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Gegendarstellung

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 16.11.2007 00:34
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Gegendarstellung

„Es gibt aber gar keinen Weihnachtsmann!“
„Schrei doch gleich so laut, dass es nicht nur unser Sohn, sondern auch die ganze Straße mitkriegt.“
Diese Erwiderung Barbaras erschien Volkhart so absurd, dass er kurz die Sprache verlor, was sehr selten geschah. Er wusste natürlich, dass es seiner Frau um die Lautstärke und das Weltbild ihres Sohnes ging. Aber dabei tat sie ja geradezu so, als decke er durch seine Äußerung eine Weltverschwörung auf und verkünde ihrem Kind wie auch dem Rest der Gesellschaft eine desillusionierende Wahrheit, etwa dass ihre Regierung vor geraumer Zeit durch verkleidete Außerirdische ersetzt worden sei oder man in Fastfood Menschenfleisch gefunden habe. Doch es ging nur um diesen blöden Weihnachtsmann. Ein Ammenmärchen war das, und er sowie sein Sohn waren bereits abgestillt. Also weg damit.
Er ersetzte seine Fassungslosigkeit durch Sarkasmus.
„Na und? Sollen es doch alle erfahren. Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf! Ich weiß, es ist ein grausamer Job, aber ich denke, einer muss die Wahrheit verkünden.“ Ja, das hatte gewiss gesessen. Volkhard war in seinem Element. „Und weißt du was? Wenn ich schon dabei bin, werde ich gleich noch damit herausrücken, dass die Kinder nicht vom Storch gebracht werden. Jawohl! Das gibt einen Aufruhr.“
Barbara verlor langsam die Geduld mit ihrem Mann. Er schien so überhaupt keinen Sinn mehr für Kindliches, Spielerisches, geschweige denn Fantastisches zu haben. Er schaute zwar gerne Star Trek. Aber dort war die Fantasie aufgehoben, wo sie hingehörte, in der Glotze, nicht in seinem wahren Leben.
„Chaos wird ausbrechen. Unser abendländisches Wertesystem wird in sich zusammen fallen!“
Er bekam sich nicht mehr ein und nervte sie maßlos.
„Ach ja, für dich sind doch sowieso heutzutage alle Kinder von klein bis mittel nur noch TV-verseuchte, sozial gestörte Trotzköpfe, die wahrscheinlich nicht mehr rückwärts gehen können.“ Volkhard schaute leicht verdutzt, weil er genau das dachte, es aus Barbaras Mund aber wie eine absurde Annahme klang. Dieser Fehlentwicklung einer ganzen Generation wollte er jedenfalls durch sturen Realismus beikommen, zumindest bei Julian, seinem einzigen Kind.
„Julian konnte aber sehr wohl rückwärts gehen“ wusste es Barbara besser, „was du feststellen könntest, wenn du dich mal eingehender mit ihm beschäftigen würdest.“
„Liebe Barbara, ich lasse mich nicht zum Sündenbock machen. Ich beschäftige mich andauernd mit unserer Familie.“
„Ach hör doch auf. Wann denn? Wenn du nach Hause kommst liest du deine blöden Romane oder chattest mit deinen Fern-Schach-Partnern.“
Volkhard wollte etwas Schlaues erwidern. Als ihm nicht einfiel sagte er: „Im Grunde widme ich mich sogar im Büro meiner Familie, denn dort arbeite ich um ihren Lebensunterhalt zu heranzuschaffen, denn wie wir gerade beide festgestellt haben, fällt der Weihnachtsmann leider für diese Aufgabe flach. Also lass mich damit in Ruhe.“
„Geh jetzt endlich los“, seufzte sie, sein Gefasel überhörend, „Es wird eh schon voll genug sein in den Geschäften.“
Er legte nach. „Das ist gut. So werde ich viele Zuhörer haben, wenn ich die Wahrheit verkünde. ‚Hey Leute, haltet euch fest! Der Weihnachtsmann ist eine Erfindung von Coca Cola. Den gibt’s gar nicht.’ Das wird ein Knaller!“
Als er sie zum Abschied küssen wollte, drehte sie den Kopf weg.
„Du Blödmann wusstest, dass du dieses Jahr dran bist mit Weihnachtseinkäufen. Wieso musst du das immer erst auf den letzten Drücker machen?“
Er wollte gerade wieder ansetzen, da fuhr sie ihn an, „Das war eine rhetorische Frage. Und jetzt hau ab! Komm zurück, wenn du die Geschenke hast und wieder erträglich bist.“
Er bemerkte wieder mal viel zu spät, dass der Spaß schon lange vorbei war, nickte ein wenig schuldbewusst und ging.
Barbara ging hoch zu Julian ins Kinderzimmer und sah wie er so tat als spiele er mit seinen Autos. „Komm, mein Lieber, Zeit für’s Abendbrot.“

