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#1

Divines Chinin

in Diverse 12.03.2008 19:53
von Alcedo • Mitglied | 2.405 Beiträge | 2351 Punkte
Divines Chinin


Der Weißdorn hisst sein aufdringliches Grün,
Kastanienknospen schwellen in den Zweigen,
die Amselhähne gellen rundum kühn
und selbst am Nordhang spreizt sich helles Treiben.

Allein die Krone eines Walnussbaumes,
verziert mit Flechtenleberflecken, tränt
aus sturmgeknickten Ästen dunkelbraunes
Novemberblut ins schmucke Ornament.

Ich lege meine Wange an die Borke
und fühle kühle Quellen in ihm steigen -
oh Gott, nimm alles und entkorke!
doch bitter löscht mein Gott den Durst nach Schweigen.


e-Gut
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#2

Divines Chinin

in Diverse 12.03.2008 23:00
von Joame Plebis | 3.368 Beiträge | 3363 Punkte
Guten Abend, Alcedo!

Das Geschehen übergehe ich einmal,
komme sofort zur mir auffallenden Stelle in Vers 2/Z4.
Der Teint - also paßt 'ins' nicht;
als nächster Punkt fällt mir der Reim tränt - Teint auf.
Auf eines der beiden Worte wird wohl verzichtet werden müssen, wenn Dir auch beide gefallen.
(Da Du selbst von 'verziert' schreibst, wie währe eine Möglichkeit mit Flechten und Ornament - auf das sich dann in der 4. Zeile tränt etwas besser reimte?)

Gruß
Joame
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#3

Divines Chinin

in Diverse 13.03.2008 05:20
von Alcedo • Mitglied | 2.405 Beiträge | 2351 Punkte
hallo Joame

ja, du hast Recht. der Fehler sollte getilgt werden. und "Ornament" ist ein guter Vorschlag.
Danke.

Gruß
Alcedo

bisherige Strophe:
Allein die Krone eines Walnussbaumes,
verziert mit Flechtenleberflecken, tränt
aus sturmgeknickten Ästen dunkelbraunes
Novemberblut ins aufgeblühte Teint.


e-Gut
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#4

Divines Chinin

in Diverse 13.03.2008 11:17
von Joame Plebis | 3.368 Beiträge | 3363 Punkte
Hallo, Alcedo!

Es liest sich jetzt besser, kommt mir vor
- hatte leider keine gefälligere Alternative zur Hand.

Zitat:

oh Gott, nimm alles und entkorke!


Diese Stelle ließ mich nachdenken, ob dem LI dieser gedankliche
Ausruf entfährt, auch wollte ich erfassen, wie er gemeint war.

Zitat:

und bitter löscht mein Gott den Durst nach Schweigen.


Der Durst nach Schweigen wurde also gelöscht, somit kann wieder gesprochen/geschrieben werden. Worüber, das würde mich interessieren und warum es vorher anders war.

In der ersten Zeile sah ich von 'aufdringlichem Grün';
mein erster Gedanke dazu war, daß die Natur kaum unangenehm aufdringlich ist. Sie zeigt, stellt zur Schau und präsentiert - zumindest ist so die menschliche Ansicht. Eher dünkt es wie ein Wettbewerb um das Vermehren und Überleben der Arten.

Die spielhafte Zweideutigkeit des Entkorkens und Durstlöschens ist mir nicht entgangen. Einerseits der symbolische Vorgang, andererseits, wenn ich an die Borke denke, diese zu entfernen? Vom Verstehen her, komme ich nicht ganz zurecht. Wir neigen eben dazu,
alles gänzlich verstehen zu wollen.

