#1

Bleibt

in Philosophisches und Grübeleien 27.09.2006 21:22
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Bleibt

Zu Sehnen setzt voraus, dass man noch weiß,
dass da was ist, was man vielleicht vermisst.
Wenn das für immer geht, dann geht es leis,
und keiner steht, der ihm zum Abschied weint.
Gedächtnisstützen trocknen weg wie Pfützen,
wenn erst die Sonne wieder scheint.

Nun hat das Leben uns halt eingeladen.
Ich denk, darin besteht bestimmt ein Sinn.
Denn ich vermute einen roten Faden,
der sich im Flure jedes Lebens spannt
und sei es nur am Ende eine Blutspur
im Rückwärtsblicken auf Verwüstensand.

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#2

Bleibt

in Philosophisches und Grübeleien 28.09.2006 12:03
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hi GW,

hübsch gemacht, insbesondere das Reimschema mit den Binnenreimen hat es mir angetan. Da ich in der zweiten Strophe allerdings etwas aus dem Tritt gerate, habe ich mal die Kreuzchen rausgeholt .

Zu Sehnen setzt voraus, dass man noch weiss,
dass da was ist, was man vielleicht vermisst.
Wenn das für immer geht, dann geht es leis,
und keiner steht, der ihm zum Abschied weint.
Gedächtnisstützen trocknen weg wie Pfützen,
wenn lang genug die Sonne scheint.

xXxXxXxXxX a
xXxXxXxXxX b - b
xXxXxXxXxX a
xXxXxXxXxX c
xXxXxXxXxXx d - d
xXxXxXxX c
Diese Strophe gefällt mir ausgesprochen gut, inhaltlich wie handwerklich, eine Kombination aus Kreuz- und Binnenreimen. Weder an den Reimen noch an der Metrik gibts hier etwas zu mäkeln, das metrisch kürzere Ende passt. In Z.2 müsste es wohl eigentlich heißen "dass da was war, was man vermisst" - was natürlich der Reime wegen nicht geht und umgangsprachlich auch eine lässliche Sünde ist. Ach ja: in Z.1 gib bei "weiß" dem ß doch eine Chance .

Inhaltlich mag ich es, da ich gut nachempfinden kann, wie manchmal Dinge entschwinden, die man geschätzt hat, ohne dass man das überhaupt bemerkt - wobei das nicht nur dann geschehen muss, wenn es einem gut geht, was der Vergleich mit den in der Sonne trocknenden Pfützen nahelegt. Das Bild der Pfützen gefällt mir dennoch sehr gut.

Ich finde etwas Totes voller Maden
und denk, darin besteht ein tiefer Sinn.
Sofort erspäh ich einen roten Faden,
der sich im Flure jedes Lebens spannt,
und sei's am Ende nur 'ne Blutspur
im Rückwärtsblicken auf Verwüstensand.

xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxX
xXxXxXxXx
xXxXxXxXxX
Diese Strophe finde ich formal wie inhaltlich schwächer, aber nicht schwach. Mit der kurzen 5. Zeile habe ich jedoch beim Lesen meine Schwierigkeiten, ich finde das klingt schwäche als in der ersten Strophe, vermutlich liegts auch an dem Binnenreim, der so nah steht, dass es schon fast ein Schlagreim ist - und vor allem ist einmal die sich reimende Silbe betont und einmal nicht... alles zusammengenommen ist diese Zeile etwas unbefriedigend.

Inhaltlich soll hier wohl dasjenige thematisiert werden, an dem man festhält, obwohl gerade hier ein Loslassen längt geboten gewesen wäre. Der madige Brocken ist womöglich etwas drastisch formuliert, da man bei der Wortwahl kaum darauf kommen kann, dass man hier etwas anderes als etwas ekliges sehen könnte. Gut gefällt mir aber, wie das lyrIch - geradezu krampfhaft - an diesen Dingen festhält und diese zu seinem Lebensinhalt machen möchte.


Trotz der in meinen Augen deutlich schwächeren 2. Strophe ist das schon eine runde Sache, GW, die sowohl beim Lesen wie beim Nachdenken gefällt. Gern gelesen,

Don

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#3

Bleibt

in Philosophisches und Grübeleien 28.09.2006 15:54
von Fabian Probst (gelöscht)
avatar
gefällt mir auch gut.

Es ist sprachlich und metrisch rund, in seiner eigenen Form.
Mir gefallen die Bilder, die du zeichnest.

