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#1

Natternhaut

in Düsteres und Trübsinniges 14.07.2008 16:55
von Feo | 134 Beiträge | 134 Punkte
Natternhaut







Auch heute streife ich durch mein Gehege.
Hier wuchern große Büschel Bilsenkraut.
Sein strenger Duft, zu herb und zu vertraut,
stößt sauer auf; zugleich macht er mich träge.

Es drückt und zwickt, sobald ich mich bewege.
Ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut.
Sie ist viel dünner, seltsam aufgeraut
und spannt. Ein Fehler bei der Schönheitspflege?

Gedanken werden immer wieder laut,
Gewölle wird gekaut, gekaut, gekaut -
mich würgt es permanent, wenn ich mich rege:

Der Kragen platzt. Zu viel war angestaut.
Jetzt juckt der Bauch - zum Teufel - ich erwäge,
ob ich die Fetzenhaut alsbald zum Abfall lege.




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#2

Natternhaut

in Düsteres und Trübsinniges 15.07.2008 17:32
von Karl Feldkamp • Mitglied | 194 Beiträge | 194 Punkte
Hallo Feo,
gut gereimt und wohl geformt. Auch der Inhalt gefällt mir.
Habe ich gern gelesen.
Gruß
Karl
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#3

Natternhaut

in Düsteres und Trübsinniges 20.07.2008 21:40
von Feo | 134 Beiträge | 134 Punkte
Danke Karl, das freut mich.

LG, Feo
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#4

Natternhaut

in Düsteres und Trübsinniges 21.07.2008 23:33
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hallo Sabine

Der Bogen zum Panter drängt sich auf, nicht wahr? Hier jedoch wird moderner, und anhand einer Schlange, vom Ungemach einer Gefangenschaft erzählt.

Weil ich, wie immer , hinter allem und jedem Beziehungsprobleme vermute, interpretiere ich mal:


Zitat:

Auch heute streife ich durch mein Gehege.
Hier wuchern große Büschel Bilsenkraut.
Sein strenger Duft, zu herb und zu vertraut,
stößt sauer auf; zugleich macht er mich träge.



Wie die beiden ersten Worte sagen, ist es ein Ist-Zustand. Die Schlange ist in ihrem Gehege gefangen und sucht auch heute (wieder) nach einem Ausgang bzw. einer Gelegenheit, etwas Neues zu entdecken. Kann – wie gesagt – ein Loch in die Freiheit sein oder dann eine neue Sichtweise.
Das Bilsenkraut – ich musste das jetzt googeln, weil ich mir nicht sicher war, ob das nur für den Reim Verwendung fand , wurde aber belehrt, dass es sowohl Medizin, als auch Rauschmittel ist – könnte demzufolge für den Partner/die Beziehung stehen.

Die negativen Wendungen wuchern/streng/zu herb/zu vertraut/stösst auf, weisen aber darauf hin, dass es damit nicht zum Guten steht. Trotzdem macht das Gegebene träge. Es wird also in der Situation verharrt. Aus was für Gründen, weiss man jedoch (noch) nicht.


Zitat:

Es drückt und zwickt, sobald ich mich bewege.
Ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut.
Sie ist viel dünner, seltsam aufgeraut
und spannt. Ein Fehler bei der Schönheitspflege?


In dieser Strophe wird das Befinden des lyr. Ichs näher beschrieben. Die Situation ist nahezu unerträglich; alles schreit nach Veränderung. Es wird sogar darüber spekuliert, woran die ganze Misere liegen könnte. An der falschen Schönheitspflege = am mangelnden Respekt/Vernachlässigung/Überdruss/Gewohnheit etc.


Zitat:

Gedanken werden immer wieder laut,
Gewölle wird gekaut, gekaut, gekaut -
mich würgt es permanent, wenn ich mich rege:


Streit, logo! Vorwürfe, Anschuldigungen, das ganze Pipapo ... kennt man ja.
Gewölle? Kenne ich nur bei Vögeln. Deshalb stocke ich hier zum ersten Mal bzw. kann ich das der Schlangenmetapher nicht zuordnen. Beim 3x-igen 'gekaut' habe ich zuerst auch die Stirn gerunzelt, jedoch – wenn ich es laut lese – kriege ich das mit etwas schauspielern doch noch hin, aber wirklich elegant ist es nicht.


Zitat:

Der Kragen platzt. Zu viel war angestaut.
Jetzt juckt der Bauch, zum Teufel, ich erwäge,
ob ich die Fetzenhaut alsbald zum Abfall lege.


Das finde ich jetzt witzig respektive stelle ich mir das witzig vor, wenn einer Natter der Kragen platzt. Dieses Wortspiel mit dem Beenden des unerquicklichen Zustandes gefällt mir gut.
In der zweiten Strophe würde ich den Teufel etwas mehr akzentuieren. Gedankestriche oder auch ein Ausrufezeichen fände ich passender.

