#1

Die Asiatin, Ihr Bruder Und Frau Blume.

in Zwischenwelten 20.08.2007 09:35
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte

Hochgewachsen und älteren Kalibers betrat ein Kunde die Pharmazie. Die beiden Apothekerinnen, bemerkten den neuen Kunden erst nicht.
Frau Blume war im Gespräch mit einer älteren Dame und erklärte der in diskretem Ton die Anwendungs- und Wirkmöglichkeiten einer speziellen Salbe. Die Inhaberin, Frau Mo, asiatischer Herkunft war im Gespräch mit Heiner Müller, ehemals Student und Taxifahrer, nun Pillenlieferant.

Mo mochte Heiner gar nicht. Er roch stark nach Schweiß und hatte schlechte Fingernägel. Richtige Grabschaufeln. Und manchmal, wenn der Heiner nachmittags kam, dann hatte er meist noch Essensreste zwischen den Zähnen oder Flecken auf dem Hemd oder der Hose. Das war für Mo abstoßend und sie verstand nicht, wie ein Mensch, ja wie so viele Menschen in Deutschland sich so schlecht benehmen konnten. Laut, stinkend und räudig. Aber weil Mo besser erzogen war, ließ sie sich nichts anmerken und blieb immer ausnehmend höflich.

Heiner mochte Mo. So sehr, dass, wenn er mittags mit heruntergelassener Hose im Club Rosa einen dreißig Euro Schnellfick mit französisch pur bis zum Schluss bestellte, er sich vorstellte, die eigentlich schon reifere Mo würde den kleinen Heiner auf Mastgröße blasen und entladen und er mögliches Malheur auf dem Jeansstoff seiner Hose billigend in Kauf nahm. Die Vorstellung, Mo s Lippen an seinem Hahn zu spüren, war einfach zu schön für ihn. Erst recht wenn er danach sterile Pflaster in Mo s Apotheke abliefern musste. Erst recht wenn er dann sah, wie irritiert sie den dunklen Fleck auf seiner Hose wahrnahm. Der Heiner, war schon einer.

Ein Räuspern, so vernehmlich wie eine Fehlzündung eines Flugmotors, ließ das pharmazeutische Beratungsgespräch und das Mo von Heiner aufgezwungene Gespräch ersterben. Mo hatte bislang nur kurz die Anwesenheit eines neuen Kunden gespürt. Frau Blume hatte während ihrer diskreten Beratung schon hin und wieder zu dem Hünen rübergeäugt und sich geärgert, dass Mo wieder solange mit Heiner schön tat.

„Morgen also nur fünfmal Bepanthenol, Frau Mo?“
„Ja, Danke sehr.“
„Null problemo und Tschüssikowski, Frau Mo. Keine Frage : Heiner wird wieder kommen.“
„Ja, Danke sehr, Herr Müller.“

Heiner verschwand und Mo drehte sich endlich dem neuen Kunden zu, erstarrte kurz und fragte dann aber souverän:
„Sie wünschen?“
„Aspirin. Also ASS. Das Billige.“
„100er, 500er oder Brausetabletten.“
„Was mich nicht wie eine Sau bluten lässt.“
Frau Blume schaute entsetzt nach links und sah, dass Mo souverän blieb.
„Also 100er.“
„Also, ich hab dann alles.“ sagte die andere Kundin und verschwand
„Ja, 100er.“, wiederholte der Kerl und zuckte merkwürdig. “Klingt gut. Wie hundert Mann. Die lösen sich auch schnell auf, wenn der Richtige kommt, wird aufgelöst. Lösung“
„Doch lieber Brausetabletten?“
„Nein, aber verreckt bist Du doch. Verrrrrreckt. Die meisten jedenfalls. Alle Uniform. Alle gleich. Wie Tabletten. Wie Pillen, wie diese kleinen weißen Pillen-Pillen. Wir wurden wie Tabletten eingenommen. Wir waren die Medizin für die Hirne unsere Schlachter. Irgendwie bin ich in der Packung geblieben. Warum haben die mich nicht geschluckt?“

Frau Blume gab nicht zu übersehende Zeichen zu Mo, ob sie Beistand bräuchte oder gleich die Kavallerie geholt werden müsste. Aber Mo war merkwürdig ruhig.

