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#1

Artig

in Diverse 04.02.2008 13:46
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Artig

Verlassen von dem Rest der Welt
auf einem Schlachtfeld ohne Schlacht,
wo Niederschlag ins Auge fällt,
damit Verzweiflung Tränen lacht,

dort küsse ich mein Feindgesicht -
bis auf den Mund, der "Hilfe!" schweigt -
und tue meine Christenpflicht,
bevor sein Haupt sich sterbend neigt.

Sein Anblick - trotz des Regens klar -
wird welkend von sich selbst verdeckt.
Verfremdung aber macht gewahr,
was hinter diesem Bilde steckt.

Doch klagt die Kunst sich selber an,
stellt dar, ermahnt, verklärt, posiert,
weil sie ja sonst nichts weiter kann.
ein Anwalt, der kein Wort verliert.



Edit: Hab den Titel von "Beutekunst" nach "Artig" geändert.

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#2

Artig

in Diverse 04.02.2008 15:47
von Erebus | 748 Beiträge | 748 Punkte
Hallo GW

Beutekunst, denke ich, aha, das werde ich wohl verstehen.

Schon lande ich auf einem Schlachtfeld ohne Schlacht, wo LI einem Hilfe-schweigenden Feind auf den Mund küsst, es regnet, die Tropfen im verzweifelten Gesicht erinnern an Tränen des Lachens.
Der Feind stirbt, welkt dahin und geht dem Blick verloren.

Dann folgt eine Erklärung dieses Bildes - ich lasse den Vers "Verfremdung aber macht gewahr" aus der Betrachtung heraus, die Kunst beschäftigt sich mit sich selbst in den verschiedenen Posen, nach aussen hin wirkt das wie ein Anwalt, der schweigt.

Transparent wird dieses Gedicht für mich nicht. Beutekunst - die Kunst als Beute der Kunst?

Ich habe das Gefühl, als sei ich gehalten, nach dem Lesen einen Sinn zu ermitteln. Und das fällt mir wirklich schwer. Zu vielfältig erscheinen mir die Verweise an Christentum, Schlachtfeld, Verzweiflung, Sterben, Verbergen, Klagen und Verstummen. Sie kommen irgendwie nicht zusammen, es sind viele lose Enden, die ich auf mit der (Beute?)Kunst verbinden soll/kann?
Ich fürchte, auf dieses Werk hat mich das Leben nicht vorbereitet und warte begierig auf Aufklärung von berufenerer Seite.

Sprachlich haut es mich auch nicht um, im Gegenteil finde ich Passagen, die mich zwiespältig zurücklassen: "dort küsse ich mein Feindgesicht - | bis auf den Mund, der "Hilfe!" schweigt." ist irgendwie ungünstig ausgedrückt. Gut, Vers eins ist OK, aber das "bis auf den Mund" assoziiert nicht nur klanglich (Biss auf den Mund) bei mir das Bild eines penetrierenden Küssers, ja, eines Gesichtsfressers. Es stellt sich die Frage, wessen sich der Sterbende mit einem Hilferuf zu erwehren wünscht.

Ich laß mal gut sein und gedulde mich lieber, ob nicht mein Geist erhellt wird.

LG
Ulrich
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#3

Artig

in Diverse 05.02.2008 16:28
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte
Hi GW

ich habe eigentlich gar nix Sinnvolles zu sagen. aber ich tue es trotzdem.
mir gefällt der Text wirklich ausnehmend gut. auch, oder gerade die Stellen, die Ulrich bemängelt.
ich habe flüchtige Bilder im Kopf, die aber noch kein wirklich stimmiges Gesamtbild ergeben. falls es sich noch zusammenfügt melde ich mich noch mal, falls nicht, ändert das auch nichts an meinem Gefallen.

damit ich nicht so ganz umsonst hier war, eine sprachliche Sache.