Und nach dem letzten Satz juckt es mich laut zu rufen: Ja, schick den Schwachkopf in die Wüste!

Gefällt mir gut und handwerklich gibt’s nichts zu meckern. Jedoch ist es mir – für diese Rubrik – nicht düster und traurig genug. Ich denke auch, es schwingt ein ironischer Unterton mit bzw. wirkt es bei mir auf diese Weise.

Gruss
Margot


Die Frau in Rot

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#5

Natternhaut

in Düsteres und Trübsinniges 22.07.2008 20:22
von Feo | 134 Beiträge | 134 Punkte
Hallo Margot,
vielen Dank für deine intensive Auseinandersetzung mit meinem Text und die gute, stimmige Interpretation. Ich freu mich drüber.

Die Anregung, den Teufel noch etwas deutlicher herauszustellen werde ich gerne annehmen.

Bilsenkraut wird nicht nur zu medizinischen Zwecken und zum Berauschen genutzt, es ist auch ziemlich giftig, wurde früher als Hexenkraut bezeichnet. Es ist gleichzeitig (in geringer Dosis und äußerlich angewendet) ein Mittel, das Muskeln entspannt, müde, träge und schlaff macht, das in minimalen Dosen beruhigen, aber auch Rausch und Halluzinationen hervorrufen kann und ein wirksames Gift, das, oral verabreicht, (unter anderem durch seine Atem lähmenden Nebenwirkungen) tödlich sein kann.

Gewölle nennt man die unverdaulichen Bestandteile eines Beutetieres. Meist wird diese Vokabel im Zusammenhang mit Greifvögeln wie z.B. Eulen benutzt, die einige Zeit nach einer Mahlzeit einen Ballen mit (z.B.: ) Federn, Schnäbeln, Knochen, Gräten, Haaren, Krallen u.s.w. ihrer Beutetiere ausspeien. Auch bei Katzen und Schlangen ist dieser Vorgang des Ausspeiens von fest zusammen gepressten Knäueln der unverdaulichen Anteile ihrer Beute bekannt.

Die Tiere würgen so lange, bis sie den Klumpen los sind, der ihnen zu schwer im Magen lag. Im Zusammenhang mit dem Wiederkäuen mancher Paarhufer eine gewiss recht unästhetische Vorstellung, aber im Prinzip das, was bei sich wiederholenden Auseinandersetzungen abspielt. Ob in dem Vers da ein Wiederkäuen zu viel ist, oder ob nur die angestrebte Betonung der zur Routine gewordenen, unangenehmen, ja, unerträglichen, immer wieder aufgewärmten Angelegenheiten das erwünschte Unbehagen beim Leser auslöst - ich denke noch einmal drüber nach.


Die Rubrik...
Das Thema finde ich ernst und düster, wenn ich auch zugeben muss, dass es im Text durch die ironische Nuance an Trübsinn mangeln könnte. Nur: Welche Rubrik wäre denn, wenn man es so streng auslegt, die richtige? Als Naturgedicht würde ich es nicht unbedingt bezeichnen.


Vielen Dank noch einmal für Kommentar, Lob und die konstruktiven Anregungen.

LG, Feo
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#6

Natternhaut

in Düsteres und Trübsinniges 30.07.2008 09:32
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hi Feo,

das rafinierte an der Schlangenhautmetapher ist hier ja, dass sich das Tier in einem Gehege befindet und das Bilsenkraut danach immernoch stinken und das Gewölle auch nicht besser schmecken wird.
Das 3x gekaut gefällt mir persönlich übrigens gerade gut, weil es dieses immer wieder kehrende und dabei genervt sein gut ausdrückt.

Für mich hat der Text aber genau zwei Schwachstellen.
Die erste wurde schon benannt: Das Gewölle, das eigentlich bei der Natter als Begriff nichts zu suchen hat, auch wenn die etwas ähnliches produzieren.
Das zweite ist die Formulierung: Ich erwäge, ob ich die Fetzenhaut alsbald zum Abfall lege."
Ich bilde mir ein, es müsste korrekt heißen: Ich erwäge, die Fetzenhaut alsbald zum Abfall zu legen.
Soll heißen, ich glaube, "erwägen" steht mit dem Infinitiv und nicht mit einem Konjunktionalsatz. Das klingt in meinen Ohren irgendwie falsch. Aber vielleicht habe ich da auch nur ein zu schmales sprtachliches Spektrum.

Viele Grüße,
GW

Edit: Vorschlag, wie das zweite Problem beseitigt wäre:

Der Kragen platzt. Zu viel war angestaut.
Jetzt juckt der Bauch - verdammt! - ich überlege,
ob ich die Fetzenhaut alsbald zum Abfall fege.



Aber, wie gesagt, vielleicht ist es ja auch gar keins.

