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#1

Bergauf, bergab

in Mythologisches und Religiöses 22.11.2007 08:36
von Pog Mo Thon | 569 Beiträge | 569 Punkte
Bergauf, bergab


Ein Berg steht im Gelände. Seine Hänge
sind schroff und nur die Tapfersten der Kühnen
versuchen sich und ihre Kunst an ihnen,
doch finden nur sich selbst an ihrem Ende.

Sobald es einem Einzigen gelänge
und Ähnliche dann auch geeignet schienen,
gehörte dieser Berg nur zu den Bühnen
der Eitelkeit des Menschen. Eine Wende

zur Demut ist jetzt das Gebot der Stunde:
Bewacht den Fels! Wer immer darin steigt,
stürzt aus der Wand und gebt danach die Kunde,

dass wer sich dieser Majestät nicht neigt,
geht endlich um so schändlicher zugrunde,
womit sich auch die wahre Botschaft zeigt.
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#2

Bergauf, bergab

in Mythologisches und Religiöses 22.11.2007 20:02
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte
Hallo nizza

Warum besteigt man einen Berg? Weil er da ist. Ich weiß nicht wer das noch mal gesagt hat, aber kürzer und besser kann man es nicht beschreiben.

Was gewinnt aber der Mensch, der den Gipfel erklimmt? Erkenntnis, Weisheit, Einsicht, Glück, und Wohlstand? Nein, Eitelkeit und Eitelkeit neigt zur Hybris, das wird den Gipfelstürmern hier prophezeit.

Nichts Gutes verheißt dieses Gedicht denen, die es wagen den Gipfel zu erklimmen, die nicht auf den Vater hören sondern nur den Berg rufen. Und weil das so ist, solle man die Burschen aus der Wand hauen, die sich erdreisten weiter schauen zu wollen, als die Anbeter im Tal?

Ein guter Plan, Demut zu predigen und dabei keck die Karabiner aufzumachen und die Sicherungsleine zu kappen. Wenn sich jemand an der Majestät vergreifen will da schreitet die Palastwache natürlich gleich ein, fordert Demut und stürzt den Kerl in den Abgrund.

Das ist geil. Denn Demut ließt sich gut und wer forderte sie nicht gerne ein, wenn ein kleines Raumschiffchen aus Menschenhand in tausend Teile aber auch Menschen zerbricht, beim Versuch neue Welten zu erobern? Wer schrickt nicht zusammen, wenn ein Weißkittel stolz Erbgut und Stammzellen in seinen Händen hält und keinerlei Demut zeigt, wer träte nicht gern auf die Bremse, wenn er sieht, wie schnell und wie viele Gipfel der Berge die wir sehen können wir täglich erklimmen. Demut klingt gut. Aber wer zum Teufel spielt die Bergwacht, die Palastwache? Das können ja nur die sein, deren Weisheit über alle Gipfel strahlt.


Zitat:

dass wer sich dieser Majestät nicht neigt,
geht endlich um so schändlicher zugrunde,
womit sich auch die wahre Botschaft zeigt.



Die wahre Botschaft ist, dass niemand ungeschoren heilige Kühe schlachtet oder Bärte abschneidet. Die, die solches tun, fallen aus der Wand und selbst wenn nicht, bleiben sie in der Regel allein auf ihrem(!) Gipfel und werden nur sich selbst wiederfinden


Zitat:

doch finden nur sich selbst an ihrem Ende.



Wie Rainer schon sagte: Wie von euch bewohnt, bleibt er allein. [der Mond].


Das klingt ganz nach dem unverstandenen Genie, das wagemutig meinethalben mit den majestätischen Regeln und Konventionen eines z.B. Sonetts bricht oder seine Majestät nicht anerkennt bzw. aus dem erhabenen Gipfel einen Hügel machen will und deshalb aus der Wand gehauen wird von den Sonettwächtern.
Die Sonett Regeln – sofern ich es richtig gesehen habe – werden hier nicht gebrochen und m.E. sollte es auch so sein. Denn wer ist schon gern allein? Und wer will Demut nur negativ auslegen? Wer besteigt schon einen Berg nur deshalb weil er es kann? Es nur zu können reicht nicht aus. Wer es nur kann, scheitert sowieso.

Keine Ahnung ob Du den selben Klettersteig beschreiten wolltest, aber ich genoss den Ausblick.
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#3

Bergauf, bergab

in Mythologisches und Religiöses 23.11.2007 20:45
von Erebus | 748 Beiträge | 748 Punkte
Hallo nizza

was soll ich sagen? Der Text enthält einen Tenor, der meine absolute Zustimmung hat.
In der Versachlichung des Göttlichen verflacht die menschliche Seele. Da beraubt sich jemand seiner Erkenntnismöglichkeiten, um einen Adrenalinausstoß zu erleben. Ja, wenn das so ist. Weiß ich aber nicht.

Der Urvater der hier gewählten Form, der von Dir selbst andernortes genannte Herr Pet. hat einst den Mount Ventoux bestiegen. Dies gilt mithin als Beginn der Renaissance (habe ich das auch richtig parat?): da strengt sich jemand unheimlich an, um etwas zu erfahren. Ohne pekuniäre Absichten, nicht um zu fressen oder sonst etwas Trivialem nachzukommen, nein schlimmer. Für nix. Und doch für alles.

Ob die modernen Messner-Aufgüsse so oder wie auch immer sind - ich habe keine Ahnung. Das wir unsere Lebensumstände "Entheiligen", das ist nach meinem Empfinden sehr schädlich, weil verkümmernd.

