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#1

Novembersturm

in Düsteres und Trübsinniges 28.02.2008 14:08
von Wortfotografin (gelöscht)
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Der Novemberregen
nässte ihr Haar.

Sie wollte äußerlich frieren,
doch ihr Verstand
würgte sie mit innerer Kälte.

Ein rotes Tuch wand sie
über ihre Augen,
um die alten
aufgeblähten Bilder
nicht mehr zu sehen,

und sie begann
gegen die Stimmen
zu schreien:

„Ja, es tut weh!“

Viermal wollte sie es brüllen,
in alle Himmelsrichtungen,
wie eine Zauberformel,
doch ihre Stimme
brach in das geübte Schweigen.

Erst jetzt hatte der Sturm Erbarmen
und riss sie
mit sich.

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#2

Novembersturm

in Düsteres und Trübsinniges 05.03.2008 10:39
von Alcedo • Mitglied | 2.443 Beiträge | 2351 Punkte
Willkommen im Tümpel, Wortfotografin.

mir ist der Text gar nicht so trübsinnig und düster wie die Rubrizierung vermuten liesse. ich mache wehrhaftes Handeln aus, Vorwärtsdrängen, Willen zur Veränderung. nicht nur inhaltlich.
auch formal zähle ich 2 Zeilen die in den Anapäst steigen, darunter die massgebliche, Erste. mit Jamben starten 10 (Titel mitgerechnet), und die klassischen Faller (Trochäus und Daktylus) bleiben in der Minderheit: sie bringen es zusammen nur auf 11 Zeilen.

ich glaube das ist bewusst so gehalten. zumal man leicht den Artikel in der 1. Zeile, weglassen könnte, oder Z3 zum Beispiel umstellen: "Äußerlich wollte sie frieren," XxxXxxXx
auch klanglich und symbolisch wird nicht mit den allerdunkelsten Klangeinheiten gearbeitet. sehr schön sieht man das an der Blindekuh-Zeile (sorry, bot sich an, und auch ein spielerischer Grund mehr, den Optimismus nicht aufzugeben). wie leicht hätte es ein dunkles Tuch sein können und ein anders Verb. aber beim "wand" mildert der weiche Konsonant vor dem dunklen Vokal auch das Stimmungsbild.

mir gefällts.
am besten gefällt mir die Wendung: "ihre Stimme brach in das geübte Schweigen.". die ist sehr anschaulich über die Zeile heruntergebrochen, und ist für mich der eindeutige Höhepunkt bei diesem Leseerlebnis. ich hab ihn mehrfach genossen.

Gruß
Alcedo

xXxX Novembersturm

xxXxXx
XxxX

xXxXxxXx
xXxX
XxXxXxxXx

xXxxXx
XxXxXx
xxXx
XxXxXx
XxxXx

XxxX
XxxXx
xXx

XxxX

XxXxXxXx
xXxXxXxX
XxxXxXx
xXxXx
XxXxXxXx

xX XxxXxXx
xXx
xX

e-Gut
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#3

Novembersturm

in Düsteres und Trübsinniges 05.03.2008 12:56
von Fingerspur | 46 Beiträge | 46 Punkte
Hallo Alcedo,

ich fang mal mit Dir an, weil ich es erstaunlich fand, unter freien Versen eine intensive Metrikanalyse zu finden und deshallb mir für mich natürlich die Metrik ebenfalls genauer angesehen habe. Ich komme allerdings auf recht andere Lesweise mit dem Text zurecht. Anapäst mache ich nicht aus. Hier mal mein Betonungsmuster:

XxXxXx
XxxX

xXxXxxXx
xXxX
XxXxXxxXx

xXxXxX
XxXxXx
XxXx
XxXxXx
XxxXx

xXxX
XxxXx
xXx

XxxX

XxXxXxXx
xXxXxXxX
xXxXxXx
xXxXx
XxXxXxXx

xX XxxXxXx
xXx
Xx

Ich weiß nicht, ob Du es nachvollziehen kannst. Beim Titel kann ich durchaus auch Dir folgen, hätte es aber halt anders gemacht ohne Deine Vorlage. Aber "um etwas winden" betont zum Beispiel für mich das um und darum lese ich es auch hier betont. Ebenso "mit sich reißen" mit betonten mit - es gäbe ja auch fortreißen, losreißen etc. Das sind zwei Beispiele für Zeilen, wo ich mit Deiner Herangehensweise Probleme habe. Es würde mich interessieren, was Du dazu sagst.

