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#1

Soldat im Ostwind

in Diverse 30.06.2007 23:16
von Alcedo • Mitglied | 2.494 Beiträge | 2351 Punkte
Soldat im Ostwind


Ich hatte den Schornstein vom Kraftwerk bestiegen,
von Außen, die Stahlsprossenleiter hinauf -
die hundertzehn Meter, die konnt ich besiegen,
doch über die Plattform kam ich nicht hinaus.

Ich wollte die Hand in den Rauch hinein halten,
ihn fühlen, den Ruß, der nach Westen zieht;
ich wollte er sollte mir schneller erkalten
in kleineren Wirbeln, die keiner sieht.

Doch all meine Sprünge, die waren vergebens,
die Mauer war glatt und die Grenze nah.
Ich hatte noch nicht mal ein Viertel des Lebens
als ich mit dem Abstieg begann und sah,

ein Loslassen ginge: hinunter wärs leichter,
hinunter mit einem erlösenden Flug!
Mein Blick schweifte abwärts und müde erreicht' er
den Baustellengrund, den ich täglich ertrug.


Mein Leben, ich kam dir beim Abstieg entgegen,
ich schwor mir, ich arbeite weiter mit
und Uniformärmel verschluckten den Segen
der Tränen, die trockneten, Tritt für Tritt.



e-Gut
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#2

Soldat im Ostwind

in Diverse 30.07.2007 09:27
von bipontina (gelöscht)
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Ich bin hingerissen! Wer so etwas schreiben kann, ist ein wahrer Dichter, jenseits von Lob und Tadel.

lieben Gruß von bipontina

Ich kann es nicht begründen, es ist einfach so, wie es mir bei manchen Gedichten geht: es gibt mir das Gefühl, etwas Vollkommenes vormir zu haben.
Ähnliches passiert mir auch bei manchen Gemälden oder Gotischen Kathedralen.
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#3

Soldat im Ostwind

in Diverse 30.07.2007 17:41
von Alcedo • Mitglied | 2.494 Beiträge | 2351 Punkte
bipontina,
du kannst das da oben noch mit einer Begründung ergänzen. benutze dazu bitte den Button "editieren" (rechts oben bei deinem Beitrag).

ohne Begründung kann sonst niemand etwas damit anfangen. ich am allerwenigsten.

Gruß
Alcedo

e-Gut
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#4

Soldat im Ostwind

in Diverse 31.07.2007 10:22
von Erebus (gelöscht)
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Hallo Alcedo,

Dein Gedicht weiß zu faszinieren, und das sowohl sprachlich, wie inhaltlich, wie auch vom Titel her.
Mit dem ich vor der Hand aber nicht klarkomme, nicht, nachdem ich den Text zweimal gelesen habe. Mir scheint, ich muss noch etwas daran herumdenken.

Du hast die Verse in Trochäen abgefasst - das gefällt mir sehr gut. S2 und S4 enden in gleichmäßig wechselnder Kadenz, so auch S2, S3 und S5, jedoch ist die männliche Endung in diesen Strophen katalektisch und erzeugen dadurch eine besondere Prägnanz.


Zitat:

Ich hatte den Schornstein vom Kraftwerk bestiegen,
von Außen, die Stahlsprossenleiter hinauf -
die 110m, die konnt ich besiegen,
doch über die Plattform kam ich nicht hinaus.



In S1V3 stören mich die 110m. Denn die "hundertzehn Meter" finden sich nicht auf Anhieb. Es könnten auch die "Einhundertundzehn Meter", die "einhundertzehn Meter", die "hundertundzehn Meter" sein.
Hier ist wahrscheinlich mehr als ein Ansetzen von Nöten, um sich metrisch richtig einzufädeln. Ausgeschrieben fände ich es besser.
LyrIch steigt also aufwärts, bis dorthin, wo die Leiter endet. So ließe sie sich wohl verstehen, diese Plattform, also bis dorthin, wohin es noch einigermaßen bequem geht.
Suggeriert wird, dass es noch weiter ginge, jedoch nicht für LyrIch. Ich sehe soetwas wie einen Absatz in der Aufstiegsleiter vor mir.


Zitat:

Ich wollte die Hand in den Rauch hinein halten,
ihn fühlen, den Ruß, der nach Westen zieht;
ich wollte er sollte mir schneller erkalten
in kleineren Wirbeln, die keiner sieht.



