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#1

säumige Litanei

in Philosophisches und Grübeleien 29.09.2007 16:34
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte

    säumige Litanei


    es ist zu spät

    die Welt hat sich gedreht
    und hält nie wieder an dem Ort
    der unsre Hand
    verband

    die Namen sind verweht
    was bleibt ist dieses Wort
    das so verletzt
    noch jetzt

    auch wenn der Mund noch fleht
    die Tage sind hinfort
    und was sich neigt
    das schweigt

    zu spät


    © Margot S. Baumann

Die Frau in Rot

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#2

säumige Litanei

in Philosophisches und Grübeleien 29.09.2007 16:48
von Krabü2 | 797 Beiträge | 797 Punkte
Hallo Margot,
ich finde dieses Gedicht sehr eindrucksvoll, es gefällt mir, weil jede Strophe zum Ende hin karger wird, wie abgewürgt wirkt das, und das passt ja zu Deiner Intention bzw. zum Inhalt. Einzig in der ersten Strophe schrieb ich:
...der unsre Hände.... verbände.
Aus zweierlei Gründen:
1. Zwei Menschen haben je eine Hand, die die des andren halten kann = 2
2. Den Konjunktiv fände ich hier angebrachter (auch wenn ich das jetzt im selbigen schreibe), weil ich beim Lesen denke, der 'Knackpunkt' ist gerade hier... auch längst gewesen, sprich seit jeher 'da'.
Oder nicht?
Das ist aber auch alles, was ich einräumen wollte.
Ansonsten finde ich es topp.
Herzlichen Gruß
Uschi
PS: Bei 2. Durchsicht weiß ich um die erste Strophe nicht mehr so genau - vielleicht müsste sie in ihrer Gänze im Konjunktiv stehen, so wie: Du sagtest/meintest bzw. wir beide ahnten,.....

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#3

säumige Litanei

in Philosophisches und Grübeleien 29.09.2007 18:49
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Margot,

also, ich kann nicht ganz so in den Lobgesang von Kratzbürste einstimmen.Ich will Dir auch sagen warum.

Zitat:

die Welt hat sich gedreht
und hält nie wieder an dem Ort
der unsre Hand
verband


Die Welt hat sich gedreht. Anscheinend was es für das lyrische Ich so in der Vergangenheit, als wenn die Erde still stünde. Nun hat sie sich gedreht und dreht sich weiter, sie hält nicht an, aber sie hält nie an, und sie hält auch nicht an einem Ort. Oder steht sie jetzt wieder? Es scheint mir hier der Versuch zu sein, dieses Sprichwort nach dem man nie zweimal im Fluss in dasselbe Wasser eintauchen kann, auf die drehende Welt zu übertragen, aber die Welt dreht sich im Kreis und irgendwann ist sie wieder dort, wo sie mal war, undzwar genau einmal pro Tag, zumindest im Verhältnis zur Sonne. Hier kann ich nicht den Bezugspunkt sehen. Die Zeit? Aber hier ist von einem Ort die Rede.
Daher finde ich das Bild hier absolut nicht gut gewählt und eher hinkend.
Außerdem liest es sich so, als wenn entweder Gollum da gerade spricht oder lyr. Ich und Du gemeinsam nur eine Hand haben.
Wenn man mehrere Hände verbindet, schließt man sie zusammen, wenn man eine Hand verbindet, macht man einen Verband drum. Hier scheint also letzteres der Fall zu sein.

Zitat:

die Namen sind verweht
was bleibt ist dieses Wort
das so verletzt
noch jetzt


Die Namen sind verweht. Hier frage ich mich natürlich, welche Namen gemeint sind. Wenn ich mal davon ausgehe, dass lyr. Ich seinen Namen noch weiß, dann sind entweder Du eine Gruppe, oder falls es um eine Beziehung ginge, könnte es um die ausgetauschten Kosenamen gehen. Aber für letztere Annahme wäre es die falsche Rubrik.
Jedenfalls gab es ein Wort, das damals wie heute verletzt, dass die Namen von wem oder was auch immer überlebt hat.
Da sowohl das Du, als auch der Ort aus Strophe 1 und die Namen von wem auch immer Variablen bisher 2 Gleichungen (Strophen) sind, ist das gesamtbild für mich nachwievor unbestimmbar.