Die Einkaufsliste hatte er vorher schon gründlich studiert. Von wegen auf den letzten Drücker. Volkhard war bestens vorbereitet und wusste genau, wo er was bekommen würde. Es ging größtenteils um irgendwelches Spielzeug, das ein Vermögen kosten würde, obwohl es vermutlich, wie er neulich gelesen hatte, in China unter frühkapitalistischen Arbeitsbedingungen produziert worden war. Die Sachen würden seinen Sohn wahrscheinlich einen verschwindend geringen Teil des nächsten halben Jahres beschäftigen und dann in der Ecke verstauben. Aber in seltenen Fällen konnte sich eine solche Anschaffung auch durchaus lohnen. Er erinnerte sich an Spielzeug, mit dem er selbst als Kind über Jahre hinweg begeistert gespielt hatte, auch wenn er die Sachen meistens irgendwann entgegen ihrer ursprünglichen Bestimmung zweckentfremdete. So hatte er ein nach seinem kindlichen Empfinden futuristisch anmutendes Spielzeugauto besessen, das er, als schon bald die kleinen Räder abgefallen waren, immer noch wechselnd als Raumschiff, als Zeitmaschine oder gelegentlich als Funkgerät oder Phaserwaffe eines Weltraumabenteurers verwendet hatte.
Er betrat das Kaufhaus. Oh-oh. Es war doch etwas voller, als er gedacht hätte. Selbst wenn er alles sofort bekäme, er würde ewig an den Kassen anstehen müssen. Aber ihm war auch klar, dass es morgen nicht besser aussehen würde, obwohl er in drei verschiedene Läden würde gehen müssen, um alles zu bekommen. Herrje, wie wenig hatte er damals gebraucht, um glücklich zu sein? Ein kaputtes Spielzeugauto, und er konnte jahrelang damit zufrieden spielen.
Er bewegte sich durch die drängelnde Menschenmenge, die ebenfalls wie er Last Minute-Einkäufe tätigten. Morgen war Heiligabend. Er bewegte sich wie viele andere Richtung Spielzeugabteilung.
Er dachte wieder an sein kleines Auto ohne Räder. Wer hatte ihm das damals ursprünglich geschenkt? Natürlich der Weihnachtsmann. Angeblich. Er konnte sich noch genau erinnern, was er als Kind zitternd für Angstträume ausgehalten hatte. Er war sich damals sicher, dass der Weihnachtsmann ihn mit der Rute windelweich prügeln würde, wenn er ihn in die Finger bekäme. Denn er war unartig. Volkhard konnte die Neugierde vor dem Fest nie aushalten und durchsuchte die Wohnung stets nach den Geschenken, die seine Eltern im Auftrag des Weihnachtsmanns dort für ihn aufbewahrten. Und Volkhard konnte ums Verrecken keine Gedichte auswendig lernen. Wie bekamen andere Kinder so etwas nur in ihre Köpfe hinein? Er war zu so was einfach nicht in der Lage und stammelte dann heulend vor seinen Eltern rum, die ihn dabei äußerst kritisch anschauten, weil sie ihm reine Faulheit unterstellten. So wurde er zum Fest in immer panisch, konnte nicht schlafen bis kurz nach den Feiertagen. Der Weihnachtsmann kreuzte nie auf. Der ließ sich jedes Mal durch die Eltern entschuldigen, weil er so viel zu tun hatte und erst zu den Kindern in der dritten Welt fuhr, weil die noch nicht einmal Schnee hatten und außerdem die Geschenke viel nötiger hätten als die Kinder hier. Das war so in etwa die Erklärung seiner Eltern. Wenn er sie hörte, war er erleichtert, weil er wusste, dass er wieder ein Jahr Schonfrist hatte. Aber nächstes Jahr würde der Weihnachtsmann kommen und alles nachholen. Die Strafe würde immer schlimmer werden, sich aufrechnen von Jahr zu Jahr.
Aber der alte Rauschebart kam nie. Und irgendwann war Volkhard alt genug, um zu begreifen, dass es den Weihnachtsmann nicht gab. Das ging von heute auf morgen. Seine Eltern beschlossen irgendwann, dass er einfach alt genug war, nicht mehr daran zu glauben, und übergingen die ganze Sache, wie Eltern das nun mal gerne tun, etwa so wie bei der sexuellen Aufklärung. Erst wurden die Informationen vor einem geheim gehalten, und irgendwann war man alt genug, um die Dinge zu wissen. Keine Erklärungen, keine Entschuldigung für die langjährigen Lügen, keine Offenbarung, kein Geständnis.
Er nahm sich damals vor, diese Fehler seiner Eltern bei seinen Kindern nicht zu begehen. Er würde ihnen keine Lügen über den Weihnachtsmann erzählen.
Dafür dürfte Barbara sich um die sexuelle Aufklärung kümmern.
Ach, da sah er in seiner Grübelei schon die ersten Dinge seiner Einkaufsliste vor sich. Playmobil. Ein Feuerwehrwagen und eine Packung passender Figuren. Mann, war das teuer. Aber zwei Punkte auf einen Schlag weniger auf der Liste. Na denn, fröhliches Anstellen an der Kasse.

