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#1

notabene

in Düsteres und Trübsinniges 01.04.2008 20:31
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte


notabene


Wenn an gewitterschweren Regentagen,
sich hinterm Horizont ein Streifen zeigt,
und leichter Nebel aus den Wiesen steigt,
umkreisen ihn die stillgelegten Fragen.


Dann fährt er los und hofft, dass sein Geleise
am nächsten Halt den ersten Haken schlägt,
weil er die Wahrheit jetzt nur schwer erträgt:
der Putz zerbröckelt - stetig, stellenweise.


Doch wenn die Stadt ihn schliesslich bandagiert,
erlischt das Fernweh bis zum nächsten Schimmer.
Und er begreift: Das Bleiben ist viel schlimmer
als Flucht, für jenen, der nach Freiheit giert.


© Margot S. Baumann


Die Frau in Rot

zuletzt bearbeitet 30.11.2009 21:39 | nach oben

#2

notabene (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 06.04.2008 10:13
von Richard III | 865 Beiträge | 865 Punkte
Liebe Margot!

Hm, hm, hm... Beim ersten Lesen natürlich schwungvoll wie immer, Metrisch schau ichs mir gar nicht erst an, da ich schätze, es ist sowieso einwandfrei.
Stilistisch überrennt mich zuerst die Wortwahl, die einen so einlullt, dass man nur Bleiben, Flucht, Freiheit liest und schon auf die Knie sinken will, da Melodie, Worte und Stimmung einen so umzirzen, dass man inhaltlich gar nicht mehr folgt. Hach, was ist der Mensch doch leicht zu beeinflussen, ich zumindest!
Jetzt gehe ich aber als kritischer Geist doch lieber mal in die Tiefe und schaue mir das genauer an:

Zitat:

Wenn an gewitterschweren Regentagen,
sich hinterm Horizont ein Streifen zeigt,
und leichter Nebel aus den Wiesen steigt,
umkreisen ihn die stillgelegten Fragen.


Erstmal die Einleitung, die diese einlullende Stimmung erzeugt: Man ist als Leser schon versetzt in eine düstere schicksalsschwangere Athmosphäre von schwerem Regenhimmel, der grau und wolkenverhangen über einem dräut wie eine Prophezeihung, zusätzlich noch der Nebel, der einen auch noch bildlich einlullt und dann dieser Streifen, was auch immer für einer. Klingt nach Hoffnungsschimmer, zumindest etwas, dass einen in all dem Grau und düster aufblicken lässt und man mal wieder im Alltagseinerlei zu denken beginnt.

Zitat:

Dann fährt er los und hofft, dass sein Geleise
am nächsten Halt den ersten Haken schlägt,
weil er die Wahrheit jetzt nur schwer erträgt:
der Putz zerbröckelt - stetig, stellenweise.


Jetzt sitzt man mit dem lyr. Ich im Auto, nicht etwa auf einem Fahrrad, nein, dank der düsteren Stimmung sitzt man sicher, trocken, aber auch eingeengt und begrenzt in einem abgeschlossenen Fahrzeug und man hofft mit dem lyrischen Ich, dass man in seiner ganzen Beengtheit und gradlinigkeit wenigstens einmal einen Haken schlagen darf, damit etwas geschieht, dass einem etwas Besonderes bietet, denn: Die WAhrheit des grauen Alltags ist schwer zu ertragen, wen man es erst einmal wagt, darüber nachzudenken. Vor allem, wenn man dann erkennen muss, dass der so schön aufgebaute Schein eben nicht mehr zu tragen ist: Der Putz bröckelt und man muss erkennen, dass eben doch nur die gerade Straße dahinter ist und dass der wolkenschwere Himmel nicht von etwas Schicksalsträchtigem zeugt.

Zitat:

Doch wenn die Stadt ihn schliesslich bandagiert,
erlischt das Fernweh bis zum nächsten Schimmer.
Und er begreift: Das Bleiben ist viel schlimmer,
als Flucht, für jenen, der nach Freiheit giert.