Inhaltlich geht es über das bekannte "man kann nur vermissen, was man nicht mehr hat" hinaus.
Kann man es sogar verlernen, zu sehnen, wenn einem lange genug die Sonne blendet?
Interessante These?

Gruß, Fabian

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#4

Bleibt

in Philosophisches und Grübeleien 29.09.2006 09:15
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Don,

dank Dir für die umfangreiche Analyse und treffende Deutung.
Die zweite Strophe, muss ich gestehen, entstand eigentlich vor der ersten und erschien mir zunächst stärker. Interessant.
Ich habe es gewagt, den problematischen vorletzten Vers infolge Deiner Kritik nochmal zu überarbeiten. Ich hoffe, Du überlegst es Dir jetzt nicht nochmal anders.
Da ich mittlerweile wieder an einer normalen Tastatur sitze, konnte ich auch das ß einsetzen.

Dank Dir für die Nominierung.

Hallo Fabian,
danke für's Gefallen. Ich scheine ja Deinen philosophischen Nerv getroffen zu haben, der momentan ja sehr lebendig und kreativ ist, wie man bei Deinem jüngsten Werk in dieser Rubrik sehen kann.

Danke für Deinen kommentar.

Grüße,
GW

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#5

Bleibt

in Philosophisches und Grübeleien 29.09.2006 11:45
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Besser! Fragt sich nun nur noch, warum die jeweils letzten Zeilen so unterschiedlich gestaltet sind, dürfte es doch kein Problem sein, entweder einen Versfuß in Strophe 1 hinzuzufügen oder in Str. 2 bspw. "Im Rückblick auf Verwüstensand" schreibend 4hebig zu werden...

Tendenzielle Peanuts, ich frage mich aber dennoch, ob die unterschiedliche Länge einen Grund hat, der mir nicht ersichtlich ist.

Ansonsten: gerne.

Don

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#6

Bleibt

in Philosophisches und Grübeleien 01.10.2006 20:08
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Don,

da mir der Grund auch nciht ersichtlich war, hab ich den letzten Vers der ersten Strophe verlängert. Ich denke auch, dass dies zu Rundheit beiträgt.

Grüße,
GW

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#7

Bleibt

in Philosophisches und Grübeleien 02.10.2006 12:13
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Ich bin nicht einverstanden, weil ich das Konstrukt für nicht ausreichend durchdacht halte. Wieso kann eine Sehnsucht nicht namenlos sein bzw. ist das nicht die viel grauenhaftere Variante? Das „noch“ Wissen in dem Gedicht impliziert, dass nur vermisst, was einst besessen wurde und warum setzt Sehnsucht das Wissen um etwas voraus, das „vielleicht“ vermisst wird? Bei allem Respekt vor Dons Erklärungsversuchen wird es dann noch unverständlicher: Dieses Etwas, um dessen Existenz es keinen Zweifel geben darf und dass man ersehnt, weil man es vielleicht vermisst, das geht leise, also unbemerkt, zumindest von dem Sehnenden hier, wenn keiner steht, der zum Abschied weint. Die auch metrisch unpassenden Gedächtnisstützen, die in Verbindung mit dem Binnenreim etwas Albernes in deine ansonsten bislang ernsten Zeilen bringen, die den Sehnenden mühsam an das erinnern, was er vielleicht vermissen würde, wenn er denn den Abgang bemerkt hätte, die bröckeln auch noch weg, weil das Wetter einfach zu schön ist, um traurig zu sein.

Wenn das schon wenig Sinn ergab, dann gerät man in der zweiten Strophe endgültig auf einen ganz merkwürdigen Trip. Das eben noch eventuell selber sehnende lyrI ist jetzt endgültig in der Rolle des teilnahmslosen Betrachters, was in gewissem Widerspruch steht, weil es jetzt wenigstens konkret benannt ist, dieses lyrische Ich. Nur ging es eben noch um Sehnsucht und jetzt um Tod und die Frage, was bleibt. Die aber wird nur angerissen. Da fressen Maden einen Kadaver und das lyrI entdeckt einen tiefen Sinn darin, einen Weg mit Ziel und Richtung und sei es nur, für die Maden das letzte Abendmahl zu sein. Wie bitte?

