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Hitzige Nacht - Kapitel 3

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 02.03.2007 13:56
von Joame Plebis | 3.388 Beiträge | 3363 Punkte

Hitzige Nacht - Kapitel 3

Hausmeister Erwin, der ständig nach seinem Schlüsselbund in der ausgebeulten
Hose tastete, war ahnungslos als Frau Wichtig aufschrie und an ihm vorbei in eine Richtung deutete.

Neben ihr war Frau Dengel gestanden, die recht rasch begriffen hatte, worum es ging.
"Weg ist er, gerade noch war er da. Wie ein Stockfisch ist er gelegen - und jetzt ist er weg!"

Sie war so außer sich und vergaß sogar, ihr Lieblingswort, 'prekär' zu benutzen, das aber holte sie
im nächsten Satz nach. "Jetzt ist der Hein einfach davon, wenn das nicht prekär ist."

Peter Mützli grinste daraufhin. Er ließ den hellen Strahl seiner Lampe über die nähere
Umgebung gleiten. "Unser Hein scheint sich tatsächlich dünne gemacht zu haben."

Der Krankenwagen hatte inzwischen sein Blaulicht ausgeschaltet; die beiden
Rettungsleute standen etwas ratlos umher, während der Arzt am Klapptisch
des Wagens zum Protokoll etwas dazuschrieb.

Mützli schickte sich an, nach Hause zu gehen, als mit einem "Ich gehe jetzt auch,
mir reichts" Frau Dengel bei ihm einhakte, dabei aber nicht vergaß, mit der Rechten
den widerwilligen Bademantel zuzuhalten.

Einige Schritte hinter ihnen folgte Frau Wichtig, die sich andauern nach allen Seiten
umsah, und strebte auch über die Straße dem Hauseingan zu.

Erwin meinte, mit den Sanitätern noch etwas besprechen zu müssen, wobei man
ihn heftig gestikulieren sah.
Als kurz darauf der Wagen wegfuhr, wirkte er etwas nachdenklich, doch beschloß auch er,
den Rückzug anzutreten.

"Dachte ich mir doch, daß sie da sind!"
Erwin war die Nebenstraße bis zum Platz gegangen, an dem Hein stets den LKW abstellte.

"Wieso sind sie einfach davongelaufen - was war los mit ihnen?"

Hein kletterte aus der Fahrerkabine, von wo er sich Papiere geholt hatte. Er mußte
am Morgen den Wagen zur Firma bringen und übergeben.
Nun preßte er die Lippen zusammen, seufzte und legte Erwin die Hand freundschaftlich
auf die Schulter. Mit dem einleitenden Satz, der alles und nichts bedeuten konnte
"So ist das Leben ..." begann er zu erzählen.

Als sie den Wohnblock erreicht hatten , führten sie noch ein angeregtes Gespräch.

"Wenn sie etwas brauchen, Hein, dann läuten's ganz einfach bei mir."
Ein Handschlag folgte und jeder strebte seiner Wohnung zu.

Wie könnte das unbeobachtet geblieben sein. Jetzt wo ganz fein eine kühle
Luftströmung bemerkbar war, lehnte Frau Wichtig am Fenster, ebenso Frau Dingel,
und sie genossen die unerwartet aufkommende Abkühlung.

Mützli schnarchte bereits. Ob er vielleicht von einer gelungenen Prüfung träumte?
Er hatte sich faul ins Bett fallen lassen, samt Ohrhörer, aus denen leise Hiphopähnliches
erklang.
Unweit seiner Hand lag die Radiolampe, an welcher die Hörer gesteckt waren.

Er schien sehr müde gewesen zu sein. Zwischen den Atemzügen erzeugte er Schnarchtöne,
die jedem besseren Musiker sofort als Quinte aufgefallen wären.

-----

Unglaublich, doch am Morgen war der Himmel ein einziges Grau und es nieselte leicht.

Innerhalb weniger Stunden war die Temperatur ins Erträgliche gesunken.
Mit etwa sieben Grad weniger war das war als wesentliche Erfrischung zu empfinden.
Der Bann der wochenlang lastenden Hitze schien gebrochen zu sein.


Rosalia Dengel, gut gelaunt, lag in der Badewanne und trällerte mit ihrer hohen
Quietschstimme ein Liedchen. Den Bademantel hatte sie auf den Boden gleiten lassen.
Einerseits war er ihr verhaßt, weil er ihrer Figur abträglich zu sein schien,
da sie ihm etwas entwachsen war, andererseits mochte sie ihn, da sie den feinen
und kuscheligen Samt schätzte.

Nein, sie wuchs nicht mehr der Größe nach, dieses Alter hatte sie längst hinter sich.
Nur noch der Breite nach wuchs sie bzw. dehnte sich. Das hatte sie vor allem
ihrer Vorliebe für Pizza zu verdanken und den so animierend schmeckenden Chips,
die sie an ihren etwas einsamen Abenden 'verputzte'. Manchmal kam noch
ein Säckchen gerösteter Nüsse oder Pistazien hinzu.

Wenn sie Heißhunger überfiel - und das konnte mitten in der Nacht sein -
war niemand da, vor dem sie sich hätte schämen müssen, ein kleines Marzipanhäppchen
genüßlich in den Mund zu schieben. Meist führte sie anschließend ihre Zunge über die Lippen,
um ja kein Bröselchen des Genusses zu verschwenden.


Als sie sich aus der Wanne aufrichtete, war sie ein sehr gustiöser und schöner Anblick:
rosa, rundlich, fleischig und wohlgenährt, da spannte sich die Haut und war glatt.
Ein wenig prall vielleicht, das aber wirkte keineswegs störend, im Gegenteil.
Jetzt, wie sie über den Wannenrand stieg, sah man, wie sehr gelenkig sie war.

