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#1

Für Elisabeth!

in Märchen, Fabeln, Sci-Fi und Fantastisches 22.10.2006 14:38
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Für Elisabeth



Prolog

Seamus hatte das dringende Bedürfnis sich zu erleichtern. Er presste die Pobacken zusammen und atmete tief ein, was den Drang ein wenig unterdrückte. Er spähte zwischen den Haselnussstauden hindurch und erblickte das grüne Kleid seiner Schwester. Elisabeth war nur knappe drei Meter von ihm entfernt und er hörte sie leise summen.
Seamus liebte seine Schwester abgöttisch. Obwohl sie, mit ihren dreizehn Jahren, schon fast eine Frau war, spielte sie lieber mit ihrem kleinen Bruder Verstecken, als sich Frauenarbeiten zu widmen, was ihre Mutter immer wieder aufbrachte.
Lady MacAllister schimpfte regelmässig mit ihr, wenn sie sich von den Stickarbeiten davonschlich, um mit Seamus durch die Umgebung von Trintem Castle zu streifen.
Mit seinen acht Jahren fühlte sich Seamus schon sehr erwachsen und er beruhigte seine Mutter immer, dass er, sollte Gefahr drohen, seine Schwester beschützen würde, wenn nötig mit seinem Leben.
Lady MacAllister entlockten diese Versprechen jedes Mal ein nachsichtiges Lächeln doch sie strich ihm dabei zärtlich über die blonden Locken und nickte stolz.

Trintem Castle lag auf einem kleinen Hügel, umgeben von lichten Föhrenwäldern, am Ufer des River Earn. Über einen gewundenen Weg, an dessen Seiten struppiges Heidekraut wucherte, gelangte man ins Dorf Trintem hinunter, das aus recht schmucken, wenn auch einfachen Holzhäusern bestand.
Die Ländereien der MacAllisters waren klein, doch hatte sich die Familie auf das Brauen von Bier spezialisiert und es dadurch zu Ansehen und Wohlstand gebracht. Im Grunde war es eine recht friedliche Zeit, in der Seamus aufwuchs. Die Clankriege waren vorbei und nur ab und zu brachen ein paar wilde Horden aus dem Norden ein und brandschatzten die Umgebung.
Connor MacAllister, Seamus Vater, hatte befohlen, einen dicken Palisadenzaun aus zugespitzten Baumstämmen um das Dorf zu bauen und schon seit längerer Zeit hatte dies verhindert, dass Trintem von den Plünderern heimgesucht wurde. Trintem Castle seinerseits war durch dicke Steinmauern vor Angriffen geschützt und bis jetzt hatten die MacAllisters, wie auch ihre Untertanen, allen Widrigkeiten getrotzt.
Seamus Vater war vom König eingeladen worden, um wichtige Angelegenheiten zu besprechen und würde sicher noch eine Woche weg bleiben. In dieser Zeit war Seamus der Herr auf Trintem Castle und er fühlte sich dabei äusserst wichtig. So ertrug er es mit milder Gelassenheit, wenn Elisabeth ihn darob neckte und ihn ‚Master Seamus’ nannte.
„Seamus!“, rief seine Schwester, „ich kriege dich!“
Sie lachte hell und Seamus duckte sich noch etwas tiefer ins Gebüsch. Ein spitzer Stein bohrte sich in sein Knie und er unterdrückte einen Schmerzenslaut. Er würde durchhalten, er war schliesslich ein Mann!

Unerwartet verwandelte sich die friedliche Umgebung. Die Vögel verstummten und Seamus fröstelte plötzlich. Ein Donnern erfüllte die Luft, doch als er zum Himmel blickte, konnte er keine Gewitterwolken ausmachen. Der blaue Himmel spannte sich immer noch über das, im goldenen Oktoberlicht liegende, Tal.
Seamus erhob sich vorsichtig und spähte auf die Lichtung, wo Elisabeth kniete und die letzten Herbstblumen pflückte. Sie schien ihn und ihr Spiel vergessen zu haben. Versunken summte sie ein Kinderlied.

