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#1

Verdichtet

in Diverse 30.09.2007 18:09
von roux (gelöscht)
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Verdichtet



Du presst dir Innereien raus,
beschreibst und schreibst und knitterst dich,
entwundest, -beinst und -häutest Ich,
rührst aus den Fetzen Instantbrei,
presst Tieffühlkost zu Pappmaché,
schälst Augen dir und Stirne frei,
zerstichst dir Maske und Gesicht,
speist Lider, Ohren, Knebel aus,
lippst sie hinein, in dein Gedicht,
setzt Komma, Punkt
und lebst sie nicht.
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#2

Verdichtet

in Diverse 01.10.2007 18:29
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hi Sabine,

also, hier war wohl eine Dichterin am Dichtung verdichten. Es liest sich wie der Vorwurf eines Dichters an einen Dichter oder vielleicht sein eigenes Spiegelbild. Vorwurf und nicht nur objektive Beschreibung, weil der Text in seiner Attitüde dann doch etwas zu negativ anmutet. Der angesprochene Dichterschöpft für seine Werke aus seinem Inneren, aus sich selbst, was er auch immer aus sich schöpft, wird beschrieben und verfremdet (knitterst), Dinge werden glatt gebügelt (entwundest), anderes weggelassen (entbeinst), manches Freigelegt (enthäutest) in Form des lyr. Ichs. Hier endet so ein bisschen die Möglichkeit der Gedicht-im-Gedicht-Variante, da hier nicht mit einem Ich, sondern einem Du ins Gericht gegangen wird.
Was da rauskommt sind ein Haufen Brösel, die nun weiterverarbeitet und geformt werden, und zwar zu einer Maske, die anscheinend aufgesetzt wird, da nur so der Dichter sich die Augen und die Stirne frei schälen kann. Der Dichter spendet noch eigene Körperteile wie Lider und Ohren und einen Knebel, den er noch im Mund hatte und patscht die an die auf dem Gesicht liegende Maske. Doch diese in Form des Gedichtes erschriebene Maske wird nicht zum Spielen auf der Bühne des wahren Lebens verwendet, sondern wird nur dem geneigten Leser gezeigt als ein Trugbild des Dichters. So verstehe ich den Text.
So lese ich den Text.
Es gibt stellen, die mir absolut nicht gefallen. Am schlimmsten ist Vers 7: „stichst tief in Maske, ins Gesicht,“, denn wenn hier du stichst tief in Maske, du leider schreibst schlecht mit Sprache. Das Gedicht hat einen Artikel, warum die Maske nicht?
Die Doppelung mit „beschreibst, schreibst…“ mag mir auch nicht so recht schmecken, wahrscheinlich da das folgende „knitterst“ aus dieser Systematik so heraus fällt und ich so die Doppelung auch nicht mehr als Stilmittel so richtig empfinden kann. Und die Aufzählung mit „ent-“ holpert mit Karacho über mein stilistisches Empfinden. Aber das ist wie immer Geschmackssache.
Dieses Hin und Her mir Gesicht, Maske, selbst, lyr. Ich gefällt mir im Prinzip recht gut, nur wäre mir bei so was ein Text mit mehr Bemühen um Atmosphäre lieber gewesen, und so richtig aussetzen kann ich da an dem Wirken des dichtenden Du auch nichts, weswegen mir der negative Ton der Verse nicht so ganz behagt. Dennoch würde ich da noch mal evtl. ran.

Viele Grüße,
GW

_____________________________________
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#3

Verdichtet

in Diverse 01.10.2007 19:12
von Joame Plebis | 3.402 Beiträge | 3363 Punkte
Guten Tag, roux!

Es gefällt mir! Inhaltlich habe ich nichts hinzuzufügen, Du hast es ja gut gebracht.
Kaum jemand, auch jene nicht, auf die der Vorwurf zutrifft, werden sich dadurch ändern:
und lebst sie nicht. , die Gefahr wäre gegeben, sich dann der Feststellung auszusetzen:
Du presst dir Innereien raus, 
beschreibst und schreibst und knitterst dich,
entwundest, -beinst und -häutest Ich,

Gruß
Joame
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#4

Verdichtet

in Diverse 01.10.2007 19:23
von roux (gelöscht)
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Lieber GW,

hab vielen Dank für deine Auseinandersetzung mit meinem Text.
Es ist eine durchaus interessante Interpretation, die du da für dich findest, auch wenn sie nicht 100%ig meinen Intentionen entspricht. Das dir bei deiner Auslegung meines Textes einige Stellen zu krass erscheinen/ nicht gefallen erscheint mir verständlich, wobei natürlich die Interpretation, wie immer, dem Leser selbst überlassen bleibt.


Zitat:

Es gibt stellen, die mir absolut nicht gefallen. Am schlimmsten ist Vers 7: „stichst tief in Maske, ins Gesicht,“, denn wenn hier du stichst tief in Maske, du leider schreibst schlecht mit Sprache. Das Gedicht hat einen Artikel, warum die Maske nicht?