Zitat:

auch wenn der Mund noch fleht
die Tage sind hinfort
und was sich neigt
das schweigt


Der Mund des Ich (ich gehe mal davon aus, dass es seiner ist) fleht noch immer, obwohl es sich gewahr ist, dass die Tage vorbei sind, in denen das Flehen vielleicht noch etwas gebracht hätte. Was sich neigt, soll womöglich heißen, dass sich etwas aus der Vergangenheit dem Ich entgegenneigt, undzwar das, was einst das böse verletzende Wort sprach, aber jetzt schweigt es. Mit anderen Worten, das Ich hätte mal lieber früher den Mund aufgemacht und das Du damals besser die Klappe gehalten. Meine Lesart, aber worum es da geht, keinen blassen Schimmer.
Aber wahrscheinlich bin ich zu doof, all die versteckten Hinweise zu sehen. Vielleicht ein Achrostichon? Äh, ich glaube nicht.

Übrigens noch eine Assoziation zu dem Gedicht. Musste gerade beim Darübernachdenken an den Song hier denken, der allerdings etwas optimistischer ist: Around the World von Lisa Stansfield.

Übrigens gefällt mir die letzte Strophe mit dem zu spät Schweigen gut, nur insgesamt... wie gesagt.

Viele Grüße,
GW

_____________________________________
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#4

säumige Litanei

in Philosophisches und Grübeleien 29.09.2007 19:26
von Krabü2 | 797 Beiträge | 797 Punkte
Hi again
Ich seh die Bilder ganz anders(,GW).
Hier nochmal Margots Text:

es ist zu spät
die Welt hat sich gedreht
und hält nie wieder an dem Ort

(Dies hier halte ich für die Umwandlung der Metapher: 'die Welt scheint stillzustehen' (seit wir uns *wasauchimmer*). Dieser 'Ort', übertragen aus dem 'Zustand', ist nicht mehr.
der unsre Hand
verband
--dies halte ich immer noch für schlichtweg nen kleinen Patzer-- wobei auch 'gemeinsames Handeln' gemeint sein kann i.S. des Erfüllens einer gemeinsamen Aufgabe.

die Namen sind verweht
(Hier denke ich an 'Schall und Rauch' eines vielleicht auch gegebenen Versprechens oder Rückbezüglichkeit auf eine 'Bestimmung' (Aufgabe)... (Nomen est Omen?)

was bleibt ist dieses Wort
das so verletzt
noch jetzt

Hier denk' ich an Verwundungen, die seit jeher da waren und nie verheilen konnten, die letztlich (und wer kennt das nicht?) das 'Aus' erbracht haben.

auch wenn der Mund noch fleht
die Tage sind hinfort

Hierin sehe ich Vertrautheit bzw. vertrautes Denken, evtl. auch Handeln oder den Umgang miteinander, dahinter allerdings auch das Wissen darum, dass 'es' 'vorüber' ist.

und was sich neigt
das schweigt

Unter 'was sich neigt' verstehe ich die Neige, den Rest, das was unterm Strich bleibt. Der Rest ist Schweigen - sozusagen. So empfinde ich dieses Gedicht.
Es gibt hier ja nicht nur die Sparte des 'Philosophischen', sondern daneben steht 'Grübeleien'. Dies hier wird wohl eine sein. Aber - wie schon oben erwähnt - wer kennt das nicht??
(...verkehrte Welt-Versprechen wie Namen#Schall und Rauch-Lippenbekenntisse-Endlichkeit-der Rest ist Schweigen)
Grüße
Uschi

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#5

säumige Litanei

in Philosophisches und Grübeleien 30.09.2007 16:11
von Joame Plebis | 3.402 Beiträge | 3363 Punkte
Unwiderruflich vorbei!
Wer sich dieser Tatsache voll bewußt geworden ist,
und aller Folgen, die damit verbunden sind,
nur der kennt vielleicht auch diesen ziehenden
und durchdringenden Schmerz, dieses Ohnmachtsgefühl
gegenüber der Vergänglichkeit, der wir ausgeliefert sind.

Die Nuancen des Gefühles will ich nicht nachfühlend wachrufen, bin dabei überzeugt, daß Gefühlsempfindungen
sehr unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert werden.

Zitat:

Einzig in der ersten Strophe schrieb ich:
...der unsre Hände.... verbände.
Aus zweierlei Gründen:
1. Zwei Menschen haben je eine Hand, die die des andren halten kann = 2


Diesen gut gemeinten Vorschlag halte ich nicht für gut, obwohl er wahrscheinlich gut gemeint ist und die Rechnung stimmt; mich würde es zu sehr an Gips-verbände erinnern.

Ein Schreiber in seiner Gefühlswelt, ist ein factum, dessen Gefühle ich respektiere, lediglich an der Art, wie sie vorgeführt werden und zum Eindruck seines Werkes, darf ich meine Vorstellungen bekunden.

