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#1

Elvira

in Zwischenwelten 07.06.2007 16:30
von Epiklord (gelöscht)
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Elvira

Wütend stürmte ich in Jerrys Schlemmerbude, bestellte mir haufenweise Steaks, die von urwaldverschlingenden Rindern stammten; denn stirbt der Urwald, so stirbt der Mensch, also auch die Frauen. Meine dritte Lebensgefährtin in kurzer Folge hatte mich gerade verlassen.

Nach dem fünften T-Bonesteak und nachdem ich meine Fassung wieder gefunden hatte, zweifelte ich allerdings doch an meiner grausamen Zielsetzung, so ekelhaft gluckste es in meinem unwillkürlich hyperaktivschluckenden Einlass zum Speiserohr.

Dann kam Elvira hereingewatschelt, ein kurzes gedrungenes Zweizentnerweib. Nach minutenlanger Anstrengung hatte sie am entgegengesetzten Tischende endlich ihre Wonnehaxen unter der Tischplatte verstaut. Ihr Schädel, ein großer runder, rotleuchtender Ballon mit spärlichem, ausgefranstem Blondschopflappen war mit Schweißperlen übersät. Wäre eine Nase dazu bestimmt, einem Gesicht eine Kontur zu geben, so war ihre kleine fleischige Knolle unnütz. Eine Mischung aus 4711 und deftigem Körpergeruch umströmte Elvira. Ihre wabbeligen Patschhände, die wie sensorische Greifer aus dem Unterarmspeck heraus lugten, krallten sich in einen Hamburger.

Nach kurzem Wortwechsel zwischen uns stand fest, hier waren zwei Leidende, vom Schicksal Gebeutelte zusammengetroffen. Sie war in psychologischer Behandlung wegen einer Depression, mit Männern hatte sie kein Glück gehabt. Ihr Gesichtsausdruck war stets ernst, selten fand sich ein lediglich gequältes Lächeln darin, zum herzhaften Lachen unfähig. Ich erzählte ihr von dem Pech mit meinen Lebensgefährtinnen und wir trafen uns immer häufiger. Mein Mietvertrag lief aus, auf ihren Vorschlag hin zog ich zu ihr.

Eine platonische Beziehung gewährte sie mir. So konnte ich mich endlich ohne sexuellen Druck verdingen, dem ich mich täglich bei meinen verflossenen Weibern ausgesetzt wähnte. Und vielleicht hatte diese Frau ja eine verborgene schöngeistige Disposition, von der sie selber nichts ahnte.

An einem Sonnentag im Frühling fuhr ich mit ihr ins Gebirge, mit der Seilbahn hinauf auf einen Gipfel. Ich frohlockte über die Ästhetik der weiten Naturlandschaft, mir war, als wenn ein Flair des Schöpfers jeden Grashalm, jeden Strauch beseelte. Ehrfurcht übermannte mich, doch Elvira trottete zu einem riesigen Stein, ließ sich seufzend nieder, blickte unentwegt grüblerisch vor sich hin und stöhnte: „Wir müssen unbedingt noch Hähnchenschenkel einkaufen, damit sie bis morgen Mittag auftauen können.“ Ich nahm Elvira nie wieder mit in die Natur, der Schmerz, die Enttäuschung über den misslungenen Versuch, gemeinsam unsere Seelen zum Klingen zu bringen, konnte ich nicht verwinden. Ich sagte ihr, dass alle Psychiater pseudomedizinische Pfeifenköpfe wären und sie endlich allmählich Abschied von diesen toxischen Antidepressiva nehmen solle.

Aus Verdruss drang ich immer tiefer in mich, begrub das Modell, was wir von der Wirklichkeit haben, denn es ist nicht ganz falsch, aber auch nicht richtig. Ich wollte die ganze Wahrheit unserer Stadt erfassen, jedes Augenzucken ihrer Bewohner, jedes Kacken einer Taube als Puzzleteil zu einem Ganzen zusammentragen, denn alle vorliegenden Charakteristiken über unsere Rattenfängerstadt Hameln dienten lediglich einer Stadtkennung und weitläufigen Orientierung.

