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#1

Bericht an Gaia

in Liebe und Leidenschaft 13.05.2007 22:33
von Alcedo • Mitglied | 2.529 Beiträge | 2351 Punkte
    Bericht an Gaia

Unten in den weiten Auen,
nah am Bach, am Waldesrande,
saß ich und war außerstande
mich nicht wartend umzuschauen.

Dicht an dicht ins Rohr hinein
fielen wolkig Scharen, Scharen
stummer Flüge dunkler Staren.
Unkenrufe setzten ein.

Da erschien sie in den Weiden -
wie wir uns entgegenliefen!
Und die Stare? Alle schliefen
und es glucksten nur wir beiden.

Nah dem Weg, mit schwerem Duft,
lockten Linden bis ins Dunkel.
Kalt von Ost begann Gefunkel,
Tau ertränkte Abendluft.

Ohrgeschenk, ihr Flüsterhauch!
Küsse netzten mir entgegen,
Lippen, wie ein warmer Regen!
Atmeten die Wälder auch?

Aufwallende Haarespracht
webte mich ins Gras, versunken -
restlos vor Umarmung trunken,
riss ich Halme aus der Nacht.

Unter deiner duftend Linde
kosten uns die fallend Blüten,
Sehnsuchtsstürme durften wüten,
Haut an Haut und Haut an Rinde.


e-Gut
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#2

Bericht an Gaia

in Liebe und Leidenschaft 14.05.2007 17:57
von Michael Lüttke (gelöscht)
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obwohl sprachlich auf hohem niveau,
stört mich der sehr klassische ausdruck in den zeilen.
die frage die sich mir stellt ist die, ob es tatsächlich dieser worte bedurfte.
denn einige passagen geraten dadurch etwas ulkig, obwohl der textliche zusammenhang dieses nicht vorsieht.
zum beispiel:

Unter deiner duftend Linde
kosten uns die fallend Blüten,

das klingt sehr gewöhnungsbedürftig und es hat den anschein, das hier das vorher gehaltene klassische schema zum zwang wird.
dadurch wird das ganze irgendwie zu seiner eigenen karrikatur.
das ist schade.


michael
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#3

Bericht an Gaia

in Liebe und Leidenschaft 14.05.2007 22:30
von Alcedo • Mitglied | 2.529 Beiträge | 2351 Punkte
merci für dein Statement, Michael.

hast du die zwei zitierten Zeilen im Sinne von "kosen" verstanden,
oder im Sinne von "verkosten"?

Gruß
Alcedo

e-Gut
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#4

Bericht an Gaia

in Liebe und Leidenschaft 15.05.2007 14:18
von Erebus (gelöscht)
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Hallo Alcedo,


die eigenwillige Sprache, die Du verwendest, ist mir nicht gefügig genug, um mich durch den Text zu nuscheln. Also muss ich mich etwas gehetzt ständig umtun, ob ich alles beisammenhabe, um den nächsten Vers in Angriff zu nehmen. So etwa: das implodiert in sich selbst...

Zwischendurch will ich immer wieder mal in eine andere Richtung. Bspw. wollte ich die Stare(n) ebenfalls verdoppeln, das verlangte mein lesender Sing-Sang, jedoch setzen Unkenrufe ein.
Du verwendest eine Vielzahl divergierender Bilder, nein, eine Vielzahl von Bildern, die deutliche Trennstellen haben.

Die Bilder selbst, für sich genommen, sind bei aller sprachlicher Dehnung und Hinbeugung, selten und gesucht.
Insgesamt, wenn ich das richtig als eine Art "Schäferstündchen" sehe, kommt es mir sprachlich nicht nahe genug, um mich erleben zu lassen, es ist mir zu komplex.
Mir ist nicht klar, wie die olle Erdmutter da hineinpasst, der das LyrIch möglicherweise Bericht erstattet. Ist das eine Art "Auftrag" eines Agenten oder so? Bericht klingt so offiziell. Vielleicht übersehe ich was..