Seamus Aufmerksamkeit wurde durch eine Bewegung im Gehölz von seiner Schwester abgelenkt. Durch die knorrigen Föhren preschten drei Reiter auf die Lichtung zu und Seamus Atem stockte.
Gefahr! schoss es ihm durch den Kopf und er wollte losstürmen und zu seiner Schwester laufen, doch seine Füsse schienen plötzlich mit dem Boden verwachsen zu sein und er konnte sich nicht bewegen.
Auch Elisabeth hatte jetzt bemerkt, dass irgendetwas nicht stimmte. Sie stand auf und starrte auf die Reiter, die auf sie zugaloppierten. In der Hand hielt sie immer noch den Strauss Herbstblumen und der Wind spielte mit ihrem langen, roten Haar.
Unvermittelt wandte sie sich um und lief direkt auf Seamus zu. Ihr grünes Kleid flatterte wie ein Segel hinter ihr her. Der Strauss entfiel ihren Händen und Seamus sah die Panik auf Elisabeths Gesicht. Er wollte rufen, wollte winken, wollte irgendetwas tun, doch seine Glieder waren aus Blei und seine Stimme nur ein heiseres Krächzen. Die Hilflosigkeit trieb ihm die Tränen in die Augen, doch er hatte nicht die Kraft, sie wegzuwischen.

Die drei Reiter hatten jetzt Elisabeth entdeckt, die wie ein flüchtendes Reh über die Lichtung hetzte. Einer der Dreien wandte sein riesiges Schlachtross und jagte hinter ihr her. Fast wäre es seiner Schwester gelungen, die schützenden Haselstauden zu erreichen, doch kurz bevor sie beim Gebüsch ankam, hatte der Reiter sie eingeholt. Er senkte seinen Arm und hob Elisabeth einfach hoch, als wäre sie eine Feder, dann riss er an den Zügeln und sein Ross stemmte sich in den Boden. Laub und Erde stoben auf und knapp vor Seamus Versteck kam das riesige Kampfross zum Stehen.
Seamus roch den Pferdeschweiss, hörte das heftige Schnauben des Tieres und die Schreie seiner Schwester. Der Ritter spähte mit schmalen Augen in das Gebüsch und Seamus erstarrte zur Salzsäule. Er hörte auf zu atmen und zitterte am ganzen Körper. Ein warmes Rinnsal lief an seinen Beinen hinunter und tröpfelte auf den Boden.
Dann, unvermutet, riss der Mann sein Ross herum und trabte auf seine zwei Kumpane zu, die in der Mitte der Lichtung auf ihn gewartet hatten. Ohne ein Wort wendeten sie die Pferde und galoppierten zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Die Schreie seiner Schwester wurden immer leiser, bis sie nicht mehr zu hören waren.


1

Urquart Castle war königlich beflaggt und eine riesige Menschenmenge strömte schon seit den frühen Morgenstunden auf den Turnierplatz, der hinter der mächtigen Burg aufgebaut worden war. Auf der hölzernen Tribüne, über die sich ein fester Baldachin spannte, würden die Adeligen dem Wettkampf beiwohnen und für das gemeine Fussvolk hatte man auf der gegenüberliegenden Seite einen grossen Platz mit Latten eingefriedet.
Ein buntes Publikum hatte sich eingefunden, um am grössten Turnier Schottlands teilzunehmen, das anlässlich der Krönung von James dem Dritten stattfinden würde. Aus dem ganzen Land waren die Ritter eingetroffen, um sich miteinander zu messen und um den Tapfersten und Mutigsten unter ihnen zu küren. In den vergangenen Jahren hatte jedes Mal Sir Ronald MacKenzie, ein Günstling des alten Königs und der Taufpate des jungen Herrschers, gesiegt. Auch heute waren die Meisten davon überzeugt, dass er wieder gewinnen würde und die Wetten standen eins zu hundert auf seinen Sieg.

Seamus Blick schweifte über die Zuschauer. Er war nicht nervös, nicht einmal aufgeregt, obwohl er in den Wochen zuvor, als er die Einladung zum Turnier erhalten hatte, in eine fiebrige Unruhe gefallen war. Würde er seine Rache an diesem Tag endlich bekommen? Fände er einen Weg, um MacKenzie zu töten?