In diesem Fall sehe ich knappe Worte, die sich auf Wesentliches beschränken, so auch ein Gefühl des Ermüdens bzw. von Resignation
vermitteln. Von keiner unnötigen Phrase geschmückt, sondern sachlich und schmerzlich sind diese Worte, die bei mir Eindruck hinterlassen.

Gruß
Joame
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#6

säumige Litanei

in Philosophisches und Grübeleien 03.10.2007 12:35
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hoi zäme

@Uschi
Freut mich, wenn Dir der Text gefällt. Er ist karg, ja, das war meine Absicht, wenn auch mit etwas Klang untermalt. Wie der Titel schon sagt, ist der Inhalt ‚säumig’ – hier sollte das heissen: im Grunde ohne Bedeutung, weil es nichts mehr ändert… und genau wie eine Litanei, wird er „runtergebetet“.
Ich weiss, der Konjunktiv wäre angebrachter, aber ich mag den nicht besonders. *g Und auch die Hände wären sicher korrekter, aber ich denke schon, dass der Leser weiss, wie das gemeint ist. Er ist ja nicht blöd.

@GW
Uschi hat meine Worte nachträglich ja ganz wunderbar interpretiert, dem kann ich gar nichts mehr hinzufügen, denn sie hat den „Sinn“, den ich transportieren wollte, vollumfänglich wiedergegeben.
Natürlich hast Du, GW, mit Deinen Einwänden dahingehend recht, dass, wenn man wissenschaftlich und logisch an den Text geht, die Vergleiche hinken. Das tun sie aber – in der Poesie – immer ein wenig, oder nicht? Metaphern ist das halt so eigen.
Ich kann/konnte Dich mit dem Gedicht nicht erreichen, bzw. „funktioniert’s“ bei Dir nicht. Das muss ich annehmen, klar, auch wenn’s natürlich schade ist. Trotzdem vielen Dank für die Kritik. Jeder liest halt anders und nicht immer lösen Worte – auch wenn’s so wenige sind – etwas aus, oder vermitteln ein Gefühl, das ein anderer nachvollziehen kann. Man kann es nicht allen recht machen, das habe ich jetzt langsam (wurde auch Zeit! *g) kapiert und trotzdem stehe ich zu den wenigen Worten, weil sie genau so dastehen, wie ich sie für richtig halte.

@Joame

Zitat:

In diesem Fall sehe ich knappe Worte, die sich auf Wesentliches beschränken, so auch ein Gefühl des Ermüdens bzw. von Resignation vermitteln. Von keiner unnötigen Phrase geschmückt, sondern sachlich und schmerzlich sind diese Worte, die bei mir Eindruck hinterlassen.


Genau, so war das gedacht. Auch wenn Du womöglich meine pompösen Texte mehr magst, freut es mich natürlich, dass Dich dieses Gedicht auch anspricht. Wenn ich ab und zu aus meinen dreistrophigen, kreuzgereimten Texten ausbreche, sind solche Rückmeldungen schön und hilfreich. Das Bewährte ist zwar leichter, aber wer will schon immer auf der Stelle treten, nicht?

Besten Dank Euch Dreien und liebe Grüsse.
Margot


Die Frau in Rot

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#7

säumige Litanei

in Philosophisches und Grübeleien 04.10.2007 01:14
von Joame Plebis | 3.402 Beiträge | 3363 Punkte
Schönen Morgen, Margot!

Zu denen, die auf der Stelle treten wollen, gehörst Du anscheinend nicht, ich will es auch nicht.
Nur ist es bei mir keine Frage des Wollens; ich bin schon froh, den Rückschritt zu verlangsamen.
Weil Du in Deiner Weitsicht meinst, ich könnte pompöse Text mehr mögen, will ich auch Dir meine Aversion gegen alles Pompöse bekanntgeben. Deshalb trage ich auch selten meinen Pfauenfedernhut und die Rüschenjacke.

So, jetzt habe ich mich wieder für eine zeitlang ausgequatscht, das mit Genuß in Deinem Faden, der mit Deinem Gedicht so unpompös begonnen hat.

Gruß
Joame

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#8

säumige Litanei

in Philosophisches und Grübeleien 06.11.2007 18:42
von R.Haselberger
Finde ich schön und die erste Strophe erinnerte mich an Heraklit von Ephesos (544-483 v.Chr.) Aussage:
"Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen"

So ist jeder Augenblick einmalig!

Gern gelesen!
Gruß R.H.
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#9

säumige Litanei

in Philosophisches und Grübeleien 06.11.2007 22:13
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Vielen Dank.

Die Frau in Rot

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