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#1

Herz aus Stein

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 28.10.2006 01:30
von Roderich | 645 Beiträge | 645 Punkte
Herz aus Stein


Ich habe ein steinernes Herz. Es besteht aus einer Mischung von Granit und Basalt. Zum Glück überwiegt der Granitanteil, denn ansonsten wäre es wohl zu zerbrechlich, um dauerhaft in meiner Brust bestehen zu können. Ich sage bewusst „bestehen“ und nicht „schlagen“, denn schlagen kann es nicht. Konnte es in 24 Jahren noch nie. Wie denn auch, wenn es nur aus hartem Stein besteht?
Ich weiß zwar nicht, warum ich ein steinernes Herz habe und andere Menschen nicht, aber für mich ist mein Herz normal. Es ist ein Teil von mir und wenn es auch nicht so ist, wie das Herz meiner Mitmenschen, so ist es dennoch ein Herz, mein Herz.

Letztlich traf ich ein hübsches Mädchen im Wald. Das klingt nun seltsam, denn welche Art von Mädchen treibt sich alleine im Wald umher? Genau dieser Gedanke ging mir auch durch den Kopf und so wartete ich erst einmal ab, vorsichtig, und überließ dem Mädchen die Initiative. Oder eigentlich der jungen Frau, denn sie war sicher nicht jünger als ich. Lange, dunkelbraune Haare, die in Wellen ihr Gesicht, das feine, aristokratische Züge trug, umspielten, große, dunkelbraune Augen, sehr zarte Glieder, sie wirkte zerbrechlich und verletzlich. Dennoch strahlte sie Würde und Zuversicht aus. Ein wenig glich sie einem Reh, das sich in den Körper einer Frau verirrt hatte.
Sie stellte sich vor mit den Worten: „Hallo, ich bin die Liebe.“
Und ich sagte darauf: „Und ich bin der Mann mit dem steinernen Herzen.“
Wir gaben uns ein wenig förmlich die Hand, ich dabei bemüht, ihre schmalen Finger nicht durch meine Grobschlächtigkeit zu zerquetschen.
Sie lächelte, dann forderte sie mich mit einer knappen Geste auf, Platz zu nehmen auf einem Baustamm, der bemoost quer über dem Herbstlaub lag.
Ich fragte sie: „Warum sind wir uns früher nie begegnet?“
Sie zuckte bloß mit den Schultern. Dann zog sie eine Zigarette aus ihrer Handtasche und zündete sie an.
„Du rauchst? Das wundert mich jetzt ein bisschen, offen gestanden.“
Sie lachte kurz auf, dann meinte sie: „Was kann es mir schaden? Und so eine kleine Zigarette kann eine große Geste sein, wenn sie zur richtigen Zeit geraucht wird.“
„Hast du große Gesten nötig?“
Sie nickte. „Mehr als du denkst.“
Ich starrte gedankenverloren auf das gelbe Laub, dann blickte ich auf und ihr direkt in die Augen. „Ich weiß nichts von Gesten. Ich habe ja nur ein steinernes Herz. Da komme ich gut ohne Gesten aus. Denn nichts würde sich verändern durch Gesten, wie groß sie auch sein mögen. Aber das ist in Ordnung, denn mein Leben wird dadurch einfacher. Ich muss mich nicht anstrengen, um Mädchen zu beeindrucken. Denn es hätte sowieso keinen Sinn. Deshalb frage ich mich jetzt auch, was unsere Begegnung soll. Wenn man logisch denkt, kommt man zu dem Schluss, das wir uns nie kennen lernen hätten dürfen.“
„Aber wir haben uns kennen gelernt.“
„Und was bedeutet das?“
„Dass du vielleicht doch kein steinernes Herz hast? Dass du dir das immer eingeredet hast, wieder und wieder, Tag für Tag?“
Ich war verunsichert. Das Herz – das wichtigste Organ, das, woran alles Leben lag – mein Herz sollte nicht das sein, was ich immer glaubte, dass es sei? Das war undenkbar für mich. So öffnete ich meinen Brustkorb, um mich selbst zu vergewissern. Nach einem kurzen Zögern griff ich hinein, schob den Magen zur Seite und zog mein Herz heraus. Es war schwer. Es war hart. Es war aus Stein.
Sie zuckte bei diesem Anblick bloß mit den Schultern. „Okay, dann habe ich mich geirrt.“ Ein weiterer Zug von ihrer Zigarette und sie blickte stumm in den Wald hinein.
„Du kannst es haben, wenn du willst“, bot ich ihr an. Doch sofort, nachdem ich dieses Angebot ausgesprochen hatte, wurde mir bewusst, wie unsinnig es war. Was hätte sie, die Liebe, mit meinem steinernen Herzen anfangen können? Und wie hätte ich ohne Herz weitergelebt?
Sie ging auch nicht auf mein Angebot ein und erleichtert stopfte ich mein Herz zurück in den Brustkorb und schloss diesen wieder.
„Und was machen wir jetzt?“, frage ich sie.
„Ich rauche fertig und dann gehe ich weiter“, sagte sie, ohne mich anzublicken. „Und du gehst dann auch weiter, wohin du anfänglich wolltest.“
„Wir werden uns nicht wieder sehen?“
Mit einem Male traurig schüttelte sie den Kopf. „Ausgeschlossen. Selbst dieses zufällige Treffen hätte nicht sein dürfen. Da ist etwas gewaltig schief gelaufen.“ Nach ein paar Sekunden fügte sie leise hinzu: „Aber ich habe es sehr nett gefunden, dich kennen zu lernen.“
„Ehrlich?“ Ich war überrascht. Unser Gespräch konnte man schließlich nicht wirklich als fließend bezeichnen.
Sie nickte nachdrücklich. „Ja, ehrlich! Weißt du, das war wie eine kleine Auszeit für mich. Ganz unbefangen, ohne Pflichten oder Erwartungshaltungen.“
Dann stand sie auf. „Aber nun muss ich weiter.“
Auch ich erhob mich vom Baumstamm, stand ihr gegenüber. Unsere Nasen berührten sich fast, so nahe standen wir beisammen.
Plötzlich beugte sie sich nach vorne und küsste mich sanft. Sie schmeckte fantastisch – es war, als wären alle wunderbaren Aromen der Welt in ihren Lippen vereint. Vanille, Kirsche, Orange, Erdbeere, Zitrone, Schokolade, Flieder, Tanne, Rose, Kamille, einfach alles. Und dann hörte ich es: Ein einziges lautes Schlagen meines Herzen. BUMM.
Dann wieder Stille. Ihre Lippen lösten sich von den meinen und sie ging. Ich blieb zurück und starrte noch lange auf die Stelle, wo sie im Dickicht des Waldes verschwunden war.