Der Ariadnefaden zurück zu meinem Selbst war in Gefahr abzureißen. Doch ich spürte eine neue Macht in mir, die Ebenen der Realität nach Belieben für mich zu verschieben und verstieg mich immer mehr in gefährliche Tiefen phantastischer Visionen, was ähnlich euphorisierende Wirkung hatte, wie sie vor allem ältere Leute beim Hören von moderner Volksmusik erlebten.

Zehn Jahre, Arbeitstag um Arbeitstag wartete ich regelmäßig am Feierabend an der Hintertreppe eines Bürohauses auf Elvira, die hier putzte. Jedes Mal stieg sie schwerfällig schnaufend zu mir herab, dann trottete ich hinter ihr her zum Auto. Doch diesmal rissen mich flotte hakenharte Schritte aus meiner Lethargie, ich sah zur Treppe hoch, mein Blick streifte zwei kniehohe, rote Lederstiefel und blieb an wundervoll ebenmäßig erotisierenden Schenkeln haften. Diese Schenkel gehörten einer ehemaligen Jugendfreundin von mir, die mich spontan zum Essen einlud, worauf ich sofort einwilligte und so vorm Wahnsinn noch gerade bewahrt, mich befreit nüchtern und entspannt wieder auf fast vergessenem aber aufregend-konkretem Boden bewegte. Die Kulisse der bizarren intellektuellen Erfahrung rückte ins geistige Hinterland.

Irgendwann merkte Elvira etwas. Sie hatte mich immer umsorgt, war mir eine gute Köchin gewesen, hatte sorgfältig meine Hemden gebügelt und mich auch sonst ohne Murren mütterlich gepflegt. Sie schaute mir nach unendlicher Zeit wieder fest in die Augen, fast hatte ich vergessen, dass sie blau waren. Ich schlug meine Augenlider etwas verlegen nieder, auch weil ich ein schlechtes Gewissen hatte wegen meiner Liebe zu Janine. Doch Elvira sagte ohne Vorwurf im Blick. „Wenn du nicht bei mir bleiben willst, ich verstehe es, bin ich dir doch nie eine richtige Frau gewesen.“ Doch ihre Trauer konnte diese selbst in dieser Lage Größe zeigende Frau nicht ganz verbergen.

Doch ich wollte sie mein Leben lang um mich behalten, aber nicht aus Dankbarkeit. Es war die selbstlose Atmosphäre und kuriose Lebensqualität mit ihr, die Verlässlichkeit, ihre Aufrichtigkeit und Bescheidenheit, obwohl Elvira mir im Kern fremd geblieben war. Ich war stolz, mit so einem Menschen befreundet zu sein.

An jenem Tag kam ich spät in unsere Wohnung von Janine zurück. Ich hörte, wie Elvira sich im Bett räusperte. Nachdem ich noch etwas Ferngesehen hatte, legte ich mich auch schlafen, neben ihr im französischen Bett, wie immer. Diese Nacht kam Elvira mir besonders ruhig vor, sie drehte sich nicht in meine Richtung. Vielleicht war sie doch verstockt, wegen meiner Liebe zu Janine.

Morgens bereitete ich die Kaffeetafel. Ich rief Elvira ein paar mal. Nichts rührte sich. Ich trat an ihr Bett. Sie lag auf dem Rücken. Ich hatte noch nicht mal gemerkt, dass sie die Nacht gestorben war - so leise, wie sie gelebt hatte.

*
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#2

Elvira

in Zwischenwelten 07.06.2007 17:54
von Maya (gelöscht)
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Wie wäre es, wenn du selbst mal ein paar Kritiken schreiben und uns nicht immer nur mit deinen tollen Geschichten überhäufen würdest? Vielleicht wäre das Feedback dann ausgeprägter.

Neulich las ich ein tolles Stück. Okay, sprachlich fand ich es nicht so toll, aber der Inhalt hat mich überzeugt:

t71911024f014-Forum.html
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