Hier setzt meine Krtik ein: Hier wird man als Leser überrumpelt. Wann war denn von Fernweh die Rede? Hat das lyr. Ich jemals Freiheit gerochen? Er saß doch die ganze Zeit im Auto und fährt anscheinend IN die Stadt und nicht aus ihr heraus oder kehrt zurück von einem Versuch auszubrechen. Das kann man sich jetzt zwar dazu dichten, aber keine Zeile hat zuvor darauf hingewiesen. Irgendwie wird man hier in die Thematik gestoßen ohne darauf vorbereitet zu sein. Alles Wichtige wird hier in vier Zeilen gepresst. Die ersten Strophen waren ruhig, düster, aufgebend, zeichenen ein lyr. Ich das eigentlich resigniert, dass sich seinen Fragen nicht stellen will, weil sie viel zu schmerzhaft sind und plötzlich ist hier ein lyr. Ich, dass tatsächlich geflüchtet ist? Das so reflektiert ist, dass es das Bleiben als schwerwiegender erkennt? Dass sich schon so offensichtlich mit seiner Sehnsucht nach Freiheit auseinandergesetzt hat und mit dem Umstand, dass die SEhnsucht danach manchmal auch nur Flucht ist und was es für einen solchen Menschen bedeutet, wenn er dennoch bleibt?
Hm, tatsächlich, Margot, dass ist überfordernd. Ein wenig mehr Einführung in den Geist des lyr. Ichs wäre wünschenswert. Man bleibt sonst mit einem riesengroßen Fragezeichen zurück und das macht das Gedicht nicht fordernd, sondern banal.

Soweit!
Liebe Grüße
R.

And therefore, since I cannot prove a lover,
To entertain these fair well-spoken days,
I am determined to prove a villain
And hate the idle pleasures of these days.
(William Shakespeare, King Richard III)


Kings Heritage

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#3

notabene (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 06.04.2008 12:09
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Richard ... schön, Dich zu lesen.

Banal? Autsch! ... das tut weh! Ist ja noch schlimmer als ‚nett’.

Zu Deiner Interpretation der ersten zwei Strophen muss ich nichts hinzufügen. Das hast Du so gelesen, wie ich es gedacht habe, merci.

Und jetzt die dritte. Hm ... kommt die wirklich so abrupt? Ich dachte, dass bereits die ‚stillgelegten Fragen’ einen Hinweis darauf geben, dass es sich nicht einfach bloss um ein Regentag-Melancholie-Gedicht handelt. In der zweiten wird ja dann auch etwas mehr ‚Licht’ vermittelt. Sein Gleis, das er knicken möchte; Wahrheit(en), denen er sich nur schwer stellt; Putz, der stetig bröckelt etc.

Ja, er fährt in die Stadt. Vielleicht zur Arbeit? Und fragt sich eben, ob das Bleiben – in der Gewohnheit – eben nicht schlimmer ist, als eine Flucht, bzw. ein Ausbrechen aus der Routine.

Fernweh ... ok, das kann man als Reiselust (miss)verstehen, hier wollte ich damit aber ein Sehnen nach Veränderung ausdrücken. Gut möglich, dass nur ich das verstehe...*g Und auch der Schimmer am Horizont. Ich assoziiere so ein Naturphänomen immer mit einem Hoffnungsschimmer, dass es dahinter noch Anderes gibt, das sich zu entdecken lohnt, wenn man nur den Mut aufbringen würde, die eingefahrenen Gleise zu verlassen.

Vielleicht ist die Konklusion wirklich ein bisschen überstürzt, kann sein, aber warum nicht mal auf diese Weise? Es steht ja nirgends, dass man Lyrikleser nicht auch mal überraschen und mit Fragezeichen zurücklassen darf, oder? Aber ich weiss schon, was Du meinst. Mir fiel das jedoch nicht auf. Danke für den Hinweis.

Merci beaucoup fürs Vorbeischauen und den Kommentar und ich drück Dich mal, Du alter Kämpfer!

