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#1

Halt mich, Nähe

in Philosophisches und Grübeleien 30.11.2006 23:44
von Pseudonym (gelöscht)
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Halt mich, Nähe


Was macht uns Angst
im Ruhelosen?
Dass es uns immerfort
zu andren Orten treibt.

Scheint nur
das grüne Licht
uns noch natürlich?
Ist’s nur die Hoffnung,
sich termingerecht
zu finden?

Geh von mir,
Fluchtgedanke.
Es bleibt
nur ein Sekundentraum,
mal wieder
Schlaf zu suchen.

Mir fehlt
die Bindung -
will ich doch lernen,
loszulassen.

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#2

Halt mich, Nähe

in Philosophisches und Grübeleien 01.12.2006 09:54
von Joame Plebis | 3.402 Beiträge | 3363 Punkte
Hallo Pseudonym!

Mit nachfolgende Präsentation gewänne nicht nur die Übersichtlichkeit,
es entspräche mehr meiner Vorstellung.

Was macht uns Angst im Ruhelosen,
dass es uns immerfort zu andren Orten treibt?

Scheint nur das grüne Licht uns noch natürlich?
Ist’s nur die Hoffnung, sich termingerecht zu finden?

Geh von mir, Fluchtgedanke!
Es bleibt nur ein Sekundentraum,
'mal wieder Schlaf zu suchen.

Mir fehlt die Bindung -
will ich doch lernen, loszulassen.


Der Lyriker scheint mir ein diffuses angsdurchsetztes Unruhegefühl
zu beschreiben, eine Art Getriebenheit bzw. Suche.
Der Fluchtgedanke könnte als letzter Ausweg interpretiert werden,
den er von sich weist.
Die Ratio scheint zu siegen, erkennt er doch, erlernen zu müssen,
sich mit Gegebenheiten abzufinden.

Es läßt einige Auslegungsmöglichkeiten zu, ist vage beschrieben,
wobei er selbst mir nicht ganz unwissend erscheint,
was die Ursache anbelangt.

Die gestellten Fragen sind eher als rhetorisch anzunehmen.
Die tatsächlich auslösende Ursache ist ihm vermutlich bekannt.

Insgesamt erscheint es mir als Lyrik, die aus einer pupertären Situation
entstanden ist.

Bei allem Respekt vor der Motivation der Niederschrift, wirkt die
dargebotene Form der Gedanken eher oberflächlich und nicht
konsequent durchdacht.
Mir hätten Reime besser gefallen.

Joame

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#3

Halt mich, Nähe

in Philosophisches und Grübeleien 01.12.2006 10:28
von Albert Lau (gelöscht)
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Hallo Pseudonym,

das lädt mich sprachlich zum Verweilen ein, klingt gut und Fragen sind ein bewährtes Mittel, da sie nun einmal sympathischer daherkommen, als Belehrungen. Es ist kurz, auch das gefällt hier eher, weil nichts schlimmer ist, als wenn kurze Aussagen lang ausgebreitet werden.

Insofern finde ich das vom Ansatz und auch von der Ausarbeitung ganz gut gelungen, wären nur die inhaltlichen Brüche nicht, die sich mindestens auf den zweiten Blick deutlich zeigen. Denn was will uns der interne Erzähler hier sagen? Geht es nicht darum, innere Heimkehr und Einkehr zu finden, statt in blindem Aktionismus der Grünen Welle nachzujagen?

Dann halte ich die "Angst im Ruhelosen" für mindestens missverständlich ausgedrückt. Den meisten geht es doch anders herum, sie verspüren Angst in der Ruhe und daher überspielen sie ihre inhaltliche Leere mit Aktion. Und das lyrische Ich sucht diese Kraft in der Ruhe, es sucht nach (An-)Bindung, die fehlt ihr. Aber warum versucht jemand, der beständig los lässt, genau das zu lernen? Das erscheint mir widersprüchlich, dieser Erzähler muss doch erst einmal lernen, festzuhalten. Gut, ich begreife, dass Loslassen etwas anderes ist, als von vorneherein ohne Bindung herumzuschweben. Aber schlüssig ist das für mich nicht, wenn ich Bindung einklage, nur um lösen zu können. Das erinnert mich an die Forderung einiger Feministinnen nach Wehrpflicht auch für Frauen, damit auch die verweigern könnten.

Fazit: Diese inhaltliche Uneindeutigkeit zerstört nach meinem Geschmack das Gedicht, es wirkt nicht ausgereift.

Entgrüßt.

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#4

Halt mich, Nähe

in Philosophisches und Grübeleien 01.12.2006 12:57
von Maya (gelöscht)
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Hallo Du!

Ich finde auch (Albert hat das gut begründet), dass die erste Frage anders lauten müsste: Was macht uns Angst, dass wir so ruhelos sind? (oder so ähnlich), weil die Ruhelosigkeit sich als mögliche Konsequenz aus der Angst ergibt. Die Antwort auf diese Frage des lyrIchs, so würde ich es vermuten, hieße: zu viel Nähe.