„Natürlich gibt es einen Weihnachtsmann, mein Süßer.“
„Aber warum sagt Papa, dass es keinen gibt?“
„Weil…weil Papa ihn nicht sehen kann. Nur kleine Kinder, die an ihn glauben können ihn sehen.“
„Ich hab den Weihnachtsmann noch nie gesehen. Warum hab ich den Weihnachtsmann noch nie gesehen, Mama?“
Barbara saß neben Julian auf der Wohnzimmercouch einen Arm um das kleine Häufchen Elend gelegt. Sie hatte ihn immerhin dazu gebracht, mit ihr zu reden, aber langsam kam sie ins Schwitzen. Das würde sie Volkhard heimzahlen. Jetzt durfte sie wieder die Sache ausbaden und musste ihrem Sohn Rede und Antwort stehen, um das Weihnachtsfest mit seinem ganzen Zauber für ihren kleinen Julian zu retten und damit in gewisser Weise auch für sich selbst.
„Äh, der kommt meistens, wenn die Kinder schlafen. Weist du noch letztes Jahr, da haben Mama und Papa dich geweckt, gleich nachdem der Weihnachtsmann da gewesen war und die Geschenke gebracht hatte.“
Sie hatte einige Diskussionen mit Volkhard diesbezüglich gehabt, aber bei aller Kompromissbereitschaft seinerseits war klar, dass sie niemals einen als Weihnachtsmann verkleideten Studenten engagieren würden, der der Illusion eine noch konkretere Form zu geben vermocht hätte. Bei ihr daheim hatte sich immer ihr Onkel Heinz als Weihnachtsmann verkleidet und in einer entzückenden Zeremonie vor der ganzen Familie die Geschenke verteilt. Dieses Erlebnis hätte sie Julian auch gerne beschert. Aber zum einen war Volkhard strikt dagegen und zum anderen war ein bezahlter Student ja nun auch kein Onkel Heinz.
Julian sah sie immer noch fragend an. „Hast du denn den Weihnachtsmann schon mal gesehen?“
„Aber ja. Ich hab sogar schon mit ihm gesprochen.“
„Wirklich?“ Julians Augen begannen wieder ein wenig zu leuchten.
„Aber ja, schon viele Male.“
„Was habt ihr gesprochen?“
Barbara entspannte sich wieder etwas. Das Leuchten erfasste auch wieder einen Teil von ihr.
„Och, über vieles. Über dich zum Beispiel.“
„Über mich?“
Barbara nahm Julian auf ihren Schoß und kuschelte ihn an sich.
„Ja, was du dir so zu Weihnachten wünschst oder wie brav du warst und was für ein lieber Junge du bist.“
Julian hob den Kopf. „Erzählst du ihm auch von Papa?“
Barbara musste grinsen. „Ja, mein Schatz. Auch von Papa.“
„Mag der Weihnachtsmann Papa?“
„Ja, der Weihnachtsmann mag Papa. Papa glaubt zwar nicht an ihn, aber der Weihnachtsmann bringt Papa trotzdem jedes Jahr Geschenke. Der Weihnachtsmann ist ganz lieb.“
„Und der Weihnachtsmann verhaut die bösen Kinder.“
Barbara runzelte die Stirn. „Wieso verhauen? Hat dir Papa so was wieder erzählt?“
„Nein. Der Jonas aus dem Kinderladen hat das gesagt. Der Weihnachtsmann verhaut böse Kinder mit der Rute.“
Barbara seufzte. „Ach, Engel, ich glaube nicht, dass der Weihnachtsmann so was tut. Und wenn dann gibt er den Lausejungs und -mädchen bestimmt nur einen kleinen Klaps.“
Julian lachte. „Einen Klaps?“
„Ja“, Barbara sah ihn an, „Oder er kitzelt die kleinen Racker einfach ab, so wie ich dich.“
Julian schrie vergnügt auf als Barbara ihn in die Kitzelzange nahm.