Das kann ich nun so gar nicht nachvollziehen. Wie du erkannt haben dürftest, besteht der gesamte Text nur aus einem einzigen Satz, jeder Vers trägt zu einer Aufzählung bei, die sich auf das "Du" in der ersten Zeile bezieht. Nach deiner Logik müssten da ja dann zwanghaft auch Artikel vor Instantbrei, Tieffühlkost, Pappmaché, Augen, Stirne, Gesicht, Lider, Ohren, Knebel, Komma und Punkt stehen. Müssen sie aber nicht.

Betrachtet man den Vers im Satzzusammenhang, dann steht dort:

Du stichst tief in Maske, ins Gesicht...
Dort könnte ebenso gut stehen:
Du stichst tief in Busen, Bauch, Po und ins Knie

Da bedarf es meiner Meinung nach nicht unbedingt eines bestimmten oder unbestimmten Artikels vor den Nomen. Ich habe lediglich das "und" weggelassen, das man vielleicht - aber nicht zwingend - in dieser Aufzählung zwischen Maske und Gesicht hätte stellen können.

Liebe Grüße,
Sabine
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#5

Verdichtet

in Diverse 01.10.2007 19:35
von Joame Plebis | 3.402 Beiträge | 3363 Punkte
Als Leser der Disputation, frage ich mich, warum nicht
'stichst in die Maske, ins Gesicht' ?
Der Stich wäre jetzt nicht mehr tief, zugleich hätte die Maske
ihren wohlverdienten Artikel.
Joame
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#6

Verdichtet

in Diverse 01.10.2007 19:44
von roux (gelöscht)
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Hallo Joame,
verzeih, wir beide haben wohl etwa zugleich angefangen, hier zu antworten, so dass mir dein erster Kommentar durch die Lappen gegangen war.
Auch dir einen herzlichen Dank für deine Auseinandersetzung mit meinem Text.

Zu deiner ersten Rückmeldung:

Ja, wir finden uns wohl alle ein wenig in den Zeilen, die vielleicht jedem von uns ein wenig sauer aufstoßen, aber zumindest den Anstoß geben können, sich selbst und das eigene Leben, und Empfinden zu hinterfragen, noch einmal in Motiven zu stochern, vielleicht wieder anzufangen, selbst zu erleben, anstatt nur zu verdichten.

Zu deiner zweiten Antwort:

Na gut, na gut, fast überzeugt.
Deine Lösung ist gut, ich glaube, ich habe spontan noch eine andere gefunden, die sich für mich noch "richtiger" anfühlt.

Herzlichen Dank noch einmal für die Anregung und
beste Grüße,
Sabine
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#7

Verdichtet

in Diverse 01.10.2007 20:05
von Maya (gelöscht)
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Hi roux,

ich schließe mich da GW an, mir sagt das Gedicht aus den Gründen, die er nannte, auch nicht unbedingt zu. Im Grunde wirkt es fast so, als hättest du es selbst aus deinen Innereien gequetscht. In den Zeilen 2 und 3 sind es mir viel zu viele Verben (6!), das wirkt, als müsstest du – auf Teufel komm raus - das Versmaß halten, es nur irgendwie ausfüllen, bis am Zeilenende endlich der erlösende Endreim an die Reihe kommt. Ähnlich verfährst du in Zeile 8, nur dass es hier drei aufeinanderfolgende Nomina sind, die den Vers aufstocken. Am Ende erwartet man angesichts des Kommas und Punktes nur noch die Verbalisierung des Mondgesichts, das du dir dann aber doch verkniffen hast. Die Umsetzung des nicht neuen Gedankens sowie dieser den ganzen Text durchziehende arrogante Tonfall - sei es nun an die eigene Adresse oder tatsächlich an ein Du gerichtet – sagen mir nicht zu. Auch ich sehe Vers 7 als misslungen an und stolperte da zunächst, kann GW’s Eindruck diesbezüglich also nachempfinden.

Gruß, Maya
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#8

Verdichtet

in Diverse 01.10.2007 20:11
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Ja, die neue Version des Verses ist besser.

Bei mir hakt die Interpretation übrigens auch an der Stelle aus, wo das Du seiner Maske einen Knebel verpasst. Warum sollte das Du auch eine Maske leben, der es selbst einen Knebel verpasst hat? Wieso wird die Maske überhaupt geknebelt?
Da bin ich für eine schlüssige Auslegung nicht schlau genug.

Viele Grüße,
GW

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#9

Verdichtet

in Diverse 01.10.2007 20:21
von Maya (gelöscht)
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Es steht ja überhaupt nicht da, dass das Du sich den Knebel selbst verpasst hat, sondern nur, dass es den Knebel, der ihm vermutlich im wahren Leben ins Maul gestopft worden ist, in den Zeilen wieder ausspeit, in seinem Gedicht verwurstet. Da das Du auch gleich noch die Ohren und Lider "verdichtet", könnte man davon ausgehen, dass der Unterschied zwischen dem Dichter und seinem im Machwerk geschaffenen lyrI nicht sehr groß ist, so nach dem Motto: Sind wir nicht alle ein bisschen lyri?
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#10

