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#1

Stätte

in Ausgezeichnete Lyrik 23.01.2008 10:00
von Alcedo • Mitglied | 2.405 Beiträge | 2351 Punkte
    Stätte


Am klaren Bach, unterm Blätterdach
war ich länger geblieben,
und als ich ging, ist bei meinen Schritten
eine Blume lautlos ins Wasser geglitten
und die Rotkehlchen haben geschwiegen.

*

Mir gegenüber liegt wie im Fieber
ein modriger Baumstamm im Schweiß,
und die Kühle des Sumpfes
ersteigt die Spitze des Stumpfes
der die Hitze des Tages noch weiß.

... irgendwann weiß ich es dann,
dass mich ein Gedanke begleitet,
wie eine dieser vielen Mücken,
die immer lästiger näher rücken
wenn sich der Abend vorbereitet.

Waldrandeichen, die das Gras fast erreichen,
fangen tief und breit die Südsonne auf;
Zweige sind dicht im Gebüsch verwoben
und Ranken die sich darüberschoben,
wuchsen bis in die Kronen hinauf.

Flüge von Staren in wolkigen Scharen
fallen ins Röhricht der Au.
Oben am Dorfrand verbellen sich Hunde,
die Kirchuhr schlägt, von fern, ihre Stunde,
wie immer nicht ganz genau.

Dämmerlicht gibt Schatten Gewicht
und hält die Nacht noch im Wald.
Die Wolken am Hang sind gerötet:
mir träumte ich hätte getötet,
grausam gefühllos und kalt,
in ebendiesem Wald.

e-Gut
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#2

Stätte

in Ausgezeichnete Lyrik 23.01.2008 11:39
von corvinus (gelöscht)
avatar
Ahoi Alcedo,

famose Auftaktzeilen! Das derart gezeichnete Bild ist derart stark, dominant, 'stimmig', dass es m.E. gar keiner Folgestrophen bedürfte, resp. jene fast erübrigt. Ist aber nur mein subjektiver Eindruck....

Geschmackssachegruß
c.
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#3

Stätte

in Ausgezeichnete Lyrik 23.01.2008 12:14
von Joame Plebis | 3.368 Beiträge | 3363 Punkte
Guten Tag, Alcedo!


Zitat:

Waldrandeichen, dies Gras fast erreichen


(in diesem Satz ist es das dies, das mir nicht zusagt)

Ansonsten eine tiefe Beschreibung, wo es mich förmlich juckt,
sie mit dem Pinsel darzustellen, was aber auf Grund der
Nachempfindungen schwer fiele.
Ein Stadtmensch, der noch nie derartigen Kontakt mit der Natur hatte,
wird sich schwer tun, zu verstehen.

Auffallend, daß Kirchenglocken einen idyllischen Wert erreichten, was beim Muezzin noch etwas dauern wird.


Mir gefällt Dein Gedicht, obwohl ich es erst in einigen Stunden 'in der Ebene der Blutsauger', genauer und intensiver durchlesen und durchdenken kann.

Wie gerne würde ich Dir ein Thema vorgeben, dessen Vorausbefürchtung darinnen zum Ausdruck kommt, wo ein Spaziergang ohne Schallberieselung und ein Wald ohne Werbespots nicht mehr romantische Erinnerungen hervorrufen können. - Ich glaube, auch das würdest Du schaffen, obwohl Deine Stärke eindeutig auf dem Gebiet der Biologie zu finden ist; natürlich auch etliches Können darüber hinaus.

Bis bald
Joame
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#4

Stätte

in Ausgezeichnete Lyrik 24.01.2008 09:50
von Alcedo • Mitglied | 2.405 Beiträge | 2351 Punkte
hallo c.

vielen Dank für das herausragende Lob. die Dominanz der ersten Zeichnung war mir bewusst, sonst hätte ich sie nicht abgesetzt. ich hoffe der darauf folgende Bilderreigen enttäuschte nicht allzu sehr, schließlich bemühe ich mich über fünf Strophen, wieder dem Rotkehlchenrot das Wasser zu reichen.

Gruß
Alcedo

Tag, Joame

das "dies" werde ich ändern und einen sauberen Artikel vors Gras setzen, merci.

malen darfst du was du willst, aber sag mal, willst du mir meine urbane Leserschaft vergraulen? was sollen die Spitzen Richtung Stadtmenschen und Naturkontakte? jeder soll es sich doch selber unvoreingenommen ausmalen dürfen.

auch das mit dem Muezzin kapiere ich nicht. wie kommst du denn darauf? aber du - ich wills gar nicht wissen!

du hast eine Thematik auf Lager, die unmöglich umzusetzbar erscheint? immer her damit! sowas reizt mich immer (aber bitte per mail, nicht hier in dem Faden).

Gruß
Alcedo

e-Gut
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#5

Stätte

in Ausgezeichnete Lyrik 24.01.2008 19:17
von bas[ti]an | 98 Beiträge | 98 Punkte
hallo alcedo,

ein sehr schönes düsteres Szenario, welches du hier darbietest und es gefällt mir sehr..die formelle Analyse des ganzen brachte mich dann doch ein wenig ins Grübeln und frage deshalb vorher, ob dies so gewollt war...ich bin auch kein Verfechter der starren Metrik..nur deshalb frage ich. die Auftakte wechseln und die Verse an sich, so das als einzige strukur der umschlossene Reim mit der Waise verbleibt..wie gesagt, das Szenario gefällt mir und da sieht man mal, dass die Welt doch überall gleich dreht...wirklich sehr schön

LG basti
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#6

Stätte

in Ausgezeichnete Lyrik 25.01.2008 23:10
von Alcedo • Mitglied | 2.405 Beiträge | 2351 Punkte
hallo Bastian

danke fürs Lob.

das unharmonische Metrum findet für mich eine Entsprechung in der Wegstrecke (ein Trampelpfad durch Wald, Sumpf und Au) und in der inneren Unruhe des lyrischen Ich.

Gruß
Alcedo

e-Gut
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#7

Stätte

in Ausgezeichnete Lyrik 26.01.2008 13:54
von bas[ti]an | 98 Beiträge | 98 Punkte
hallo alcedo,


Zitat:

das unharmonische Metrum findet für mich eine Entsprechung in der Wegstrecke (ein Trampelpfad durch Wald, Sumpf und Au) und in der inneren Unruhe des lyrischen Ich.



aah ja jetzt sehe ich es auch

dass mich ein Gedanke begleitet,
wie eine dieser vielen Mücken,
die immer lästiger näher rücken


Mir gegenüber liegt wie im Fieber
ein modriger Baumstamm im Schweiß,
und die Kühle des Sumpfes
ersteigt die Spitze des Stumpfes


na ja usw. insofern sehr schönes Werk und sehr gut umgesetzt...

LG basti
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