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Der Sonderling beim Tanz

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 28.02.2008 22:42
von Joame Plebis | 3.368 Beiträge | 3363 Punkte

Der Sonderling beim Tanz

Wie oft habe ich es schon gehört, daß ich anders sei. Die einen meinten, ein unmöglicher Mensch, andere wieder behaupteten, ich habe Prinzipien und sei charakterstark.

Die meisten Meinungen, tendierten dazu, mich als komischen Menschen zu bezeichnen. Sie kennen sicher auch welche, die man für Sonderlinge hält. Genau für so einen hielt man auch mich. Nicht mir gegenüber, aber hinterrücks wurden Andeutungen gemacht, Handbewegungen mit dem Finger Richtung Kopf. Sie wissen, was damit gemeint war. Ich weiß es auch.

Allmählich gewöhnt man sich an vieles, warum also nicht auch daran, daß man nicht für voll genommen wird, als nicht normal gehalten wird.

Irgend eine Laune war mich an diesem Tag überkommen, vielleicht wollte ich etwas ganz normales tun, um zu zeigen, doch ein Durchschnittsbürger zu sein, so wie alle anderen auch. Deshalb betrat ich dieses Tanzlokal. Oh nein, es war keines mit wilder Discomusik, eher solide und für behäbigere mittlere und vielleicht auch ältere Jahrgänge, die sich eine Brise Romantik aufbewahrt hatten.

Die Musik dort war feinster Art - und was mir wichtig war, die Stimmung paßte auch. Gedämpftes Licht, aber nicht zu schummerig. Es wurde geschlossen getanzt, auch war gutes Benehmen hier üblich, so als wäre Knigge persönlich anwesend.

Die gemütliche Atmosphäre durchzog den ganzen Raum. Bei meinem Eintreten spielte soeben ein Saxophonorcheste die letzten Takte von 'Wann werden wir uns Nahe sein'. Dezenter Applaus war zu vernehmen und an den Tischen wandte man sich wieder den Gesprächen zu. Ein Tisch schien für mich der passende zu sein; nachdem er frei war und Ausblick bot, sowohl auf die Tanzfläche, als auch auf die Bar. Ich steuerte ich ihn an. Eine freundliche Bedienung, mit einem weißen Servier-Schürzchen nahm meine Bestellung entgegen. Ich hatte mich vorerst für eine Melange und Mineralwasser entschlossen; sozusagen als zögernde Einleitung des Abends.

Aufgefallen war mir, heute waren hauptsächlich weibliche Gäste anwesend. Am Nebentisch, zu dem ich aus den Augenwinkeln hinschielte, saß ein Wesen, mit einer kunstvollen Frisur, wo ein Zopf ihrer hellblonden
Haare in schneckenhausförmigen Windungen ihr Haupt zierte. Das Gesichtchen war von einer Ebenmäßigkeit, auch sonst schien alles an ihr zu stimmen, so daß ich der Natur insgeheim zu dieser Schöpfung gratulierte.

In strengem Kontrast dazu saß neben ihr - vielleicht ihre Mutter oder älter Schwester - eine unscheinbare Gestalt, etwas in sich zusammengesunken. Als eine langsam rotierende Deckenleuchte den Schatten ihres Gesichtes ausleuchtete, zuckte ich mit keiner Miene.
Doch hatte ich feststellen können, daß ein größeres Gewächs zwischen Nase und Auge in Nußgröße prangte. Sie sprach nun mit diesem Wunder der Natur, der Schneckenhausfrisur, deren Mund sich zu einem
reizenden Lächeln formte. Dabei bot sich aus meiner Perspektive die Möglichkeit, bei der links sitzenden, 'Zusammengesunkenen' einige fehlende Zähne des Mundes zu sehen; eigentlich nicht zu sehen, sondern ihr Fehlen festzustellen. Irgend eine Unförmigkeit der Unterlippe behindert sie etwas beim Sprechen. - Die beiden schienen sich gut zu unterhalten.

Die Blicke des Blondchens zogen durch den Raum, verweilten nur etwas länger bei mir mit einem Blick, der mir die Ohren aufstellte. Dann merkte ich, daß sie sich weiter unterhielten. Das Thema dürfte anscheinend um die Mangelware 'Tänzer' kreisen.

An der Zeit, meine Beine auf dem Tanzparkett etwas zu bewegen, dachte ich, rückte meine Krawatte zurecht und stand elegant, wie ich es gewohnt war, auf. Nicht selten war ich schon als stattlicher Mann bezeichnet worden - oder als einer, der aus einem 'Modeheft gestiegen' war.

Das muß ich schon zugeben, unhübsch bin ich nicht, komme auch mit guten Manieren zurecht und habe oft das Gefühl, von Frauen, die sich unbeobachtet fühlen, betrachtet zu werden.

Zugleich mit dem Einsatz einer einschmeichelnden romantischen Musik, war ich aufgestanden und direkt zum Nebentisch gegangen. Vorher hatte ich noch kurz an einem Erfrischungsbonbon gelutscht, um nicht unbedingt Kaffeearoma zu verbreiten, sollte ich jemandem im Gespräch näher kommen.

Ich stand vor dem Tisch, machte eine knappe Verbeugung und grüßte mit 'Guten Abend!'. Meinen Namen sagte ich deutlich mit der anschließenden Frage, ob ich zum Tanz bitten dürfe. Dabei hatte ich beide Damen angesehen, da ich die näheren Verhältnisse und Beziehungen nicht kannte.
Außerdem war es eine meiner Leidenschaften, Reaktionen zu studieren, so wie ich es auch diesmal nebenbei gut konnte.

Ein leichtes Erröten der Naturschönheit, die Susanne als ihren Namen nannte, war eine Reaktion; die Gestalt neben ihr schien etwas mehr in sich zusammenzusinken und kurze Bewegungen ihrer Augen schienen fast eine Fluchtmöglich zu suchen. Sie hieß Berta.

Einschmeichelnd vernahmen wir Gitarrenmusik von einer Violine begleitet. Inzwischen spielte es den Song des Jahrhunderts ' Ein Kuß und ich bin ewig Dein'. - Ich wiederholte meine Aufforderung nochmals, wandte mich leicht nach links und sah die Unscheinbare an. "Darf ich Sie um den Tanz bitten, Berta?"

Ungläubig starrte sie mich an, ihre Augen zuckten leicht nervös.
Susanne errötete noch mehr, da sie schon zum Aufstehen bereit war. Sie schien überrascht und jetzt verunsichert, setzte sich deshalb etwas heftiger hin, als offensichtlich vorgehabt. Berta gelang es, aufzustehen, ein Glas Wein schwankte, aber es fiel nicht. Ich bot ihr meinen Arm an und wir beschritten die Tanzfläche.

Das rotierende Licht wechselte dezent die Farbe und rotierte sanft, schien sich zur Melodie zu fügen, in deren Bann wir gezogen waren. Berta sah zu mir auf. Nach einigen Schritten merkte ich wie folgsam sie war, wie leicht zu führen. Nun kam die Passage, wo nur ganz abgekotzte Typen keine Gänsehaut bekamen. Ich zog Berta näher an mich.

Ich hatte meine Augen geschlossen und nahm das gleiche von ihr an. Die Violine klang schmerzvoll aus, die Gitarre spielte gedämpft noch das ausklingende Solo. Ich konnte nicht, es gelang mir einfach nicht - meine Lippen von Bertas Lippen zu lösen - bis der letzte Ton verklungen war.

© Joame Plebis

zuletzt bearbeitet 20.11.2011 22:17 | nach oben

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