Mit Gruß
Joame
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#5

Divines Chinin

in Diverse 13.03.2008 13:39
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte
Hi Alcedo

also, ich steige da nicht recht dahinter … das LI sehnt sich nach Schweigen und Gott gewährt ihm am Ende den Wunsch mit Hilfe von göttlichem Chinin. aber was war ihm denn zu laut? das kann ja nur die Natur gewesen sein, denn sonst wird nichts erwähnt … aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Bäume und Sträucher und die paar Amselhähne so einen Lärm veranstaltet haben, dass Gott eingreifen muß um dem LI endlich Ruhe zu gewähren … es hätte ja auch einfach nach Hause gehen können …

Ich denke mal du wolltest evtl. ausdrücken, dass das LI sich nach innerer Ruhe sehnt, aber da braucht man schon sehr viel Phantasie um bei den ganzen Naturbildern darauf zu kommen …

dann habe ich mal Chinin gegoogelt und das wird aus Chinarindenbäumen gewonnen und nicht aus Walnuss.

sprachlich finde ich es sehr ansprechend, aber inhaltlich steige ich erstens nicht dahinter und zweitens kommt durch die ganzen Naturbilder die Verzweiflung nicht bei mir an, die das LI wahrscheinlich empfindet, wenn es Gott um Hilfe anfleht.

Gruß
Simone

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#6

Divines Chinin

in Diverse 13.03.2008 19:35
von Alcedo • Mitglied | 2.405 Beiträge | 2351 Punkte
@Joame:
lange hatte ich überlegt ob ich die letzte Zeile mit einem "doch" beginnen sollte, statt einem "und". wahrscheinlich wäre das "doch", doch besser. der Wunsch nach Sehnsuchtsbefriedigung/das Durstlöschen ist die Bezeichnung nicht wert, denn er/es wird durch das probieren des bitteren Baumsaftes eher unterbrochen/gestoppt als gestillt, mit der Gegensätzlichkeit zwischen Wunsch und Wirklichkeit. soweit meine Intention.

das aufdringliche und gespreizte will natürlich übersteigerte Projektion sein. gerade dadurch, dass Büsche nun ja nicht gerade als aufdringlich bekannt sind, hoffte ich für den Leser eine Lunte zu legen zur inneren Gereiztheit des lyr.Ich. das scheint nicht zu funktionieren. und mir dämmerts, dass der Leser wahrscheinlich nichts dafür kann.

@Simone:
wahrscheinlich hat der arme Tropf nirgendwo Ruhe - zu Hause schon gar nicht, dachte ich bei deiner Interpretation. und warum führt die Simone den Gedanken nicht zu Ende? dazwischen muss mein Text einen Fehler generiert haben: Gott muss gar nichts und gewährt auch nichts (alles andere ist ja langweilig) - es kommt ganz anders: hilf dir selbst, dann hilft dir - wer? na die Bitterstoffe. hier hab ich mich erdreistet Chinin als Stellvertreter für alle bitteren Placebos zu verwenden. Chininähnliche Substanzen wurden (glaube ich) auch in Weiden und anderem einheimischen Gewächs nachgewiesen und sind früher wohl auch verwendet worden, aber ich gebs zu, es ist nicht das Gleiche. auch ist der Walnussbaumsaft beileibe nicht so bitter wie der spätere Austrieb (Blätter oder Früchte) und es kann alles nur Einbildung sein. auf jeden Fall ist er aber nicht so süß und wohlschmeckend wie Birkensaft.

und/oder doch von woher kommen diese bitteren Helfer? nur scheinbar von oben (aus dem verletzten Ast), aber tatsächlich werden sie ja u n t e r unseren Sohlen gefiltert, transportiert und sie quellen bloß kapillareffektvoll gen Himmel.

ob ich noch was ändere? vielleicht noch ein "doch" statt des Bindeworts anfangs der letzten Zeile, dann - wie hast du mal so schön gesagt? - ein Schippen Märzbodenkrumen drauf und ab damit ins Forengrab. halleluja.

danke fürs ansprechende.

Grüße
Alcedo

e-Gut
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#7

Divines Chinin

in Diverse 13.03.2008 19:52
von Joame Plebis | 3.368 Beiträge | 3363 Punkte
Hallo Alcedo!

Gewissenhaftigkeit kann Dir nicht leicht jemand absprechen.
Wo andere sich leichthin hinwegsetzen, mühst Du Dich, die Gedanken den Vorstellungen entsprechend niederzuschreiben.

