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#1

Brief an Paul

in Zwischenwelten 16.11.2007 22:12
von Ciprofloxacin (gelöscht)
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Lieber Paul,

ich war ja nie einer, der sich großartig mitteilte, weder mündlich, noch schriftlich. Es war für mich, als wenn alles Wichtige bereits gesagt worden wäre, mündlich wie schriftlich, dass es nur darum gehe, es von Zeit zu Zeit aufzulesen, wie man von Zeit zu Zeit einen Stein aufliest, um ihn in ein Gewässer zu werfen. Denn abgesehen von wetteifernden Jugendlichen und jenen, bei denen das sich-zur-Schau-stellen-müssen im Geiste hängen geblieben ist; also jenen, die schon beim Auflesen nach dem besonderen, nicht zu leichten, nicht zu schweren, flachen glatten Stein suchen, um ihn dann unter gründlicher Betrachtung im bestmöglichen Winkel zur Wasseroberfläche auf jener springen zu lassen, was einer Prozedur gleichkommt, Hierarchien von Stärkeren und Schwächeren aufzustellen, wobei gänzlich vergessen wird, dass wir alle nur Menschen sind -die Macht ist eine außermenschliche - von diesen Fällen abgesehen meine ich vielmehr das sinnlose Auflesen und Hineinwerfen eines Steines, das dadurch erst Sinn macht, dass es eben nicht darum geht, die Spannung aufrecht zu erhalten, sondern sie zu durchbrechen. Diesem Wunsch nach Durchbruch, das sicherlich jedem schon einmal bildlich aufgezeigt wurde, in der Werbung, in der Fotografie, wie sich die Spannung zerreißt beim Aufschlag, dem Stein Platz macht, ihm für einen Augenblick sogar seine Form mitempfindet, während die Tropfen ringsum fast ekstatisch aufspringen; diesem Wunsch gilt es. Im Moment des Aufpralls arbeiten beide, der Stein und das Wasser zusammen, unausweichlich, dann gibt der vermeindlich Klügere nach, der es deshalb nicht ist, weil er, also das Wasser, ebenso wie der Stein abwartend gewesen ist. Es bedarf äußerer Kräfte, sie zu bewegen, den Anstoß zu geben, ins Rollen zu kommen. Nun, wenn beide gearbeitet haben, verschlingt das Wasser den Stein in sein tiefstes Inneres. Es ist die kraftvollste Möglichkeit einer Wahrnehmung, dieses Aufnehmen eines in der Sonne gelegenen Steines, eines Ursteines, der bis zum Grund bewegt sein wird, genau wie das Wasser.

Mit Martha war ich einige Male am Deich gewesen. Sie, die sie ihre roten Haare vergeblich unter die Mütze zu stecken versuchte, die sie die Hände im Wollmantel trug, weil ihr immer kalt war und die immer den sehnsuchtsvollen Blick in die Abendsonne richtete, ging etwas neben mir, etwas schneller entlang der Uferseite, während ich, die Hände hinterm Rücken, sie und das Meer beobachtete und in mir tiefere Sehnsucht trug, als sie wusste. Manchmal schaute sie zu mir zurück und hatte dabei einen solch offenen, empfänglichen Blick, dem ich nichts als das immergleiche Lächeln zu bieten hatte. Sicherlich, Martha, ich und das Schweigen führten eine Dreiecksbeziehung, die oft für heftigen Streit sorgte. Ich versuchte ihr zu erklären, dass, wenn wir uns im stillen Blick verstehen, es keiner Worte bräuchte, was sie dann verständnisvoll und gerührt aufnahm oder aber, und immer öfters, in seinem Gegenteil.

Ich mache ihr keine Vorwürfe, besonders nicht an diesem Tag, da sie gestorben ist. Sie liegt im Wohnzimmer auf der Couch, als ob sie schliefe. Als ich vor einer halben Stunde in die Wohnung kam und feststellen musste, dass sie gestorben war, friedlich, dass nun eine Spannung durchschlagen war, ging ich gleich in die Küche und fing an, dies zu schreiben. Du wirst dich sicherlich nach den Gründen fragen.

Ich will es dir anhand einer Geschichte erklären, die ich als Kind erzählt bekommen habe. Es geht um einen König, der über ein riesiges Reich herrschte. Allerdings war sein Reich eine Wüste und sein Volk darum ein sehr kleines, was den König unglücklich stimmte. Er konnte sich nicht mit den andren Königen messen, die es sich erlauben konnten, gigantische Festungen auf fruchtbarem Land zu bauen, über ein starkes Heer verfügten und in deren Reich so viele Menschen lebten, dass ein reger Austausch stattfand, ein Leben, aus dem große Kulturen enstehen konnten. In seinem Reich hingegen herrschte die Leere, die Unfruchtbarkeit und er lebte in einem Zelt. Er hatte nur einen Krieger, einen Mediziner und einen Schreiber und war darum sehr traurig.

Eines Tages machte er wie sehr oft einen Spaziergang, früh am Morgen, wenn es nicht mehr kalt und doch die Sonne noch nicht brannte und wanderte alleine durch die Dünen, da tobte auf einmal ein Sandsturm und riss ihn zu Boden. Er wickelte sich in seine Kleidung voller Angst und lag zusammengekauert am Boden. Der Wind riss riesige Sandmassen mit sich und begrub fast den König. Als der Sandsturm vorüber war und sich der König wieder aufgerichtet hatte, glücklich über sein Überleben, ragte vor ihm ein ungewöhnlich sauberer Stein aus dem Sand hervor. Er zog ihn heraus und stellte fest, dass es eine beschriftete Steintafel war. Er erkannte die Schrift als die seines Volkes und verschlang jedes seiner Worte. Darin waren alle Generationen vor ihm vermerkt und der König war erstaunt, wie weit die Kette seiner Ahnen zurückreichte. Und weiterhin konnte er lesen, dass seine Ahnen auch bemängelt hatten, was er bemängelte und fand aber gleich eine Erklärung:

Das Reich der Wüste in deiner Hand,
König in dem Wüstenland,
von Ferne satt und Nähe leer,
fehlt dir auch das Leben sehr?

Du König, sei der Macht gewiss,
die dir in deinem Äußern liegt.

Sogleich lief der König in sein Zelt und ließ seinen Schreiber kommen. Er diktierte ihm eine Schrift, die er an alle Könige sandte, in der er jedem einzelnen den Krieg erklärte. Die Empfänger waren ganz erbost über diese Herausforderungen und stellten, ihres Sieges sicher, ein Heer in Bewegung, die Wüste nach dem König zu durchsuchen. Der König der Wüste hingegen versteckte sich mit seinen Gefolgsleuten in Höhlen. Erschöpft von dem harten Klima, trafen die Könige aufeinander und bekämpften sich in der sengenden Hitze bis auf den Tod. Alle wurden dahingerafft, sei es durchs Schwert oder als Opfer der Wüste. Daraufhin reiste der König der Wüste als Sieger in alle Länder und ernannte sich zum Kaiser des größten Reiches, das es je gegeben hatte.

Wenn du dich nun fragst, lieber Paul, ob das ausreiche: Nein, sicherlich nicht, aber der Tod meiner Frau ist eine derartige Äußerung, ein aus der Versenkung aufgetauchter Stein, eine derartige Bestimmung, dass es sie weiterzugeben bedarf.

Hochachtungsvoll,

dein Johann
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