Zwanzig Jahre waren seit jenem Tag auf der Lichtung vergangen. Man hatte Seamus beim Anbruch der Dunkelheit ohnmächtig im Gebüsch gefunden und erst nach Tagen, die der Junge in einem Zustand geistiger Verwirrtheit verbracht hatte, erfahren, was passiert war. Sein Vater, nach dem man umgehend geschickt hatte, hatte sich mit Getreuen aufgemacht, um Elisabeth zu suchen. Doch als wären die drei Reiter lediglich Geister, die nur für einen kurzen Moment einer Sage entsprungen wären, hatte niemand sie gesehen, noch wusste man, um wen es sich dabei gehandelt hatte. Seamus Schwester blieb verschollen.
Lady MacAllister hatte den Verlust ihrer Tochter nicht verkraften können. Kurz nach deren Verschwinden hatte sie eine Fehlgeburt erlitten und war daran gestorben. Seamus Vater war daraufhin ein anderer Mensch geworden. Er zog sich vollkommen aus der Öffentlichkeit zurück und überliess die Geschäfte und alles, was mit seinen Ländereien zu tun hatte, seinem Verwalter, der mehr recht als schlecht zurecht kam und mit der Zeit wurde aus dem blühenden, kleinen Tal ein Ort des Kummers und des Leids. Als dann auch noch mehrere Jahre hintereinander die Ernte schlecht ausfiel, blieben die Brauereien leer und nach und nach zogen die Menschen aus Trintem weg.

Seamus war noch zu jung gewesen, um am Niedergang seiner Familie und des Gutes etwas ändern zu können. Er hatte lange Zeit zwischen Leben und Tod geschwebt, aber letztendlich hatte der Hass auf die fremden Ritter ihn am Leben erhalten. Als er grösser wurde hatte er sich selber auf die Suche nach seiner Schwester gemacht. Doch auch ihm blieb der Erfolg versagt. Niemand kannte die drei Reiter; niemand hatte ein hübsches, rothaariges Mädchen gesehen; niemand konnte ihm helfen.
Als König James der Zweite zu den heiligen Kreuzzügen aufrief, hatte sich Seamus als einer der ersten Adeligen gemeldet und die vergangenen Jahre hatte er in heissen Ländern zugebracht und einen Ungläubigen nach dem anderen getötet. Dabei hatten sich die Gesichter der Feinde in das des Ritters verwandelt, der Elisabeth geraubt hatte, und Seamus fiel es leicht, diese Männer wie Vieh abzuschlachten. Doch auch das viele fremde Blut konnte seinen Hass nicht stillen und die Schuldgefühle nagten weiterhin an seinem Herz, gleich hungrigen Ratten.

Vor zwei Jahren hatte ihm ein Ritter aus dem Norden eine Geschichte erzählt, die seine Hoffnung, über Elisabeths Schicksal und ihre Entführer etwas herauszufinden, wieder nährte. Als die Kreuzritter vor Alexandria ihr Lager aufschlugen, hatte der Feldherr seinen Kämpfern ein Fass Bier aufgemacht, in dem Wissen, dass bei der morgigen Schlacht wohl nicht alle überleben würden.
Seamus hatten den längst vergessenen Geschmack von Gewürzbier genossen und jeden Tropfen des wertvollen Getränks auf der Zunge zergehen lassen. Ganz im Gegensatz zu diesem anderen Mann, der sich das Bier becherweise einverleibte und bald sinnlos betrunken war. In seinem Rausch brüstete er sich vor seinen Kriegskameraden damit, dass er einst mit zwei Freunden zusammen, eine rothaarige Hexe geraubt hätte.