Hallo Wortfotografin,

verzeih bitte, wenn ich vorab kurz auf Alcedo eingegangen bin. Auch weiß ich nicht, ob es Dir überhaupt recht ist, wenn dieser Text verixt wird.
Die gesetzten Bilder finde ich eindrucks- und stimmungsvoll. Normalerweise mag ich Texte lieber dichter, was hier aber nicht angebracht ist. Ebenfalls stört mich nicht, nichts über die Ursache der Situation zu erfahren, obgleich ich sonst zur Neugier neige. Du hast mich also überzeugt und damit kann ich ein gerngelesen dalassen.

Gruß an Euch beide
Nina
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#4

Novembersturm

in Düsteres und Trübsinniges 05.03.2008 13:29
von Wortfotografin (gelöscht)
avatar
Hallo Alcedo und nina,

nein nein, ich finde das durchaus sehr interessant was ihr da mit den analysen macht, als alcedos beitrag kam, war ich genauso verblüfft, dass er diesen text so metrisch erhören kann. dasses noch jemand anderes so macht hat mir dann schon eine gehörige portion interesse gebracht.

obwohl ich selbst zwischen metrischen versuchen und prosa wechsle möchte ich zu gern dazulernen und scheitere jedesmal an meiner eigenen geduld mich mit den begriffen auseinanderzusetzen, aber wenn dann so eine aufschlüsslung kommt, dann verstehe ich sie zumindestens vom rhythmus und habe echt freude daran, das so von euch zu lesen!!
habt allerdings bitte verständnis, dass ich euch hier gern lausche und nicht unbedingt was technisches äussern mag, weil wie oben geschildert mir einfach das wissen fehlt.

freuen tu ich mich auch für das erfühlen. an einer stelle alcedo ganz besonders, ja das rote tuch, du ahnst nicht wie sehr du da die bedeutung erfahren hast!!! einerseits schutz und anderesseits auch ein aufbäumen. ich habe einen farbtick bzgl rot :-)

nin es ist nicht trübsinnig in dem sinne, dass es so bleibt, sondern die wendung ist schon drinn, wobei das geübte schweigen erst wieder so eine art demutsvolles annehmen war, aber der sturm zog sie in ihrem bann...

es hat mir echte freude gemacht euch zu lesen.

ganz herzliche grüße
silvi
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#5

Novembersturm

in Düsteres und Trübsinniges 06.03.2008 11:07
von Alcedo • Mitglied | 2.443 Beiträge | 2351 Punkte
hallo Silvia

ja, im Grunde ist das rote Tuch der auffälligste Hinweis auf den eigenwilligen Umgang mit unserer gemeinsamen Freundin, Madame Melancholey. freut mich dass du mir ein stückweit Empathie bescheinigst.
das Metrum ist ja auch nur ein Werkzeug wie Form, Klang und Sprache. es kann nicht schaden den Umgang damit zu beherrschen. es wird dich hier bestimmt niemand dazu verpflichten. in diversen Foren gibt es sogenannte "Metrikwerkstätten", wo einfache Übungen das Verständnis erleichtern. ich habe es auch so gelernt. man muss dort auch gar nicht aktiv mitmachen und entwickelt von selbst autodidaktischen Eifer. Interesse vorausgesetzt. aber das scheint ja bei Dir gegeben.
Gedichte wie die überaus gelungene Definition des Glücks "am meer" zeugen von deinem poetischen Talent. es wäre sicherlich von Vorteil dieses weiter auszubauen.