„Darf es noch etwas sein?“
„Ja!“, rief er abgehackt und wie ferngesteuert. „Ja, ich brauche Linderung. Ich blute. Ich brauche Pflaster. Sterile Pflaster. Für die Entzündung.“
„Große oder Kleine?“

Der Hüne beugte sich aus seiner Höhe zu Blumes Entsetzen zu ihr hinab. Sein Gesicht schwebte als Massiv aus Knochen, Fleisch und wässrigen Augen vor dem ihren. Sie war wie gebannt, aber Mo lächelte weiterhin freundlich – wenn auch in eine unsichtbare Ferne.

„Groß oder klein? Blau oder Rot? Sauerstoffreich oder -arm? Warm- oder Kaltblüter? Fragen. Elende Fragen die sich nur Elende stellen, die Unterschiede suchen. Unter - Schiede.
Wenn alle so sind wie Du, wenn alle die gleiche Frisur haben wie Du, wenn alle das gleiche tragen, wenn alle in der gleichen Packung leben, wer bist Du dann? Ich grüßte mich und wurde zurückgegrüßt von mir und dann von Dir und Tschüß!“

Ruckartig, wie ein pickender Vogel, bog er sich wieder gerade.
„Große. Große Pflaster, bitte.“
„Noch etwas?“
„Nein, Danke.“

Der Riese zahlte, verschwand und Frau Blume sah verstört zu Mo.
„Kanntest Du den, oder warum bist Du so ruhig geblieben ?“
„Ich kenne ihn.“
Ein tonlos geformtes „Was?“ kam als Antwort.
„Er ist mein Bruder.“, antwortete Mo wahrheitsgemäß und laut und schaute nur kurz zu ihrer Kollegin rüber.
Frau Blume wurde von Mo stehen gelassen, die ins Büro verschwand. Frau Blume wusste, dass Mo eine Vergangenheit hatte über die sie nicht gern sprach. Aber Frau Blume wusste auch, dass es ihr in den vergangen Monaten und Jahren nie gelungen war, hinter die unterschiedslos freundliche Fassade ihrer älteren Kollegin zu blicken. „Asiaten“, dachte Frau Blume, „Asiaten sind so fremd und so gleichartig.“
Eine ältere Dame betrat die Pharmazie.
„Sie wünschen?“, fragte Frau Blume freundlich.


Es klingelte Abends an Frau Blumes Wohnungstür. Frau Blume, gekleidet in schwarzem Leder, machte die Tür auf. Heiner stand im Türrahmen und grinste.
„Hallo, meine Blume.“
„Hast Du etwas Besonderes für mich?“
„Ja. Einen Kerl wie ein Esel. So ein Hammer.“
„Warum keinen richtigen Esel, Du Idiot? Ich bin etwas Besonderes.“
Heiner schaute blöde aus der Wäsche.
Frau Blume schloss die Tür wieder und ließ Heiner stehen. Mo hatte recht gehabt, er hatte nichts verstanden.
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#2

Die Asiatin, Ihr Bruder Und Frau Blume.

in Zwischenwelten 20.08.2007 10:44
von Arno Boldt | 2.759 Beiträge | 2758 Punkte
Tach Brot.

Der Schriftsteller vertickt Heftpflaster, die zwar die leidende Klintel will, die aber nicht im Geringsten etwas helfen. Und wenn die Möglichkeit besteht, mit jenen zu reden, klappert er lieber die Liebe ab und verschwindet dann klammheimlich - bevor er noch etwas mitbekommen müsste. Hier also die Kritik am Desinteresse.

Da es sich bei Frau Mo und dem - geistig verwirrten - Hünen um Asiaten handelt, war mein erster Gedanke hinsichtlich einer konkreten Situation der Vietnam-Krieg, der vielleicht nicht genügend Echo fand bei Müller/dt. Autoren. Aber da habe ich gerade nicht die Ahnung. Ist also eher eine Ahnung, als dass ich es näher begründen oder belegen könnte. Müsste ich mich erstmal informieren, obs so war.

Bin sicherlich gerade irgendwohin gerannt, wos nicht weitergeht. Muss mal überlegen, ob ich zurück finde. Das Ende macht sicher noch was aus - das ich auch noch mal überdenken muss. Vielleicht kann mir ja einer heimleuchten.

Aber auch hier: der Schreibstil ist wirklich gut - es liest sich locker durch. Große (Tümpel-)Literatur!

Beste Grüße,
arno.

http://arnoboldt.wordpress.com/
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#3

Die Asiatin, Ihr Bruder Und Frau Blume.

in Zwischenwelten 21.08.2007 10:17
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte
Das ging ja flott und ich freue mich über das Schreibstilkompliment.

