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#1

Auf der Höhe der Zeit

in Gesellschaft 18.12.2007 11:44
von corvinus (gelöscht)
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Auf der Höhe der Zeit
wachen Moose,
kümmernde Kiefern;
weit oben;
auf der Höhe,
der Höhe der Zeit.
Und hören,
hören
nähernden
Gleichklang,
Gleichklang der kleinen Schritte:
Lemminge,
horizontweit an Zahl,
nahe,
nahe dem Ziel.

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#2

Auf der Höhe der Zeit

in Gesellschaft 05.01.2008 11:44
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hallo corvinius

Ich verstehe das nicht so ganz, bzw. habe ich eine Ahnung, wovon hier die Rede ist, aber so ganz will sich mir der Text nicht erschliessen.

Meiner Meinung nach geht es um den schleichenden Prozess/Propaganda, der/die zum Krieg führt. Das würde den Gleichklang der Schritte und die Lemminge (die ja bekanntlich dem Gruppenzwang unterliegen, auch wenn er über die Klippe führt) erklären. Aber weshalb auf der Höhe der Zeit? Das sehe ich eher positiv und normalerweise sind Menschen ja eher in einem Tiefpunkt dazu bereit, sich leiten/führen/verführen zu lassen. Ist das nur eine Gruppe, die das hört? Aber welche? Die der wachenden Moose? Der kümmernden Kiefern? Ich kann diese Metaphern nicht einordnen. Hilfst Du mir da mal auf die Sprünge?

Gruss
Margot

Die Frau in Rot

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#3

Auf der Höhe der Zeit

in Gesellschaft 06.01.2008 00:03
von Maya (gelöscht)
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Hi corvinus,

mein erster Gedanke ging Richtung Nazis, wobei die Lemminge die Juden darstellen sollen, die nicht ihrem eigenen Ziel, sondern dem "Endziel", der Endlösung nahe sind. Aber diese Sicht gefällt mir nicht, weil es mich zu sehr an die Schafe erinnert, die sich ohne aufzumucken zur Schlachtbank führen lassen. Mit den Lemmingen könnten natürlich auch die Neonazis von heute gemeint sein: Leute, die den "oberen Herren", also den kümmernden Kiefern ins Netz gehen. Wäre das die Aussage, fände ich das zu klischeehaft, denn man macht es sich zu einfach, jeden Neonazi als verblödet und dumm darzustellen und es ist gefährlich, so zu denken. Sollen die etlichen Wiederholungen auf den Spruch "Geschichte wiederholt sich" hinweisen? Mh, also mir sind es zu viele davon, ich kann dem sprachlich nicht allzu viel abgewinnen.

Moose sind doch keine Kiefern. Also auch ich habe da Schwierigkeiten, das zu deuten. Mal sehen, was wiki zu Moosen sagt:

sind grüne Landpflanzen, die in der Regel kein Stütz- und Leitgewebe ausbilden. Nach heutiger Auffassung haben sie sich vor etwa 400 bis 450 Millionen Jahren aus Grünalgen der Gezeitenzone entwickelt. Die Moose sind durch einen Generationswechsel gekennzeichnet, bei dem die geschlechtliche Generation (Gametophyt) gegenüber der ungeschlechtlichen (Sporophyt) dominiert.

Da sie kein Leitgewebe ausbilden, könnten sie eine andere Metapher für die Lemminge sein. Sie lassen sich von den Kiefern leiten, von ihrem Tun beeinflussen, weil sie selbst nicht denken können. Oder hat es mit dem Generationswechsel der Moose zu tun, während die Kiefern läppische 600 Jahre alt werden können? Dann könnten Kiefern auch das langlebige Gedankenschlecht verkörpern. Schwierig. Ja, so ungefähr würde ich mir den Text erklären, wobei er nicht zwingend auf das Dritte Reich Bezug nehmen muss, jeder Mensch lässt sich direkt oder indirekt von anderen leiten/verleiten.

Ja, insofern würde ich mich doch der Sicht von Margot anschließen - und dafür brauchte ich jetzt so viele Sätze.

Gruß, Maya
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#4

Auf der Höhe der Zeit

in Gesellschaft 06.01.2008 19:58
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte
Hallo Corvinus,

Hörende Moose, dieses Bild greift bei mir nicht. Obwohl ich Moos faszinierend finde. Aber warum nun ausgerechnet die wachen? Die kümmernde Kiefer verkümmert ja auch gern im deutschen Wald aber schert mich in diesem Wörterwald nicht sonderlich.
Mich zu „schläuen“ fehlt mir die Lust, weil der Rest dieses Werkes mich daran erinnert wie nichts und alles zu gar nichts verdichtet werden kann: Walle, walle, rühre, rühre, orakel, orakel, Upharsin und hurz und tot.
Der Lemming ist auch sehr beliebt und ein Gleichklang der kleinen Schritte öffnet dem Leser wie Lemming weiteste Horizonte.
Die Zeilen riechen irgendwie streng nach: alles endet in der Scheiße. Die Beobachtung ist nicht falsch, aber auch nicht umwegweisend für mich Lemming.
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#5

Auf der Höhe der Zeit

in Gesellschaft 07.01.2008 10:20
von corvinus (gelöscht)
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Salut Margot, Maya & 'Brot',

zunächst vielen Dank für Eure ausführliche Resonanz. Zum Hintergrund dieser Zeilen folgendes: Das Textlein entstand als Beitrag zu einem Lyrikwettbewerb meines Heimatsstädtchens, der unter dem Thema 'Auf der Höhe der Zeit' ausgeschrieben wurde.