Lieber Gruß
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#5

Bericht an Gaia

in Liebe und Leidenschaft 15.05.2007 20:58
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte
Da hat Erebus schon viel vorweggenommen. Ich wollte dem Schäferstündchen noch die umarmenden Reime und die sich hoffentlich abwechselnden männlichen und weiblichen Kadenzen - ich schwebe gerade Zehn Meter über dem Betonboden - für diese Interpretation anführen. Sprich hier liebt, umarmt und hebt und senkt es sich, dass es so seine Art hat.

Irgendwie habe ich denn Verdacht in Baden Würtemberg ist der Blitz eingeschlagen. Und zwar heftigst. Erst dieser metaphorisch gedachte Nager namens Nacktmull, dem recht verzückt bei der Arbeit zu gesehen wird und jetzt der Bericht an Gaia oder vögeln im Wald. Sorry.

S1: Das wirkt zunächst wie eine Idylle: Wiese, Bach und Waldrand. Aber das LI muss sich umschauen. Mir gefällt aber nicht die Formulierung : mich nicht wartend. Das hört sich für mich nicht rund an.

Das LI kann nicht abwarten, dreht sich um und der Auenlandsound weicht sofort dem Mordorklang der Strophe 2.

S2: Rohr wie Ried? Dunkle Schare verdunkeln den Himmel und Unkenrufe setzen ein. Der Star aber als Unheilsbringer ist mir unbekannt. Aber hier scheint sich mir mehr als deutlich Unheil anzukünden. Stummer Flüge? Sind damit die Flügelschläge gemeint?

S3: Peng!, aus dem Nichts erscheint eine Göttin. Dass sie göttlich ist, vermute ich nur, weil sie so plötzlich erscheint. Sie ist aber wohl keine. Wirkt aber vom Auftritt so. Irgendwie dachte ich auch an den grünen Heinrich, wo Madame nackt den mondbeschienenen Fluten entsteigt - wenn ich mich recht entsinne.

Was ich nicht verstehe ist die Zeile: wie wir uns entgegenliefen. Wie doll und verrückt und verliebt so schön? Oder auf Händen? Auch alle dunkeln Stare sind sofort eingeschlafen und von den Unken unkt auch keine mehr.

S4: Bedarf es der Boten nicht mehr, weil das Weib erschienen ist? Denn jetzt glucksen, unken nur noch LI und LD? Wie Adam und Eva? Das Erkennen des Weibs aus dem Weidengrund und das vorangegangene Umschauen des LIs im Paradies als Umschreibung für den Sündenfall? Was wird das hier. Mir klingt es zu schwülstig und schwül.

S5: Schwerer Duft. Moschus? Sex? Lindenblüten riechen auch stark. Dieser Duft lockt bis ins Dunkel? Nö. Da schließe ich mal kurz den Vorhang vor diesem Gefunkel und warte auf die Sonne im Osten. Der Morgen ist mit seinem Licht aber kalt gegenüber dem allzusinnlichen Abend im Ried.

S6: Diese Strophe hätte ich vor der vorherigen erwartet. Dass ist ja nun ein schöner warmer Regen für die Beteiligten. Aber Ohrgeschenk, Flüsterhauch und entgegen netzende Küsse? Nein, das ist mir zu wallend und ohnmächtig. Ob die Wälder atmeten? Besser nicht fragen. Niemals fragen.

S7 Der Junge ist fertig. Wenn die Holde die Erde selbst, die Gaia war, wen wunderte es dann? Aber vor Umarmung trunken? Trunken von Küssen, aber Umarmungen? Es webt ihn aber auch ins Gras. Wird die Verbundenheit hier zur Natur oder Mutter Erde als sexuelles Erlebnis gefeiert?

S8: Nachdem sich der Baum geschüttelt hat, beziehungsweise das Feuer verraucht, der Sturm geblasen hat, da kosen fallende Blüten das LI und das LD. Das finde ich so kitschig, schwülstig wie den Rest. Wird nur das vögeln unter freiem Himmel nochmal als Dankbarkeitsbericht an die Vermieterin des Liebesnests - Gaia - gesendet?
Nur das Haut sich hier an Rinde wieder reibt, das lässt mich hoffen, dass ein junger Schäfer des Nachts sich an einer Weide ver... lassen wir das.

