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#1

Rezension zu "Schlaf in den Uhren"

in Zwischenwelten 27.10.2007 18:00
von woertchen (gelöscht)
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Hallo, ich habe mich mal an einer Rezension versucht und würde gerne eure Meinung dazu hören Was man verbessern könnte etc... Es handelt sich um den Romanauszug aus „Schlaf in den Uhren“ von Uwe Tellkamp
Der Textauszug auch zu sehen unter:
http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/texte/stories/13752/

„Ins Netz gegangen…!“

Was Uwe Tellkamp da zurechtspinnt, ist für den Kenner ein Meisterwerk, für alle anderen eine Tortur

Schon in der Mitte der ersten Seite ist es soweit: Ich bin gefangen. Vor mir steht eine große Spinne, die ihr Netz sorgsam und bedacht um mich herum ausgebreitet hat und mich nun gelassen ansieht. Gelassen, weil sie ihre Arbeit bereits erledigt hat und der Rest mir selbst überlassen bleibt. Mir stehen zwei Optionen zur Wahl: Aufgeben und mich der scheinbaren Ausweglosigkeit ergeben oder versuchen, in dem Wirrwarr der gesponnenen Fäden eine Struktur zu finden.

Uwe Tellkamp, die Spinne, kennt sein Handwerk. Mit sprachlichem Geschick verbindet er in seinem Roman „Der Schlaf in den Uhren“ verschiedene Zeitpunkte der Vergangenheit, sodass ein fließender Gedankenstrom entsteht. Bewusstseinsstrom nennt man diese Erzähltechnik, die hier in Form einer Straßenbahnfahrt durch Dresden auftritt. Während dieser Fahrt schildert eine Erzählstimme persönliche Erinnerungen aus der Kindheit und Jugend. Mehrere Jahrzehnte werden dabei reflektiert, von 1945 bis zur Zeit der ehemaligen DDR. Die verschiedenen Haltestellen, die die Bahn anfährt, dienen als jeweils neuer Zeitabschnitt. Die Erzählstimme berichtet von einer Schokoladenfabrik, die mehrmals im Text erwähnt wird und in der prägende Ereignisse stattfinden. So überfallen die Russen eines Tages die Fabrik, um sich danach, da sie „von unten bis oben mit Schokolade bespritzt waren“, die „Zeigefinger abzuschlecken“. Man kann hier den bitteren Nachgeschmack förmlich spüren. Tellkamp arbeitet intensiv mit Gerüchen, die man beim Lesen sehr gut nachempfinden kann. So charakterisiert das „süß und schwer lastende Duchi-Parfüm“ die russischen Offiziersfrauen. Durch diese Assoziationen distanziert sich der Leser unbewusst und empfindet Ekel gegenüber den Figuren, an die sich die Erzählstimme negativ erinnert.

Viele Gedankenstriche, die fehlenden Punkte und die unzähligen Kommata bilden das Grundgerüst des Netzes, in
das Tellkamp uns fallen lässt. Ohne Erläuterungen oder Erklärungen ausgestattet fordert er einen selbstständigen Leser. Der Text möchte nicht bloß konsumiert, sondern miterlebt werden. Durch die fehlenden Satzbegrenzungen bleibt Interpretationsspielraum. „Muriel, ich sehe dich, eingekapselt von Apparaten, die dich und deine Träume retten sollen (…)“ Der Leser kann hier vermuten, dass Muriel, die Schwester der Erzählstimme, nicht mehr lebt. Handfeste Belege erhält man nicht, man muss sein eigenes Konzept finden, um sich sicher durch das Fadengespann zu manövrieren.

Tellkamp benutzt viele bildliche Vergleiche („der Platz der Einheit, der wie eine riesige Karieshöhle lag..“) und erzählt in einem beinahe kindlichen Ton („dann taten sie mir Leid, die Offiziere).

Spätestens nach der ersten Seite spaltet der Text die Leser: Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn. Was für den Literaturkenner eine Kunst ist, ist für den Otto-Normal-Verbraucher eine Tortur. Wer die Müße hat, sich aus der wehrlosen Opferrolle zu erheben und sich daran macht die Handlung Stück für Stück aufzudröseln, kann Gefallen daran finden. Es kommt also ganz auf die Einstellung des Lesers an. Tellkamp hat es nicht nötig, die Geschehnisse zu kommentieren oder zu bewerten- das bleibt dem Leser selbst überlassen. Der Text spricht für sich, auch wenn er anfangs wie ein undurchdringbares Netz wirkt. Doch jedes Netz beinhaltet eine Struktur – man muss nur den Willen haben, sie zu finden. Tellkamps Intention war es nun mal nicht, eine seichte „Gute-Nachtgeschichte“ zu schreiben.

