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#1

Aus dem Staub

in Düsteres und Trübsinniges 14.10.2006 11:33
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Aus dem Staub

Der Abend raucht und blüht
an meiner Seite, flackert ohne Ruh.
Ich sitze müde aufgestützt, doch unbemüht
und proste diesem Freunde zu.
Wir reden, schlagen Rat und andre Kränze,
erklären uns die wahren Wege,
ein jeder seine Bienentänze.
Der Wirt belehrt uns von der Theke:
"Ihr habt genug!" - Und, ja, ich glaub,
schon mehr als wir selbst tragen können.
Im Gehen hebe ich mein Bündel Blütenstaub
hoch in die Nachtluft, wo er binnen
Minuten Schritt für Schritt verweht.
Den Rest lass ich im Qualme stehen.
So sieht man mich schon mehr als spät
freihändig, flackernd heimwärts gehen.


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#2

Aus dem Staub

in Düsteres und Trübsinniges 15.10.2006 12:33
von Roderich | 645 Beiträge | 645 Punkte
Hallo GerateWohl,

dein Gedicht gefällt mir ganz ausgezeichnet, da die lockere Sprache den Inhalt hier sehr gut trägt, der sowohl wehmütig als auch mit einem dir typischen Augenzwinkern versehen ist.

Nur mit der Metrik habe ich ab und zu meine kleineren Problemchen gehabt. Und so kreuze ich mal wild in der Gegend herum:

Der Abend raucht und blüht
an meiner Seite, flackert ohne Ruh.
Ich sitze müde aufgestützt, doch unbemüht
und proste diesem Freunde zu.
Wir reden, schlagen Rat und andre Kränze,
erklären uns die wahren Wege,
ein jeder seine Bienentänze.
Der Wirt belehrt uns von der Theke:
"Ihr habt genug!" - Und, ja, ich glaub,
schon mehr als wir selbst tragen können.
Im Gehen hebe ich mein Bündel Blütenstaub
hoch in die Nachtluft, wo er wie von Sinnen
Schritt für Schritt für Schritt verweht.
Den Rest lass ich im Qualme stehen.
So sieht man mich schon mehr als spät
freihändig, flackernd heimwärts gehen.


xXxXxX
xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxXxX
xXxXxXxX
xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXx
xXxXxXxXx
xXxXxXxXx
xXxXxXxX
xXxXxXxXx
xXxXxXxXxXxX
XxxXxXxXxXx
XxXxXxX
xXxXxXxXx
xXxXxXxX
XxxXxXxXx

Ein einheitliches Metrikschema bezüglich der Silbenzahlen ist nicht zu erkennen, zudem brichst du zweimal mit den sonst durchgängigen Jamben zu Beginn der Zeilen. Hm ... irgendwie fehlt mir da die ordnende Hand, die deine Gedichte sonst so auszeichnet. Aber besonders störend ist das dennoch nicht, da man - bis auf die zwei bezeichneten Stellen - super und ohne zu stocken durch dein Gedicht kommt.

Fazit: Inhaltlich und sprachlich super, formal vielleicht noch mit Verbesserungspotential, aber sehr gern gelesen und kommentiert habe ich es jedenfalls.

Viele Grüße

Thomas

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#3

Aus dem Staub

in Düsteres und Trübsinniges 15.10.2006 12:46
von sEweil | 654 Beiträge | 654 Punkte
Hallo GuntHer

Das spricht mich an.
Punkt, aus, nächstes Gedicht.

Im Ernst:
Der Abend raucht und blüht
an meiner Seite, flackert ohne Ruh.
Ich sitze müde aufgestützt, doch unbemüht
und proste diesem Freunde zu.
Wir reden, schlagen Rat und andre Kränze,
erklären uns die wahren Wege,
ein jeder seine Bienentänze.


Die Szenerie wird klar beschrieben. Das Lyr. Ich in der Bar, trinkt und redet im eigentlichen Sinne mit sich selbst, hier wird das, so meine ich, als Abend dargestellt. Vorangeschritten, könnte auch das Leben als Abend sein. Ich könnte aber auch, in Bezugnahme auf die folgenden Verse, einen fleischlichen Freund sehen, die Dialog führen, über ihr Leben.
Hier wird sinniert, ob einfach oder doppelt, übers Leben und die Wahrheiten, die Erkentnisse, die daraus zu schließen sind.
Die Bienentänze: Eine Biene fliegt ihr Leben lang von Blume zu Blume. Das aufs Leben gemünzt ist wohl sehr eintönig - ein Wiederholen - Auch Fehler will ich mir einbilden.

Der Wirt belehrt uns von der Theke:
"Ihr habt genug!" - Und, ja, ich glaub,
schon mehr als wir selbst tragen können.
Im Gehen hebe ich mein Bündel Blütenstaub
hoch in die Nachtluft, wo er wie von Sinnen
Schritt für Schritt für Schritt verweht.
Den Rest lass ich im Qualme stehen.
So sieht man mich schon mehr als spät
freihändig, flackernd heimwärts gehen.


Der Wirt meint mit dieser Aussage natürlich, dass genug Alkohol getrunken wurde und es Zeit sei nach Hause zu gehen. Aus deinen Zeilen lese ich, gleich umgemünzt, dass das Lyr. Ich genug geladen hat, dass es das selbst nicht mehr tragen kann. Meine Probleme, Schicksale, alles, was sich angesammelt hat. Die Stelle finde ich stark.
Im Blütenstaub sehe ich Träume und Wünsche, die immer an diesen Bienentänzen hängen blieben und er mit sich mitschleppte, die nicht erfüllt wurden und nun Schritt für Schritt verweht werden, weil nicht mehr erfüllt werden können.
Eine Frage: Verweht wie von Sinnen? Die Stelle kommt mir eigenartig vor.
Der Rest wird im Qualm gelassen. Wohl auch in der Bar ertränkt und als solches zu verstehen.
Freihändig - haltlos.
Nun flackert nichmehr nur der Abend.

Sehr gerne gelesen mein Gu(n)tHer.

Lg Thomas

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#4

Aus dem Staub

in Düsteres und Trübsinniges 15.10.2006 20:24
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Rod, sEweil,

vielen Dank für die Besprechungen.

@Rod: Du hast Deinen Finger gleich in die beiden metrischen Wunden gelegt, wobei ich mir der ersten nicht so bewußt war und die zweite als Rumpler in den letzten Vers irgendwie ganz schick fand. Ich hatte eine metrisch reine Alternative zuerst, die mir aber nicht so gut gefiel.
Dass ich mich hier einen Feuchten um die Verslängen geschehrt habe, ist richtig. Die erste Version, war auch eine komplett freie Form, die vollständig reimfrei war. Diese Verslängen sind davon über geblieben.

@sEweil: Eine Erklärung noch zu den Bienentänzen. Der Vers steht in Verbindung mit dem Vers davor. Bienentänze nennt man das Verhalten von Bienen, die, wenn sie Blumenwiesen ausfindig gemacht haben, in dem Stock inform eines "Tanzes", eines speziellen Laufschemas, den anderen Bienen so eine Wegbeschreibung geben.
Das wie von Sinnen empfand ich selbst auch als etwas übertrieben. Deine Kritik gab mir nun den letzten Anstoß das zu ändern.
Außerdem fiel mir gerade eine Alternative ein.

Danke für Eure Kommentare und schöne Grüße,
GW

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