Ich wache immer noch oft in der Nacht schweißgebadet auf, da ich glaube, mein Herz würde wieder schlagen. Doch jedes Mal muss ich feststellen, dass ich bloß von diesem einen Moment im Wald geträumt habe.
Und, um ehrlich zu sein, ist es mir ganz Recht, wenn es beim Träumen bleibt, denn so schön und aufregend jener Moment auch war, würde mir wohl das Herz zerplatzen, müsste es öfter schlagen. Es ist schließlich nur aus Stein.

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#2

Herz aus Stein

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 28.10.2006 01:50
von Krabü2 | 797 Beiträge | 797 Punkte
Hi Rod,
find ich ganz gut, den Text. Vehement nicken allerdings scheint mir ein wenig 'too much', und den letzten Absatz - den würde ich im Präsens schreiben, soweit möglich :-)
Ansonsten: gern gelesen.
Lieben Gruß
KB

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#3

Herz aus Stein

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 28.10.2006 01:54
von Roderich | 645 Beiträge | 645 Punkte
Hallo Kratzbürste,

du bist ja schnell! Vielen Dank für deine Kritik. Mit dem Präsens hast du Recht - das würde besser passen. Werde ich gleich noch ändern. Auch das "vehement" werde ich streichen, auch da hast du völlig Recht.

Ansonsten: Freut mich, dass du diese Geschichte, die sicherlich mal anders ist als das Übliche von mir, gern gelesen hast.

Viele Grüße

Thomas

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#4

Herz aus Stein

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 28.10.2006 01:57
von Krabü2 | 797 Beiträge | 797 Punkte
JEP! Viel besser!

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#5

Herz aus Stein

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 28.10.2006 09:01
von Joame Plebis | 3.383 Beiträge | 3363 Punkte
Guten Tag, Roderich!

Du zeigst Deine Phantasie als unendlich, das ist unabdingbar für einen Schreiber. Dadurch kannst Du dem Leser nach Belieben Themen präsentieren, ohne verkrampft suchen zu müssen.
Ich las es gerne, dieses überspitzte Märchen.

Freundlichen Gruß!
Joame

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#6

Herz aus Stein

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 28.10.2006 09:54
von Roderich | 645 Beiträge | 645 Punkte
Hallo Joame,

ich danke dir sehr für deine Worte. Das geht runter wie Öl, eine unendliche Fantasie - wow! Ich selbst sehe meine Fantasie zwar als durchaus sehr begrenzt an, aber es hilft, wenn man mit offenen Augen und Herzen durchs Leben geht - dann kommen einem die interessantesten Gedanken von allein. Inspiration liegt überall, man muss sie nur aufheben.

Freut mich, dass dir mein kleines Märchen (habe tatsächlich überlegt, das unter die Märchenrubrik zu stellen, mich aber dagegen entschieden, weil ich den Text doch eher als Parabel denn als Märchen sehe) gefallen hat und du es gern gelesen hast.

Viele Grüße

Thomas

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