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#2

Rezension zu "Schlaf in den Uhren"

in Zwischenwelten 29.10.2007 13:51
von woertchen (gelöscht)
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Möchte keiner etwas sagen??
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#3

Rezension zu "Schlaf in den Uhren"

in Zwischenwelten 29.10.2007 18:35
von bipontina | 609 Beiträge | 609 Punkte
Wollen tät ich ja schon,
aber Uwe Tellkamp und "In's Netz gegangen" sind mir leider völlig unbekannt!

Lieben Gruß von bipontina
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#4

Rezension zu "Schlaf in den Uhren"

in Zwischenwelten 29.10.2007 18:39
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte

Zitat:

Auszug aus Tellkamps Text: Manchmal hör ich sie fließen unaufhaltsam. Manchmal steh ich auf, mitten in der Nacht, und laß die Uhren alle stehen.

Rosenkavalier: Monolog der Marschallin, mir ist, als ob ich sie hörte, die Stimmen, die Musik, Erinnerung
– aber die Uhren schlugen, Muriel, ich sehe dich, eingekapselt von Apparaten, die dich und deine Träume retten sollten, Träume, um die es im Grunde immer geht, erinnerst du dich, wie die Straßenbahn in den Schienen schlenkerte und Funken stoben, wenn sie, von der Haltestelle Leipziger Straße kommend, vor dem Bahnhof Neustadt um die Ecke bog, die rotweiß gestrichene tschechische »Tatra«-Bahn



Hallo Wörtchen und willkommen hier,

du hast mit dem folgenden Satz:


Zitat:

Was Uwe Tellkamp da zurechtspinnt, ist für den Kenner ein Meisterwerk, für alle anderen eine Tortur



es trefflich zusammengefasst. Meinereiner empfindet den Text als Tortur, furchtbar und entsetzlich schlau, gewollt und einfach kotzlangweilig. Daher kann ich Dir auch nicht sagen, ob Du da eine feine Interpretation zu Wege gebracht hast.

Aber hier:


Zitat:

Viele Gedankenstriche, die fehlenden Punkte und die unzähligen Kommata bilden das Grundgerüst des Netzes, in
das Tellkamp uns fallen lässt. Ohne Erläuterungen oder Erklärungen ausgestattet fordert er einen selbstständigen Leser. Der Text möchte nicht bloß konsumiert, sondern miterlebt werden.



stimme ich Dir voll zu, aber würde Herrn Tellkamp was husten. Er rotzt mal eben so nolens volens was aufs blanke Papier, treibt übelstes Wortgeklingel, dass alles und nichts bedeuten kann und Du machst Dir die Mühe und ziehst da was für Dich raus, weil es ja nicht schlecht sein kann. Aber vielleicht ist es ja grottenschlecht und Herr Tellkamp einfach nur ein fauler aber gerissener Hund, der einfach mal schaut was kluge Literaten aus seinem Gedankenfluss machen? Ich sage nur Hurz!

Und im übrigen vertrau einfach auf Deinen Bauch. Findest Du, dass Deine Interpretation dem Tellkamp Text gerecht wird? Wenn ja: Gut.
Formal finde ich solche Sätze wie diesen hier:

Zitat:

Schon in der Mitte der ersten Seite ist es soweit: Ich bin gefangen. Vor mir steht eine große Spinne, die ihr Netz sorgsam und bedacht um mich herum ausgebreitet hat und mich nun gelassen ansieht.



arg gewöhnungsbedürftig. Wo ist da die kritische Distanz? Und den Spinnenvergelich finde ich in dem Moment zu arg auf die Spitze getrieben, wenn Du Herrn Tellkamp als eine Spinne beschreibst, die gelassen Dich anschaut [Anm.: Gelassen, weil die Spinne ihren Scheiß ja nicht wegräumen oder erklären muss, sondern der Leser und die Großkritiker des deutschen U/E Schwachsinnskulturbetrieb.]Ich würde wenigstens Tellkamp durch der Erzähler ersetzen.

Ich hoffe, dass sich ein Verehrer dieses Textes findet und mich des Ignorantentums zeiht. Ansonsten halte ich es für keine Gute Idee seine Hausaufgaben von einem anonymen Forum bewerten oder machen zu lassen. Im Zweifel solltest Du davon aussgehen, dass wir auch keine Ahnung haben.
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#5

Rezension zu "Schlaf in den Uhren"

in Zwischenwelten 30.10.2007 15:38
von woertchen (gelöscht)
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Sind keine Hausaufgaben, hab die schon lähgst vorgelesen, von daher kein bedarf das mir jemand die hausaufgaben macht wollte nur aus interesse mal meinungen zu dem text hören...
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