_____________________________________
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#7

Natternhaut

in Düsteres und Trübsinniges 02.08.2008 13:15
von Feo | 134 Beiträge | 134 Punkte
Hallo GW,

hier mal die Dudendefinition des Verbes "erwägen".

erwägen, ventilieren, etwas geht jemandem durch den Kopf, etwas geistert / spukt in jemandes Kopf herum (ugs.), in Erwägung / Betracht ziehen, mit dem Gedanken spielen / umgehen, bedenken, überdenken, nachdenken über, ins Auge fassen, mit sich zurate gehen, wägen, überlegen, prüfen, sich etwas durch den Kopf gehen lassen, [sich] etwas beschlafen (ugs.), etwas überschlafen / (salopp) beschnarchen; Acht geben, berücksichtigen, denken, liebäugeln (mit), vorhaben; Bedenkzeit.

(c) Dudenverlag

Im hiesigen Sprachgebrauch ist die Wendung "ich erwäge, ob" recht geläufig und entspricht einem "ich denke drüber nach, ob", deutet also eine Ambivalenz an. "Ich erwäge, dass" ist ebenso geläufig, beinhaltet meist eine durch die Erwägung intendierte Entscheidungsfindung. Natürlich kann man "erwägen" ebenso zusammen mit einem Infinitiv benutzen, zum Beispiel: Ich erwäge, etwas zu machen. Muss man aber meines Wissens nicht.

Gute Interpretation übrigens!

Über eine Alternative zum Gewölle werde ich noch einmal in Ruhe nachdenken, vielleicht findet sich ja noch eine bessere Lösung.

Herzlichen Dank für deine Rückmeldung.

LG, Feo

Edit:

Der allgemeine Begriff für das "Gewölle" ist Bezoar. Klingt irritierend malerisch, ist nur recht ungebräuchlich. Bei Gewölle weiß wenigstens jeder, was gemeint ist, bei Bezoar müssten die meisten nachschlagen, naja, was nicht unbedingt ein Schaden ist. So sähe also die Alternative aus:

Natternhaut


Auch heute streife ich durch mein Gehege.
Hier wuchern große Büschel Bilsenkraut.
Sein strenger Duft, zu herb und zu vertraut,
stößt sauer auf; zugleich macht er mich träge.

Es drückt und zwickt, sobald ich mich bewege.
Ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut.
Sie ist viel dünner, seltsam aufgeraut
und spannt. Ein Fehler bei der Schönheitspflege?

Gedanken werden immer wieder laut,
der Bezoar gekaut, gekaut, gekaut -
mich würgt es permanent, wenn ich mich rege:

Der Kragen platzt. Zu viel war angestaut.
Jetzt juckt der Bauch, zum Teufel, ich erwäge,
ob ich die Fetzenhaut alsbald zum Abfall lege.






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#8

Natternhaut

in Düsteres und Trübsinniges 03.08.2008 16:05
von Alcedo • Mitglied | 2.443 Beiträge | 2351 Punkte
hallo Feo

Bezoar kommt aus dem persischen, deshalb der malerische Klang. es gibt auch eine Ziegenart mit der Bezeichnung. deshalb dachte ich dass ein Bezoar sich nur auf die Haarknäuel im Magen von Wiederkäuern bezieht. mhm, ich liege dabei wahrscheinlich richtig. ich hab nachgeschlagen, der Brockhaus bestätigt: "kugeliges Gebilde im Magen von Wiederkäuern". es erscheint mir also nicht korrekt als Überbegriff für alle Haarbälle, Knäuel, und Gewölle (vielleicht auch für das Ambra des Pottwals). der Unterschied ist, dass ein Bezoar durch die viel längere Verweildauer im Verdauungstrakt von Wiederkäuern eine steinähnliche Konsistenz erlangen kann, Stein welchem sagenhafte Heilkräfte nachgesagt werden. solche Eigenschaften können die einfachen Gewölle von Vögeln und Schlangen nicht aufweisen.

hier in deinem Gedicht würde ich also zur Verwendung von "Gewöll" tendieren und nicht zum "Bezoar", auch aus dem einfachen Grund: Schlangen sind eher mit Vögeln verwandt als mit Wiederkäuern, Katzen oder Walen. ich fände deshalb "Gewölle" passender im ersten Terzett. allerdings habe ich da ein Problem mit dem dreifachen Verb "kauen". Schlangen kauen nun mal überhaupt nicht und schon gar nicht wieder. die Zeile wäre so für mich optimaler:

Gewölle wird verdaut, verdaut, verdaut -

mir erscheint es so vielleicht trefflicher und "schön" unangenehm schwer im Natternmagen liegend.

Gruß
Alcedo

e-Gut
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#9

Natternhaut

in Düsteres und Trübsinniges 03.08.2008 19:21
von Feo | 134 Beiträge | 134 Punkte
Es wird ja grade nicht verdaut, Alcedo.

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#10

Natternhaut

in Düsteres und Trübsinniges 03.08.2008 22:21
von Alcedo • Mitglied | 2.443 Beiträge | 2351 Punkte
achso, verstehe.
nun, dann war ich aber gehörig auf dem Holzweg...

e-Gut
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