Gekonnt knotete sie ein Handtuch um das feuchte Haar zu einem turbanartigem Gebilde
und griff soeben nach dem Badetuch, das sie um die Hüften schlang, als es läutete.
Es war an der Wohnungstür.

"Momentchen!" Flink rieb sie mit dem Tuch noch ihre Haare, fuhr mit den Fingern
mehrmals hindurch, nahm ein hellblaues Leinenkleid aus dem Schrank und war
innerhalb von zwei Minute vollständig bekleidet.

Etwas neugierig, wer zu ihr käme, war sie schon, da sie zu niemandem in engerem
Kontakt stand und kaum Bekannte hatte.

So vermutete sie, einen Postboten oder den Hausmeister zu sehen, als sie die Türe öffnete.

© Joame Plebis

zuletzt bearbeitet 20.11.2011 21:44 | nach oben

#2

Hitzige Nacht - Kapitel 3

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 15.03.2007 13:49
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte
Hallo Joame,

geht es noch weiter? Erfahre ich nochmal wer da vor der Tür steht? Bisher knabber ich noch an:
Zitat:

"So ist das Leben ..."

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#3

Hitzige Nacht - Kapitel 3

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 15.03.2007 20:31
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte
Sorry Joame,

erst jetzt erkenne ich die Größe Deines Textes und empfehle ihn, hier enden zu lassen.

Die Tür geht auf, statt der Vorhang fällt. Die Tür geht auf, öffnet alle Fragen und auf die kommt's an, denn Antworten geben ja schon zuviele. Also die Tür geht auf und bumms, aus die Maus. So muß es sein.

Auch die nächtliche, Odyseeische Irrfahrt des modernen Seefahrers, dem Fernfahrer Hein, der nackt, schmutzig und wehrlos am Fenster steht und in die Dunkelheit schreit, dass er schuld sei, nicht einschlafen kann und sich dann in die Büsche schlägt. Nur um am Ende doch wieder im Fahrerhaus zu sitzen und festzustellen : So ist das Leben. Gute Fahrt Hein, gute Fahrt uns allen. Lebbe geht weider. Das ist schon eine fette Nominierung wert.
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#4

Hitzige Nacht - Kapitel 3

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 15.03.2007 20:42
von Krabü2 | 797 Beiträge | 797 Punkte
Ja. Es ist ja auch oft so. Da steht man im Leben vor einer offenen Tür und weiß nicht aus noch ein.
Jeder muss sich seine Lösungen selbst suchen. Das hat der Hein auch gut erkannt. Auch ich habe die Story gern gelesen. Gut, bis auf die ganzen Flüchtigkeitsfehler, aber DAS kann ja nun wieder JEDEM anderen auch passieren, vor allem, wenn man spontan drauflosschreibt...
Ja, wir wollten eh eine Story nominieren, sogar regelmäßig.
Na dann...
:-)
Uschi

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#5

Hitzige Nacht - Kapitel 3

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 23.03.2007 20:39
von Joame Plebis | 3.388 Beiträge | 3363 Punkte
Hallo, alphabetisch: lieber Brotnic2um, liebe Uschi!

Ich denke schon, es sollte weiter gehen. Nur war ich einige Tage weg. Dann gibt es noch verschiedene Umstände, die es nicht so einfach erlauben, das zu machen, wozu man Lust hat.

Mich zieht es schon hin zum Hein, ihn ein Stück seines Weges zu begleiten und zu sehen was er so treibt, wie es ihm ergeht, nachdem er seine Arbeit verloren hat.
Die Frage für mich war und ist eigentlich jene, ob es auch erwünscht ist.
Bisher zeigte Uschi Interesse, ob auch Du Brotnic2um dafür bist, daß es weitergeht, konnte ich nicht eindeutig herauslesen.

Aber die Kommentare haben mich gefreut. Ein kleines breites Grinsen verzerrte mein Gesicht. Genau das gleiche, das Hein stets immer hat, wenn er die leere Flasche auf den Tisch stellt und kein Geld mehr, eine weitere zu bestellen.
Ja, richtig, ich glaube, er hat etwas zu trinken begonnen,
da hat er mir einiges voraus.

Liebe Grüße!
Joame
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#6

Hitzige Nacht - Kapitel 3

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 15.04.2007 15:36
von Alcedo • Mitglied | 2.444 Beiträge | 2351 Punkte

Zitat:

turbanarigem

?

hallo Joame

ein arischer Turban? schade, wohl nicht. hat wohl eher mit artigem zu tun (bitte ändern!).

ich hab sie alle drei gelesen. das Leitmotiv des offenen Bademantels ödete etwas an. die Taschenlampe fand ich aber lustig. auch mag ich keine Geschichten bei denen der Allwissende Erzähler überall dabei ist, im Badezimmer und in Heins Gedankenwelt, und dann bisher gehabtes "wiederkäut" aus anderer Perspektive. am Ende der 1.Episode dachte ich es driftet in Richtung Science-Fiction ab, Asimov und "Nightfall" lässt grüßen, aber mitnichten. schade. wenn es aber in diese Richtung laufen sollte, dann holst du definitiv zu weit aus.

während dem Lesen hab ich mir Gedanken gemacht, was die seltsame Formatierung der Absätze betrifft. soll es so leichter zu lesen sein? ich finde es ist nicht gut, wenn man sich beim ersten Durchlesen Gedanken um die Formatierung macht.

Gruß
Alcedo

e-Gut
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