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#1

Vorgestrige Phantasie

in Diverse 04.02.2008 09:32
von Alcedo • Mitglied | 2.439 Beiträge | 2351 Punkte
Vorgestrige Phantasie


Als der nächste Krieg beginnen wollte,
gingen Frauen ins Gemach,
zogen sich den Lidstrich nach,
sanft und gütig, wie die Witwe Bolte.

Gutgeschminkt gibt es dann Küsse
für die ziehenden Soldaten
die wie fesche Haselnüsse
singend durch die Menge waten.

Niemand schreit im hellen Krieg.
Alle sterben stumm im Graben.
Selbst die dunklen Raben haben
Blicke, die bedeuten Sieg.

Nur ein toter Stahlhelm schrieb:
bald bin ich daheim, oh Liebe -
Schatz ich hab dich ewig lieb -
ich vermisse deine Hiebe.


e-Gut
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#2

Vorgestrige Phantasie

in Diverse 04.02.2008 11:05
von Joame Plebis | 3.368 Beiträge | 3363 Punkte
Guten Tag, Alcedo!

Am besten ich teile zuerst mit, wo mir etwas weniger gefällt.
Das ist im ersten Satz das 'wollte', dann der Hinweis auf Busch it Witwe Bolte
(auch ohne diesen ginge es ganz gut). Dann der letzte Satz mit 'Hiebe'.

XxXxXxXxXx
XxXxXxX
XxXxXxX
XxXxXxXxXx

XxXxXxXx
XxXxXxXx
XxXxXxXx
XxXxXxXx

XxXxXxX
XxXxXxXx
XxXxXxXx
XxXxXxX

XxXxXxX
XxXxXxXx
XxXxXxX
XxXxXxXx

Ich kenne Deine Vorstellungen nicht ganz, die Dir bei Niederschrift vorschwebten, weiß daher nicht,
ob Du damit etwas anfangen könntest bzw. es Deinen Vorstellungen teilweise zusagt:

1.
Als der letzte Krieg begann,
gingen Frauen in das Zimmer,
zogen sanft den Lidstrich nach
und das schönste Kleid sich an.

4.
Nur ein toter Stahlhelm schreibt:
Bald bin ich daheim Geliebte;
küßt den Brief, der liegen bleibt,
als die Kugel ihn durchsiebte.

Gruß
Joame

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#3

Vorgestrige Phantasie

in Diverse 05.02.2008 10:22
von Alcedo • Mitglied | 2.439 Beiträge | 2351 Punkte
hallo Joame

merci fürs Feedback.

der erste Satz, sowie die Überschrift sind ein Schlüssel/Hinweis zum Verständnis des Textes. die "Hiebe" ebenfalls.

vielleicht erschliesst es sich aber noch jemandem.

meine Zeitformen sind auch mit Bedacht nicht ganz schlüssig. ich weiß aber nicht ob es funktioniert. deshalb warte ich noch auf den Leser bei dem es vielleicht "klick" macht. vielleicht.

bei deinen Vorschlägen gibst du für S2 ja auch Vergangenheit vor, anstatt Präsens.

nur bei der letzten Strophe kann es kein Präsens sein: Tote können nicht schreiben.

Gruß
Alcedo


e-Gut
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#4

Vorgestrige Phantasie

in Diverse 05.02.2008 12:28
von Erebus | 748 Beiträge | 748 Punkte
Hallo Alcedo,

Vorgestrige Phantasie


Zitat:

Als der nächste Krieg beginnen wollte,
gingen Frauen ins Gemach,
zogen sich den Lidstrich nach,
sanft und gütig, wie die Witwe Bolte.


XxXxXxXxXx
XxXxXxX
XxXxXxX
XxXxXxXxXx


V1: Ein Krieg will/würde gerne beginnen. Bereits bei diesem Vers sträuben sich meine Haare. Meines Wissens hat der Krieg sich noch niemals selbst inszeniert, hier wird das so schicksalsergeben zur Grundlage des Textes gemacht, da bleibt mir nur ein beklemmendes Gefühl der Verärgerung.
Aber ich lese weiter alle / einige Frauen gingen ins Gemach, bringen die Kosmetik in Ordnung. Ich weiß nicht viel über über den damaligen Kriegsjubel, der hier nochmals reduziert wird zu einem Anlass, den Lidstrich nachzuziehen. Das kann ja nur boshafte Satire sein. Die Witwe Bolte, von der ich ursprünglich nicht mehr weiß, als das sie eine gute Frau sei, gegen Ende des ersten Streiches jedoch tiefbetrübt und sorgenschwer, wird hier sanft und gütig. Wohl eine Art Muttertypus .. Mutter der Nation?
Sprachlich macht die Strophe nichts her, formal baut die trochäischen Metrik und der umarmende Reim eine symmetrische Strophe auf. Verse mit weiblicher Kadenz rahmen die kurzgeratenen Männchen. Die Zäsur vor "wie die Witwe Bolte" unterbricht den Lesefluss, bringt der guten Frau zusätzlich Gewicht.
Kurz und knapp und inhaltlich arg hingebogen macht mir das Ding keinen Spaß.