Nun ist es so, dass hier derweilen, resp. derzeiten (sprich Frühjahr 2007) eine eigentümliche 'Hurraeuphorie' herrscht, nachdem Braunschweig nicht nur eine höchst fragwürdige Schlossatrappe erhalten hat, sondern letztes Jahr auch den Titel 'Stadt der Wissenschaften' führen durfte.

Daher war ich dann doch verlockt, dem ein kleines Gegengew(d)icht zu setzen, in dem ich versucht habe, die Höhe der Zeit als karge, nordländische Klippe zu zeichnen, auf der ein kalter (Gegen-)Wind herrscht. Halt eine ganz kleine, skeptizistische Skizze. Klar, dass da die Lemminge reingehören - es empfiehlt sich übrigens sehr, dazu mal bei Carl von Linne nachzulesen! - auch wenn sie heuer recht klischeeiert sind.

Ob die Tatsache, dass ich mit diesem Dinglein, das nun wahrlich nicht den Anspruch auf große Lyrik hat, bei dem Wettbewerb (mit) gewonnen habe, für oder gegen die Stadt BS spricht, mag entscheiden wer will ;-))
Klippschiefergrüße
corvinus
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#6

Auf der Höhe der Zeit

in Gesellschaft 14.01.2008 10:21
von Joame Plebis | 3.371 Beiträge | 3363 Punkte
Guten Tag!

Richtig erstaunt bin ich, was Könner so alles herauslesen;
da gehöre ich nicht dazu.
Für mich kann Gleichklang auch für Harmonie stehen.
Ich lese es als das, wie es sich mir darstellt, Zeit und Natur sind das in erster Linie. Die kümmernden Kiefern/Latschen, die ab einer gewissen Höhe ihren natürlichen Überlebenskampf in der Umwelt führen, passen gut hinein.
Nachdenklich werde ich, denke ich an Höhe der Zeit, an Ziel. Es sind relative Bilder, für den einen sehr konkret, philosophisch stellt sich die Frage, ob es sie gibt.

Danke - freundlichen Gruß
Joame
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#7

Auf der Höhe der Zeit

in Gesellschaft 15.01.2008 16:27
von bas[ti]an | 98 Beiträge | 98 Punkte
hallo corvinius,

also entweder brauch ich nen schluck äther oder du versuchst zu vermitteln, dass die Zeit im Endeffekt nur noch im Hintergrund oder halt wie du es ausdrückst auf gleicher Höhe spielt, aber keinesfalls im Vordergrund...ist für mich nachvollziehbar und du hast vollkommen Recht, jedoch verstehe ich den Zusammenhang mit den Lemmingen dann nur insofern, dass sich fallengelassen wird...hier alleine den Naturgewalten ausgesetzt= karge landschaft usw raues wetter. soll man ja zu sich selbst finden, wie dir jeder Bergsteiger wahrscheinlich beipflichten würde...

das einzige wobei ich aber wirklich nachdenken müsste wären die wortwiederholungen und ich bin für mich noch am rätseln, ob diese hier hinein passen...

auf der he,
der he der Zeit.
Und ren,
ren
nähernden
Gleichklang,
Gleichklang der kleinen Schritte:
Lemminge,
horizontweit an Zahl,
nahe,
nahe dem Ziel.

hö hö hö ei ei ei und na na na *abgefahren*:D wenn das so gewollt war

LG basti
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#8

Auf der Höhe der Zeit

in Gesellschaft 17.01.2008 15:21
von corvinus (gelöscht)
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Auch Euch, Joame und bas(ti)an, Dank für Eure Anmerkungen.
Zu den Wiederholungen kurz folgendes: da ich eigentlich mehr 'Literaturvermittler' (szenische Lesungen, Hörspiele etc.), denn 'Literaturproduzent' bin, orientiere ich mich beim ehe seltenen Schreiben oft am Klang des laut gelesenen Textes. So habe ich mir bei der Rezitation, gerade von expressionistischer Lyrik, angewöhnt, gelegentlich einige Zeilen zu wiederholen. Dies ist auch in diesem kleinen Text eingeflossen. Zugegeben - ein recht subjektives Verfahren im Vergleich zu objektiveren Konstruktionsprinzipien der Metrik. Und eben drum wohl auch nicht für jedermensch nachzuvollziehen.
Obgleich Dein Interpretationsansatz weltklasse ist:
'hö hö hö ei ei ei und na na na *abgefahren*:D wenn das so gewollt war'

Gebirgsgruß
c.

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