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#1

Prekariat

in Kommentare, Essays, Glossen und Anekdoten 19.10.2006 09:24
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte
Schön das wir wieder Untermenschen in Deutschland haben. Menschen, Menschen haben wir ja reichlich. Jeden Tag im Reichstag frech von der Kanzel weg gesprochen höre ich es von allen Parlamentariern : Die Menschen draußen im Lande. Nicht falsch verstehen : damit sind Sie, damit sind wir gemeint. Offensichtlich gehören diese Parlamentarier nicht dazu.

Doch jetzt, jetzt wird diese graue Masse differenzierter. Die Menschen – also wir – haben eine Unterschicht. verschämt im Soziologendeutsch: Prekarier genannt. Prekarier. Erst hatte ich gedacht, daß es die Nachfolger der Praetorianer, Klingonen oder Borgs aus der Enterprise Saga sind, dann an eine besonders fiese Form von Kariesbefall aber nein, die Prekarier sind die Unterschicht um genau zu sein die neue Unterschicht.

Richtig Bodensatz ist das aber noch nicht. Ne,ne, da sind und bleiben wir beim Sozialhilfe- beim Hartz IV Empfänger. Das ist die letzte Stufe. Abschaum. Da will keiner hin. Cottbuser Plattenbau Bronx. Bäh. Sollen die doch ihre Kinder essen oder killen und verbuddeln. Das ist wenigstens Schlagzeilenfutter, Fett und Schmiere für die Bodensatzunterhaltungsindustrie.

Der Prekarier hatte nicht selten bis vor kurzem noch richtige Arbeit, darf aber jetzt immer nur Teilzeitarbeit für 5,50 € die Stunde machen. Der Allianzmitarbeiter ist der typische Prekarier der Zukunft. Oder sind die schon entlassen? Egal. Er ist es, er wird es sein. Immer darum fürchtend vollends abzurutschen. Wie die kleine Ameise im Trichter des Ameisenlöwen. Das große Krabbeln: diesmal für Erwachsene.

Aber so was sagt man natürlich nicht Untermensch und Abschaum. Das ist faschistisch, ideologisch, sprachlich, menschlich und politisch ganz prekär. Pfuisprech ist das. Aber wenn ich es doch denke, assoziere und wenn es täglich mir doch unter die Nase gerieben wird was wir voneinander halten? Dann soll ich nicht so denken?

Was soll ich denn von Kleinfeldt und Ackermann halten? Was soll ich halten und ach ich erwähn nur einen als pars pro toto : Laurenz Nimmersatt? Nein noch besser: was soll ich halten von Phillip Missfelder, der meinen Eltern das längst bezahlte Hüftgelenk klauen will? Was soll ich denken von Ruth Herz? Bitte wem? Ja, schon richtig gehört.

Was verschlägt eine Frau Herz, so gebildet, so intelligent ins RTL Jugendgericht? Auf dem Unterschichten-Prekarier-Abschaum Surfbrett in die große Popularität surfen? Weg, ganz weit weg wollen von denen die nicht zum Stehempfang eingeladen werden? Ja, wenn das ein Pocher macht, oder eine Frau Kraus, gewissermaßen die Toillettenkolonne des Fernsehens, das wundert mich nun wirklich nicht. Da haben zwei Ameisen den Weg aus dem Trichter vorerst geschafft, wenngleich sie dafür dem Raab auch ihr Seelchen verkauft haben. Die anderen, die noch oder schon wieder krabbeln, die können Sie bei neun live bewundern.

Aber Frau Herz? Sie gehört zur Bildungselite. Was macht die da? Wie meinen? Die macht das gleiche wie ich? Ach ja richtig, den Text will ich ja einreichen als komische Nummer. Und wenn ich gewinne, dann ja auch nur dank des Prekariats.

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#2

Prekariat

in Kommentare, Essays, Glossen und Anekdoten 28.10.2006 22:22
von Joame Plebis | 3.475 Beiträge | 3363 Punkte
Ich begrüße Dich, Brotnic2um!

Endlich zum Durchblättern gekommen, sehe ich, den großen Bogen, der um so ein unangenehmes Thema gemacht wird.

Es wird ja auch keiner zu der Untermensch-Klasse, die Du wesentlich eleganter als ich bezeichnen kannst, gehören.

Sozialhilfe-Empfänger gibt es ja nur im Fernsehen - eine schaurige Serie, die ich mir nur ungern nebenbei ansehe.
Auch nur dann, wenn ich gute Laune habe, weil meine Miete gestundet wurde.
Dann nur, wenn ich nicht zu vertieft bin, die letzten verbrannten Reiskörner aus dem Kochtopf zu schaben.

Denn manchmal bin ich nicht genug vertieft, lese dabei die Ablehnung meines Ansuchens um einen Schrittmacher. Wobei mir ein humaner Arzt den Tip gar, der sei nicht so wichtig,
ich solle mich vorerst voll für die Genehmigung der Chemotherapie einsetzen.