Margot

Die Frau in Rot

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#4

notabene (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 07.04.2008 14:42
von Feo | 134 Beiträge | 134 Punkte
Hallo Margot,

das ist ein Gedicht, in das man sich gerne versenkt.

Schon in der ersten Strophe wird die Stimmung auf eine beinahe romantische Weise in dezentem, noch unterdrückten Grau gezeichnet, von einem gut dosierten (will sagen: nicht zu dick aufgetragen) Hauch von Melancholie überzogen, das erwähnte Gewitter lässt bereits auf innere Zerrissenheit und/oder Streit schließen, denen der Protagonist ausgesetzt war/ist. Sehr schön finde ich hier das Bild der Modelleisenbahn, das sich mir bei den Vokabeln "umkreisen" und "stillgelegt" gleich durch die in der nächsten Strophe eingeführten "Geleise" (mir hätten "seine Gleise" noch besser gefallen)vor das innere Auge legt. Vielleicht hätte man noch ein wenig deutlicher bei dem Bild des abfahrenden Zuges bleiben können, um den Gedankensprung in der letzten Strophe besser einzubinden.

Der bröckelnde Putz der zweiten Strophe bricht die Bahn-Metapher; vielleicht hätten es zerschlissene Sitzbänke, Regenschlieren an verdreckten Zugfenstern oder ein marodes Bahnhofsgebäude auch getan, um der "heimischen Behaglichkeit" im entsprechenden Bild Abbruch zu tun.

In der dritten Strophe finde ich die Andeutung der Arbeitsstelle, des Stadtbüros - what ever - der Ablenkung in der Stadt sehr gut eingebracht, die Verdrängung durch die Beschäftigung, die wie eine Bandage, wie ein Pflaster wirkt, auf Wunden, die zwar alle nicht tödlich sind, aber doch immer wieder schwer zu ertragen. Und immer, auf dem Hin- und auf dem Rückweg, sobald die Gedanken aus dem Zugfenster fliehen, lockt am Horizont der Schimmer, scheinbar unerreichbar - solange man gewohnte Strecken und abgefahrene Züge nicht verlässt.

Dein Gedicht gefällt mir und berührt mich. Auch wenn das wegen meiner "Putzbild-Nörgelei" jetzt vielleicht anders aussehen mag.

LG, Feo
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#5

notabene (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 07.04.2008 15:26
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Feo

Du bist ein aufmerksamer Leser (oder Leserin?). Ich dachte nämlich bereits, dass die Gleise-Metapher - ohne Bild - nicht funktioniert. Darum freut’s mich natürlich, dass Du sie bemerkt hast.

Bei den Geleisen war ich mir nicht ganz sicher, ob ich da nicht in einen Helvetismus verfalle, oder ob man mir evtl. Metrumhörigkeit vorwerfen würde, wenn ich dieses (poetisches ?) e einschiebe. Und natürlich wären ‚seine Gleise‘ eleganter, aber dann serbelt mir der Reim schlägt/erträgt - infolge Mehrzahl - ab. Na ja, mal schauen, ob ich das evtl. noch ummodeln kann.

Und mit dem Putz hast Du natürlich auch Recht. Da bin ich vermutlich zu festgefahren, bzw. habe ich bei vorgetäuschter Normalität und alles Palletti-Manier stets (nur) dieses Bild vor Augen. Vielen Dank für die Vorschläge, da werd ich mich nochmals ran setzen und knobeln. [11]

Besten Dank für den Kommentar und die Tipps ... und so Worte wie versinken/gefallen/berühren, das hört man doch immer ganz gerne ... viel lieber als 'banal'. [9]

Gruss
Margot

Die Frau in Rot

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#6

notabene (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 07.04.2008 21:18
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte
Hi Margot

Inhaltlich ist schon alles gesagt und ich beziehe mich jetzt mal nur auf die Änderungen. Also S2.