Du siehst, ich halte das gefundene Beispiel des Berges nicht für besonders geeignet - sollte so ähnlich Deine Intention gewesen sein - dem Leser das Sakrileg vor Augen zu führen.
Vielleicht läßt sich überhaupt nur schwer ein Text bildhaft konstruieren der solches in der gewählten Art und Weise verdeutlicht?
Denn Du kommst vom Speziellen, dem Berg und seinem Eroberer, auf das Prinzipielle, dies aber in einem Gemisch aus Bilder und Abstrakta (Eitelkeit, Wende zur Demut, Gebot der Stunde, Kunde geben, etc)
Vielleicht hätte ich etwas Einheitlicheres als deutlicher empfunden. Soetwas wie ein beispielhaftes Schicksal.

Die Sprach selbst, gesucht und gefunden, hat Dynamik. Aber auch ungünstige Stellen, wie die Ellipse in S1V4, die mir überhaupt nicht gefällt. "und Ähnliche dann auch geeignet schienen" gefällt mir wiederum sprachlich, nicht aber in der Sinnbiegung, die die Sprache forderte. Eignungs-Anschein der Berge oder der Besteiger? Ersteres ergäbe den Sinn, letzeres habe ich gelesen.
Insgesamt erinnert mich dieses Werk an das ambrosische " Watzmann, Watzmann, Schicksalsberg, du bist so groß und i bin nur a Zwerg"
In diesem Sinne.

Gruß Ulrich
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#4

Bergauf, bergab

in Mythologisches und Religiöses 04.12.2007 13:09
von Pog Mo Thon | 569 Beiträge | 569 Punkte
Hallo Brot,

ja, weil er da ist, aber das habe ich noch nie geglaubt. Natürlich ist das die Voraussetzung, aber das ist nicht der Grund.

Ansonsten fühle ich mich sehr verstanden. Who are the brain police? Auch wenn ich wirklich gerne, sehr gerne einfache Regeln hätte, so muss ich doch voller Demut weiter irren. Insofern rufe ich dir ein klares Sowohl-als-auch zu und bleibe in der Wand, bis es mich heraushaut.

LG
Nizza

Hallo Erebus,

ich finde es weniger wichtig, ob ein Leser mir nun inhaltlich zustimmt, oder nicht. Entscheidend kann ja nur sein, ob ich stringent arbeitete, ob sich die Botschaft vermittelt und Inhalt und Form korrespondieren und sich ergänzen. Tun Sie das, wird in aller Regel ein Denkprozess angeregt, in dem der Leser Stellung bezieht. Mehr kann man sich nicht wünschen.

Warum du den Berg nun nicht als passende Metapher ansiehst, habe ich nicht begriffen. Offenbar wissen wir beide nicht, warum Petrarca auf den Ventoux gestiegen ist. Ich habe gelesen, warum Messner glaubt, Extreme auszuprobieren und auch wenn ich sein philosophische Bramarbasieren nicht sonderlich schätze, so unterstelle ich nicht, dass er aus pekuniärem Interesse tat. Letztlich hat er einen Weg gefunden, es zu vermarkten, um ausschließlich diesem Lebensinhalt zu frönen, klar, aber das heißt ja nichts.

Der Berg steht hier als Metapher für etwas Majestätisches und das habe ich sogar wörtlich hineingeschrieben, damit niemand auf die Idee kommt, es ginge um Bergsteigen. Aber es geht um etwas, das nicht jede/r kann und auch nicht jede/r können muss, nämlich die Kunst, welche auch expressis verbis dort steht. Die Frage ist: Soll sich aber nicht jede/r daran versuchen dürfen? Ist die „Entheiligung“, wie du das nennst, so sehr von Übel, dass es gerechtfertigt erschiene, die Amateure aus den Felsen zu picken?

„Die Sprache gesucht und gefunden“, schreibst du, und wieder habe ich den Eindruck, als handelte es sich um vergiftetes Lob. Ich akzeptiere, wenn es nicht gut klingt. Ich akzeptiere, wenn es bemüht und konstruiert erscheint. Ich akzeptiere nicht, dass man sucht und konstruiert, bastelt und probiert. Ich tu das viel zu selten und daher bin ich auch kein ernstzunehmender Dichter, Künstler gar. Dazu habe ich auch zu wenig zu sagen. Aber noch einmal: Wenn man zum Beispiel Poe glauben darf, dann hat der sich jedes einzelne Wort seiner Gedichte akribisch überlegt und erarbeitet und hielt das auch für die einzig wahre Vorgehensweise.

Auch kann ich die Kritik an der Sprache leider nicht nachvollziehen, weil ich weder die Ellipse in S1V4 finden kann, noch die Problematik mit den „Ähnlichen“ nachvollziehen kann. Ich meine, es bezieht sich deutlich genug auf den „Einzigen“, darf aber sehr gerne auch zum Berg hinweisen. Denn wenn ein Einzigartiger einen einzigartigen „X“ entweiht, dann folgen sehr bald Ähnliche und entweihen ähnliche „X-e“.

Übrigens habe ich keine Ahnung, wie Ambros seinen Watzmann verstanden haben wollte, mir scheint es darin aber eher um die Aussichtslosigkeit menschlichen Strebens und die Einsicht in eigene Zwergenhaftigkeit, als um die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Entmystifizierung zu gehen.

LG
nizza
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