Seamus gab nicht viel auf die Reden eines Betrunkenen, doch als der Name River Earn fiel, wurde er hellhörig. Er setze sich neben den lallenden Ritter in den noch warmen Sand und fragte: „Eine Hexe? Interessant. Weshalb wusstet ihr denn, dass es eine Hexe war?“
Der Betrunkene starrte ihn aus glasigen Augen an und flüsterte: „Sie hatte langes, rotes Haar, grüne Augen und war sehr hübsch. Jeder weiss doch, dass Hexen so aussehen…“
Er rülpste vernehmlich und Seamus verzog angewidert das Gesicht.
„Und was habt ihr mit ihr getan?“, fragte er und füllte dem Ritter den Becher erneut.
„Na wir haben ihr den Teufel ausgetrieben!“, prahlte der Mann und zeigte dabei eine Reihe halbverfaulter Zähne. „Ich sage dir, Freund, die Kleine hat sich ganz schön gewehrt. Mich hat sie sogar gebissen, die Wildkatze, aber das habe ich ihr schnell ausgetrieben. Zwei drei Hiebe mit der Faust ins Gesicht und das Täubchen wurde zahm!“
Er lachte ekelhaft und Seamus musste an sich halten, ihm nicht gleich den Hals umzudrehen.
„Wie war sie denn gekleidet?“, fragte Seamus beiläufig und als ihn der Betrunkenen mit gerunzelter Stirn ansah, fügte er rasch hinzu, „nun, war sie denn in schwarze Gewänder gehüllt und hatte einen Besen dabei?“ Er lachte und der Mann grinste verstehend zurück.
„Nein, nichts dergleichen. Sie war sogar ganz schicklich angezogen. Wie ein Burgfräulein hatte sie sich ausstaffiert..... trug ein grünes Kleid und eine goldene Halskette mit einer schwarzen Perle. Keine Ahnung, wo die Hexe solche Gewänder her hatte. Ronald sagte noch, dass sie sich vermutlich immer so verkleidet, um arme Sünder anzulocken. Die werden dann verführt und die armen Seelen dem Satan verkauft.“
Er spukte auf den Boden.
Seamus fühlte eine plötzliche Schwäche in den Gliedern, als er die Beschreibung der Kleider und vor allem des Schmuckes hörte. Es handelte sich zweifelsfrei um Elisabeths Halskette, die ihr ihr Vater zum dreizehnten Geburtstag geschenkt hatte.
„Aber uns hat sie nicht irregeführt, die Satansbraut!“, fuhr der Ritter fort. „Nachdem wir alle drei unseren Spass mit ihr gehabt hatten, war sie halb tot. Wir liessen sie dann einfach in den Wäldern zurück. Die Wölfe werden wohl den Rest erledigt haben. Es ist nicht schade um eine Hexe. Im Grunde hatte sie noch Glück, dass wir sie nicht der Inquisition ausgeliefert haben. Das hätte ein schönes Feuerchen gegeben.“
Er blinzelte Seamus zu, kippte nach hinten und fing an zu schnarchen.
Seamus hatte ihm ruhig zugehört. Das Blut stieg ihm zwar zu Kopf, doch äusserlich war er eiskalt geblieben. Er war sich sicher, dass dieser Mann einer der drei Reiter gewesen war, die Elisabeth geraubt und anschliessend geschändet hatten.

Sie war also tot. Seine geliebte Schwester war seit zwanzig Jahren tot! Und trotz des Schmerzes, den Seamus jetzt wieder stärker spürte, war er auch erleichtert, endlich Gewissheit darüber bekommen zu haben.

Bevor der Ritter in seinen Tiefschlaf gesunken war, hatte ihn Seamus nach den anderen Männern gefragt. Auch über die hatte der Betrunkene bereitwillig Auskunft gegeben. Der eine hatte sich ein paar Monate später den Hals gebrochen, als er vom Pferd stürzte und der dritte, derjenige, der sich die Hexe zuerst geschnappt hatte, lebte immer noch in Schottland.
Ronald MacKenzie… der Name fiel und Seamus würde ihn sein ganzes Leben nicht mehr vergessen, wie auch den Blick nicht, den der Mann ihm vor zwanzig Jahren zugeworfen hatte. Seamus war sich jetzt sicher, dass er ihn damals in den Haselstauden gesehen hatte. Aus irgendeinem Grund hatte er ihn aber am Leben gelassen. War es Mitleid gewesen oder einfach die Gewissheit, dass dieser kleine Junge ihm nicht gefährlich werden könnte?
Seamus hatte nicht vor, ihn danach zu fragen. Er wollte keine gestammelten Antworten oder eventuelles Betteln um Mitleid, wenn er diesem Mann gegenüber stand. Und er würde ihm gegenüberstehen, das schwor sich Seamus in diesem Moment. Er würde nicht eher ruhen, als dass Ronald MacKenzie denselben Schmerz durchleiden würde, wie er ihn damals seiner Schwester zugefügt hatte und im Nachhinein der ganzen Familie MacAllister.