Vormittags hatte es überraschend viel geschneit, nachmittags wurde es mit der wachsenden Dunkelheit stetig kälter. Als wenn man es nicht hätte ahnen können, versagte in vielen Straßenzügen der Streudienst, so dass es teilweise unwägbar glatt geworden war. Volkhard bereute es, so weit von der Einkaufsstraße entfernt geparkt zu haben und zudem in genau so einem unbestreuten Gebiet. In den letzten zwei Stunden war der Schnee offensichtlich völlig überfrohren und bereitete ihm einige Schwierigkeiten beim Gehen, beladen mit seinen vier großen Einkaufstüten. Er war froh, sich so wankend und schlurfend durch recht einsame Seitenstraßen zu bewegen, weil er sich doch etwas lächerlich vorkam. Ja, diese Probleme hätte er nicht gehabt, wenn er einige Tage vorher einkaufen gegangen wäre. Natürlich wusste er, dass Barbara recht hatte mit ihrer Ermahnung, dass er dies schon vor Tagen hätte wesentlich entspannter hätte erledigen können. Aber so funktionierte er nun mal nicht. Die Arbeit im Büro stieg zum Jahresende rapide an, und nach Feierabend wollte er dann nur noch nach Hause. Er musste ja auch mit seinen Kräften haushalten, und keiner konnte ahnen, dass es heute so ein Wetterchaos geben würde. Jedenfalls hatte er Barbara und Julian zur Versöhnung Schokoladenweihnachtsmänner gekauft, die obenauf in der großen Kaufhoftüte lagen.
Endlich erreichte er sein Auto. Die Scheiben waren noch nicht vereist. Wenigstens das.
Er stellte zwei Tüten ab und wollte gerade das Auto aufschließen, da hörte er hinter sich schnelle schlurfende Schritte. Er drehte sich um, sah einen sich nähernden Mann. Volkhard erschreckte sich und fiel rutschend zu Boden. Bis hier her hatte er es ohne Hinfallen geschafft und nun setzte er sich auf den Hintern. Beim Versuch den auf dem Boden stehenden Einkaufstüten auszuweichen, landete er mit dem Ellenbogen auf den Schokoweihnachtsmännern. Der soeben noch schlurfende Herr blieb stehen, sah Volkhard etwas verdutzt an und sagte, „Oh, Verzeihung.“ Der etwas untersetzte Mann trug dünne Winterkleidung, dafür einen dicken Schal, durch den der Qualm kondensierenden Atems drang. Volkhard erwiderte, „Ach, ist ja nicht ihre Schuld“ und wollte dem sich nähernden Herrn seine Hand reichen, damit dieser ihm aufhelfen konnte. Doch da packte der Kerl zwei von Volkhards Einkaufstüten und begann damit davon zu rennen, fiel aber nach zwei Schritten wieder hin.
Volkhard erfasste die Situation sofort und rief im Aufrichten: „Hey, stehen bleiben, Sie Dieb!“
Beide rappelten sich auf, der eine um zu Flüchten, der andere um dies zu verhindern. Die zwei nicht geklauten Einkaufstüten ließ Volkhard vor dem Auto stehen und nahm die Verfolgung auf des Übeltäters auf. Beide wählten eine sehr unterschiedliche Fortbewegungsstrategie. Während der Dieb sobald er wieder auf seinen Füßen stand, zum Sprint losstürzte und nach zwei bis drei Schritten wieder zu Fall kam, bewegte sich Volkhard in schnellen entenartigen Trippelschritten hinter ihm her. Dabei rief er laut in die einsame Gegend, „Halt! Bleiben Sie stehen, Sie Mistkerl. Sie berauben mein Kind!“ Kein Mensch war weit und breit zu sehen. In einigen Fenstern brannte zwar Licht, aber keiner schien das Treiben auf dem Trottoire wahrzunehmen.
Nach anderthalb Blocks hatte Volkhard den Dieb eingeholt und warf sich auf ihn.
„Bitte tun Sie mir nichts!“ rief der Mann.
Volkhard hielt ihn nun fest umschlungen. „Ich, ihnen nichts tun? Sie haben mich bestohlen, Sie Krimineller!“