In S2 erfahre ich aber, das ich falsch lag, denn LyrIch hat die Schornsteinmündung erreicht, weiter geht's wohl doch nicht.
LyrIch hält sich zwei Verse lang mit einer Spielerei auf, es streckt seine Hand in den rußigen, warmen Rauch.
Mit S2V3/4 beginnen dann meine Probleme, weil ich eine zweite Sinnebene suche und nicht finde.
LyrIch wünscht sich, das Ruß und Abwärme sich schneller ungesehen verflüchtigen, wenn sie gen Westen ziehen.


Zitat:

Doch all meine Sprünge, die waren vergebens,
die Mauer war glatt und die Grenze nah.
Ich hatte noch nicht mal ein Viertel des Lebens
als ich mit dem Abstieg begann und sah,

ein Loslassen ginge: hinunter wärs leichter,
hinunter mit einem erlösenden Flug!
Mein Blick schweifte abwärts und müde erreicht' er
den Baustellengrund, den ich täglich ertrug.



Zusammen genommen mit S3V1/2 ergibt sich daraus die Thematik der "Republikflucht", wenigstens in Andeutungen.
Die Reihenfolge dieser beiden Verse suggeriert für mich, das alle "Sprünge" -vielleicht in Gedanken, oder nur im Sinne von Versuchungen - vergebens waren, weil die Mauer glatt (das wäre OK) und nahe war (das ist für mich unlogisch). In vertauschter Reihenfolge ergäbe sich mir ein eindeutigerer Sinn.
"die Mauer war glatt und die Grenze nah.
Doch all meine Sprünge, die waren vergebens, "

Jedoch lässt LyrIch von seinen Versuchen ab und beschließt den Abstieg zu beginnen, womit es gleichzeitig ein Resignieren und Aufgeben impliziert.
Die Formulierung "Ich hatte noch nicht mal ein Viertel des Lebens" klingt dabei nach Selbstmitleid, ich lese daraus die Empfindung einer Lebens-Unfairnis heraus, weil der Zeitpunkt der Kapitulation so früh liegt?


Zitat:

Mein Leben, ich kam dir beim Abstieg entgegen,
ich schwor mir, ich arbeite weiter mit
und Uniformärmel verschluckten den Segen
der Tränen, die trockneten, Tritt für Tritt.



Alternativ böte sich der Freitod, die Gelegenheit dafür wäre günstig. Jedoch, je weiter LyrIch hinabsteigt zur ewigen Baustelle des Lebens, desto mehr wird es von der Tristess verschluckt und in kehrt, nur von Tränen getröstet unter das Joch uniform zurück.

Ich bin jetzt absolut im Unklaren, ob das Ganze wirklich mit einer so genannten Republikflucht zu tun hat, oder ob diese, nur als Zwischenbild zwischen flüchtigem Rauch und Selbstverwirklichung als Metapher dient.

Wie dem auch sein. Richtig rund und eins wollen mir die Bilder nicht werden, aber auch in Splittern machen sie einen sehr guten Eindruck auf mich.
Neben dem schönen Versmaß gefällt der Reim "leichter - erreicht' er" und vor allem die Bilder wie z.B. die Hand im Rauch, der Baustellengrund, der tränenwischende Ärmel, oder insgesamt das Besteigen, Verweilen und wieder Herabsteigen vom Kraftwerksschornstein.

Liebe Grüße

Ulrich
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#5

Soldat im Ostwind

in Diverse 31.07.2007 13:23
von Alcedo • Mitglied | 2.494 Beiträge | 2351 Punkte
Republikflucht - welch ein Wort!
Mensch, Ulrich, das ist ja mehr als ich zu hoffen wagte: selbstverständlich ist der ganze Text um so ein Wortungeheuer herum gebaut, um ein Buchstabenmonster, dass ich nie aussprechen würde, geschweige denn schreiben, was red ich da - ich wäre nie darauf gekommen! im Ernst.
und doch ging es mir alleine darum. es schafft mir eine große Befriedigung, dass dies deutlich wurde, auch wenn du daran zweifeltest. ich bin dir für diese Rückmeldung sehr dankbar. das gibt mir jetzt unglaublich viel. Mensch es lohnt sich ja doch, in solchen Foren hier, sein Unwesen zu treiben!