Der Betrunkene starb noch in dieser Nacht. Seamus schnitt ihm kurzerhand die Kehle mit einem Krummsäbel durch, den er einem Ungläubigen abgenommen hatte. Die Tat wurde den Mauren zugeschrieben und war bald vergessen. Die Kreuzritter hatten ganz andere Probleme. Unterernährung, Krankheiten und die sengende Sonne des Orients rafften viele dahin und manch einer fragte sich insgeheim, ob sich diese Glaubenskriege wirklich lohnten.
War es Seamus vorher egal gewesen, ob er lebte oder starb, wollte er jetzt unbedingt überleben, um nach Schottland zurückzukehren.
Ronald MacKenzie! Dieser Name war ab dem Zeitpunkt, wo er ihn erfahren hatte, sein Schutzschild gegen alle tödlichen Hiebe.

„Herr, Eure Lanze!“
Sein Knappe hielt Seamus die Turnierlanze hin und riss ihn damit aus seinen Erinnerungen. Die Waffe war gut dreieinhalb Meter lang und rot -weiss bemalt. Die Farben der MacAllisters. Seamus hatte noch einen Turniergang zu absolvieren und wenn er diesen gewinnen würde, stände er im Final. Im Final gegen Ronald MacKenzie.
Auf der gegenüberliegenden Seite machte sich Edward of Barnshdale, ein älterer Angelsachse, bereit. Er würde Seamus nicht gefährlich werden. Barnshdale war zwar ein erprobter Kämpfer, hielt seinen Schild aber immer eine Spur zu niedrig und Seamus würde ihn zweifellos schon mit dem ersten Stoss vom Pferd befördern.
Die Fanfaren ertönten und das Gelächter und Gemurmel der Zuschauer erstarb. Ein paar Edelfräuleins winkten von der Tribüne her mit ihren Tüchern und zollten damit ihre Bewunderung für Seamus, was ihm zwar ein Lächeln, aber nicht viel mehr entlockte. Frauen hatten ihn noch nie gross interessiert und sein Leben würde sich in Zukunft auch nicht darum drehen. Wenn das Turnier endete, wie er es sich vorgenommen hatte, würde Seamus MacAllisters Name sowieso nie mehr genannt werden und seine Güter in den königlichen Besitz übergehen.

Der Herold hob seine Fahne, hielt einen Moment inne und lies sie dann sinken. Die Ritter galoppierten los und unter dem Gejohle der Menge hob Seamus Barnshdale mit einem gewaltigen Stoss aus dem Sattel. Das Krachen seiner Rüstung als er auf den Boden aufschlug, übertönte das Geschrei der Zuschauer, doch er rappelte sich fast augenblicklich wieder hoch und hielt, als Zeichen, dass er unverletzt war und aufgab, einen Arm in die Höhe. Die Zuschauer klatschen begeistert und Seamus neigte huldvoll den Kopf. Zuerst zum König, dann zu den Edelfräuleins und zuletzt zum Publikum. Sie liebten ihn. Noch.


2

Als Seamus vor gut sechs Monaten endlich wieder heimatlichen Boden betreten hatte, führte ihn sein Weg direkt zum königlichen Hof. Er brachte Neuigkeiten von den Kreuzzügen und hatte sich das Recht zur Heimfahrt dadurch errungen, dass er bei der Einnahme von Alexandria an vorderster Front gekämpft hatte. Der alte König, dem man damals schon ansah, dass er schwer krank war, hatte ihn unverzüglich empfangen und ihn grosszügig entlohnt. Er wollte ihm zu Ehren ein Fest ausrichten, doch Seamus drängte es nach Norden. Zuerst wollte er nach Trintem Castle und dann weiter in die Highlands, um Ronald MacKenzie aufzusuchen. Der alte König spürte die Unruhe, die in dem Ritter brodelte und entliess ihn nach ein paar Tagen, ohne aus ihm herausbekommen zu haben, welche Ziele MacAllister verfolgte.

