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#1

Kotzebue

in Gesellschaft 17.01.2007 12:25
von Albert Lau (gelöscht)
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Kotzebue


Die Kleinstadt lebte lang in Angst und Schrecken:
vier Mädchen waren fort,
ob lebend oder tot, nicht zu entdecken.
Man traute keiner Seele mehr am Ort.

Und eines Nachts ist Kotzebue verschwunden,
kein Mensch hat ihn vermisst.
Ein Nachbar fragte später nach den Hunden,
ganz nebenbei, bevor man es vergisst.

Was war der für ein Mensch, wer stellt die Frage?
Wer hat ihn denn gekannt?
Gesehen wohl, gesprochen nie, die Tage
ist der doch noch durchs halbe Dorf gerannt.

Rief er nicht nach den Kötern? Doch, ich meine,
ich hätte es gehört.
Zum ersten Mal sah ich ihn ganz alleine,
tatsächlich wirkte er auch leicht verstört.

Wie dem auch sei, der Spuk hat nun ein Ende.
Echt gruselig, der Typ.
So?n alter Kerl und dennoch so behände!
Wer weiß schon, was den nachts nach draußen trieb?

So denkt doch an die vier vermissten Mädchen
und schaut nicht so pikiert!
Der wohnte noch nicht lange hier im Städtchen;
was hat ihn überhaupt hierher geführt?

So sprach man und nur anfangs eher heimlich
vom alten Kotzebue.
Denn von dem Tage schoben alle einig
dem schwarzen Mann die toten Kinder zu.

Wen stört, dass man ihn selbst und seine Hunde,
erschlagen und entstellt
in einem Wäldchen fand? Es bleibt die Kunde,
dass Kotzebue noch immer Ausschau hält.

Der Nachbar zog bald fort und keiner wusste,
wohin; doch war man froh,
der Frieden kehrte ein, denn niemand musste
von toten Mädchen träumen oder so.

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#2

Kotzebue

in Gesellschaft 17.01.2007 12:40
von Knud_Knudsen • Mitglied | 994 Beiträge | 994 Punkte
hi Al,
na wieder ein interessanter Text. Das erinnert mich an ein Lied von Franz J. Degenhardt.
"He Fremder mit dem Hinkefuss,
ich bin der Wirt kommt tretet ein,
ich sah wie Ihr die Kurve nahmt
Ihr rutschtet in den Graben rein.

Die sind voll Misstraun hier die Leut,
und haben Hunde scharf gemacht,
sie spüren jeden Fremden auf,
und das ist eine helle Nacht,
Ihr sagt wir lebn doch Heute?
Ja so sind sie hier die Leute"

Die Ausgrenzung von Leuten die Fremd, die Anders sind. Suche nach schnellen Lösungen für vielschichtige Probleme. Aussenseiter als Sündenbock, egal ob schuld oder nicht. Augen zu und durch und dann wieder die altvertraute Ruhe.
Schön. Gefällt mir, wenn auch die Metrik mich manchmal stocken lässt.
Gruss
Knud

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#3

Kotzebue

in Gesellschaft 17.01.2007 13:04
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Al

Ach, ich liebe solche Erzähl-Gedichte! Sehr schön. Gut gemacht, werter Dichter.

„Die Botschaft“ muss ich gar nicht näher erklären, sie ist offensichtlich und Knud fasste sie ja schon in Worte. Das bekannte Kaspar-Hauser-Thema. Fremdes, Unverständliches und Ungewohntes macht Angst. Lieber den Fremden hängen, als den lieben Nachbarn verdächtigen. Vielleicht ist das – in einer dörflichen Umgebung – noch etwas stärker ausgeprägt, als in einer Grossstadt, wo eigentlich jeder ein Fremder ist und evtl. schrammt es auch ein wenig am Klischee entlang, aber ich sehe das nicht so wahnsinnig eng.

Finde ich ganz toll geschrieben und ich stosse mich auch nirgends an fehlender Metrik. Ist doch alles sehr rhythmisch.

Gruss
Margot

P.S. Dann schreite ich mal zur Nominierung, Herr Scorsese.
P.P.S. Übrigens ganz toller Name! Ich hab ja ein Faible für aussergewöhnliche Namen und musste das noch erwähnen.

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#4

Kotzebue

in Gesellschaft 17.01.2007 13:55
von Erebus (gelöscht)
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Hallo Albert.
hübsch. Ist das eine Ballade ?