Da kann die Entscheidung zwischen Oder und Und zur Qual werden.
Es gäbe noch eine dritte Möglichkeit, die bedenkenswert ist, nämlich beide wegzulassen, vielleicht zu schreiben
'Ein Gott löscht bitter meinen Durst nach Schweigen.'

Ich habe keine Ahnung, wie gut Dir diese Möglichkeit gefällt.
Mir soll alles recht sein, da Du Schrifsteller und der Chef bist.

Gruß
Joame
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#8

Divines Chinin

in Diverse 14.03.2008 19:40
von Alcedo • Mitglied | 2.405 Beiträge | 2351 Punkte
nicht "oder", Joame, sondern "doch".
danke für den letzten Vorschlag, aber der gefällt mir überhaupt nicht.

Gruß
Acedo

also ich hab die letzte Zeile geändert. da stand vorher:
und bitter löscht mein Gott den Durst nach Schweigen.

e-Gut
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#9

Divines Chinin

in Diverse 22.03.2008 11:22
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hi Alcedo,

die Sprache gefällt mir, aber den Inhalt kann ich nicht recht nachvollziehen - mir geht es da ähnlich wie Simone. Ehrlicherwiese helfen mir auch Deine Erläuterungen nicht...

Der Weißdorn hisst sein aufdringliches Grün,
Kastanienknospen schwellen in den Zweigen,
die Amselhähne gellen rundum kühn
und selbst am Nordhang spreizt sich helles Treiben.

Du beginnst hier mit einer allgemeinen Beschreibung der Situation. Das lyrIch befindet sich in der Natur und es ist offenbar Frühling: Die Kastanienknospen scheinen kurz vorm Platzen zu sein, die Amselhähne balzen.

Warum "selbst" am Nordhang helles Treiben spreizt - bzw. warum es nicht der Fall sein sollte - erschließt sich mir aus dem Text nicht. Ich finde das "selbst" daher zu stark, ein "auch" würde es auch tun und bringt weniger Fragezeichen mit sich.

Allein die Krone eines Walnussbaumes,
verziert mit Flechtenleberflecken, tränt
aus sturmgeknickten Ästen dunkelbraunes
Novemberblut ins schmucke Ornament.

Jetzt zoomen wir auf die Bühne des lyrIchs, die gleich schon etwas düsterer daherkommt, der Walnussbaum fällt aus dem frühlingshaften Treiben heraus: nicht nur, dass er mit parasitären Flechten versehen ist, obendrein finden sich noch Anzeichen der letzten Herbst-/Winterstürme, aus denen - sich farblich vom grün abhebendes - dunkelbraunes Blut tropft. Mit dem schmucken Ornament sind vermutlich die Flechten gemeint.

Ich lege meine Wange an die Borke
und fühle kühle Quellen in ihm steigen -
oh Gott, nimm alles und entkorke!
doch bitter löscht mein Gott den Durst nach Schweigen.

Nun kommt schließlich das lyrIch ins Spiel, das sich - ausgerechnet in all dem frühlingshaften Grün an den aus dem Rahmen fallenden Walnussbaum kuschelt, was wahrscheinlich seiner Seelenlage entspricht. Die emporsteigenden kühlen Quellen beziehen sich mE auf das Chinin, kühl, weil es fiebersenkend wirkt. Zieht das lyrIch im Übertragenden aus der Vergangenheit - für die der Baum hier für mich steht - seine Kraft - ein Heilmittel, das ebenfalls alte Wunden schließen soll? Die Verzweiflung des lyrIchs äußert sich seinem Stoßgebet, dass Gott ihn gänzlich von seinen alten Dämonen befreien solle, in dem er alle Linderung zukommen lässt die in dem Baum wohnt.

Die letzte Zeile verstehe ich dann aber nicht ganz, vielleicht würde da meinem Verständnis doch ein "und" statt des "doch"s helfen. Denn Gott wird ja tätig und löscht den Durst des lyrIchs. Zwar geht diese Abhilfe mit Bitternis einher, was aber irgendwie nicht ausreicht um den Gegensatz des "doch" zu erklären, zumindest an der Stelle, an der der Gegensatz nun steht. Wenn, dann sehe ich es eher so: und Gott löscht meinen Durst nach Schweigen, doch bitter. Das kann man zwar auch aus Deiner aktuellen Version ziehen, es verwirrt aber dennoch.