Zitat:

Gutgeschminkt gibt es dann Küsse
für die ziehenden Soldaten
die wie fesche Haselnüsse
singend durch die Menge waten.


XxXxXxXx
XxXxXxXx
XxXxXxXx
XxXxXxXx

S2 Was soll ich sagen? Jetzt reimt es sich übers Kreuz, alles endet weiblich, gleichlang, wiederum Trochäen.
Der festliche Auszug der Recken wird von Küssen begleitet, Vers 1 und 2 bieten mir nichts, vermitteln soviel Stimmung wie der Einzug der Konfirmanden in die Kirche, jedoch 3 und 4, die sind für mich die Highlights in Deinem Werk, die sind schön verquer und bezaubert mich. Allerdings hält der Zauber nicht lange an, denn jetzt wird's duster, besser gesagt hell, der Krieg: ist hell.


Zitat:

Niemand schreit im hellen Krieg.
Alle sterben stumm im Graben.
Selbst die dunklen Raben haben
Blicke, die bedeuten Sieg.


XxXxXxX
XxXxXxXx
XxXxXxXx
XxXxXxX

Ah, dass kannte ich so noch nicht. Hell im Sinne von schrill, nehme ich an, aber eben still, stumm, die ganzen Hallodries nehmen einen Happen Giftgas ein, pressen die Lippen aufeinander und scheiden im Graben ab. Dies wird erkenntnistechnisch unterstützt durch die auftretenden Raben, die Blicke haben. Und daraus lässt sich gleich die Bedeutung ablesen: Sieg. Kapier ich nicht.
Formal lasse ich es mal. Das klappt schon, in jeder Strophe eben anders.


Zitat:

Nur ein toter Stahlhelm schrieb:
bald bin ich daheim, oh Liebe -
Schatz ich hab dich ewig lieb -
ich vermisse deine Hiebe.


XxXxXxX
XxXxXxXx
XxXxXxX
XxXxXxXx

Jetzt stelle ich fest, dass ich meine ganzen tiefgreifenden Überlegungen auf der falschen Basis aufbaute. Der tote Stahlhelm ist eben nicht die soldatische Kopfbedeckung, sondern ein Mitglied des Stahlhelmes, und den gab es noch nicht im ersten Weltkrieg, erst im zweiten. Der wiederum kannte m.W. typisierend keine jubelnd, singend ausziehenden Soldaten, keine festlich geschminkten Weiber. Dumme Nüsse und Narzissen genug, Narzüsse? Das war ja keine Zeiterscheinung mehr, nur noch grundlegende Marge, und den Tod im Graben sehe ich im Zweiten eigentlich auch nicht, besser gesagt ja, neben dem im Gulak, im Bombenhagel, im KZ etc. Ich glaube, der Tod im Zweiten Weltkrieg war insgesamt vielseitiger, denn er hatte ja dazugelernt.

Alcedo, das verstehe ich wirklich nicht, oder ist die Aussage Deines Textes wirklich so schmal? Ist das der Versuch, in Gedichtform irgendetwas im Themenbereich Krieg, Jubel, Tod und Liebe zu erzeugen, ein Versuch, der in meinen Augen scheitert?
komische Vorstellung.
Ich empfinde den Text eher als den Versuch, einen gereimten Witz zu verfassen, allerdings ist mir die Poente zu schlapp. Meine Vorbehalte gegen die eine oder andere Formulierung überwiegen und in der Gänze kann mir Dein Werk nicht gefallen.
Die "feschen Haselnüsse" finde ich ja ganz putzig, die Witwe Bolte hingegen schon missbraucht.
Ein Schlüssel zum Textverständnis finde sich im Titel, im ersten Vers und in den Hieben, schreibst Du. Ich bin also gezwungen, mit dem Schlüssel in der Hand das Schloss zu suchen ... aber ich finde es nicht. Krieg hin oder her, zuhause mit den Hieben ist es doch am schönsten?
Die Überschrift will mir auch keinen zusätzlichen Tipp geben. Vorgestrige Fantasie? Das klingt irgendwie nach doppelt unerheblich, oder soll ein Bezug zu den Gestrigen, den Ewiggestrigen, den Vorgestrigen erzeugt werden?
Nein ich lasse es. Ich kann nur spekulieren, und eigentlich ist mir das zu wenig

LG
Ulrich
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#5

Vorgestrige Phantasie

in Diverse 05.02.2008 14:07
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte
Hi Alcedo

ich habe es mal versucht, bin aber auch nicht sicher ob ich dahinter steige.
ich denke es geht um den Zweiten Weltkrieg. es sind einige Widersprüchlichkeiten bzw Gegensätze drin, die offensichtlich so gewollt, zeigen sollen, wie es tatsächlich war und im Gegenzug wie der Krieg von den Nazis verherrlicht dargestellt wurde. also Schein und Sein. zu der Lesart würde auch der Titel gut passen.