Der Mann unter ihm wehrte sich nicht. Er begann nur zu wimmern. „Bitte lassen Sie mich gehen. Es war ein Fehler. Ich habe Frau und Kinder zu Hause. Kein Geld für Weihnachtsgeschenke. Ich bin arm.“
Volkhard war unbeeindruckt und fragte nüchtern „Hartz IV?“
„Ja“, weinte der Mann.
„Das ist ja schade für Sie, aber überhaupt kein Grund mich zu beklauen. Eine Schande ist das. Da sehen Sie wohin Sie sich vom Konsumterror treiben lassen. Sie haben doch Zeit. Unternehmen Sie was mit ihren Kindern. Aber bestehlen Sie keine anständigen Leute.“
„Nein, keine Zeit. Ich muss arbeiten.“
Volkhard war verdutzt. „Wie jetzt.“
„Sie haben ja recht“, sagte der Mann eifrig, „Das war ein großer Fehler. Großer Fehler. Ich will Sie nicht bestehlen. Ich hatte nur die Nerven verloren. Ich bin verzweifelt. Die Sachen lagen da und ich konnte mich kurz nicht beherrschen.“
„Das hätten Sie sich mal früher überlegen sollen“, triumphierte Volkhard, „Jetzt sind sie dran. Ich rufe die Polizei.“ Volkhard lag noch immer halb auf dem armen Herrn und hielt ihn umschlungen.
„Nein, bitte. Keine Polizei!“ Der Mann begann zu schluchzen. „Ich will nur nach Hause zu meiner Familie.“
„Nix da. Strafe muss sein. Wer weiß, wen Sie heute Abend noch ausrauben würden“, sagte Volkhard kühl und ließ eine Hand los, um sein Handy zu suchen.
„Ich raube wirklich niemanden aus, bitte! Oh mein Gott!“
Volkhard hatte mittlerweile sein Handy in der Hand und wollte die 110 wählen.
Da stieß der Mann ihn mit einer unerwarteten Kraft von sich herunter und rief „Lassen Sie mich!“
Volkhard war ganz verdutzt und ließ sein Handy fallen. Er sah sich den Hartz IV-Empfänger noch mal genauer an, der, wie Volkhard erst jetzt bemerkte doch ausgesprochen kräftig gebaut war und nun einen hochroten Kopf hatte. „Bitte haben Sie ein Herz!“ schrie er Volkhard an und stieß ihn im Liegen in die Seite. Beide richteten sich auf und Volkhard brüllte, jetzt auch richtig verärgert: „Ich hatte Ihnen gar nichts getan! Sie haben mich beraubt. Ich wollte gar nichts von Ihnen!“
„Ja, weil Sie kein Herz haben. Sie interessieren sich gar nicht für die Leute um Sie herum!“ Der Mann packte ihn kniend am Schlafittchen.
Das war Volkhards Stichwort wieder aufzudrehen: „Oh, Sie bekommen nicht genug Aufmerksamkeit? Was ist es? Mittelkindskomplex, Vollwaise oder vernachlässigtes-Nesthäkchen-Syndrom? Wollten Sie sich mit den Spielsachen die Aufmerksamkeit und Achtung Ihrer Kinder erkaufen, der Sie seit Ihrer Kindheit hinterher jagen?“
Volkhard bekam einen kräftigen Faustschlag ins Gesicht. In seinen darauf folgenden Aaah!-Schrei bekam er noch einen gegen den Unterkiefer. Als er schützend die Arme vors Gesicht hob, ging ein Hieb in seinen Bauch. „Nein!“ rief er, „Nehmen Sie die Sachen und gehen Sie!“
„Ich will Ihren Mist nicht!“ schrie der Mann. „Sie sind ein schlechter Mensch! Ich verachte Sie.“
Mit einem letzten Anflug seines Sarkasmus dachte Volkhard, ach, Sie bestehlen nur nette Menschen? Dann erloschen seine Gedanken. Er wurde das erste Mal in seinem Leben regelrecht verdroschen. Die Schläge gingen durch seine jämmerlichen Schutz und Paradeversuche hindurch oder drum herum.
Irgendwann ließ der Mann von ihm ab, schrie ihn noch an, „Das hatten Sie mal nötig, Sie Arschloch. Frohe Weihnachten!“ und ging.
Volkhard war überrascht, von dem ersten Gedanken, der nach der Schlägerei durch seinen Kopf ging und dort wie ein Flummi hin und her sprang: Stimmt, der Kerl hat Recht.