hallo Nina

so leicht ist es also, dich hinterm Ofen hervorzulocken? dann muss ich bloss öfters einen vers libre durchixen ... nein, nein, ich war mir der Grenzwertigkeit durchaus bewusst. aber ich wollte meine These betreffend "düster mit Abstrichen" nun mal mit allen Mitteln untermauern. hast du nicht gesehn wie knapp die Versfußdifferenz ausgefallen war? beim ersten Lesen vermutete ich die Steiger deutlicher in der Überzahl. aber ich glaube dafür gibt es einen simplen Grund: ich bin da wohl ein bisschen voreingenommen - der November ist mein Lieblingsmonat. ich bin ja gar nicht fähig ihn, für mich (selbst mit dem Artikel), anders als im Anapäst zu lesen.
in Dein Metrumschema würde ich zum Beispiel eher fallen, wenn die Überschrift "Wintersturm" wäre, oder "Herbststurm". nur die erste Zeile nicht - auf keinen Fall. da müsste dann schon eine Silbe weniger stehen um meinen Optimismus abzumildern: "Novembersturm" klingt mir eine Spur nüchterner als " Ein/Der Novembersturm", denn ja, obwohl dort eine bestimmter Artikel steht, will meine persönliche Präferenz unbestimmt bleiben.
den zweiten Anapäst lese ich vermutlich richtig. denn es ist wahrscheinlich nicht so gemeint, wie du vermutest: das Tuch wird über die Augen gewunden, im Sinne von "gelegt/gebunden" und nicht um die Augen gelegt. vielmehr beginnt ein neuer Nebensatz mit dem "um die alten..." das hat für mich, nichts mehr mit dem Verb "winden" zu tun. das wird am besten ersichtlich, wenn man den Satz umstellt:
um die alten aufgeblähten Bilder nicht mehr zu sehen, wand sie sich ein rotes Tuch um die Augen.
hm, und weshalb betonte ich die letzte Zeile anders als du? da muss ich jetzt kurz überlegen um es vernünftig zu begründen. sicherlich sind beide Varianten richtig. ich tendiere aber nach wie vor zu: mit sich. xX
- einmal weil die jambische Auftakt-Vorgabe von zwei Zeilen in dieser Strophe sehr stark ist
und
- weil das vorherige "sie" offensichtlich unbetont ist, und wie die Autorin so schön bestätigte, demutsvoll im Sturm untergehen möchte. die zwei Silben in der letzten Zeile stehen für mich also für das demutsvolle lyrische Ich und für den dominanten titel- und tonangebenden Sturm. welche der beiden Silben sollte demnach betont werden? keine Frage, für mich ganz klar die Letze.

Grüße
Alcedo

e-Gut
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#6

Novembersturm

in Düsteres und Trübsinniges 06.03.2008 12:46
von Fingerspur | 46 Beiträge | 46 Punkte
Vielen Dank, Alcedo! Und gleich vorweg nehme ich die Entschuldigung: Natürlich wand sie das Tuch nicht um... Das kommmt davon, wenn man sich quasi nebenher mit solchen Dingen auseinandersetzt. Ich habe erst meine Xchen gemacht, dann wieder ein wenig in das Tagesgeschäft investiert und wollte dann meine Art zu Xen erklären. Hm, an der Stelle würde ich glaube ich immer noch anders betonen - vielleicht ob der vorherigen Zeilen? Ich bleibe jetzt lieber vorsichtig mit meinen Warums.

Bei der letzten Zeile kann ich Dir folgen und würde jetzt sogar behautpen, dass die betonte Schlußsilbe sein muß, weil das dem Temperament der Zeilen entspricht.

Wenn auch fast immer als stiller Mitleser, so muss man mich doch nicht herlocken - präsent bin ich ja.

Nochmals danke und liebe Grüße
Nina
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#7

Novembersturm

in Düsteres und Trübsinniges 28.03.2008 03:14
von Frank Black (gelöscht)
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Licht und Schatten lese ich in diesem Text. Ein paar wirklich ausgezeichnete Wendungen, wie das geübte Schweigen, stehen hier neben unheimlich pathetischen Zeilen wie "Sie wollte äußerlich frieren, / doch ihr Verstand / würgte sie mit innerer Kälte", die letzlich eine Poesiealbumsbanalität ausstrahlen und dem Text eine gewisse Beliebigkeit verleihen.
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