Als Seamus mit seinem Pferd den Weg zu Trintem Castle hinauf ritt, wurde ihm bewusst, wie schlecht es um seine Heimat stand. Von dem einst so blühenden Dorf war nichts mehr zu sehen. Ein paar alte, windschiefe Holzverschläge waren alles, was noch übrig geblieben war. Die zwei grossen Brauereien hatte ein Brand zerstört und nur noch schwarzes, verkohltes Holz lag herum, das bereits vom Heidekraut überwuchert wurde.
Auch die Burg sah zerfallen aus. Das grosse Tor mit den Eisenverstärkungen hing schief in den Angeln und der vormals gepflegte Burghof, war ein schlammiger, stinkender Pfuhl. Er band sein Pferd an und trat ein.
Früher liefen Bedienstete durch die hohen Hallen und im riesigen Kamin hatte meist ein grosses Feuer gebrannt. Jetzt war alles kalt und still. Er fühlte sich fremd in seinem eigenen Haus.
„Master Seamus?“
Hinter einem vergilbten Wandbehang trat seine alte Amme hervor. Ihr Haar war schlohweiss geworden und sie humpelte gebückt auf ihn zu. Ungläubig starrte sie ihn an und sank dann auf die Knie.
„Master Seamus! Sind Sie es wirklich?“
Seamus hob die alte Frau hoch und blickte in ihre tränenassen Augen.
„Wo ist mein Vater?“, fragte er hoffnungsvoll, doch die Amme schüttelte nur den Kopf.
„Er ist vor zwei Jahren gestorben“, sagte sie leise. „Wir wussten nicht, wo Sie waren und konnten Ihnen daher auch keine Nachricht zukommen lassen.“
Seamus schluckte. Also war er jetzt der Letzte der Familie. Und hatte er vormals noch Skrupel gehabt, wie sein Vater mit der Schande umgehen würde, die sein Sohn dem Geschlecht der MacAllisters zufügen würde, wenn er MacKenzie tötete, so war es diesem Umstand jetzt zu verdanken, dass Seamus auf niemanden mehr Rücksicht nehmen musste.
In den nächsten Tagen zog Seamus Erkundigungen über den Aufenthalt von MacKenzie ein. Sie verhiessen nichts Gutes. Er war als königlicher Steuereintreiber im Land unterwegs und hatte, zu seinem Schutz, eine Bande wilder Kerle um sich geschart. Alleine würde Seamus ihm nicht beikommen können und Freunde hatte er in der alten Heimat keine mehr. Er begann zu verzweifeln.

Der kranke König starb und sein Sohn, James der Dritte, folgte ihm auf den Thron. Als Seamus die Einladung zum Krönungsturnier in den Händen hielt, begann sich ein Plan in seinem Kopf zu formen, der, sollte er glücken, ihm seine Rache endlich einbringen würde.

Bei Reiterturnieren kämpften die Kontrahenten mit langen, hölzernen Lanzen gegeneinander, an deren Spitze ein faustgrosser Holzkopf befestigt war. Ziel bei solchen Schaukämpfen war es, den geschicktesten Kämpfer zu ermitteln und nicht, dem Gegner schwere Verletzungen zuzufügen oder ihn gar zu töten.
Seamus Plan war der, sich zwei identische Lanzen anfertigen zu lassen. Die eine für die normalen Durchgänge und die andere, in deren Holzkopf er eine metallene Spitze einbauen lassen wollte, für den Durchgang gegen MacKenzie.
Als er seinen Wunsch beim ansässigen Schmied äusserte, blickte ihn dieser zwar erschrocken an, nickte dann aber ergeben und machte sich an die Arbeit.


