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Das Braun der Möbel

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 02.11.2007 21:20
von Joame Plebis | 3.368 Beiträge | 3363 Punkte

Das Braun der Möbel

"Und du weißt nicht wie sie aussieht?" "Nein, keine Ahnung!" Theo, mein Freund, rückte dabei seine Brille zurecht . Ungläubig starrte ich ihn an. Jetzt weiter zu versuchen, einen Anhaltspunkt ausfindig zu machen, etwas aus ihm herauszubekommen, das mich klüger machten sollte, schien mir zwecklos.

Leicht konfus nippte ich an meiner bereits leeren Kaffeetasse und schob sie dann ein Stück zur Mitte des Tisches hin. Ein hellbrauner Holztisch, wie sie oft in Kaffeehäusern vorzufinden sind, mit abgerundeten Ecken, damit man sich beim beengten Setzen oder Aufstehen nicht eine Kante in den Schenkel rammte.

Diese Ecken waren besonders stark abgerundet, aber ein runder Tisch war er deswegen noch lange nicht. Das Braun der Möbel verbreitete eine gemütlichere Atmosphäre. An den Wänden standen ausschließlich gemütiche Stoffbänke, an den Tischen zur Raummitte hin, in den gleichen pastellfarbenen Tönen, bezogene Stoffhocker.

Auf einem dieser rutschte ich gerade etwas unruhig, während Theo mir gegenüber auf der Bank in lässiger Haltung saß. Zurückgelehnt und seine Hände beidseits auf der Rückwand der Bank ausgestreckt, trommelte er verspielt mit seinen Fingern auf der Polsterung.
Ich wollte soeben eine allerletzte Frage an ihn richten; das hatte er wohl an meinem Gesichtsausdruck abgelesen und kam mir mit der Antwort zuvor. "Schon gut. Ich weiß, es hört sich verrückt an, aber sie wird sehr bald da sein. Du wirst schon sehen, sie kommt."

"Ja tickst du noch richtig? Wir reden über eine volle Stunde mühselig im Kreis; wie willst du sie erkennen, wenn du gar nicht weißt, wie sie aussieht?"

"Und ich sage dir nochmals, sie wird kommen, sehr bald sogar."
Ab und zu wandte er sich um und sah er zum Eingang hin, meist wenn ein Geräusch das Öffnen oder Schließen der Türe zu vernehmen war.
Wer hereinkam mußte an den Vitrinen der Konditorei vorbeigehen, in denen verschiedenste süße Köstlichkeiten lockten. Marzipanröllchen, Sachertorten Schaumrollen und Kardinalschnitten standen in Reih und Glied. Auch Schwarzwälder Kirschtorten hatte ich beim Kommen gesehen, als ich einen flüchtigen Blick auf das sündige Angebot warf.
Dann hatte ich über drei Stufen den größeren Raum des Café betreten, in dem wir nun saßen. Ein weiterer kleiner Raum mit nur wenigen Tischen befand sich nebenan, dieser wurde aber offensichtlich von Schülern und jüngeren Gästen bevorzugt.

"Da ist sie" flüsterte er mit verhaltener Stimme und setzte sich aufrecht hin.
"Wo?" frage ich, bemüht, die Lippen dabei nicht zu bewegen, während meine Augen das Lokal absuchten.
"Ich habe mich getäuscht" murrte Theo etwas resigniert und nahm seine legere Haltung von vorhin wieder ein, wobei seine Finger neuerlich mit dem nervenden Trommeln auf der Banklehne begannen.

Bisher unbemerkt, hatte sich am Nebentisch eine betagte Weißhaarige mit lautem Gepolter niedergelassen, dabei stöhnte sie und keuchte. Sie entledigte sich umständlich eines schmierig aussehenden und bis hierher stinkenden Mantels, der vielleicht aus Katzenfell sein mochte. Genau konnte man das nicht erkennen, doch reichlich ausgefranst und schäbig sah er aus.
Nun saß sie da in einer grünen löchrigen Weste, deren Knöpfe zum Teil fehlten, die restlichen sich wegen des beträchtlichen Bauchumfanges nicht schließen ließen. Sie glotzte zu uns herüber und begann schrill zu kichern. "Was ist mit der?" Theo blickte abwechselnd zu mir und zu diesem seltsamen Gast.
"Keine Ahnung, schau nur nicht hin, sonst verwickelt sie uns noch in ein Gespräch."

'Schon zu spät' dachte ich, als ich wahrnahm, wie sie an unseren Tisch schlürfte. Mit beiden Händen und ausgestreckten Armen faßte sie klammerartig die Tischplatte und stützte sich mit ihrem nicht unbeträchtlichem Gewicht darauf und begann den Tisch wie wild zu rütteln. Die Tasse fiel zu Boden, der Löffel ebenso und auch das Glaus, aus dem Theo getrunken hatte. Es klirrte und zersplitterte. Die Alte aber rüttelte immer heftiger.

Jetzt versetzte sie mir einen kräftigen Schlag auf die Schulter. Ich starrte sie ungläubig an.
"Na, wird's bald?" Nochmals tippte mir die weißhaarige beleibte Schaffnerin auf die Schulter. "Sie hören wohl nicht gut? Aussteigen, Endstation, gepennt wird zu Hause!"

© Joame Plebis

zuletzt bearbeitet 20.11.2011 22:08 | nach oben

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