasmen herstelle. Doch im Sanskrit heißt es: Wer vom Herrschaftsrausch befallen ist, erwacht nicht vor seinem Sturz.
Zum Glück gibt es außer mir genügend Männer mit Höhenängsten, die dennoch zum Orgasmus kommen. Und mancher Mann schläft auch erst kurz nach dem orgasmischen Absturz ein.
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