3

Nun war es also soweit. Der Herold gab die Namen der letzten Kämpfer bekannt: Seamus MacAllister gegen Sir Ronald MacKenzie.
Seamus wusste, dass er nur einen Versuch hatte. Er wusste auch, dass diese Aktion seine letzte sein würde, bevor er hinter den dicken Gefängnismauern von Urquart Castle verschwinden oder gleich anschliessend am nächsten Baum aufgeknüpft werden würde. Doch sein ganzes Leben hatte er auf diesen Moment gewartet und in wenigen Augenblicken würde sich sein Schicksal erfüllen.
Sein Schlachtross tänzelte nervös, als die Menge zu johlen begann und rhythmisch auf den Bretterzaun schlug, der die Zuschauer vom Tournierplatz trennte.
Auf der gegenüberliegenden Seite wartete Sir Ronald MacKenzie, scheinbar emotionslos, auf das Signal des Herolds. Seine Rüstung glänzte in der Nachmittagssonne und Seamus kniff die Augen zusammen. Er hatte ihn sofort erkannt, als man sie einander vorgestellt hatte. Diese Augen, diesen Blick würde er nie vergessen. In der ganzen Zeit, in der Seamus zum Mann geworden war, hatten ihn diese Augen und die Schreie seiner Schwester in den nächtlichen Träumen verfolgt. MacKenzie hatte ihm die Hand geschüttelt, ohne eine Regung im Gesicht, dass er in dem stattlichen Kämpfer den Knaben erkannte, der damals im Gebüsch verborgen gewesen war. Wahrscheinlich dachte er auch nicht mehr an Elisabeth, deren junges Leben er einfach ausgelöscht hatte. Elisabeth!

Der Herold hob abermals die Fahne und die Ritter griffen nach ihren Waffen.
Durch die metallene Spitze mit den Widerhaken, die verborgen im Holzkopf angebracht war, war Seamus Lanze um ein paar Pfund schwerer geworden, doch für seine mächtigen, kampferprobten Arme spielte das keine Rolle. Der Schmied hatte gute Arbeit geleistet und keiner hatte gemerkt, dass sein Knappe die Waffe nach dem Durchgang gegen Barnshdale ausgetauscht hatte.
Die Fahne sank und die Kontrahenten schlugen ihren Pferden die Sporen in die Flanken. Die beiden Rosse schossen nach vorne und in rasendem Galopp preschten die Ritter aufeinander zu. Kurz vor der Mitte des Platzes hob Seamus seinen Arm und zielte genau auf MacKenzies Herz.
Es krachte! Holz splitterte und ein Aufschrei ging durch die Menge. Die Wucht des Aufpralls nahm Seamus den Atem und für einen Moment dachte er, er würde das Bewusstsein verlieren. Seine Lanze war ihm entrissen worden und sein Arm fühlte sich taub und schwer an. Als er einen Blick zurück warf, sah er MacKenzie am Boden liegen. Aus seiner Brust ragte die abgebrochene Lanze.
Seamus wendete und trabte auf MacKenzie zu. Er war noch am Leben. Aus der tiefen Wunde, die die Spitze in seinen Brustpanzer gerissen hatte, schoss das Blut in einem pulsierenden Strahl hervor, der das niedergetrampelte Gras rot färbte. Er versuchte etwas zu sagen, doch nur ein Gurgeln drang aus seiner Kehle. Die Lanze hatte ihn regelrecht aufgespiesst. Es würde nur noch Momente dauern, bis er tot war.
Seamus hörte weder das Schreien der Menge, die Befehle des Königs, noch das Herbeieilen der Wachen. Er stieg von seinem Pferd, betrachtete befriedigt seinen sterbenden Feind und spukte ihm dann auf die blutüberströmte Rüstung.
„Für Elisabeth!“, sagte er kalt, dann drehte er sich um und liess sich festnehmen.


© Margot S. Baumann / 2006

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#2

Für Elisabeth!

in Märchen, Fabeln, Sci-Fi und Fantastisches 23.10.2006 16:24
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte
Bei Ihnen setze ich es ja schon voraus das alles fein verpackt und in perfekter Form geboten wird. Ich weiß, das gilt für viele andere Autoren hier auch. Trotzdem möchte ich mich mal bedanken für die Präsentation des Textes.

Gerade bei dieser etwas längeren Geschichte, ist es schön den Text vorbeifließen lassen zu können.