Ist das Alcedo at his best? Ich hoffe nicht. Ach, ich weiß es.
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#6

Bericht an Gaia

in Liebe und Leidenschaft 17.05.2007 15:57
von Alcedo • Mitglied | 2.529 Beiträge | 2351 Punkte
@Erebus:
Divergenz. ein gutes Stichwort. danke, da ist nämlich was dran.
ursprünglich war es nämlich ein zweigeteiltes Gedicht, eine Gegenüberstellung von Innen- und Außenwelt. das habe ich versucht formal zu vereinen. dass sich daraus formale Implosionen ergeben gibt mir zu denken. es war wahrscheinlich nicht der richtige Weg gewesen. die Baustelle bleibt offen.
ein Auftrag ist es nicht. auch Agenten der Securitate haben nichts damit zu tun. hoffentlich. es ist eigentlich ziemlich banal: einige Strophen davon und die Überschrift habe ich geträumt. damals beschäftigte mich die Lovelock-Hypothese. und "Solaris" von Stanislaw Lem. vielleicht glaubte ich deshalb mit einem Traum etwas anfangen zu können. das heißt aber jetzt beileibe nicht dass ich aufgebe.
ich will es weiter versuchen. Konvergenz bleibt aber vielleicht ein Wunschtraum.

@Brotnic2um:
lies bitte auch die Antwort an Erebus. formal ist es vielleicht auch nicht das gelbe vom Ei. gerade die männlichen Kadenzen beißen sich womöglich mit dem Trochäus. der umarmende Reim kam intuitiv.

wenn jemand die Ursprungsversion von 2005 sehen möchte werde ich sie hier einstellen.

vielen Dank, Brot, für das durchgehende Feedback. ich habs genossen und auch geschmunzelt dabei. die Art Kritik liegt mir sehr. werd sie mir zu Herzen nehmen.
der lyrische "Fulger" hat wohl tatsächlich mal in meiner Turmspitze eingeschlagen: Eminescu (aber rund 1200 km weiter ostwärts). da ich keinen Blitzableiter besitze gibt es bis heute Folgeschäden. die Auen aber, gibt es leider hier im deutschen Südwesten nicht mehr.

S1: das Unrunde hab ich jetzt auch begriffen, merci. vielleicht sollte ich doch den Tolkien mal lesen.

S2: Rohr wie Röhricht. die Stare nutzen es als Schlafplatz. Flug steht für Schwarm, Vogelschwarm. bei Staren ziemlich dicht und dunkel, die Schwärme, zumal in fruchtbaren, urwüchsigen Auen. die fallen dann aus verschiedenen Richtungen ein, fliegen immer wieder auf und verhalten ich dabei auffallend schweigsam. die tagsüber ziemlich lauten Schwärme, verstummen bei diesem Spektakel.

S3: aus dem Nichts? war all das Warten vergebens? Gottfried Kellers grünen Heinrich hatte ich auch noch nicht. die Monscheinszene macht mich neugierig.
beim entgegenlaufen nehme ich das verrückte und verliebte, wenn ich darf.

S4: da würde ich gerne das Paradeis nehmen. muss denn jeder Sündenfall immer so schwülstig sein? Asche auf mein Haupt.

S5: Sinnlichkeit, ja. und der Morgen ist noch weit. es sind die aufgehenden Sterne.

S5+6: ja mit der Reihenfolge ist das so eine Sache, denn eigentlich ist es parallel gemeint, Innenwelt versus Außenwelt. nur wie ich das formal umsetzen soll weiß ich leider noch nicht. die Frage dabei ist: "gibt es die Außenwelt noch?" freut mich aber dass du dabei ins Schleudern kommst, es sind ja letztlich nur 7 Strophen, nicht 8.

S7=6: ich nehme das Erlebnis.

S8=7: na immerhin wurde vom kosen gekostet. am Kitsch hab ich noch zu kauen.
das verdau ich aber noch und dann gehts weiter.

liebe Grüße
Alcedo

e-Gut
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