Neue Version:
„zügig rollt er“ wenn ich das so lese, wie es da steht, klingt es, als würde der Typ rollen und nicht der Zug.
„im gewohnten Gleise“ bin ich nicht sicher, aber rollt man nicht auf gewohntem Gleise?
„hofft dennoch heimlich, dass es Haken schlägt,“ hier fehlt mir irgendwie, dass es vorher keine Haken schlug.
„Die Scheiben sind erblindet“ Gefällt mir nicht. (Mal sehen ob ich das einigermaßen verständlich erklären kann.) hier läge das Problem direkt beim Transportmittel. Aber das Problem liegt doch eher im Ganzen, sprich im Leben des Er, in den Umständen.

Erste Version:
„Dann fährt er los und hofft, dass sein Geleise
am nächsten Halt den ersten Haken schlägt,“
An Geleise bin ich beim ersten Lesen hängen geblieben, (habs dann mal gegoogelt) aber beim zweiten Lesen hats mich schon nicht mehr gestört.
Hier schreibst du „den ersten Haken“ das sagt eindeutig, dass es vorher nur gerade aus ging. Ist also (für mich) wesentlich aussagekräftiger.
Dann gefällt mir der „nächste Halt“ so als eine Art Innehalten zum Nachdenken oder so was in die Richtung, zum Erkennen der Wahrheit.
„der Putz zerbröckelt“ Gefällt mir gut als Übergang zu der Stadt. Und sagt mir, dass das Problem des Kerls in seiner Umgebung liegt, in seinem Leben. Außerdem wird er bandagiert und ich finde das zerbröckeln passt gut zum bandagieren. Im Sinne von, etwas zusammenhalten was ohne die Bandage auseinander fiele, oder etwas reparieren, was eigentlich kaputt ist.

Mir gefällt die erste Version gut, finde ich stimmig. Und ich hoffe ich konnte mich einigermaßen verständlich ausdrücken.

Gruß
Simone
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#7

notabene (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 07.04.2008 22:21
von Richard III | 865 Beiträge | 865 Punkte
Näh, mach die "Geleise" wieder rein, dass macht doch das ganze lullen aus! Ich hatte kurz überlegt, ob es das Wort gibt, aber es gibt es

Zitat:

Wikipedia: Als Gleis, Gleise oder Geleise (von mhd.: Leis, Leise) wurden ursprünglich die von einachsigen Karren (u.A. Ochsenkarren) oder zweiachsigen Wagen (Pferdefuhrwerke) in den Boden eingedrückten parallelen Spurrillen bezeichnet. Im römischen Straßenbau und dann wieder seit dem Mittelalter kannte man die in den Fels eingehauenen Spuren, die den Fahrzeugen besonders im Gebirge eine sichere Fahrt auf dem exponierten Weg ermöglichten. Diese Karrengeleise bedingten eine wenigstens regional normierte Spurweite der Fuhrwerke. Vereinzelt kamen schon in antiken Straßen weichenähnliche Verzweigungen vor.


Also bitte und klingt auch viel schöner!!!!

*edit Außerdem ist die zweite Version längst nicht so poetisch und wirkt gezwungen!

And therefore, since I cannot prove a lover,
To entertain these fair well-spoken days,
I am determined to prove a villain
And hate the idle pleasures of these days.
(William Shakespeare, King Richard III)


Kings Heritage

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#8

notabene (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 07.04.2008 22:53
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Mesdames,

Ihr habt Recht. Die 2. Version ist fad. Ich lass es dann mal einfach so, wie's ursprünglich war.

Vielen Dank!

Die Frau in Rot

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#9

notabene (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 28.04.2008 17:03
von viktor | 114 Beiträge | 114 Punkte
hallo margot,
ich finde den text sehr gelungen und kann die mglw. unauflösbare bipolarität zwischen bleiben und fliehen sehr gut auf meine seelische befindlichkeit übertragen.
formal - (eine gemeisterte form verstärkt für mich immer den inhalt!) - ist es nicht nur metrisch sauber, sondern zusätzlich interessant wegen der umhüllenden reime!
liebe grüße
viktor
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#10

notabene (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 29.04.2008 09:33
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hallo viktor ... oder norbert ... ja, ja, wir sind ja nicht doof, oder nur manchmal.