Genug der schönen Worte. Eine Geschichte über eine Misse- und eine Rachetat aus dem Mittelalter. Nicht, dass ich solche Geschichten nicht schon gelesen hätte, aber diese hier ist kurz und gut erzählt, weshalb ich weiterlas, weil ich denn doch wissen wollte, ob’s Elisabeth wiederauftaucht und es das Happyend mit Sahne obendrauf gibt. Das gibt es m.E. zum Glück nicht. Kurz- und Schmerzhaft endet es für den Missetäter. An sich ist ja auch sonst schon alles kaputt: Familie, Haus, Hof und Bierkrug.

Mir für eigene Missetaten beispielgebend, finde ich die knappen aber reichen Beschreibungen wie:


Zitat:

Trintem Castle lag auf einem kleinen Hügel, umgeben von lichten Föhrenwäldern, am Ufer des River Earn. Über einen gewundenen Weg, an dessen Seiten struppiges Heidekraut wucherte, gelangte man ins Dorf Trintem hinunter, das aus recht schmucken, wenn auch einfachen Holzhäusern bestand.



Bei mir funktioniert es. Bei mir entsteht ein ganzes Dorf mit mehr Details, als die Autorin gab. Ähnlich kurz in der Beschreibung - doch prall in der dann eigenen Vorstellung - zeichnen Sie den historischen Hintergrund vor dem das Rachedrama seinen Lauf nimmt.

Sehr bildhaft und eindringlich ist die Verschleppungsszene geworden. Aus der kindlichen Froschperspektive von Seamus erzählt. So wirken die drei stummen Reiter, speziell der eine, noch bedrohlicher. Diese Szene lief in Cinemascope vor meinem inneren Auge ab. Vielleicht etwas zuviel, weil mir dieses Bild hier:


Zitat:

In der Hand hielt sie immer noch den Strauss Herbstblumen und eine leichte Brise spielte mit ihrem langen, roten Haar.



wie eine Zeitlupeneinstellung erscheint. Kurz vor dem Sturm friert das Geschehen fast vollständig ein. Viele Regisseure machen das auch so. Finde ich etwas ausgelutscht. Im Film jedenfalls. Vielleicht les ich ja wieder falsch.

Was sich mir nicht erschloss nach einmaligem Lesen, war der Einsatz der Vor- und Rückblenden. Ich vermute, dass es so einfacher war das zeitliche Geschehen zusammenzufassen und zusammenzuhalten. Auf den wenigen Seiten wird ja doch eine Zeit von geschätzten zwanzig Jahren, wenn nicht mehr, erzählt und wir jagen einmal um die damals bekannte Welt (na ja so fast).

Mir hat’s gefallen.

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#3

Für Elisabeth!

in Märchen, Fabeln, Sci-Fi und Fantastisches 23.10.2006 16:47
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Broti

Ich danke Dir für die Rückmeldung und das Durchhalten.

Ich selber lese nicht gerne so lange Texte am Bildschirm und hatte deshalb auch etwas Skrupel, die Geschichte zu posten, bin aber froh, wenn sie trotzdem gelesen wird.
Mein Faible für Schottland und alles, was mit Rittern zu tun, drängt mich immer wieder zu solchen"altmodischen" Texten, die sicher nicht jedem gefallen. Dass sich Dir Bilder und Szenen erschliessen ist natürlich phantastisch! Das ist der Wunsch jedes Schreibers.

Mit Hilfe von Krazbürste, die aus unerfindlichen Gründen nicht hier posten wolle, versuche ich den Text noch etwas eleganter zu formulieren. Leider sind doch recht viele Helvetismen drin .... Ich mühe mich, sie auszumerzen und bin froh, wenn die Einheimischen mir da zur Seite stehen (danke, Uschi ).

Ja, die Rückblenden. Das ist schon eine schwierige Sache. Ich experimentiere noch damit und bin selber manchmal auch nicht so recht zufrieden. Aber nur von A nach B zu erzählen, finde ich langweilig, deshalb diese Hopser. Mal sehen, ob ich die noch besser hinkriege.

Auch das Ausgelutschte kann ich nachvollziehen. Bei solchen Geschichten schöpfe ich dann halt mal gerne aus dem Vollen und kann mich kaum zurückhalten, im Kitsch zu wühlen.

Danke für das feedback.
Gruss
Margot

P.S. Und in der Prosa bin ich eine blutige Anfängerin. Keine Vorschusslorbeeren also.

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