S1
der Krieg will beginnen. aus der Sicht der Nationalsozialisten war es ja gewollt, also macht man sich zurecht, schminkt sich. dann ‚sanft und gütig’. die Witwe Bolte war – wenn ich mich recht erinnere – weder das eine noch das andere, also der ironische Blick auf das was die Damen vorgaben zu sein und was sie tatsächlich waren.

S2
das erscheint wie eine Theateraufführung. und das war es ja auch.

S3
der „helle“ Krieg als Verherrlichung. ich denke nicht dass tatsächlich „stumm“ gestorben wurde, also auch hier die Glorifizierung des Krieges, das Grauen wird ausgeblendet. und die Daheimgebliebenen haben es ja eh nicht mitbekommen. Die Raben als Todesboten, selbst im Angesicht des Todes bzw der Niederlage immer noch der „Glaube“ an den Sieg.

S4
als der Brief ankam war der Soldat schon Tod. aber auch hier wieder – im Brief - der feste Glaube an den Endsieg.
mit den Hieben kann ich allerdings auch nichts anfangen.

so wie ich es gelesen habe gefällt es mir ganz gut und es ist auch stimmig, was mich allerdings stört, ist der Wechsel der Zeitformen und der Liebe – Hiebe Reim in S4.

mit Gruß
Simone
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#6

Vorgestrige Phantasie

in Diverse 06.02.2008 09:50
von Joame Plebis | 3.368 Beiträge | 3363 Punkte
Hallo, Alcedo!

Vorweg, ich habe nicht viel übrig für solche Ratereien, auch wenn sie geschickt gemacht sind.

Dann las ich es mir nochmals durch; natürlich läßt 'Phantasien' viel Spielraum.
Komischerweise kam ich bei Haselnüssen auf Noten, beim Graben auf Dirigentengraben, wer einen Frack anhat, sieht vielleicht wie ein Rabe aus. Hiebe? Ist hier der Takt gemeint? - Die Instrumente verstummen im Graben, siegessicherer Blick der Dirigenten?
Es geht hier bestenfalls um einen Sängerkrieg um ein Konzert, wobei mich nicht so sehr der Stahlhelm stutzig macht, eher das Schreiben, daß er bald zu Hause ist.

Ach, bin ich des Rätselns müde,
fließend Lesen, Schönes sehen,
muß durch Deuten, Kombinieren,
samt dem Spass zu rasch vergehen.
Steckt Gedichte der Empfindung
in ein anderes Gewand,
zu Abstrakt ist mir die Bindung,
weil ich keine Lösung fand.
Unlängst schrieb jemand von Sand
und von Rot und auch von Gut.
Doch letztendlich meinte er,
Wortspiel, denn das Gut sei Glut.

Dir will ich zugute halten,
weil es schon im Titel steht:
'Phantasie' - so soll sie walten!
Mir wirkt manches zu verdreht.

Gruß
Joame
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#7

Vorgestrige Phantasie

in Diverse 06.02.2008 10:29
von Alcedo • Mitglied | 2.439 Beiträge | 2351 Punkte
mir dämmerts langsam, dass es nicht fair war den Text ohne Bezug zu präsentieren. nur sträubte es mir anfangs, Kästner und sein wunderbares Antikriegsgedicht*, welches seine Naivität herrlich in den letzten Zeilen relativierte, irgendwo in meinem Geschrieb zu nennen. aber man kann man ja unauffällige Untertitel setzen, welche im Text nicht erscheinen. ha, im Tümpel kann man das!


@Ulrich:
Vielen Dank für die Ausführlichkeit. auch ohne einen Bezug hat einiges ja funktioniert (Haselnüsse und heller Krieg). das freut mich.
die Bolte war ja nur scheinbar sanft & gütig. eher beschränkt bis blöde. die kloppte am Ende den armen unschuldigen Spitz. ich finde, ich darf sie getrost missbrauchen.
Stahlhelm steht für alle Rädelsführer, die etwas mehr sind als Kanonenfutter. jemand der vielleicht etwas hätte verhindern können. es hätte auch eine Pickelhaube sein können, aber es ist ja kein bestimmter Krieg gemeint, sondern ein Verschnitt aller gewesenen Kriege und aller die kommen werden.

@Simone:
mhm, mit den Haselnüssen und dem Stahlhelm hab ich gleich zwei Hinweise auf die Braunen drinnen, bei solch kurzem Text. ich wollte das eigentlich breitgefächerter auf alle Kriege bezogen wissen. alle Kriegstreiber wollen den Krieg. schön dass die Ironie bei der Bolte durchkam.
Theater und Propaganda liegen nah beieinander und unterhalten die Masse. freut mich dass du auf Theater kamst.
die Raben sind anders gemeint. als Kriegsgewinnler. die auf den Schlachtfeldern mit leuchtenden Augen das "Futter" begutachten/in Beschlag nehmen.
die Hiebe sind ein direkter Bezug zu Kästners Fantasie (ist im Netz zu finden).
danke fürs Feedback.

@Joame:
entschuldige, ich hätte das gleich aufschlüsseln sollen.
ein Ratespiel solls natürlich nicht sein.

Grüße
Alcedo

* "Fantasie von Übermorgen" von Erich Kästner


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