An den Vietnamkrieg hatte ich nicht gedacht, wohl aber an die Lager der roten Khmer. Drauf gekommen bin ich durch den Film The Killing Fields.

Die Gleichmacherei solcher Aktionen, das Einstampfen des Individuellen und das solche Aktionen auch noch als Medizin, als Heilsbringer verkauft werden, interessierte mich. Andererseits wollte ich es nicht konkret auf Kambodscha münzen. Das wäre fatal. Ich habe es bewusst offen gelassen - glaube auch nicht, dass es eine KG im klassischen Sinne ist - und würde Dich darum bitten wollen, den Text in die Zwischenwelten zu verlagern.

Das Heiner - Blume Kontrastprogramm, ja nun, da mag sich jeder selber einen Reim drauf machen

Bei dem Text gabe ich versucht,
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#4

Die Asiatin, Ihr Bruder Und Frau Blume.

in Zwischenwelten 21.08.2007 13:01
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Brot

Ich stehe etwas auf dem Schlauch. Irgendwie komme ich nicht hinter den Clou der Story. Riese und Asiatin ... Bruder und Schwester .... Heiner/Bordell und Latexblume .... ne, ich krieg das echt nicht in Zusammenhang und auf die Reihe. Bin wohl zu blöd! (Darauf bitte nicht antworten!) *g

Ok, dann mache ich halt ein wenig Textkritik.


Hochgewachsen Komma aber älteren Kalibers Komma betrat ein Kunde die Pharmazie. .....Warum ‚aber’? Sind ältere Menschen automatisch klein? Die beiden Apothekerinnen, bemerkten den Neuen .....neuen Kunden erst nicht.

Frau Blume war im Gespräch mit einer älteren Dame und erklärte der in einem leisen und diskreten Ton die Anwendungs- und Wirkmöglichkeiten einer speziellen Salbe. Frau Mo, die Andere .... die andere was?, in Asien Geborene ....einfach Asiatin oder asiatischer Herkunft, war im Gespräch mit Heiner Müller, ehemals unzuverlässiger ... überflüssiges Adjektiv, wenn später nicht ausgeführt wird, weshalb er unzuverlässig war Student und Taxifahrer, nun Pillen Zulieferer ....hä? Ist das ein Lieferant? Wenn’s so ist, dann einfach sagen, das wirkt sonst so bemüht witzig..
AbsatzMo mochte Heiner gar nicht. Er roch zu sehr ... ‚zu sehr’ ist m.M. nach überflüssig... evtl. einfach ‚stark’ nach Schweiß und hatte schlechte Fingernägel. Richtige Grabschaufeln. Und manchmal, wenn der ... ‚der Heiner’ klingt doof, so nach Kumpelgehabe... Artikel streichen Heiner nach mittags ... nachmittags kam, dann hatte der ... siehe vorher Heiner meist noch Essensreste zwischen den Zähnen. Oder Flecken auf dem Hemd oder der Hose. ... oder/oder ... Sätze verbinden Das war für Mo unmöglich ... schlechtes Wort ... abstossend/eklig/furchtbar etc. und sie verstand nicht Komma wie ein Mensch, ja Komma wie so viele Menschen in diesem Land sich so schlecht benehmen konnten. Laut, stinkend und räudig. ! Aber weil Mo besser erzogen war, als die Anderen hier in diesem Land .... Wortwahl ... als die meisten der hiesigen Menschen/Landsleute ... etwas in der Art .... oder sag doch einfach direkt: die Deutschen , ließ sie sich nichts anmerken und war immer ausnehmend höflich.

So, das wäre mal der erste Abschnitt. Du kennst das ja schon. Im grossen und ganzen würde ich in diesem Mecker-Stil weiterfahren und wenn Du möchtest, tue ich das natürlich gerne. So über den Daumen geschlagen meine ich, Du versuchst zu originell (und um aussergewöhnliche Vergleiche bemüht) zu sein. Das kann aber ins Auge gehen, weil man dann den Text nicht mehr Ernst nimmt.

Auch würde ich die Einleitung nicht ganz so lang gestalten. Lockere sie etwas mit direkter Rede auf und vermeide, dass man sich in den Dialogen (wieder) fragen muss, wer denn jetzt spricht? Du weißt das natürlich, aber ‚moi pas’.