Freut mich, wenn es Dir zusagt und Du Dich damit identifizieren kannst. Das ist immer ein gutes Zeichen.

Irgendwo habe ich noch eine Audioversion, die setz ich mal rein, dann habt Ihr etwas zum Schmunzeln. *g

Gruss
Margot

Die Frau in Rot

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#11

notabene (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 29.04.2008 10:01
von Alcedo • Mitglied | 2.417 Beiträge | 2351 Punkte
hallo Margot

hier passt die melancholische Stimmlage gut zum Text. vor allem die ersterbenden Vokale bei "Fragen" und "stellenweise" geben der Audioversion ihren Reiz. da gibt es nichts zum Lachen. im Gegenteil. und diesmal gefällts mir.
übrigens spricht auch das gesprochene Enjambement in der vorletzten Zeile deutlich dafür, das Komma nach "schlimmer" zu kicken.
Das Bleiben ist viel schlimmer als Flucht ... ein starker Satz - große Magie für einen der jahrelang auf solchen Wahrheiten herumgekaut hat. diese Konklusion berührte mich tief.

Gruß
Alcedo


e-Gut
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#12

notabene (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 29.04.2008 18:34
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Alcedo

Was Du so freundlicherweise als 'melancholische Stimmlage' bezeichnest, ist ... ehm ... leider einfach meine normale Stimmlage.
Aber es freut mich natürlich, dass Du mir Vorsatz unterstellst und Dir das Gesprochene (diesmal? ) gefällt. Das sind ja im Grunde nur Spielereien, weil ich genau weiss, ich kann's nicht wirklich, bzw. werde ich nie eine gute Sprechstimme haben.

Anyway. Wir kauen ... ja, stimmt. Ich habe auch gekaut, vermutlich daher der Schlusssatz. Ich werde das Komma kicken (und gründlich ausspucken *g), danke für den Hinweis und den Kommentar.

Gruss
Margot

Die Frau in Rot

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#13

notabene (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 30.04.2008 09:58
von Alcedo • Mitglied | 2.417 Beiträge | 2351 Punkte
hallo Margot

bitte nicht pauschal verstehen. das "diesmal" bezog sich allein auf "Im Schatten neben dir".
hatte bis eben gar nicht bemerkt dass es z.B. zum Thanksgiving auch eine Audioversion gibt. zwar macht dort irgend so ein Typ im Hintergrund jaulend Blasmusik, aber es ist ebenfalls gut gesprochen (vor allem die letzte Strophe).

ich weiß nicht ob es Spielereien sind. man nutzt wohl eher die Möglichkeit das eigene Geschrieb zu interpretieren, wie man es schriftlich nie tun würde. und ausserdem können auch Sehbehinderte so direkt den Autor erfahren (stell dir vor wie grässlich es sein muss über ein Vorleseprogramm Lyrik präsentiert zu bekommen). allerdings werden die Audioversionen hier im Tümpel nirgends zusammengefasst. die wird also kaum jemand finden.

Gruß
Alcedo




e-Gut
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#14

notabene (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 30.04.2008 17:19
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Der jaulende Blasmusiker, wie Du ihn so schön bezeichnest, ist/war einer der grössten Jazzmusiker überhaupt, Du Banause! Danke fürs Anhören ... ich gab mir auch grosse Mühe!

Wenn Du eine Audiorubrik haben möchtest, dann kick doch mal Arno deswegen an. Das Bürschchen tut ja im Moment eh nicht grad viel für sein Wasserloch , da könnte er doch mal etwas Neues anzetteln.

Die Frau in Rot

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#15

notabene (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 04.05.2008 11:54
von Fabian Probst • Mitglied | 626 Beiträge | 626 Punkte

für mich eines deiner schwächeren Werke, liebste Marge, sowohl was die Reime als auch die Bilder betrifft.
Gewitterschwere Tage sind immer auch Regentage (ist kein Drama, aber doch etwas überladen, finde ich).
Wie kann sich etwas hinter dem Horizont zeigen? Sobald etwas dahinter ist, ist es doch nicht mehr sichtbar.
Den Nebel bringe ich nicht einem gewitterschweren Regentag zusammen, wenn, dann verbinde ich eher sowas wie Dunst damit.
Der letzte Vers ist ok, aber natürlich ziemlich schwammig.