Santa Claus wurde gerade unter dem Gekicher dreier maskierter Lausbuben von einem singenden Sack voller Würmer gefoltert, und Barbara fragte sich, ob „Nightmare before Christmas“ anzuschauen wirklich ein gutes Mittel war, um Julians guten Glauben an das Weihnachtsfest zu festigen. Aber sie hatten keinen anderen Film mit Weihnachtsbezug in ihrer DVD-Sammlung. Jetzt hätte sie sich gewünscht, so einen kitschigen Mist wie „Der Polarexpress“ oder so etwas in ihrem Heimprogramm zu haben. Es war manchmal nicht leicht einen guten Geschmack und ein Kind gleichzeitig zu haben. Da war sie sich ausnahmsweise mal mit Volkhard einig. Sie warf einen prüfenden Blick auf Julian, der neben ihr saß und vergnügt den Bildschirm verfolgte. Mein Sohn, dachte sie stolz, und wagte zu fragen, „Na, Engel, gefällt dir der Film?“ Julian blickte grinsend zu ihr auf und wollte gerade etwas sagen, da ging die Wohnzimmertür auf und herein kam Volkhard, beziehungsweise eine Version von ihm, die eher in das Haloween-Land des Tim Burton-Films passte als in das Weihnachtsland. „Oh mein Gott!“ rief Barbara aus und ging ihrem Mann entgegen, der sich in einen Sessel neben der Couch sinken ließ.
Er sagte mit halb geschlossenem Mund durch eine neue Zahnlücke: „Na, ihr beiden.“
„Papa, was ist passiert?“ fragte Julian mit großen Augen. Barbara verschwand in der Küche um eine Schüssel warmes Wasser und ein frisches Handtuch zu holen. Auf dem Weg dorthin gab sie Volkhard im Vorbeigehen eine flüchtige Umarmung und einen Kuss auf den Kopf wobei er kurz aufstöhnte. Als sie zurückkam fragte sie, „Ja, was ist geschehen?“
Volkhard holte tief Luft, hustete kurz und sagte dann: „Denkt euch, ich habe den Weihnachtsmann getroffen.“
„Der Weihnachtsmann?“ rief Julian, „Du hast ihn gesehen?“
„Soso“, raunte Barbara blickte ihn nun etwas angespannt an, begann aber seine Wunden abzutupfen während Volkhard fortfuhr und Julian aufgeregt lauschte.
„Ja, weißt du“, Volkhard erzählte, „er sagte, Papa sei lange unartig gewesen, weil er nicht an den Weihnachtsmann glaubte und dir das auch noch sagte. Und jetzt hatte der Weihnachtsmann wohl die Geduld mit mir verloren.“ Volkhard versuchte zu grinsen. „Na ja, da nahm er seine Rute und gab mir Saures.“
„Was du nicht sagst“, meinte die tupfende Barbara auf der Hut, „Das muss aber ein ganz schön doller Klaps gewesen sein, den der dir da verpasst hat.“
„Klaps? Sehe ich aus, als hätte ich einen Klaps bekommen?“ Volker schüttelte den Kopf. „Nein, das war kein Klaps. Das war eine handfeste Tracht Prügel.“
Er hustete wieder, dann blickte er in Julians verängstigtes Gesicht. „Also, denk daran, mein Kleiner. Immer schön brav sein.“
Julian nickte wortlos, und seine blauen Augen zwinkerten hektisch. „Aua!“ Volkhard maulte auf, als Barbara ihn zunehmend unsanfter tupfte.