Eigentlich mag ich keine Geschichtengedichte, vor allem dann nicht, wenn Klassisches nachgetunt oder Fantasy betrieben wird.
Hier aber wird eine durchgehend recht spannende, dichte Schilderung abgeliefert.
Ja, dem Knud muss ich recht geben, es erinnert ein wenig, nicht so sehr durch die Handlung als durch die Stimmung.
S6 empfinde ich pers. als etwas weitschweifig, so, als ob sie einsparbar wäre.

Aber Herr Lau, haben Sie es mit den Augen? Sie pumpen die Texte so auf. Oder ist das wg. ihrem sehschwachen, weil älterem, Publikum.
Das ist doch reine Bildschirmverschwendung - und wirkt etwas bedrohlich

Gruß

Ulrich

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#5

Kotzebue

in Gesellschaft 23.01.2007 13:53
von Albert Lau (gelöscht)
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Vielen Dank für Eure Kommentare!

Ohne es einer genaueren Analyse unterzogen zu haben, muss auch ich sagen, mit der Melodei ganz gut leben zu können, mein lieber Knud. Auch muss ich Margot dahingehend zustimmen, dass ich eher innerlich Kaspar von Reinhard Mey summte und bei dem Feld ans Oettinger selbe dachte, ansonsten hast du aber natürlich grundsätzlich recht.

Vielen Dank auch für die Nominierung, Margot. Für den Namen kann ich aber nichts, der ist so.

Ja, Erebus, eine Ballade, wenn auch eine kurze. Danke, dass du es als spannend und dicht empfindest, hier wird tatsächlich auch nichts nachempfunden oder etwa Fantasy betrieben. Selbstdarstellung betreibt man aber sicher mit jedem Werk, das man veröffentlicht, und die kann mir gar nicht fett genug sein. Ich liebe das, wenn mein gesamter 19’’-Flachbildschirm fett zugelettert und alles meins ist, meins, meins, meins! Ah, Verschwendung ist so herrlich dekadent, finden Sie nicht?

Mein im Grunde ausschließlich sehschwaches Publikum (muss so sein, sonst hätte ich keines) wird es mir danken aber natürlich leider nicht mehr lange meines sein. Insofern werde ich mich wohl lieber wieder etwas mäßigen.

Digitale Grüße!

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#6

Kotzebue

in Gesellschaft 25.01.2007 13:50
von Fabian Probst (gelöscht)
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ja, eine schön erzählte Geschichte.
Dass du dein Handwerk beherrscht, muss man ja nicht lang erzählen, das Gesamtpaket it stimmig und rund.

Zwei Sachen haben mir beim ersten Lesen Probleme gemacht:
Ich konnte die Hunde nicht einordnen, wusste auch nicht, dass sie Kotzebue selbst gehören. Dachte zuerst, man wolle mit ihnen nach den Mädchen suchen.

Den Anfang von S6 finde ich als einzige Stelle etwas schwierig bzw. ungelenk geschrieben. Normalerweise müsste man hier das "Denkt", und dann wohl auch das "nur" betonen, jedenfalls nach meinem Empfinden. Das "doch" zu betonen und weder "denkt" noch "nur" war für mich ziemlich schwierig.

Ansonsten kann ich die Nominierung nur unterstreichen.
Mir gefällt auch das Ende mit dem "oder so", fasst es doch noch mal gekonnt die Verwischung von Tatsachen, Gerüchten und Ängste zusammen, ohne dabei konkret davon zu sprechen. Finde ich als Abschluss richtig gut.
Nebenbei hat es etwas ganz Eigenes, fast wie dieses "Es war einmal" von den Brüdern Grimm.

Kurz geagt: Mag ich.

Gruß, Fabian


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#7

Kotzebue

in Gesellschaft 26.02.2007 14:01
von Albert Lau (gelöscht)
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Wer hat denn das gepinnt? Das war aber nett.

Hallo Fabian!

Dein Kommentar ist mir untergegangen, ich bitte um Entschuldigung. Du hast vollkommen recht mit Zeile 6. Beim heutigen Nachlesen fand ich diese Stelle ebenfalls holperig und das auch noch ohne größere Not. Was hat mich da getrieben?

Ich habe es jetzt abgeändert. Vielen Dank!
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