Insgesamt habe ich nur eine Ahnung vom Inhalt, den ich auf die Aussage zu reduzieren meinen kann: die Zeit heilt alle Wunden, doch Narben bleiben stets zurück.

Okay, für mich habe ich dann doch mehr Verständnis herausgeholt, als zunächst gedacht, auch wenn eine Unsicherheit zurückbleibt. Vor allem bleibt doch sehr im Dunkeln, was dieses Chinin genau ist, worin die Linderung des lyrIchs besteht.

Gefällt mir trotzdem.

Grüße,

Don

Des Paten Missetaten

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#10

Divines Chinin

in Diverse 22.03.2008 17:03
von Alcedo • Mitglied | 2.405 Beiträge | 2351 Punkte
hallo Don

Vielen Dank für das ausführliche Feedback. insbesondere das, was nicht verstanden wurde, ist mir wichtig.
S1: die intendierte ironische Betrachtungsweise des Frühlings scheint nicht zu funktionieren. eine Narzisse oder Hyazinthe an einem Nordhang kommt/blüht später als ihre exponierteren Artgenossen. blüht es also selbst an dieser Stelle, so ist der phenologische Frühling allgegenwärtig. das lyr.Ich sieht sich der letzten Rückzugsgebiete beraubt.

S2: alles wie intendiert. das freut mich.

S3: du scheinst das "doch" nicht zu benötigen, aber ich werde es jetzt so belassen, da es dann wohl eher so verstanden wird: "und Gott löscht meinen Durst nach Schweigen, doch bitter" denn, ja, so ist das gemeint, wobei ich mit der letzten Zeile noch andeuten wollte, dass das lyr.Ich dazu gebracht wird, seine innere Zurückhaltung aufzugeben, und sich vielleicht doch ein wenig mit dem Lenz anzufreunden beginnt. eigentlich eine bittere Niederlage, die durch den Baumsaft eingeflösst wurde. wie mans nimmt.
aber schön dass du eine Deutung versucht hast, trotz der Unsicherheit.

Gruß
Alcedo


e-Gut
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#11

Divines Chinin

in Diverse 30.03.2008 14:21
von R.Haselberger
Hallo Alcedo!
Ein sprachlich interessantes, schönes Gedicht was du uns hier präsentierst!

Der letzte Vers erscheint mir etwas schwach.

Ok, "und" klingt wohl besser als "erfühlte.
In der vorletzten Zeile fehlt irgendwie eine Silbe und
zweimal Gott gefällt mir nicht so!

Nein....
(oh du mein Gott, nimm alles und entkorke)
(doch bitter löscht er meinen Durst nach Schweigen)
(oh Herr, mein Gott, nimm alles und entkorke)
(doch bitter löscht er jenen (allen)Durst nach Schweigen)

Wie wäre:
erbarmen Gott, nimm alles und entkorke!
Doch bitter löscht er meinen Durst nach Schweigen!

Klingt doch gut!
Gruß R.H.



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#12

Divines Chinin

in Diverse 30.03.2008 20:00
von Alcedo • Mitglied | 2.405 Beiträge | 2351 Punkte
hallo R.H.

danke für die Vorschläge. sie sagen mir leider nicht zu. in der vorletzten Zeile wählte ich einen Versfuss weniger um der Interjektion Nachdruck zu verleihen. ich fand das wirkt.

mit einem Namen für die Gottheit würde ich die Wiederholung vermeiden. ich hatte darüber nachgedacht, aber erstens klingt es nicht besonders und passt auch nicht ins Metrum, und zweitens zerrt man weibliche Wesen nicht mit unausgereiften Versen in die Öffentlichkeit (ja, ein Sie und kein Er). da bleibe ich lieber bei der neutralen Divinität und lasse die Wiederholung stehen.

Gruß
Alcedo

e-Gut
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