Verdichtet

in Diverse 01.10.2007 20:35
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Ah, Maya, Du hast recht.
Ich habe da was verwechselt. Für mich war, das was das Du da baut eine Maske, aber sie baut ja ein Gedicht. Hab da unten statt Gedicht, Gesicht gelesen zuerst. Ist übrigens auch nicht viel besser seinem Gedicht einen Knebel zu verabreichen. Meine Verwirrung erwächst vielleicht auch aus der völligne Unkenntnis des Verbs "lippen".
Auch sagt das Ich nicht, dass das Du siene Maske oder sein Gedicht nicht lebt, sondern lediglich den Punkt und das Komma. Es lebt also sozusagen ohne Punkt und Komma, vielleicht nach dem durchaus künstlerischen Vorbild "Live fast, die young". Das wirft wieder ein neues Licht auf den Text, den ich somit gerade aufgehört habe, auch nur ansatzweise zu verstehen.
roux, kannst Du eine kleine Orientierung, einen lebbaren Anhaltspunkt oder entsprechendes Komma geben, zumindest eine Erklärung für das "lippen"?

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#11

Verdichtet

in Diverse 01.10.2007 22:31
von roux (gelöscht)
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Es ist ein Gedichtgedicht, ein Gedicht über das Dichten und Dichter.
Jeder, der schreibt, leidenschaftlich gerne schreibt, wird sich irgendwo wiederfinden, wird sich zum Teil oder ganz den Schuh anziehen, sich touchiert fühlen. Würde er es nicht tun, wäre er dem Dichten, dem Wort nicht so verfallen.

Du presst dir Innereien raus,
beschreibst und schreibst und knitterst dich,
entwundest, -beinst und -häutest Ich,


Das gehört zum Dichten dazu, das sich selber Zerfleischen, das Quälen, das zum Teil schmerzhafte verdichten von Empfindungen, Gedanken, von inneren Abgründen und Impressionen, auch das Bedürfnis, ja fast eine Art Zwang, zu schreiben.

rührst aus den Fetzen Instantbrei,
presst Tieffühlkost zu Pappmaché,


Man bemüht sich, all das auf das Papier zu bringen, Innerstes aus sich herauszulösen, in Worte, Gedankenschnappschüsse, Emotionsfotos aufzulösen, um es künstlich (mit Betonung auf Kunst) bildlich und sichtbar zu machen, seine eigenen Farben zu prägen, praktisch mehrschichtige/mehrdimensionale Skulpturen aus Emotionen, Kopfkinobildern, Wortkonstruktionen, Versen, Reimen zusammenzurühren, daraus etwas zu modellieren, das all das ausdrückt, was man zeigen will, das für den Leser spürbar, begreifbar, nachempfindbar, berührbar macht, was man zu sagen hat.

schälst Augen dir und Stirne frei,

Man gibt seine Sicht, sein Denken und Fühlen nackt dem Leser preis,
zieht sich die „Schutzhülle“ von Augen und Stirn, bebildert, was dahinter ist für den Leser,

zerstichst dir Maske und Gesicht,

gräbt in sich selbst, zerstört schriftlich die eigene Maske, das, was man im RL vermutlich nur zeigen würde, das, was die Lindblattstellen schützt, zeigt in jedem Gedicht so viel von sich, dass die Grenzen von Ich und LI nur in wenigen Fällen nicht irgendwo (zumindest ein wenig) verwischen – denn wenn das nicht geschieht, dann ist ein Gedicht nicht fühlbar, weder für Außenstehende, noch für den Schreiber.

speist Lider, Ohren, Knebel aus,
lippst sie hinein, in dein Gedicht,


Was man sieht, was man erlebt, hört, bewegt, erfühlt, all das, was man im normalen Leben nicht aussprechen kann/ mag/will (Knebel), es wird verdichtet, man spuckt im Text das aus, was einen erstickt, knebelt, würgt, was einem den Mund verschließt aus, lippt es hinein in das Gedicht.
Dieses Verb, lippen, soll ausdrücken, dass man es rauslässt, ausdrückt, auf das Papier einbringt, spricht, haucht, ausspuckt auf das Papier küsst, in die Verse atmet – alle Assoziationen, die man mit den Lippen in Verbindung bringen kann.

setzt Komma, Punkt
und lebst sie nicht.


Das lässt natürlich die offensichtlichste Interpretation zu, dass man sein Leben nicht nur verdichten, sondern auch leben soll.
Aber: Lebt man nicht seine Gedichte auch irgendwo?

Eine liebe Freundin, eine verdammt gute Schreiberin, drückte es heute für mich sehr passend mit diesen Worten aus:
Zitat: Ich habe gerade Wolfgang Borchert auf den Knien: Berauscht euch! Nur berauscht/ lässt sich das Leben leben -...
Das ist ähnlich wie die Aufforderung am Ende Deines (dieses) Gedichts. Borchert ist übrigens zum Berauschen nie gekommen. Auch er hat sich nur am Wort berauscht. Und das ließ sich auch nicht anders biegen. Ich glaube, wir entscheiden nicht, wie wir das Leben leben. Das Leben entscheidet, wie wir leben. Und so berauscht es sich an uns, nicht umgekehrt.(Zitat Ende)


LG, roux

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