die Zahl schmeiss ich raus. deine Argumentation überzeugte mich sofort.

zwei Sachen interpretiertest du aus meiner Sicht falsch:
- nicht die Mauer ist nah, sondern die Grenze. die Baustelle, mitsamt Kohlekraftwerk befindet sich sehr nah an der Staatsgrenze (etwa 1-2km).
- die Plattform ist zwar am Ende der Stahlsprossenleiter (ringförmig, mit Geländer um das Bauwerk herum), aber die Schornsteinkante liegt nochmals 3-4m höher, ist also tatsächlich unerreichbar. also selbst aus dem Hand-in-den-Rauch-hinein-halten ist letztlich nichts geworden. bequemer ist es auch definitiv oben auf der horizontalen Plattform, als kletternd an die steilen, ungesicherten Stahlsprossen geklammert.

beides, dachte ich, wäre dem Text zu entnehmen, aber im Doppelpack ist dies tatsächlich schwer zu entschlüsseln, das sehe ich ein.

das Selbstmitleid leite ich mal umgehend an das lyrische Ich, in seiner auktorialen Erzählposition weiter, damit will ich natürlich nichts zu tun haben - ich bin so frei!

mit okzidentalem Gruß
Alcedo


e-Gut
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#6

Soldat im Ostwind

in Diverse 31.07.2007 14:34
von Erebus (gelöscht)
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Hi Alcedo,

also, sprachlich finde ich "Republikflucht" besser als "'rübermachen".
Wie ich jetzt den Begeisterungsschub lostrat, weiß ich offen gestanden nicht, freut mich aber sehr. Ich mache das auch gerne wieder.


Zitat:

- nicht die Mauer ist nah, sondern die Grenze. die Baustelle, mitsamt Kohlekraftwerk befindet sich sehr nah an der Staatsgrenze (etwa 1-2km).


na, sag ich doch, DIE Mauer, halt, der Vorhang, der eiserne, also die Staatsgrenze der Republik die keine war.

Das der Rauch aus der Schornsteinmündung nach unten gedrückt wird nicht deutlich. Ich sah einen Uniformierten vor mir, hüfthoch die Mauerkrone des Schlotes, der sich etwas vornüberbeugt, wie über eine Brüstung, und die Hand über die Öffnung hält. Schönes Bild! Vor allem, wenn die Landschaft dahinter weit und tief ausgerollt ist.

l'ancien occitan!

LG
Ulrich
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#7

Soldat im Ostwind

in Diverse 31.07.2007 23:22
von Alcedo • Mitglied | 2.494 Beiträge | 2351 Punkte
ach, DIE Mauer? verstehe.

der Rauch wird auch bei starkem Wind, direkt an der Schornsteinkante nur minimal nach unten gedrückt. noch einmal also: da gab es keine Chance dranzukommen an den Rauch. es hätte noch eine Leiter dazu gebraucht. der Soldat ist also unverrichteter Dinge wieder abgestiegen (vom kleinen Erfolgserlebnis, des Besteigens und vom Ausblick mal abgesehen).

dein Bild lass ich dir natürlich, aber bei Gelegenheit erläutere ich dir mal warum es im Ostblock keine Brüstungen gab, sondern höchstens wackelige Geländer.

Gruß
Alcedo

e-Gut
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#8

Soldat im Ostwind

in Diverse 01.08.2007 00:36
von bipontina (gelöscht)
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na, nach Mitternacht trau ich mich:
Wie kann man an einem Poem physikalische Kriterien walten lassen? Wohin ein Rauch gedrückt wird, wie hoch oder niedrig ein Geländer ist, ob brüchig oder fest: w a s bitte hat das mit der Empfindung des Dichters zu tun? Ich versteh nicht ganz, daß man ein Gedicht nicht für sich sprechen läßt. Und ich glaube nicht, daß es ein Soldat war, der wieder hinabstieg, sondern daß der Hinabsteigende von einem Soldaten/Polizisten unten empfangen wurde.
Ich kann mich natürlich entscheidend irren. Als Unbeleckte laß ich Gedichte einfach auf mich einwirken, wie sie da stehen. Analytiker müssen wir nicht sein, oder?

diesesmal verwirrt:
bipontina
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