Das geht irgendwie so weiter, die zweite Strophe beginnt mit zwei Pronomen, die ich beim ersten Lesen zwangsweise auf den Nebel bezogen habe, beim zweiten Lesen fragte ich mich dann, ob das "ihn" aus S1V4 auf den Nebel, oder schon auf LyIch bezogen ist. Sehr verwirrend.
S2V3+4 gefallen mir sehr gut, das Bild der hakenschlagenden Gleise finde ich gelungen.
Vers vier erscheint mir schon wieder arg verbogen, das "stellenweise" reimgeschuldet und durch das hintendrankleben fast als Abmilderung (erst bröckelt der Putz (als Ganzes, os liest man es ja) stetig, und dann auf einmal nur noch stellenweise. Das passt mir persönlich nicht zu dem, was du eigentlich aussagen willst, vorausgesetzt, ich habe es überhaupt verstanden.

Vielleicht habe ich es auch doch gänzlich missverstanden, aber die Konklusion hätte ich eher komplett anders herum gesehen. "Bandagieren" ist etwas absolut Positives in meinen Augen. Das Fernweh erlischt dann, ok, aber warum zum Teufel kommt gleichzeitig die Erkenntnis, dass eine Flucht besser ist, als zu bleiben?
Warum nicht die Erkenntnis, das eben "Flucht" kein Weg in die Freiheit ist?? Das würde für mich viel mehr Sinn ergeben. Kann man frei sein, wenn man vor etwas davon läuft? Ich denke, nicht.

So, das war nach langer Zeit eine ziemlich harte Kritik. Ich hoffe, du hast mich jetzt trotzdem noch lieb, Margot.
Ich weiß ja, was du kannst und du, was ich davon halte.

Gruß, Fabian


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#16

notabene (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 11.05.2008 15:17
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte

Zitat:

Fabian Probst schrieb am 04.05.2008 11:54 Uhr:
Ich hoffe, du hast mich jetzt trotzdem noch lieb, Margot.



Ich schwanke gefährlich!

Hallo Fabian

Auf der einen Seite kann ich Deine Kritik nachvollziehen, auf der anderen wieder nicht. Es ist ja nicht so, dass beim kritischen Punkt für Punkt Aufbröseln nicht der eine oder andere Vergleich hakt und man jeden Aspekt hinterfragen könnte, ob er den realistisch sei oder nicht ... nein, da bin ich mit Dir einer Meinung ... aber es geht beim Dichten ja auch immer um ein Gefühl, das vermittelt werden will, und ich denke schon, dass ich es hier einigermassen geschafft habe. Kann sein, das es bei Dir nicht funktioniert, damit muss ich leben, ich armes Schwein , aber es gibt sicher Leute, die meine (wirren) Gedankengänge nachvollziehen konnten und den Text als Ganzes sehen.

Natürlich regnet es an gewitterschweren Regentagen meist und man kann mir das als Doppelung (oder Rühren im Schmalztopf) ankreiden. Es gibt aber durchaus trockene Gewitter, und die sind meist die schlimmsten. Anyway, diese zwei Wörter versinnbildlichen Hier aber die Gefühlslage, bzw. die momentane Situation des lyr. Ichs. Ich glaube, ich habe das auch schon oben mal erwähnt ... egal.