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#2

Gegendarstellung

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 16.11.2007 09:40
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte
Was hatte ich erwartet bei einer Geschichte zum Fest, die damit beginnt, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Ehrlich gesagt nichts gutes. Mich fröstelte bei dem Gedanken eine Geschichte a la Das Wunder von Manhattan serviert zu bekommen, den ich für eine unerträgliche : den Mann mit dem Plüschebart gibt es aber doch Kitschschnulze halte. Aber erstmal bringen mich die Dialoge flott weiter was meine Bedenken zerstreute.

Aber dann kommt dieser Absatz: Für ihn waren sowieso heutzutage bis den Sohn zu verziehen . Der ist mir etwas zu langatmig und ich frage mich ob diese Infos wirklich nötig sind, damit die Geschichte und die Personen funktionieren bzw. ob sich nicht manche Info über die Personen und ihren Charakter nicht besser dialogisch vermitteln lassen? Das gelingt ja auch am Anfang? Dieser Absatz scheint mir auch von einem allwissenden Erzähler zu kommen und wirkt irgendwie aufgesetzt, weil er mitten in die Dialogszene gequetscht ist und dann auch recht unvermittelt dort wieder anknüpft.

In dem Abschnitt Volkhards Einkaufserlebnisse und Reflektionen stört mich der dialogfreie und reflektierende Abschnitt nicht. Hier meine ich erzählt eigentlich Volkhard selbst: Mann ist das teuer und Na denn, viel Spaß ... scheinen mir da deutliche Hinweise zu sein. Das ist quasi live im Kopf von Volkhard und ich denke es ließe sich problemlos Er durch Ich ersetzen. Kurzum: im Kaufhaus fehlt ein natürlicher Dialogpartner so dass ich auch nichts vermisse und ich kann den Gedanken gut folgen. Mag sein, dass ein anderer unkt, dass Du auch hier versuchst die Gags mitzunehmen, die möglich sind und vielleicht nicht bei jedem voll triffst.
Spätestens hier war klar, dass es nicht ein Wunder in Manhattan wird oder werden sollte. Wie Du es auflösen würdest, darüber rätselte ich aber noch.

„Natürlich gibt es einen Weihnachtsmann, mein Süßer.“

bis
Julian schrie vergnügt auf als Barbara ihn in die Kitzelzange nahm.

Das ist so ein Absatz wo mich wieder fröstelte. Irgendwie finde ich es kitschig, was aber erstmal nichts zu sagen hat, weil ich hier vielleicht eine gestörte Wahrnehmung habe. Was mir hierzu aber noch einfällt ist, dass hier vielleicht auch die Möglichkeit bestünde Infos aus dem auktorial erzählten Abschnitt einfließen zu lassen? Möglicherweise erzählst Du absichtlich so süßlich hier um die verschiedenen Modelle von Weihnachtsgeschichten gegeneinander auszuspielen? D.h. Modell Wunder von Manhattan vs. – natürlich – Gegendarstellung! Ich würde das begrüßen.