Doch hinweg mit derlei grauen Gedanken, beginnt doch gleich die TV-Übertragung eines Empfanges, wo man bewundern kann, wie goldverzierte barocke Tische unter köstlicher Schlemmerlast nicht zusammenbrechen.
Wo man bewundern kann, wie geschickt sich Minister und -ielle sich an kunstvoll mehrstöckig aufgebauten exotischen Spezialitäten und üppigen Süßigkeiten grinsend vorbeidrängen, auch prostend in Kameras blicken. - Das sehe ich mir an und vertreibe mein irreales Denken.

Nur die Namen der Politstars sind mir nicht so geläufig wie Dir; hier könnte ich ergänzende Kommentare gebrauchen.

Ach, ergäbe es sich doch einmal und wir könnten uns gemeinsam solche Antiprekarier ansehen, die alles was prekär ist, negieren.

Es grüßt Dich
Plebis

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#3

Prekariat

in Kommentare, Essays, Glossen und Anekdoten 29.10.2006 17:06
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte
Hallo Herr Plebis,

ich las ihren Kommentar mehrmals, doch lassen Sie mich ratlos stehen. Meinen Sie nun, ich treibe ein höhnisches Spiel, mache genau das gleiche was ich brandmarke und beleidige viele Menschen aufs Allergröbste? Meinen Sie, auch ich würde die Sozialhilfeempfänger nur aus der Glotze kennen?

Nein. Tue ich nicht. Auch Cottbus ist mir vertraut. Und neulich erst musste ich wieder hässlich lachen, weil sich bewahrheitete, was ich erst nur kopfschüttelnd und ablehnend goutierte, dass nämlich die Polizei aus der genannten Stadt nur noch berüchtigt ist, weil Sie dort ganz scharf die Fahrradfahrer kontrolliert: Beleuchtung und Fahrtrichtung! Ich lachte hässlich, weil mir zwei Jahre nachdem ich dies aus Kindermund vernommen habe, ein langer Bericht im regionalen dritten Programm aufgetischt wurde über just groß angelegte Kontrollen dieser Art. Nun scheint mir zu stimmen, dass die Staatsmacht dort wirklich nicht mehr zu melden hat und ich mit meinen Wohlstandssack-Erfahrungen fehl gehe, suchte ich sie auf solche Zustände zu übertragen.

Nein, das Anliegen meines Kommentars war weder Mitleid heischen zu wollen, noch sich über andere billig lustig zu machen, sondern zu fragen, ob sich denn die Breite der Gesellschaft, arm wie reich, schlau wie blöd, überhaupt noch was zu erzählen hat? Mal abgesehen davon, dass es nur einen Rudi Völler gibt und dieses Fußballmärchen? Ich glaube nicht. Die Konsequenzen daraus mag ich mir an einem bräsigen Sonntag nicht ausmalen.

Würde mein Nachbar heute nicht Kohlen holen, um seine Kinder zu waschen, sondern sie zur Schlachtbank führen, würde ich es erst erfahren, wenn die Blöd Zeitung verlogen mit dem Finger auf mich zeigt.

Herr Plebis, sollte ich Sie beleidigt haben, werde ich nicht sagen, dass es mir leid tut, denn dieser Kommentar zielte darauf ab zu beleidigen. Allein um zu fragen, ob noch Leben im Haus ist, oder eh schon alles scheißegal ist. Letzteres, scheint nicht so zu sein. Dafür danke ich Ihnen.

Wenn ich Ihre Antwort falsch verstanden haben sollte, klären Sie mich auf, so Sie mögen.

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#4

Prekariat

in Kommentare, Essays, Glossen und Anekdoten 29.10.2006 17:21
von Joame Plebis | 3.475 Beiträge | 3363 Punkte
Danke für die Antwort. Nichts von alledem, das ich schrieb kann für Sie eine Beleidigung sein, wenn wir aus einem Sprachrohr sprechen.
Nur scheint Ihnen mein Sarkasmus nicht bekannt zu sein, zu dem ich einfach flüchte, wenn Zustände unerträglich sind.
Ja, meine Antwort wurde falsch verstanden. - Was meinen Sie, alleine schon meinem Namen nach, auf wessen Seite ich stehe?
Beleidigt haben Sie mich keineswegs; es geschähe mir recht, stünde ich auf der üppigen Sonnenseite der dämlichen Nichtwisser, die Schatten nur aus Beschreibungen kennen.

Wenn irgendwo die Bedrohung ausgesprochen wird, wir könnten in eine Zweiklassen-Gesellschaft abgleiten, so muß ich lachen. Wir sind es doch schon längst, dazu in gewaltigem Ausmaß !

Ich hoffe, ich konnte etwas erklären. Zugleich muß ich überdenken, woran es bei mir liegt, manchmal mißverstanden zu werden.

Mit Gruß!
Joame

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#5

Prekariat

in Kommentare, Essays, Glossen und Anekdoten 29.10.2006 23:23
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte
Der eigene Sarkasmus ist einem wahrscheinlich immer vertrauter.
Deshalb überdenken Sie ihren eigenen Stil nicht allzu sehr, nur weil ich im trüben fischte, denn das heißt nicht viel. Danke für ihre Aufklärung.

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