Ob sich der Streifen jetzt ‚hinter’ oder ‚am’ Horizont zeigt, das ... meine Güte ... ist mir jetzt wirklich ein zu gesuchter Kritikpunkt. Aber wenn Dich das stört, dann nehme ich das natürlich zur Kenntnis, sehe aber keinen Grund, es zu ändern.
Und auch mit dem Dunst kann ich Dir nicht recht folgen. Nebel ist Dunst und umgekehrt, es ist lediglich ein anderes Wort und die Definition hängt mit der Sichtweite zusammen. Jedoch kannst Du mir schon zutrauen, dass ich das ändern könnte:
und leichter Nebel aus den Wiesen steigt = und schwacher Dunst aus brachen Wiesen steigt/und leichter Dunst aus grünen Wiesen steigt/und leichter Dunst mit toten Wiesen schweigt/ etc. etc. (nur so auf die Schnelle, besser?)

Logo, es gibt hier kein namentlich erwähntes lyr.Ich ... und man kann das ‚er’ und ‚ihn’ dem Nebel zuordnen, aber, lieber Fabian, wer tut das denn wirklich? Lach ... nein, also das macht ja nun wirklich kein Mensch. Der Leser ist doch klug ... und wie Du sagst, irgendwann kriegt er ganz sicher die Kurve und die Birne wird hell.

Bezüglich des reimgeschuldet. Das ist so ein Kritikpunkt, bei dem ich immer etwas schmunzeln muss. Reimdichtung ist immer reimgeschuldet. Wäre es nicht so, flössen aus unserer Feder wunderbarerweise stetig Reime, ohne dass wir darüber die Kontrolle hätten. Es ist ja so, dass wir uns oft plagen – also mir geht das so - , einen einigermassen sinnvollen Reim auf den vorhergehenden zu finden, deshalb ist jedes Reimgedicht ein künstliches Konstrukt und daher reimgeschuldet.
Und ich denke, auch hier hätte ich auf ‚Geleise’ sicher etwas anderes gefunden. Ich fand aber ‚stellenweise’ gerade passend zur Zugsmetapher, bzw. zum Bild der festgefahrenen Situation.
Wenn ich denn wirklich reimgeschuldet geschrieben hätte, dann wäre ... ehm ... sagen wir mal Folgendes herausgekommen: Geleise/Tropenreise ... he, he

Der Putz bröckelt, ja, stetig aber nur stellenweise. Soll heissen, die Fassade kann an bestimmten Punkten aufrecht erhalten werden und bröckelt nur dort, wo das lyr.Ich nicht mehr in der Lage ist, sich – und den anderen – etwas vorzumachen. Auch dieses Bild passt für mich ... aber natürlich kann das für andere überhaupt nicht nachvollziehbar sein. Verstehe ich, klar.

‚Bandagieren’ ist für mich überhaupt nichts Positives, weil es einengt, in Form presst, unbeweglich macht, ruhig stellt. Das ist sicher wünschenswert, wenn man vom Medizinischen ausgeht, aber doch nicht für ein Leben, bzw. die Art, wie man sich darin fühlt, oder?

Mit der ‚Erkenntnis’ gehe ich mit Dir konform, dass Flucht (meist) kein Ausweg ist, aber ich schreibe hier ja über einen fiktiven Charakter. Und für ihn besteht eben die Erkenntnis darin, dass ein Ausbrechen vermutlich befreiender wäre, als ein Verharren in diesem Zustand, bzw. dem Weiterspielen seiner Rolle.

Es ist sicher nicht mein grösstes Werk ... wäre es das, dann könnte ich ja aufhören *g ... doch ich denke schon, dass es genau das aussagt, was ich wollte. Mehr, denke ich, kann ich von mir selbst nicht verlangen.
Natürlich wäre ich glücklicher, wenn es Dir besser gefallen würde, schliesslich bin ich ein Bewunderer Deiner Werke (nicht aller, aber vieler ), und ein Lob von Deiner Seite bedeutet mir Einiges, aber ich kann Dir auch nicht widerspruchslos zustimmen, wenn mich Kritikpunkte nicht erreichen, bzw. sie mich nicht überzeugen. Trotzdem vielen Dank dafür, denn schliesslich will man doch wissen, ob ein Text etwas transportiert. Dieser hier tut es (bei Dir) nicht ... dann auf zum nächsten, ok?

Gruss
Margot

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