Aber kommen wir lieber wieder zurück in Volkhards Kopf

In diesem Abschnitt Vormittags hatte es überraschend viel geschneit, bis weil er sich doch etwas lächerlich vorkam. bereitest Du das kommende Geschehen – auf die Fresse packen, eirige Verfolgungsjagd und niemand kriegt es mit – sorgfältig vor. Beim ersten lesen hatte ich das z.T. überlesen und fragte mich schon, warum das keiner mitkriegt im Weihnachtsendeinkaufsstress? Aber riesig gestört, dass es halt keiner mitbekommt und eingreift oder hilft, hat es mich auch nicht. Keine Ahnung – finde ich selber sehr schwer umzusetzen – wie viel warum, wieso, weshalb der Leser braucht. Angesprochen habe ich das, weil jetzt noch ein Absatz : Ja, diese Probleme hätte er nicht gehabt und zur Versöhnung Schokoladenweihnachtsmänner gekauft, die obenauf in der großen Kaufhoftüte lagen., der wieder auf das Wetterchaos, auf Volkhards Chaosbeherrschung und einen Gag mit den Schokoweihnachtsmännern vorbereitet. Wahrscheinlich habe ich beim ersten lesen wieder die Infos und Vorbereitungen aus dem ersten Absatz vergessen. Vergessen, weil Du - was ich angenehm finde – in sehr lockerem Stil erzählst, servierst und plauderst. Da passiert es mir dann schon mal, dass eigentlich wichtige Infos schnell unter den Tisch fallen, wenn nicht gleich die Auflösung kommt. Sorry für die Breite der Ausführung meinerseits.

Es folgt die Auflösung und Slapstick. Sehr schön, dass Du nicht den Fehler machst und einen Kerl im roten Mantel präsentierst und auch sehr schön, dass es in Volkards leben keinen Platz für Sozialkitsch gibt Strafe muß sein . Die Quittung für sein ach so herzloses Verhalten bekommt er ja auch recht zügig und deftig. Aber er trägt es mit Humor und Fassung.

Und wieder erscheint im letzten Abschnitt auch die Frage wie denn nun? Kitschiges oder nicht kitschiges Weihnachten? Ich vertraue da sowohl dem Grinsen des Kindes als auch meinem.
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#3

Gegendarstellung

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 16.11.2007 12:34
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hi Brot,

ui, vielen Dank für die Rezension meiner Geschichte. Da ich ja noch recht ungeübt in dem Bereich bin, habe ich ja auch noch kein so rechtes Gefühl, was jetztüberflüssig ist und was nicht. Daher ist Dein Kommentar dort extrem hilfreich.
Die Anregung einige Aspekte des ersten Teils eher dialogisch zu lösen, finde ich gut.
Der dritte Teil ist absichtlich so kitschig, aber vielleicht habe ich da auch zu dick aufgetragen. Ich wollte da allerdings schon ein deutliches Gegensignal dem Volkhard gegenüber setzen mit seiner Abgeklärtheit.

Im Grunde ging es mir gar nicht um irgendeine moralische Wertung oder Analyse von irgendwas. Was mich hier interessierte, sind diese Mechanismen, mit denen Menschen fast schon gesetztmäßig genau in die Verhaltensweisen oder Erlebnisse reinrutschen, die sie am meisten zu verhindern suchen. Setzt Du alles daran, anders zu werden als Deine Eltern, wirst Du genauso und bekommst eines Tages verdutzt die gleichen Vorwürfe von Deinen Kindern, die Du Deinen Eltern unterbreitetest. Und das finde ich interessant. Ist nun kein Weltbewegendes Thema. Aber die Geschichte war auch einfach dadurch inspiriert, einen Beitrag für einen Online-Adventskalender zu schreiben. Das ist hiermit geschehen.

So habe ich jedenfalls sehr gute Ansätze für eine Überarbeitung der Geschichte. Vielen Dank!

Viele Grüße,
GW


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