Ich sehe hier jemanden, der sich wünscht, seiner Rastlosigkeit zu entkommen, was aber nur geschehen kann, wenn er das passende Gegenstück gefunden hat. Es geht also um die fortwährende Suche nach einem geeigneten Partner, aber auch um ein gesundes Maß an Nähe und Distanz. Das Problem ist nun, dass der Protagonist zwar von einer Beziehung träumt, sich gleichzeitig aber vor Nähe (Bindungsängste) fürchtet. Aus irgendwelchen Gründen – vielleicht aus Selbstschutz, um nicht wieder verletzt zu werden - scheint er von vornherein immer auf Distanz zu bleiben. Ihm ist das auch bewusst, nur vermag er das erst einmal, nicht zu ändern. Mir scheint es so, als hätte er das Vertrauen in die anderen Menschen verloren, weil er eine schlechte Erfahrung gemacht hat. Was ich nicht so recht verstehe, ist dieses „termingerecht zu finden“. Wird damit auf den Zufall angespielt, doch irgendwann und irgendwo den passenden Deckel zu finden?

Die vorletzte Strophe gefällt mir am Besten, weil sie die Zerrissenheit des lyrIchs aufzeigt, denn einerseits möchte es zwar die Fluchtgedanken forttreiben und Nähe zulassen, andererseits sträubt es sich aber bereits gegen die Suche. Es kann (noch) nicht aus seiner Haut, was ihm auch bewusst ist. Die letzte Strophe interpretiere ich so, dass es auch innerhalb einer Beziehung, sollte es denn dazu kommen, wichtig ist, eine bestimmte Distanz zu wahren und den anderen nicht zu erdrücken. Dieses „loszulassen“ verstehe ich nicht als ein Auflösen der Bindung, sondern, wenn man so will, als Abstandshalter.

Mir gefällt das gut und finde dieses Gedicht ganz und gar nicht oberflächlich, sondern gut durchdacht.

Gruß, Maya

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#5

Halt mich, Nähe

in Philosophisches und Grübeleien 12.12.2006 15:45
von Fabian Probst (gelöscht)
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Huups, da habe ich doch glatt vergessen, dass ich das geschrieben habe.

Danke für die Kommentare.

Ihr habt alle Recht mit euren Meinungen.

@Joame: Mir gefallen diese Zweireiher nicht, keine Ahnung, warum das so ist. Irgendwie wirkt das in meinen augen nicht.

Witzig ist, dass du sagts, dir hätten Reime besser gefallen, zeigt es doch, dass ich mich da sichtlich wohler fühle, als in der freien Form.

Deine Interpretation ist soweit richtig, nur dass ich es nicht als pubertäre Sichtweise sehen würde, eher als eine Erkenntnis eines Menschen, der sehr zielstrebig und verbissen weiter kommen will, und irgendwann merkt, dass er sich verrennt.

@Albert Lau: Ja, die Eingangsfrage wirkt so natürlich etwas verwirrend, das gebe ich zu. Die Angst soll hier eine Form des Antriebes darstellen, was durch den Nachsatz: "dass es uns immerfort ... treibt" deutlcih gemacht werden soll. Aber ich sehe die Missverständlichkeit durchaus.

Das Loslassen soll einfach dafür stehen, dass man letztendlich doch seine eigenen Wege gehen muss, aber nicht, ohne zwischendurch mal anzuhalten und nach Links und Rechts zu schauen. Das Loslassen soll auch nicht als radikales Verlassen gewertet werden, nur als Erfahrung des Vermissens oder der Sehnsucht. Denn diese bleibt letztlich aus, wenn man nie etwas zurück lässt.

@Maya: Ja, deine Umformulierung ist richtig, aber sie klingt halt nicht gut.
Wie ich schon sagte, die Angst soll hier als Antrieb gesehen werden, die im Ruhelosen verharren lässt. Die Missverständlichkeit habe ich bereits eingesehen.

Dein Apekt der Suche nach einem Partner freut mich, habe ich ihn ursprünglich zwar nicht allein im Sinn gehabt, aber er ist als eine besondere Form der Bindung natürlich auch ein Teil des Gedankens. Wenn du das auf diesen fokussieren kannst beim Lesen, ist das doch ein gutes Zeichen, wie ich meine.

-------

Mich hat es auch gereizt, mal etwas unter Pseudonym zu posten, deshalb habe ich Arno dieses Gedicht geschickt. Dabei wollte ich bewusst etwas einstellen lassen, was man formal nicht mit mir in Verbindung bringen würde.
Es ist ein älteres Werk, dass ich in der Phase der "Weisheiten" und "Poesiealbumsprüche" geschrieben habe.
Ich mag es, aber finde es auch nicht überragend.

Danke noch mal für eure Meinungen.

Gruß, Fabian


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