Soweit von mir.
Tschüssikowski!
Margot


Die Frau in Rot

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#5

Die Asiatin, Ihr Bruder Und Frau Blume.

in Zwischenwelten 21.08.2007 19:31
von Pog Mo Thon (gelöscht)
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Großartig geschrieben, übersprudelnde, scheinbar aberwitzige Ideen. Das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen Künstlern (Heiner Müller), Rezipienten (die eher uninteressierte, ältere Dame, Frau Blume), Obrigkeit (Frau Mo) und der Kunst selbst (der Bruder) wird zu einer gleichzeitig witzigen und doch auch abstoßenden Menagerie, insbesondere wenn am Ende klar wird, dass alle von dem Spielchen wissen, nur der Bruder eben nicht.

Ich bin selber leider viel zu unwissend, warum es Heiner Müller sein musste, da ich sein Oeuvre nicht kenne, nicht einordnen kann. Auch etwaige Verstrickungen/Verfehlungen seinerseits könnten hier Bestandteil sein, keine Ahnung. Ich fand es passend, da er mir bei allem vermeintlichen Widerstand und entsprechenden Verboten doch auch als ein reichlich angepasster Künstler erschien. Insofern kann der 30-€-Fick mit Französisch Total auch eine beißende Kritik sein, aber wie gesagt, hier fehlt mir Hintergrund.

Das Schöne ist, dass man auch ohne diesen oder mit einem ganz anderen viel Spaß an dieser Groteske haben kann. Das Unschöne hat Margot zu großen Teilen erwähnt. Das muss nicht sein, dass ein Text so nachlässig erstellt wird. Das verstärkt den EIndruck, dass er Knall auf Peng in einem Stück heruntergeschrieben wurde, so wie es dem Autor eben gekommen ist. Natürlich verdankt der Text diesem Umstand auch seine Verve, dennoch hätte man ihn im Nachhinein redigieren können. Es würde sich lohnen, denn insbesondere zu Beginn sind zuviele Stockfehler versammelt:

"Hochgewachsen, aber älter"? "leise und diskret"? "Pillen Zulieferer"? "nach mittags"? "der Heiner ... der Heiner"? Und so weiter. Das könnte einen weniger wohlmeinenden Leser abspenstig machen, bevor die Geschichte in Fahrt kommt. Vielleicht aber auch nicht, ich blieb ja auch dabei und habe es wahrlich nicht bereut.
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#6

Die Asiatin, Ihr Bruder Und Frau Blume.

in Zwischenwelten 21.08.2007 19:54
von bipontina (gelöscht)
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"Großartig geschrieben" finde ich je nun - arg galant. Da Heiner Müller ein auch hier sehr geläufiger Name ist, kann d e r H.M. auch als Pillenlieferant abqualifiziert werden. Nur Pillen? Keine Ampullen, Verbandsmittel? Die diskrete Plauderei über spezielle Salben: schon mal erlebt? Mein Apotheker erklärt mir laut und deutlich, wie, wo und wann eine Salbe gegen Räude (?) anzuwenden ist.
Und" Mo's Apotheke.." gehört jetzt Mo, oder doch noch den beiden andern Apothekerinnen? Und warum sollte Mo - oder sonstwer - irritiert sein beim Ablick eines Harnflecks in "Ich's" Hose? Das passiert Alten nun mal: Prostata hin oder weg, wen kümmert das heute noch? Die etepeteten Mo's?
Ich finde die ganze KG - obschon anderweitig überlobt - unappetitlich, schlecht geschrieben, pointenlos und voller nicht nur Grammatikfehler.

der Verdammung meines Kommentares sehe ich gelassen entgegen.
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#7

Die Asiatin, Ihr Bruder Und Frau Blume.

in Zwischenwelten 21.08.2007 20:31
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte
@Margot
Danke für die Textarbeit. Bei einem - wie Nizza korrekt erkannt hat - Text, der recht flott entstanden ist und mehr Geduld vor der Einstellung erfordert hätte, habe ich Deine Verbesserungen jetzt gerne versucht einzuarbeiten. Nur bei der Frage, der besseren Kennzeichnung: Wer spricht wann? da habe ich so meine Schwierigkeiten. Aber da will ich nochmal ran ohne zu schreiben: sagte sie, sagte er.

@Nizza
Ertappt. Also, Du mich. das ist so ziemlich nah dran an meinen Gedanken. Sehr schön erkannt, dass der Riese eigentlich ein Zwerg ist, weil er nichts durchschaut. Aber auch schön wenn ein Text trotz relativer Offenheit nicht nur beliebig wirkt.

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