Tut mir leid, der Wechsel im Metrum tut ein Übriges, mir gefällt das Gebräu genau so wenig, wie der Neologismus des Verwüstensandes. Gut, dass sich das alles nur im Flur und nicht im Wohnzimmer abspielt, da möchte ich es nicht haben. Was mir gefällt, was mich beeindruckt, ist der Versuch, etwas auszusagen, dass Niveau und Bestand hat. Es ist ein ehrgeiziger Versuch und lieber verhebt man sich an so etwas, als nur das Sofa zu bespritzen und das dann bedeutungsschwanger zu einem Kunstwerk zu stilisieren. Insofern bitte nicht falsch verstehen: Du hast meinen Respekt, das Werk überzeugt mich aber eher nicht.

DG
Mattes

P.S.: Bleibt. Bleibt! Bleibt? Eher nicht.

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#8

Bleibt

in Philosophisches und Grübeleien 04.10.2006 22:13
von Roderich (gelöscht)
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Hallo GW,

auch mich hat dein Gedicht sehr angesprochen, wenngleich ich Don Recht geben muss, wenn er schreibt, dass die zweite Strophe schwächer als die erste ist. Allein der Beginn der zweiten Strophe ist mit den Maden vermutlich ein zu starker Kontrast zu der fast noch lieblichen ersten Strophe und den "Verwüstensand" am Ende finde ich auch zu aufgesetzt. Aber sei's drum - der Gesamteindruck ist nicht zuletzt durch die herausragende erste Strophe ein sehr positiver und ich habe dein Gedicht sehr gern gelesen. Auf jeden Fall eine würdige Nominierung zum Dickfisch.

Viele Grüße

Thomas

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#9

Bleibt

in Philosophisches und Grübeleien 05.10.2006 10:03
von Richard III | 868 Beiträge | 871 Punkte
Lieber GW,
sehr schön deine Zeilen und sehr traurig. Für mich beschreibst du sehr gut das Sterben einer Sehnsucht. Man muß sicher nicht immer wissen, nach was man sich sehnt, um sehnen zu können, doch ich glaube jeder kennt das Gefühl, wenn etwas nach dem man sich sehnte, plötzlich nichtig geworden ist. Man empfindet Wehmut vielleicht, doch auch Abscheu und das ist für mich dieses Zurückblicken auf etwas, dass einmal golden war und nun allen Glanz verloren hat und beinahe unter geht in dem Morast der Erinnerung. Man fragt sich, was es war, dass einen zur Sehnsucht wurde, möchte danach greifen und es wieder beleben, doch das ist nicht möglich. Irgendwann endet eben alles. Das ist ja bekannt.
Wirklich schön geschrieben, sprachlich und atmosphärisch ist die erste Strophe gewandter und ansprechender, doch gerade in dem etwas Angekühlten, sachlicheren der zweiten Strophe ist das verzweifelte Greifen nach dem Verlorenen und das Erkennen, dass dort nichts mehr ist, als Wüstenei gut dargestellt.
Gruß Richard

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#10

Bleibt

in Philosophisches und Grübeleien 06.10.2006 16:59
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Mattes, Knud, Ric,

hier die späte Rückmeldung. Ähem.

Ja, das mit dem Sehnen, das empfindet, denke ich, jeder ein bisschen anders. Für mich ist Sehnsucht schon an ein Objekt der Begierde gebunden. Aber man kann das wohl auch anders sehen. Ich bin ja offensichtlich überstimmt.

Aber, Mattes, ich sehe nicht, wo hier ein metrischer Wechsel erfolgt. Ich bin mir eigentlich halbwegs gewiss hier durchgehend einen 5-füßigen Jambus verwendet zu haben.
Die Gedächtnisstützen kann man mögen oder nicht. Ich hab auch schon schöneres in Gedichten gesehen, konnte aber nicht die Finger davon lassen.

Das die erste Strophe durchweg als besser empfunden wird, isdt für mich wirklich sehr interessant, zumal ich ja fast überlegte, sie weg zu lassen. Dabei sehe ich jetzt beim späteren Lesen, dass sie wesentlich mehr Substanz besitzt.

Auch der Verwüstensand gefiel mir eigentlich ausgesprochen gut. Ich hatte schon fast eine Schleimbeutelentzündung vom mir-selber-auf-die-Dichterschulter-Klopfen und dann sowas.

Aber dafür hat man ja Kritiker, damit sie einem Kompass sind im Dichtertümpel. Mag sein, dass ich mich an dem Thema verhoben habe, aber die Anerkennung, dass es, wenn auch keine glanzvolle, so doch eine respektable und tragfähige Sprosse auf der Dichterleiter ist, ist ja ein Teil Eurer Kommentare. Für beides habt Dank.

Grüße,
GW

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