Zitat:

So tu ich meine Christenpflicht


da würde mir „Ich tue meine Christenpflicht“ besser gefallen

mit Gruß
Simone
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#4

Artig

in Diverse 05.02.2008 18:36
von Fabian Probst • Mitglied | 626 Beiträge | 626 Punkte
So ganz komme ich auch nicht dahinter, worum es geht.
Mag auch daran liegen, dass ich gerade den Kopf etwas voll habe. Kunst und Kritiker? Kann sich das auch auf Kommentare beziehen?
Vielleicht ist das auch Quatsch und ich bin von dem, was ich selbst heute beendet habe, eingenommen. Es spukt mir noch im Schädel herum.

Aber ich schließe mich Simone an. Es gefällt mir vom Sprachbild her. Das allein reicht natürlich nicht, aber mit ein wenig Anschubsen wird das sicher einfacher.

Gruß, Fabian
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#5

Artig

in Diverse 05.02.2008 19:14
von Luca (gelöscht)
avatar
Das Gedicht klingt für mich wie eine intellektuelle Version von "Dunkel war's der Mond schien helle". Die Sprache spielt mit sich selbst und ihren Gegensätzen. Höhepunkt: Die Verzweiflung, die Tränen lacht. Dann wirds für mein Verstehen etwas zwanghaft und bedeutungsschwer. Aber was verstehe ich schon? Heißt "Feindesliebe": in allem auch das Gegenteil lieben? Und klagt die Kunst sich deshalb selbst an? Ist sie Staatsanwalt und Verteidiger zugleich?
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#6

Artig

in Diverse 06.02.2008 11:33
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo allerseits,

vielen Dank für die Kommentare.
Ich sehe es nun ein. Ich habe mich mal wieder beim Titel etwas vergriffen. Ich suchte einen Kunstbegriff mit Kriegsbezug und fand den Begriff im Sinne von "Beute der Kunst" gut. Nur habe ich ihn nicht in seiner eigentlichen Bedeutung verwendet, auf keiner Ebene, was zwangsläufig zu Missverständnissen fürhren muss.

Ein weiteres Manko ist vielleicht, dass die intendierte Aussage etwas breit gefächert ist für so ein paar Zeilen.
Meine Intention war die Frage, dass es in einer Welt voller Moralischer Grundsätze in allen Kulturen, die im Grunde fast alle das gleiche wollen, nämlich Frieden und ein gutes Leben, unvermeidliche Konflikte wie Kriege auftreten. Und dies stellt für mich in gewisser Weise ein Wiederspruch dar. Und ein Medium was Widersprüche solcher Art aus denen Unglück für die Menschen entspringt in die Hand nimmt und sie behandelt, ist halt unter anderem die Kunst.
Doch sie, obwohl sie sich in diesem Bereich sehr wichtig nimmt, ist im Verhältnis in ihrer Funktionslosigkeit wirkungslos. Einer hobener Zeigefinger macht sich halt in der Regel nicht krum. Und die Kunst klagt sich an, weil sie ihre Wirkungslosigkeit und ihre Ohnmacht in sich selbst thematisiert, denn Kunst ist nach meinem Verständnis schon längst nicht mehr auf das von ihr bildlich dargestellte reduziert, sondern beansprucht für sich wesentlich mehr Interpretations- und Bedeutungsebenen in denen sie sich zwangsläufig auch selbst als MEdium oder Institution in die Wagschale wirft.

Daher, Erebus, Fabian verstehe ich Euer Nicht-Verstehen sehr gut.

@Simone: Danke Dir. Dein Hinweis hat mich zur Verbesserung angeregt.

@Luca: Mag sein, dass das Ganze etwas zwanghaft und bedeutungsschwer wird zum Ende hin. Dazu fehlt mir noch der Abstand zum Text. Daher finde ich diese Rückmeldung sehr hilfreich als Anregung.
Bzgl. Deiner Fragen möchte ich einfach auf meine Erläuterung oben verweisen, in der Hoffnung, dass sie Dir Ansätze für Antworten liefert. Ansonsten frag bitte nach.

Danke allen nochmal für die Kommentare.

Viele Grüße,
GW


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